Peter Bieri (* 23. Juni 1944 in Bern; † 27. Juni 2023 in Berlin) war ein Schweizer Philosoph mit Beiträgen insbesondere zur Analytischen Philosophie, Erkenntnistheorie und Ethik. Sein Buch zur Freiheit des Willens erreichte auch eine sehr grosse nichtfachliche Leserschaft. Ab 1995 wurde er unter dem Pseudonym Pascal Mercier vor allem als Autor von fünf literarischen Werken bekannt. Besonders erfolgreich war der Roman Nachtzug nach Lissabon.

Leben Bieri beschreibt seine Kindheit und Jugend als typisch für das Aufwachsen in einer konventionellen, kleinbürgerlichen Schweizer Familie in einem Berner Vorort. Seinen späten Übergang zum Schriftsteller führte er auf «liegengebliebene» Themen aus Kindheit und Jugend zurück. Als für ihn prägend beschreibt er in der Kindheit das Lesen von «alle[n] .. Bände[n] Karl May» im abgedunkelten kleinen Zimmer und in der Adoleszenz die schwarz-weissen französischen Filme der 1960er Jahre mit z. B. Jeanne Moreau, Jean Gabin, Brigitte Bardot und Alain Delon im dunklen Kino. Die dunklen Umgebungen transportierten ihn in Traum- und Fantasiewelten; Romane interessierten ihn mehr als die Wirklichkeit.

Die Matura legte er am Berner Gymnasium Kirchenfeld ab, wo er auch Latein, Griechisch und Hebräisch lernte. Anschliessend begann er ein Studium der Altphilologie an der Universität Bern, das er aber abbrach, weil er wegen einer Liebesbeziehung nach London zog. An der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg studierte er schliesslich Philosophie, Anglistik und Indologie. Er war unter anderem Schüler von Dieter Henrich, Gerhard Knauss und Ernst Tugendhat.Peter Bieri: Wie wäre es, gebildet zu sein? (2005). In: Hans-Ulrich Lessing, Volker Steenblock (Hrsg.): „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“. Klassische Texte einer Philosophie der Bildung. Verlag Karl Alber, Freiburg, Br./München 2010, ISBN 978-3-495-48433-3, S. 203–218, ( [PDF; 71 kB]).

1971 wurde er mit einer Dissertation zur Philosophie der Zeit des englischen Philosophen John McTaggart Ellis McTaggart promoviert, die 1972 unter dem Titel Zeit und Zeiterfahrung. Exposition eines Problembereichs bei Suhrkamp erschien. Es folgten Forschungsaufenthalte an der University of California, Berkeley, der Harvard University, dem Wissenschaftskolleg zu Berlin und dem Van Leer Institut in Jerusalem. 1981 habilitierte er sich; die Habilitationsschrift blieb unpubliziert. Als Professor für Philosophie lehrte und forschte Bieri an der Universität Bielefeld (1981–1983), der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (1983–1990), der Philipps-Universität Marburg (1990–1993) und der Freien Universität Berlin (1993–2007).Siehe Unter den zahlreichen Schülern Bieris finden sich Oliver R. Scholz, Martin Eimer, Markus Werning und Godehard Brüntrup.

Am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) an der Universität Bielefeld leitete er zusammen mit Eckart Scheerer die Forschungsgruppe Mind and Brain. Perspectives in Theoretical Psychology and the Philosophy of Mind (1986–1990), mit der sie ein disziplinübergreifendes Gespräch zwischen Neurobiologen, Psychologen und Philosophen initiierten. In diese Zeit fiel auch die Gründung des DFG-Schwerpunktprogramms (SPP) Kognition und Gehirn zu diesem Thema. Die Koordinatoren des SPP (1987–1994) waren die Mitglieder der Forschungsgruppe Ansgar Beckermann (Philosoph), Wolfgang Prinz (Psychologe) und Gerhard Roth.

Seine akademischen Erfahrungen aus dem Wissenschaftsbetrieb, z. B. auch solche aus der Mind and Brain-Forschungsgruppe am ZiF, «verarbeitete» Bieri unter dem Pseudonym Pascal Mercier (zusammengesetzt aus den Nachnamen des französischen Philosophen Blaise Pascal und des Schriftstellers Louis-Sébastien Mercier) in seinem 1995 erschienenen ersten Roman Perlmanns Schweigen.Manuela Lenzen: Peter Bieri trifft Pascal Mercier In: ZiF Mitteilungen 3, 2015. Es folgten noch vier weitere (siehe Literarische Werke).

