mini|Erste Seite der Systeme de la Nature von Baron d’Holbach

Das System der Natur oder Système de la Nature ou Des Loix du Monde Physique et du Monde Moral oder in der ausführlichen deutschen Übersetzung das System der Natur oder von den Gesetzen der Physischen und Moralischen Welt ist ein Werk des Aufklärers und Enzyklopädisten Paul Henri Thiry d’Holbach, das zuerst 1770 erschien. Denis Diderot nahm an der stilistischen Überarbeitung des Manuskripts teil.

D’Holbach geht davon aus, dass sich moralische Gesetze ebenso wie Naturgesetze als wahr erkennen lassen, und dass diese ein gemeinsames System bilden, das den Menschen ein zufriedenes und glückliches Leben ermöglicht. Die Abweichung von diesem Ideal führt er auf Irrtümer oder Täuschungen über die Natur (insbesondere über die natürlichen Bedürfnisse) und über moralische Regeln zurück. Die Erkenntnis der materialistischen Wahrheit wendet den Unsegen ab, der aus Unkenntnis der Natur entspringt. Die Ursache aller Dinge liegt in der ihr innewohnenden Bewegung, welche sich in den Formen der Trägheit, Anziehung und Abstoßung der Atome der Materie zeigt (siehe hierzu epikureischen Atomismus). Die Bewegung der Atome oder Atomkomplexen erklären sich durch den Begriff der mechanischen Kausalität und entbehren damit jedweder Teleologie.

Autorschaft und Rezeption Im Titelblatt der Anfang 1770 erschienenen Ausgabe wurde als Autor Jean-Baptiste de Mirabaud (1675–1760), ein Mitglied der Académie française und als Verlagsort London genannt.Max Pearson Cushing: Baron D’holbach A Study Of Eighteenth Century Radicalism. (Original 1886). Kessinger Pub., 2004, ISBN 1-4191-0895-6, S. 39–49. Der Autor versuchte clandestin Mirabauds Urheberschaft dem Leser noch glaubwürdiger machen zu wollen, indem er eine biographische Skizze des nunmehr zehn Jahre verstorbenen Sekretärs der französischen Akademie beifügte und ein fingiertes Schriftenverzeichnis auflistete. Dieses Handeln wird verständlich, wenn man sich der Auswirkungen und möglichen Folgen der Zensur zur Zeit von Ludwig XVI. vergegenwärtigt.

Der eigentliche Verfasser war der oben genannte Philosoph, Aufklärer und Enzyklopädist, der Ort seines Druckes lag in Holland bei dem Verleger Marc-Michel Rey. Die Tatsache, dass d’Holbach der Autor war, drang erst zwei Jahrzehnte später in den öffentlichen Diskurs. Von 1752 bis 1760 arbeitet Paul Henri Thiry d’Holbach hauptsächlich für die Encyclopédie; er übersetzt und redigiert weit über 400 Beiträge zu Themen aus der Mineralogie, der Bergbaukunde und der Chemie. Gleichzeitig sammelt Holbach Materialien zur Geistes- und Ideologiegeschichte, hauptsächlich aus französischen und englischen Quellen. Hieraus ergibt sich für das Jahrzehnt von 1760 bis 1770 die beeindruckende Zahl von über 35, wegen der strengen Zensur fast ausschließlich in Holland publizierten Werken. Charakteristische Titel sind etwa Das entschleierte Christentum (1761), Briefe an Eugenie, oder Schutzmittel gegen die Vorurteile (1768), Der Geist des Judentums (1769).

Das dritte Jahrzehnt seines Schaffens, von 1770 bis 1780 kulminiert mit seinen von der Nachwelt immer wieder stark beachteten Hauptwerken: Versuch über die Vorurteile (1770), System der Natur (1770, Band 1 und Band 2 vollständig im Internet), Der gesunde Menschenverstand (1772), Das Gesellschaftssystem, oder natürliche Grundsätze der Moral und der Politik (1773), Die universelle Moral, oder die Pflichten des Menschen, gegründet auf seiner Natur (1776).

