mini|Goswin Krackrügge. Holzschnitt 1851
Goswin Friedrich Arnold Leopold Krackrügge (* 26. September 1803Taufeintrag nach Auskunft vom Stadtarchiv Soest. „Tag und Stunde der Geburt: 26. September 1803, Abends 6 Uhr, Tag der Taufe: 19. Oktober 1803, Eltern: Der Accise Inspector H. Joh. Caspar Krakrügge aus Schwerte gebürtig, und Johanna Maria Catharina Roemer aus Hamm gebürtig, Kind: Goswien Friederich Arnold Leopold, Gevattern: Der Herr Prediger Schmölder, der Herr Doctor Arnold Müller, der Herr Goswien Plange hierselbst, und der H. Medicinal Assessor Justus Friederich Uhlendorff aus Hamm.“F. Schrader, S. 1 schreibt irrtümlich „16. September 1804“ sowie auf Seite 46: „…, daß ich (am 26. September 1804 geboren).“ in Soest; † 18. November 1881 in KasselWillibald Gutsche, S. 267.) war ein deutscher Seilerwarenhändler, Kaufmann und Journalist. Er war Abgeordneter der preußischen Nationalversammlung und der zweiten preußischen Kammer.
Leben Goswin Krackrügge war der Sohn des Domänen-Inspektors Johann Caspar Heinrich Krackrügge († 1817 in Soest) und von Johanna Maria Catharina Roemer. Seine Schwester Theodora Helene Caroline Wilhelmine Friedericke Krackrügge (* 1799; † 1836) war mit dem Arzt Hermann Becker (* 1794; † 1824), dem Vater des bekannten Fortschrittspolitikers und Oberbürgermeisters Hermann Heinrich Becker, verheiratet. Er wurde am 19. Oktober 1803 in der Sankt-Petri Kirche in Soest getauft.family search.com
Im August 1820 trat er in die 4. ArtilleriebrigadeMöglicher Druckfehler bei F. Schrader, siehe sonst 7. Artillerie-Brigade in Münster ein. In den drei Dienstjahren, zu denen er sich verpflichtet hatte, wurde er auch wegen verschiedener Delikte angeklagt und verurteilt, so z. B. wegen einer Schlägerei oder weil er Bücher verkauft hatte.F. Schrader, S. 1–3. 1826 war er Sekretär des Bürgermeisters Geißel in Witten, danach in Bochum. Zwischen 1833 und 1836 war er Verwaltungs-Sekretär der „Central-Wohlthätigkeitsanstalt“ in Elberfeld. Hier gab er ein Adressbuch zugunsten der Armen heraus.Officielles Adressbuch für Rheinland-Westphalen. Außerdem betätigte er sich als Redakteur der Zeitung „Fremden-Blatt und täglicher Anzeiger“ in Elberfeld.
Seine erste Broschüre Mord an Seele und Leib, verübt an dem unglücklichen Findling Kaspar Hauser stand im Zeichen der öffentlichen Spekulationen um die vermeintliche Ermordung Kaspar Hausers. In gutem Glauben bezog sich Krackrügge auf den für kurze Zeit in der damaligen Presse aufsehenerregenden Brief eines Dr. Hartmann, der mit dem sterbenden Hauser gesprochen haben wollte. Der Brief war jedoch fingiert und stammte in Wahrheit von Adolf Bäuerle, dem Herausgeber der Wiener Theaterzeitung.F. Schrader, S. 6 ff. Berthold Weckmann: Kaspar Hauser. Die Geschichte und ihre Geschichten. Würzburg 1993, S. 185 f
Um 1837 ließ er sich in Schlotheim als Kaufmann für Seilerwaren nieder, beschäftigte hundert Arbeiter, Weber, Seiler und Posamentierer und heiratete.Der Nachname seiner ersten Ehefrau war Kühn. (F. Schrader, S. 11.) In Schlottheim geriet Krackrügge in eine juristische Auseinandersetzung mit dem Gerichtsdirektor Gottfried Beringer, der in einem Brief an seine Regierung schrieb, „daß er den Krackrügge persönlich von Grund seines Herzens hasse und daß er seinem Privathaß auch einen Einfluß auf seine Amtsverrichtungen gestattet habe.