2007 beendete Bieri seine Tätigkeit als Hochschullehrer. Er kritisierte den von Drittmitteln dominierten Universitätsbetrieb und das Wissenschaftsmanagement als «Diktatur der Geschäftigkeit».Manfred Papst: Peter Bieri alias Pascal Mercier hat genug von der Universität. In: NZZ am Sonntag. 27. Mai 2007 (mit FAZ-Zitat vom 23. Mai 2007). Nach dem Bologna-Prozess zur europaweiten Vereinheitlichung der Studiengänge wollte er als Professor kein «Vollzugsbeamter der Module» sein.

Bücher lesen und schreiben, Reisen machen und Sprachen lernen blieben Bieris Leidenschaft bis ins Alter. Er war mit der Malerin Heike Bieri-Quentin verheiratet, mit der er in Berlin lebte. Dort starb er am 27. Juni 2023 im Alter von 79 Jahren.

Philosophisches Werk Die Schwerpunkte seiner Forschung waren insbesondere auf den Gebieten der Analytischen Philosophie, Erkenntnistheorie und Ethik (Moralphilosophie).

Analytische Philosophie Bieri war Herausgeber von zwei Werken auf dem Gebiet der analytischen Philosophie: Analytische Philosophie des Geistes (1981; 2007 in 4. Auflage) und Analytische Philosophie der Erkenntnis (1987; 1994 in 3. Auflage), für die er grundlegende thematische Einführungen verfasste.

In seinem Aufsatz Was bleibt von der analytischen Philosophie? (2007) unterscheidet Bieri zwischen zwei Geschichten der analytischen Philosophie, die er an ihrem Verständnis des Begriffes Klarheit festmacht.Siehe auch Christiane Schildknecht (2008). Die erste – in der Tradition von Gottlob Frege, dem frühen Ludwig Wittgenstein und Willard Quine – zielt auf formale Exaktheit und logische Analyse der Argumentation; die zweite – in der Tradition von Ludwig Wittgenstein (spät), Gilbert Ryle und Norman Malcolm – betont kontextuelle Genauigkeit und Übersichtlichkeit der Argumentation. Daraus entsteht eine Spannung zwischen formaler Kompetenz in der Exaktheit der logischen Schlüsse, die aber wenig bei der Beantwortung existenzialistischer Fragen (z. B. Tod, Schuld, Sinn des Lebens) hilft, und einer Argumentationsstruktur, die Beispielanalysen, Gedankenexperimente und Perspektivenwechsel verwendet und für die Bieri Phantasie als übergeordneten Begriff vorschlägt. Die formale Analyse, wenn sie nicht zum Selbstzweck verwendet wird, spielt eine wichtige Rolle. Bieri (S. 344): «Eigentlich ist ja ganz klar, was zu tun ist: Als gebildete Menschen, die mit der Geistesgeschichte auf ganz selbstverständliche Weise vertraut sind, lassen wir uns auf die neuesten Gedanken zu den Fragen ein, die uns interessieren, gleichgültig, in welcher Sprache sie daherkommen. ... [D]iese Beobachtung lässt in uns keinen Antagonismus entstehen zwischen zwei Bewegungen oder Lagern. Historisch informiert suchen wir die beste Orientierung im Denken, die wir bekommen können. Dann machen wir Philosophie. ... Einfach Philosophie.»

Erkenntnistheorie In dem Aufsatz «Was macht das Bewußtsein zu einem Rätsel?»Peter Bieri: Was macht Bewußtsein zu einem Rätsel? In: Gehirn und Bewusstsein. (Mit einer Einführung von Wolf Singer). Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin/Oxford 1994, ISBN 3-86025-220-8, S. 172–180 (g21.de [PDF; 133 kB]). argumentiert Bieri (1992) gegen die Idee, dass die Neurowissenschaften das Phänomen Bewusstsein erklärt hätten. Auch wenn wir immer mehr über die neuronalen Korrelate von Bewusstsein erfahren, so wissen wir dennoch nicht, warum diese Prozesse von Bewusstsein begleitet sind. Bieris Argumentation ähnelt hier der von Thomas Nagel, Joseph Levine und David Chalmers. Siehe dazu: Bieri-Trilemma.