Jacques-André Naigeon verkehrte regelmäßig im Hause des Baron d’Holbach und war auch der Coterie holbachique assoziiert, als Sekretär redigierte und edierte er dessen Texte unter anderem auch die Système de la Nature und half so bei der clandestinen Verbreitung seiner Schriften. D’Holbach war um seine Sicherheit besorgt und deshalb gab er nie eigene handschriftliche Texte als Druckvorlage aus dem Haus.Michael Hunter, David Wootton: Atheism from the Reformation to the Enlightenment. (1992). Published to Oxford Scholarship Online: Oktober 2011. doi:10.1093/acprof:oso/9780198227366.001.0001

Das System der Natur war ein von der Obrigkeit geächtetes Werk, das aber schon im Jahre seiner Erstveröffentlichung eine dritte Auflage erlebte. Kreise des französischen Klerus erwirkten eine Verhandlung vor dem Parlement von Paris, vor dessen Vollversammlung der Generalstaatsanwalt Antoine-Louis Séguier, avocat général au Parlement de Paris eine Anklagerede hielt. In deren Folge es zu einer feierlichen Verbrennung des Buches am Samstag den 18. August 1770 kam. Frédéric Samuel Ostervald, einer der Teilhaber des Neuchâteler Verlagshauses, der Société typographique de Neuchâtel (STN), veröffentlichte im Jahre 1771 einen Raubdruck des Systems der Natur, entgegen der Ächtung durch Pfarrkapitel und Staatsrat. Ostervald musste daraufhin von seinem Amt als Banneret zurücktreten. Im Jahre 1782 erhielt er aber wieder einen Sitz im Kleinen Rat, petit conseil.Robert Darnton: The Business of Enlightenment: Publishing History of the Encyclopédie, 1775–1800: Publishing History of the "Encyclopedie", 1775–1800. Harvard University Press; 1987, ISBN 0-674-08786-0, S. 39 f. Eine Reihe von Büchern wurden veröffentlicht, um sein System der Natur zu widerlegen:Max Pearson Cushing: Baron D’holbach A Study Of Eighteenth Century Radicalism. (Original 1886). Kessinger Pub. Co. 2004, ISBN 1-4191-0895-6, S. 39–49.

Abbé Rive: Lettres philosophiques contre le Système de la nature. Portefeuille hébdomadaire de Bruxelles (1770) Frédéric II de Prusse: Examen critique du livre intitulé: Système de la nature. Bergier: Examen du matérialisme, ou Réfutation du système de la nature. Humblot, Paris 1771. Denesle, M. († 1767):Consortium of European Research Libraries. Monsieur De Nesle Préjugés des anciens et des nouveaux philosophes sur l’âme humaine. Vincent & Dehancy, Paris 1775. Giovanni Francesco Salvemini da Castiglione (1708–1791): Observations sur le système de la nature. Decker, Berlin 1779. Léger Marie Deschamps Lettre sur l'esprit du siècle. 1769 und Voix de la raison contre la raison du temps. 1770.Éric Puisais: Léger-Marie Deschamps, un philosophe entre Lumières et oubli. Société chauvinoise de philosophie, Harmattan, 2001, ISBN 2-7475-0309-7, S. 68 f. Georg Jonathan von Holland: Réflexions philosophiques sur le Système de la nature. Paris 1773. Jean-Baptiste Duvoisin (1744–1813) publizierte drei Texte in den Jahren 1775, 1778 und 1780. François Marie Arouet: Dictionnaire philosophique. Philosophisches Wörterbuch (Dictionnaire philosophique portatif) eine Zusammenfassung von Voltaires antikirchlichem Denken, EA ohne Impressum (vermutlich Cramer, Genf) 1764.

Oder nahmen den Begriff der „Natur“ in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen: Jean-Baptiste-René Robinet: De la nature. 1. Auflage. Amsterdam 1761. Jean-Baptiste-Claude Delisle de Sales (1741–1816): De la Philosophie de la nature, ou Traité de morale pour l’espèce humaine tiré de la philosophie et fondé sur la nature. 3 vol. Arkstée & Merkus, Amsterdam 1770. Étienne-Gabriel Morelly: Code de la nature. 1755. Denis Diderot: Pensées sur l’interprétation de la nature. 1754. Pierre-Louis Moreau de Maupertuis: Systeme de la nature ou Essai sur les corps organists. zunächst in lateinischer Sprache 1751 als Dissertatio inauguralis metaphysica de universali naturae systemate unter dem Pseudonym Dr. Baumann publiziert

Friedrich II. von Preußen etwa wirft dem ihm unbekannten Autor des Système de la nature vor, dass der Autor mit seinem Werk über die Natur und Gott, die Moral und Religion sowie über die Staaten und Fürsten die Bahn menschlicher Erfahrung verlassen und gegen das Labyrinth der Systemphilosophie eingetauscht habe.I. I. Friedrich: Kritik des Systems der Natur. In: Friedrich Volz: Die Werke Friedrichs des Großen. (wie Anm. 24), Band 7, S. 258–269, genau S. 262f.