“F. Schrader, S. 12. Das zeigt, welchen Charakter das damalige Patrimonialgerichtswesen hatte, in dem der Richter, Advokat, Zeuge und Exekutor oft eine Person war. Das führte dazu, dass ihm die Niederlassung in Schlotheim verweigert wurde und er großen finanziellen Schaden erlitt. Nachdem auch seine Wohnung verwüstet wurde, ohne dass die Polizei, die dem Gerichtsdirektor Beringer unterstand, eingriff, ging er nach Neunheilingen im Kreise Langensalza und dann nach Erfurt. Dort erhielt er am 15. April 1845 das Bürgerrecht.F. Schrader, S. 17. Er trat in den 1836 gegründeten „Bürger-Hülfs-Verein“ ein, der aber nur 22 Mitglieder hatte, wurde dessen Vorsteher und bald hatte der Verein mehr als 500 Mitglieder. Um auch außerhalb des Vereins Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen, schrieb Krackrügge auch Artikel für die von Hermann Alexander von Berlepsch herausgegebene Zeitung „Erfurter Stadt- und Landbote“.Diese Zeitung erschien vom 17. Januar 1844 bis zum 29. September 1847. Krackrügge führte einen stetigen Kampf mit der Zensur und schöpfte dabei alle rechtlichen Mittel aus. Am 29. November 1845 erschien im Erfurter Stadt- und Landboten eine Meldung: „???! Man erzählt sich von einer schrecklichen Einsperrung eines Mädchens, welches einer wohlhabenden Familie höheren Standes angehört und bittet um Aufklärung.“F. Schrader, S. 26. Dieses Mädchen war Pauline Friederike Wilhelmine v. Ehrenberg (28.03.1806 – 16.12.1873), die durch ihre leiblichen Eltern acht Jahre lang gefangen gehalten wurde. Außer zahlreichen Artikeln veröffentlichte Krackrügge 1846 zu diesem Fall auch die Schrift Maria Hauser oder das gräßliche Attentat zu Erfurt. Der Vater des Kindes führte einen Prozess gegen Krackrügge,Karl Friedrich Wilhelm von Ehrenberg: Angriff und Urtheil. Actenmäßige Darstellung meines fiscalischen Prozesses wider den Seilerwaarenhändler und Kaufmann Goswin Krackrügge zu Erfurt. in dem Krackrügge wegen seiner Veröffentlichungen zu vier Monaten Zuchthaus verurteilt wurde.Willibald Gutsche, S. 242. Am 1. März 1846 wurde Krackrügge zum Stadtverordneten gewählt.F. Schrader, S. 40. Damit er sein Amt nicht antreten konnte, wurde ihm das Bürgerrecht zu entziehen versucht. Er hielt Unterstützung von 300 Bürgern der Stadt, die „Den freien Vertreter Der Wahrheit und des Rechts“ unterstützten.F. Schrader, S. 42. Obwohl die königliche Regierung den Antrag des Stadtrats auf Aberkennung des Bürgerrechts ablehnte, kam der Stadtrat dieser Aufforderung nicht nach. Fast gleichzeitig wurde Krackrügge in erster Instanz im Prozess Ehrenberg zu sechs Monaten Zuchthaus verurteilt, wogegen Ehrenberg Beschwerde einlegte. Außerdem verklagte ihn ein Schwager Ehrenbergs, der sich auch in seiner Ehre beleidigt gefühlt hatte, und am 13. Dezember 1846 wurde das Wohnhaus von Krackrügge durch Feuer zerstört. Am 24. November 1847 musste Goswin Krackrügge seine Zuchthausstrafe in Lichtenberg antreten.
Am 14. März 1848 „wandte sich die Volkswuth zunächst gegen den Regierungsrath v. Ehrenberg und vernichtete einen großen Theil seines Besitzstandes“. Daraufhin gab Ehrenberg eine Erklärung ab, in der er alle Anzeigen gegen Krackrügge zurückzog, gleichzeitig aber darauf bestand, dass er sich „nicht an seiner Tochter schuldig gemacht“ habe. Krackrügge lehnte diese „Entschuldigung“ ab. Am 23. März 1848 wurde er aus dem Zuchthaus entlassen und kehrte umjubelt in seine Heimatstadt Erfurt zurück. Die ganze Geschichte um diesen Prozess gegen Krackrügge kann man mit dem modernen Begriff Mobbing umschreiben.
