Zimoun (* 1977 in Bern, Schweiz) ist ein Schweizer Künstler und lebt in Bern. Seine Werke sind den Bereichen Bildende Kunst, insbesondere Installation und Klangkunst, zuzuordnen. Zimoun wurde vor allem mit seinen installativen, meist ortsspezifischen und raumgreifenden Arbeiten bekannt. Er nutzt kinetische Prinzipien der Rotation und Oszillation, um Dinge in Bewegung zu setzen und dadurch zum Klingen zu bringen. Dafür verwendet er hauptsächlich einfache Materialien aus dem Alltag und der Industrie, beispielsweise Karton, Gleichstrommotoren, Kabel, Schweissdraht, Holzlatten oder Ventilatoren.

Leben und Werk Als Autodidakt beschäftigte sich Zimoun seit seiner frühen Kindheit mit visuellen und akustischen Aktivitäten wie Musik, Komposition, Fotografie oder Malerei. Bereits in jugendlichem Alter begann er sich mit minimalistischen, reduktiven Vorgehensweisen, Prinzipien und Methoden auseinanderzusetzen und sich für den Minimalismus sowie damit verbundene und daraus neu entstandene Kunstformen zu interessieren. In einem Interview auf Schweizer Radio DRS 2 erwähnte Zimoun den amerikanischen Komponisten und Künstler John Cage als einer jener Künstler, mit deren Werk und Denken er sich während seiner Jugend am ausgeprägtesten befasste. Ulf Kallscheidt beschreibt im Sikart-Lexikon zur Kunst aus der Schweiz: «Zimoun entwickelt für seine Werke kleine Apparaturen, die trotz der ihnen zu Grunde liegenden Einfachheit bei ihrer Aktivierung eine klangliche und visuelle Komplexität generieren – vor allem dann, wenn eine grosse Anzahl mechanischer Vorrichtungen, meist hunderte davon, in Installationen und Skulpturen zusammenfügt und orchestriert werden.» Ein Beispiel dafür ist die Arbeit 255 prepared ac-motors, 325 kg roof laths, 1.8 km rope (2015): In zeitlich versetzten Intervallen fallen 250 vertikal an dünnen Fäden aufgehängte Dachlatten aus rund 20 Zentimetern immer wieder zu Boden. Durch die Elastizität des Holzes hüpfen die Latten wie Gummibälle auf dem harten Betonboden und erzeugen ein hörbares und multipliziertes Echo. Zimoun schafft für die Besuchenden aktiv erkundbare dreidimensionale Klangräume, seine Werke werden häufig mit dem Begriff Klangarchitekturen umschrieben und basieren auf den Prinzipien der Minimal Music, die er um einen visuellen Aspekt erweitert, dabei aber auf eine schlichte, reduzierte Gestaltung ohne Schnörkel und zusätzlicher Farbe setzt. «Obwohl Zimoun seine Installationen auch als Kompositionen im musikalischen Sinne versteht, greift er nicht aktiv in die klanglichen Entwicklungen ein.» führt Kallscheidt aus. «Er steuert die eingesetzten mechanischen Systeme weder analog noch digital über Mikrocontroller oder Computer, sondern aktiviert diese lediglich durch Ein- oder Abschalten der Stromversorgung. Er Zimoun versteht den Moment der Aktivität und Dynamik der Materialien selbst als plastischen und performativen Vorgang und nennt das Prinzip seiner Werke ‹primitive Komplexität›.»

Zimouns Werke enthalten immer zueinander in Bezug tretende Gegensätze, wie beispielsweise die Prinzipien Ordnung und Chaos. Die Arbeiten sind zwar häufig in einem geometrischen Raster angelegt oder nach einem System geordnet und installiert, verhalten sich aber chaotisch und gelangen innerhalb eines exakt vorbereiteten Rahmens von Möglichkeiten ausser Kontrolle, sobald sie mechanisch aktiviert werden. Ähnlich einer klinischen Studie schaffen das Raster und die Systematik einen Überblick, um gleichzeitig das durch den mechanischen Prozess generierte Chaos näher analysierbar zu machen. Auch Masse und Individualität gehören zu solchen Gegensätzen. Häufig setzt der Künstler eine grosse Anzahl identischer Elemente ein, aber jedes einzelne Element entwickelt aus dem dynamischen Zusammenspiel von Mechanik, Rotation und Material eine eigene Individualität und Einzigartigkeit. Die im Atelier handgefertigten mechanischen Elemente weisen durch die konsequent reduzierte und minimalistische Form, Funktion und Ästhetik eine nur scheinbare Präzision auf, weil die Handarbeit durch Abweichungen vom Ideal in der Materialbearbeitung zu Ungenauigkeiten führt, die die entstehenden individuellen Verhalten der Materialien verstärken, diese erst überhaupt zulassen oder gar provozieren.