Die Monographie Handwerk der Freiheit (2001) öffnete einem sehr breiten Leserkreis einen Zugang zum Problem der Willensfreiheit. Unter der Annahme, dass Messungen von Gehirnaktivität unsere Entscheidungen perfekt vorhersagen könnten, entsteht die paradoxe Situation, dass man sich einerseits als frei erlebt, sich aber andererseits auch als durch nicht bewusste Gehirnprozesse bestimmt oder determiniert beschreiben kann. Bieri liefert dazu eine begriffliche Klärung des Freiheitsbegriffs: «Nehmen wir an, Sie hätten einen [unbedingten] freien Willen. Es wäre ein Wille, der von nichts abhinge: ein vollständig losgelöster, von allen ursächlichen Zusammenhängen freier Wille. Ein solcher Wille wäre ein aberwitziger, abstruser Wille. Seine Losgelöstheit nämlich würde bedeuten, dass er unabhängig wäre von ihrem Körper, ihrem Charakter, ihren Gedanken und Empfindungen, ihren Phantasien und Erinnerungen. Es wäre, mit anderen Worten, ein Wille ohne Zusammenhang mit all dem, was Sie zu einer bestimmten Person macht. In einem substantiellen Sinn des Wortes wäre er deshalb gar nicht Ihr Wille» (Kap. 7, S. 230). An zahlreichen Beispielen aus Literatur und Psychopathologie illustriert Bieri, dass Freiheit und Determinismus nicht antonym sind. Das Gegenteil von Freiheit sei Unfreiheit oder Zwang, das Gegenteil von Determinismus Indeterminismus.Marcus von Schmiede befindet, dass es Bieri gut gelingt, auch ein Laienpublikum für die Diskussionen um Determinismus zu interessieren und in sie einzuführen; vgl. von Schmiedes Besprechung des Buches in Die Zeit. Hamburg 13. Dezember 2001.

2004 veröffentlichten elf führende Neurowissenschaftler Das Manifest zur Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung,Das Manifest In: Geist und Gehirn, 6, 2004, S. 30–36. das eine jahrelange heftige und oft auch hitzige interdisziplinäre Kontroverse u. a. auch wieder zur Frage der Willensfreiheit und der sich daraus ergebenden Verantwortung für unsere Handlungen auslöste. Bieri beteiligte sich mit Bezug auf seine oben skizzierten Positionen mehrfach an der öffentlichen Diskussion.

Ethik (Moralphilosophie) Seine Einsichten zur Freiheit des Willens liefern Bieri die Vorlage für seine Beiträge zur Moralphilosophie, die in den zwei Monographien Wie wollen wir leben? (2011) und eine Eine Art zu leben: Über die Vielfalt menschlicher Würde (2013) dokumentiert sind.

Im ersten Buch, eine Sammlung von Essays, die aus drei Vorlesungen hervorgingen, beschäftigt sich Bieri vor allem mit Fragen der Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung und des sich daraus ergebenden Selbstbildes. «Was unterscheidet Einfluss, den wir als Manipulation empfinden, von Einfluss, der die Selbstbestimmung nicht bedroht, sondern fördert? Ich halte das für die tiefste und schwierigste politische Frage, die man aufwerfen kann.» Empfänglichkeit gegenüber Manipulation sieht Bieri als die grösste Bedrohung für die Selbstbestimmung und damit letztlich auch die Würde des Menschen.

Die Essays dienten als Vorstudien für Eine Art zu leben. In diesem Buch wird nun der Begriff der Menschenwürde in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit beleuchtet. Bieri unterscheidet drei Dimensionen: 1. «[W]ie ich von anderen Menschen behandelt werde», 2. «wie ein Individuum die Mitmenschen, mit denen es zusammenlebt, behandelt und welche Einstellung es zu ihnen hat» und (3.) «wie ein Subjekt zu sich selbst steht». Ohne Anspruch auf endgültige Antworten lässt sich zusammenfassend mit einer von durchgängig positiven Rezensionen sagen: «Menschenwürde beinhaltet ... nicht nur einen verpflichtenden Anspruch gegen sich selbst, sondern gebietet Toleranz denen gegenüber, die ihren Würdeanspruch anders realisieren.» Für eine vertiefende Lektüre sei auf die Wikipedia-Seite des Buches verwiesen.

Literarisches Werk Unter dem Pseudonym Pascal Mercier veröffentlichte Bieri die vier Romane Perlmanns Schweigen (1995), Der Klavierstimmer (1998), Nachtzug nach Lissabon (2004; 2013 verfilmt) und Das Gewicht der Worte (2020) sowie die Novelle Lea (2007). Die Rezensionen der ersten zwei Romane waren meistens überschwängliche Lobeshymnen mit Verweis auf ihren grossen psychologischen Gehalt, während die letzten Werke vor allem von der professionellen Literaturkritik mit Verweis auf geringen literarischen Gehalt zunehmend harscher bewertet wurden.

Perlmanns Schweigen