Am 8. Mai 1848 wurde Krackrügge im ersten Wahlgang als Deputierter der preußischen Nationalversammlung gewählt.Herbert Peters (1970), S. 281. In dem Artikel „Der Wahrheit die Ehre“ in seiner Zeitung „Der Deutsche Stadt- und Landbote“ erklärte er: „Das Volk von Berlin und seine Revolution […] sind in der Provinz Sachsen, Erfurt nicht ausgeschlossen, verkannt und verdächtigt worden: man hat das Volk Aufwiegler, seinen Kampf am 18./19. März eine Emeute genannt. Das ist eine schwere Versündigung an der Revolution und ihrem Erkämpfer, dem Volke von Berlin. Ich muß zu meiner Beschämung bekennen, daß ich selbst mit einer üblen Meinung von den Barrikaden, von […] ihren Verteidigern […] und den Führern des Berliner Volkes […] hierher gekommen bin. Ich habe mich geirrt […] Die feile Presse […] hatte mich getäuscht. Ich fühle mich in meinem Gewissen gedrungen, mein Unrecht durch dieses öffentliche Bekenntnis zu büßen. […] Darum […] erachte ich mich mit meinem Mandat stehend auf dem Boden der Revolution, in schuldiger Ehrfurcht vor ihr und vor ihrem Erkämpfer, dem hochherzigen Volke von Berlin.“Der Deutsche Stadt- und Landbote. Nr. 81, 1848 zitiert nach Herbert Peters (1970), S. 281 f. Sein erster Antrag in der Berliner Versammlung am 6. Juni 1848 beschäftigte sich mit Wiedergutmachungsansprüchen von zwei am 14. März 1848 durch das dortige 31. Regiment unschuldig erschossenen Bürgern Erfurts.Herbert Peters (1970), S. 282. Auch ein „Antrag auf Erklärung der Volksschullehrer für Staatsdiener und Lieferung eines entsprechenden Gehalts“ erboste die Redaktion. Krackrügge stimmt immer mit den Linken in der preußischen Nationalversammlung. Seinen ersten Artikel für die Neue Rheinische Zeitung von Karl Marx veröffentlichte er am 23. Juli 1848.Herbert Peters (1966), S. 139. Krackrügge war auch während seines Berliner Mandats für Erfurt tätig. So half er mit, die verhasste Mahl- und Schlachtsteuer durch die Klassensteuer zu ersetzen, sodass die arme Bevölkerung nicht mehr durch die direkte Steuer so stark belastet wurden.Herbert Peters (1970), S. 286. Nachdem die Regierung Brandenburg durch einen Staatsstreich eingesetzt wurde, beteiligte sich Krackrügge gemeinsam mit Carl d’Ester, Graf Eduard von Reichenbach, Hexamer und anderen linken Abgeordneten an der Verteidigung der Republik.„Wenn es Zeit ist, dann wollen wir für die Republik stehen und fallen.“ (Brief von Krackrügge und anderen, zitiert nach Herbert Peters (1970), S. 289 Fußnote 73.)
Krackrügge gehörte zu den Befürwortern der Steuerverweigerung und wurde 1850 in einem Gerichtsverfahren freigesprochen.C. Dorn: Der Prozess gegen die 42 steuerverweigernden Abgeordneten der preußischen National-Versammlung. Im November 1850 erhielt Krackrügge das Flugblatt Deutsche Männer und preußische Unterthanen,Abdruck in Der Bund der Kommunisten. S. 312–315. durch Carl Wunibald Otto und Alexander Wolle zur Verteilung zugesandt, das im Kölner Kommunistenprozess eine Rolle spielte.Karl Bittel: Der Kommunistenprozeß zu Köln 1852 im Spiegel der zeitgenössischen Presse. Berlin 1955, S. 129–130.
Ein tiefgreifendes Ereignis in seinem Leben war die Ermordung seines Sohnes Johann Goswin Krackrügge (* 8. April 1838; † 25. Juli 1853).Gedenkstein in Schlotheim Sein Junge wurde Opfer eines Raubmordes, der auch außerhalb Erfurts vielfach öffentlich besprochen wurde.Die Bayerische Landbötin vom 13. August 1853 Nr. 194. (Vorschau bei Google)Ingo Fiedler (Hrsg.): Geschichte der Stadt Schlotheim in Thüringen: von den Anfängen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Stadt Schlotheim, P & R Verlag, Dortmund 2004, ISBN 3-930504-04-9. Er wurde auf dem Weg zu seiner Großmutter nach Schlotheim überfallen, ausgeraubt und erstochen. Der Mörder wurde hingerichtet.Didaskalia. Blätter für Geist, Gemüth und Publicität. Nr. 103 vom 29. April 1854Pinckert (Hrsg.): Anklage-Prozess gegen den Handarbeiter Heinrich Andreas Bornberg aus Kutzleben wegen Ermordung des 15½-jährigen Sohnes des Kaufmanns Goswin Krackrügge hierselbst nebst einigen Mittheilungen des Vaters des erschlagenen über dessen Persönlichkeit und die Stellung des Vaters zur That.
Am 29. Mai 1860 heiratete er Pauline Gottschalk in der Sankt-Petri-Kirche in Soest.familysearch.org
1856 gründete Krackrügge die „Assoziation zur Beschaffung billiger Lebensmittel“ in Erfurt. Er wurde die ganze Zeit über von der Erfurter Regierung beobachtet. Vermutlich hatte er den Überblick über die Geschäftsführung der Konsumgenossenschaft verlorenWillibald Gutsche, S. 267. und wurde im November 1869 wegen „wissentlich falschen Gebrauches falscher Urkunden in zwei Fällen“ mit zwei Jahren Zuchthaus bestraft.Der Anklageprozeß vor dem Schwurgerichte zu Erfurt wider den Handarbeiter Eckner, Anstreicher Schmidt, Buchhalter Bang und Kaufmann Goswin Krackrügge zu Erfurt wegen Wechselfälschung beziehungsweise wissentlichen Meineids verhandelt in den Tagen vom 12.–15. November 1869. 1870 wohnte er in Berlin. 1873 verließ er Erfurt und ließ sich in Kassel nieder, wo er 1881 verstarb.
Steckbrief
Werke Mord an Seele und Leib, verübt an dem unglücklichen Findling Kaspar Hauser. Elberfeld 1834.