Inhalt mini|Paul Henri Thiry d’Holbach (1723–1789)

Das Système de la Nature kann man als ein grundlegendes Werk des philosophischen Materialismus betrachten. Die Natur wird so als eine sich selbstgeschaffene oder besser ungeschaffene – es gibt keinen absichtsvollen Schöpfer – konstante und ewige Summe von Materie und Bewegung aufgefasst, die sich ihrerseits ständig im Wandel befindet.Stanford Encyclopedia of Philosophy. First published Fri Sep 6, 2002. Sie bildet ein geschlossenes System, das sowohl die Naturgesetze wie auch ewige Regeln der Moral umfassen soll.Olga Rubitschon: Materialistische Ethik. In: Annemarie Pieper (Hrsg.): Geschichte der neueren Ethik. Band 1, Tübingen 1992, ISBN 3-8252-1701-9, S. 102–123, zu d’Holbach insbes, S. 116–120.

In diesem in zwei Teile gegliederten Werk wird eine Verbindung geschaffen zwischen den Gesetzmäßigkeiten der physischen und der menschlich-moralischen Welt. Zunächst werden die Charakteristiken der physischen Welt benannt um dann eine Überleitung zu den menschlichen Denken und seinen Voraussetzungen zu schaffen. Aus deren Résumé schließt sich dann auch die Kritik an den das originäre Denken beeinflussenden Ideologien und Religionen an. Die Natur bestimmt er als

Der erste Teil mit seinen insgesamt siebzehn Kapiteln behandelt in den ersten fünf Kapitel die materielle Natur, das Objekt der physikalischen Naturerklärung, die dann folgenden Kapitel von der Natur des Menschen.Helmut Holzhey, Vilem Mudroch, Friedrich Ueberweg, Johannes Rohbeck: Grundriss der Geschichte der Philosophie: Die Philosophie des 18. Jahrhunderts. 2 Halbbände. Schwabe-Verlag, Basel 2008, ISBN 978-3-7965-2445-5, S. 564.

Die Bewegung ist eine der Materie (oder verschiedenen Stoffen) innewohnende Eigenschaft. In der Natur gibt es nichts weiter als Materie, die sich bewegt und dabei in einer konsequenten Abfolge von Ursache und Wirkung eingebunden sei. Die menschlichen Begriffe von Ordnung und Unordnung entstehen nicht durch eine planende und regelnde Instanz. Der Mensch ist ein Produkt der NaturPaul Thiry d’Holbach: System der Natur. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-07859-3, S. 17. und dadurch an deren Gesetzmäßigkeiten gebunden, seine Menschennatur. Auf diese Natur müssen sowohl individuelle Tugend wie gesellschaftliche Moral gebunden sein. Für D’Holbach gab es keinen Dualismus, also einen Gegensatz zwischen Materie versus Geist oder Seele versus Körper, vielmehr war er einem konsequenten Monismus verpflichtet.

Der Mensch besitzt Sinnesorgane, die letztlich seine geistige Natur bestimmen. Materie wird empiristisch bestimmt, als das, was die Sinne affizieren kann. D’Holbach entwickelte ein System eines sensualistischen, monistischen Materialismus.Gerhard Schurz: Skriptum Vorlesung Erkenntnistheorie. (PDF; 606 kB). 1995, S. 49. Somit gibt es keine angeborenen Ideen noch angeborene Instinkte, und auch keinen apriorischen Zugang zu Natur- oder Moralgesetzen. Sinnliche Wahrnehmungen, Gewohnheiten und Erziehung bestimmen seine geistige Natur. D’Holbachs Position ist somit im doppelten Sinne deterministisch in letzter Instanz haben die Prinzipien der Newtonschen Mechanik universelle Geltung für das gesamte physische Geschehen, aber auch für die Menschen in ihrer physischen, den Naturgesetzen unterworfenen Leiblichkeit. D’Holbach erklärt daher Willensfreiheit für eine Illusion. Tatsächlich wird der Mensch von Interessen bewegt, diesen folgt sein Handeln. Moralisch relevant ist daher vor allem eine Aufklärung über die natürlichen Interessen, die jedes Individuum besitzt und der Einsatz des Wissens zu ihrer konfliktfreien Verwirklichung.