Neben den installativen Kompositionen erarbeitet Zimoun auch rein akustische Werke. Obwohl beide Gattungen – die visuelle nichtkontrollierte zufällige Komposition und die im Studio langwierig erarbeitete musikalische Komposition für Tonträger und Performance – auf den ersten Blick so verschieden scheinen, sind beide vom gleichen Interesse des Künstlers geleitet: dem Erschaffen von Räumen und akustischen Zuständen, die aus mikroskopisch kleinen Klängen und Geräuschen zusammengesetzt werden. Zimouns Aufnahmen wie auch die performativen Konzertsituationen sind häufig für Mehrkanal-Soundsysteme konzipiert. Die Zuhörenden werden mit dem Einsatz einer Vielzahl von Lautsprechern in eine dreidimensionale Klangarchitektur versetzt, die nicht visuell, sondern ausschliesslich akustisch erkundet werden kann. Für seine Aufnahmen arbeitete Zimoun auch mit anderen Kunstschaffenden aus der Musik und aus den visuellen Künsten zusammen. Eine Vielzahl dieser Aufnahmen erschienen unter dem Label Leerraum.net, welches er 2003 zusammen mit dem Grafikdesigner Marc Beekhuis gründete und Arbeiten anderer Künstler veröffentlicht, die sich mit reduktiven Prinzipien beschäftigen. Zwischen 2003 und 2020 veröffentlichte Leerraum mehr als 90 Tonträger und Objekte internationaler Künstler.

Im Jahr 2000 erhielt er eine Anerkennung beim Swiss Youth Foto Award. Es folgten Ausstellungen, unter anderem im Photoforum im Kunsthaus Pasquart Biel/Bienne und in der Kunsthalle Bern sowie verschiedene weitere Auszeichnungen und Preise, unter anderem das Aeschlimann-Corti-Stipendium (Förderpreis 2005 und Hauptpreis 2009), der Kiefer-Hablitzel-Preis an den Swiss Art Awards (2006), das New-York-Stipendium des Amts für Kultur des Kantons Bern (2007), der Sitemapping/Mediaprojects Award des Bundesamts für Kultur (BAK) 2008 oder eine Honorary Mention des Prix Ars Electronica (2010).

Seit 2002 wurden Zimouns Arbeiten in zahlreichen, internationalen Einzel- oder Gruppenausstellungen gezeigt, u. a. an der Art Basel, im Nam June Paik Art Center in Korea, im Kuandu Museum of Fine Arts, Taipei, im Chinesischen nationalen Kunstmuseum, im Museum of Fine Arts Lugano, im Ringling Museum of Art, Florida, in der Kunsthalle Bern, im Kunstmuseum Liechtenstein, im Contemporary Art Museum MNAC Bucharest, im Museu da Imagem e do Som, São Paulo, im Frankfurter Kunstverein, Frankfurt und im Mannheimer Kunstverein.

Performances und Workshops führten ihn u. a. zur Transmediale, Berlin, zum Elektra Festival, Montreal, zum Sonic Acts Festival, Amsterdam, zur ISEA Singapur, zur Nuit Blanche, New York, zur Staatsgalerie Stuttgart, zum Dissonanze Festival, Roma, zur Brown University, Providence, zur Academy of Fine Arts, Kraków, zur School of the Art Institute, Chicago, und zur ZHdK Zurich University of the Arts, Zürich.

Galerie

Ausstellungen (Auswahl) Museum Haus Konstruktiv, Zürich, Schweiz, 2021 The Museum, Kitchener, Kanada, 2021 CODA Museum, Apeldoorn, Niederlande, 2021 Art Museum Reina Sofia, Madrid, Spanien, 2020 Stadtgalerie, Saarbrücken, Deutschland, 2020 Museum of Contemporary Art MAC, Santiago, Chile, 2019 Muxin Art Museum, Wuzhen, China, 2019 NYUAD Arts Gallery, Abu Dhabi, 2019 Museum of Contemporary Art Busan, Südkorea, 2018 Signal Festival, Prag, Tschechien, 2018 Le Centquatre, Paris, Frankreich, 2017 Rå Hal Godsbanen, European Capital of Culture, Aarhus, Dänemark, 2017 Museum Galleria Civica di Modena, Italien, 2016 Taipei Fine Arts Museum, Taipei, Taiwan, 2016 Contemporary Art Museum, Santiago de Chile, 2016 BIAN Biennale, Montreal, Kanada, 2016 Museum of Fine Arts, Thun, Schweiz, 2016 21_21 Design Sight Museum, Tokyo, Japan 2015 Klangraum, Minoritenkirche, Krems, Österreich, 2015 Knockdown Center NYC, New York, USA, 2015 Museum of Fine Arts, Lugano, Schweiz, 2014 Beall Art Center, Los Angeles, USA, 2014 National Art Museum of China, Peking, China, 2014 Mannheimer Kunstverein, Deutschland, 2014 Musée des Beaux-Arts, Rennes, Frankreich, 2013. Joel and Lila Harnett Museum of Art, Richmond, USA, 2013 Meetfactory, Prag, Tschechien, 2013 Seoul Museum of Art, Seoul, Südkorea, 2012 Joel and Lila Harnett Museum of Art, Richmond, USA, 2013 Galerie Denise René, Paris, Frankreich, 2012 Nam June Paik Art Center, Seoul, Südkorea, 2012 Museu da Imagem e do Som, São Paulo, Brasilien, 2012 Kuandu Museum of Fine Arts, Taipei, Taiwan, 2012 ART Basel, Schweiz, 2011–2013 bitforms gallery, New York, USA, 2009 + 2012+ 2015 Le Centrequatre, Paris, Frankreich, 2012–2013 BIAN Biennale, Oboro, Montreal, Kanada, 2012. Deaf Biennale, Rotterdam, Niederlande, 2012 The John and Mable Ringling Museum of Art, Sarasota FL, USA, 2011 Contemporary Art Museum MNAC, Bukarest, Romänien, 2011 List Art Center, David Winton Bell Gallery, Providence, USA, 2011 Kunsthalle Palazzo, Liestal, Schweiz, 2011 Gray Area Foundation for the Arts, Swissnex, San Francisco, USA, 2011 Lydgalleriet, Bergen, Norwegen, 2011 Kunsthalle Luzern, Schweiz, 2011 Kunstmuseum Liechtenstein, Schichtwechsel, Liechtenstein, 2010 Vooruit Arts Center, Gent, Belgien, 2010 La Rada, Locarno, Schweiz, 2010 Kunstraum Kreuzlingen, Schweiz, 2010 Kunstmuseum, Bern, Schweiz, 2005 + 2009 Centre pour l’image contemporaine, Genf, Schweiz, 2008 Kunst(Zeug)Haus, Rapperswil-Jona, Schweiz, 2007 Kunsthalle, Bern, Schweiz, 2004, 2006 + 2008 DDM Gallery, Shanghai, China, 2004 Tonus Labor, Bern, 2002, 2003 + 2004 Photoforum Pasquart, Biel/Bienne, Schweiz, 2002, 2003 + 2004

Diskografie Oren Ambarchi + Zimoun «18.58»[leerraum.ch] (5.1 composition, 2016) Richard Garet + Zimoun «21.21»[leerraum.ch] (5.1 composition, 2015) Zimoun «feat. Helena Gough» [leerraum.ch] (5.1 multi channel dvd, 2010) Mahmoud Refat, Pe Lang + Zimoun «Statics III» [leerraum.ch] (4.1 multi channel dvd, 2008) Asher + Zimoun «Untitled Movement» [leerraum.ch] (5.1 multi channel dvd, 2008) Forum + Zimoun «Primary Structures» [leerraum.ch] (5.1 multi channel dvd, 2008) Zimoun feat. Mik Keusen «Prepared I» [leerraum.ch] (cd, 2007) Kenneth Kirschner + Zimoun «July 29, 2004 (4.1)» (4.1 multi channel dvd, 2007) Leerraum [ ] «Sound Contributions I» [leerraum.ch] (5.1 multi channel dvd, 2007) Zimoun «Kabel 0.1/0.2» [leerraum.ch] (cd, 2006) Mahmoud Refat, Pe Lang + Zimoun «Statics II» [leerraum.ch] (cd, 2006) Mahmoud Refat + Zimoun «Statics I» [leerraum.ch] (cd, 2006) Fm3 + Zimoun «live 19. Juni 2004» [leerraum.ch] (cd, 2005) Zimoun «Nå» [tonus-music-records.com] (cd, 2004) Zimoun «Flachland» [leerraum.ch] (cd, 2003) Zimoun «Viskos» [leerraum.ch] (cd, 2003) Zimoun «Drums» [leerraum.ch] (cd, 2003) Zimoun «Momental» [ammoniac-music records] (cd, 2003)

Literatur Robert Klanten, Sven Ehmann, Verena Hanschke (Hrsg.): A Touch of Code – Interactive Installations and Experiences. Gestalten, Hard cover, 256 S., ISBN 978-3-89955-331-4, S. 42–43 (englisch). Int. Compendium Prix Ars Electronica. «CyberArts2010», Hatje Cantz Verlag, Soft cover + DVD, ISBN 978-3-7757-2724-2 (deutsch/englisch). Apostolos Mitsios: . In: Yatzer. 28. Juni 2011. Marco Mancuso: Sound Organisms in Evolution. In: Digimag. Nr. 61, Februar 2011 (englisch). Mark Peter Wright: Zimoun. In: Ear Room. Re-sounding Dialogues Across the Globe, 1. Januar (Interview, englisch). Oscar Gomez Poviña: . In: Vnfold Magazine. 12. Juli 2010.

Weblinks

Website von Zimoun Videoarchiv auf Vimeo

Preisträger Prix Ars Electronica 2010

Einzelnachweise

Kategorie:Klangkünstler Kategorie:Bildender Künstler (Schweiz) Kategorie:Schweizer Kategorie:Geboren 1977 Kategorie:Mann