mini|Franz Halder als Zeuge der Anklage im Nürnberger Prozess gegen das Oberkommando der Wehrmacht 1948

Die Operational History (German) Section der Historical Division der United States Army wurde im Januar 1946 eingerichtet, um das operative Wissen und die Erfahrungen kriegsgefangener Offiziere der ehemaligen deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg für die US-Kriegsgeschichtsschreibung nutzbar zu machen. Angeordnet wurde die Einrichtung auf amerikanischer Seite von Colonel Harold E. Potter, dem Chefhistoriker der Europa-Abteilung der Historical Division. Der ehemalige Generalstabschef des Heeres Franz Halder wurde von den Amerikanern mit leitenden Aufgaben betraut. Nach Beginn des Koreakrieges 1950 wurde der Fokus der ausgearbeiteten Schriften mehr und mehr auf Studien zur Kriegführung der Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion von 1941 bis 1945 verlagert. Sie fanden Eingang in die militärischen Schulungsprogramme der US Army und deren operative Vorgaben zur mobilen Verteidigung. Eine Reihe ehemaliger Wehrmachtsoffiziere reiste zu Vorträgen an militärische Einrichtungen der Vereinigten Staaten. Bis zur Auflösung der Sektion 1961 arbeiteten mehr als 300 hohe Offiziere der Wehrmacht zweieinhalbtausend Studien aus. Wichtige Mitarbeiter dieser kriegsgeschichtlichen Abteilung arbeiteten schon ab 1954 in Westdeutschland im Arbeitskreis für Wehrforschung zusammen mit zivilen Historikern an der Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg.

Gründung und organisatorische Entwicklung Erste Vernehmungen hochrangiger kriegsgefangener deutscher Offiziere mit dem Ziel, deren Insiderwissen für die US-Militärgeschichtsschreibung nutzbar zu machen, wurden schon kurz nach Kriegsende von der Shuster-Commission im Camp Ashcan in Bad Mondorf, Luxemburg, durchgeführt.Zur vorbereitenden Tätigkeit dieser historischen Kommission ausführlich Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, S. 63–78. Die Ende 1945 formierte Historical Division der U.S. Army, deren Hauptaufgabe darin bestand, Darstellungen von Kampfhandlungen und Untersuchungen von militärischen Konflikten erarbeiten zu lassen, beschloss dann im Zuge der Vorbereitung ihrer eigenen Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkrieges, nicht nur die erbeuteten Akten zu nutzen, sondern auch deutsche Offiziere kriegsgeschichtliche Studien ausarbeiten zu lassen. Mit dem Aufbau einer diesem Zweck dienenden Operational History (German) Section beauftragte sie im Januar 1946 Oberst Harold E. Potter, den Chefhistoriker der Europa-Abteilung der Historical Division,Potter war seit dem 1. Januar 1946 „Theater Historian“ der United States Forces, European Theater (USFET) der Historical Division und ab dem 1. Januar 1947 bis zu seinem Ausscheiden 1951 „Chief Historian“ der United States European Command (EUCOM). Siehe dazu Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, S. 351. der mit seinen Mitarbeitern geeignet erscheinende ehemalige Wehrmachtsoffiziere rekrutieren sollte.Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, S. 89f. u. S. 309–314 (dort eine genaue Chronologie der kriegsgeschichtlichen Kooperation einschließlich sich ändernder Bezeichnungen kriegsgeschichtlicher Institutionen und häufiger personeller Wechsel); weiterhin Charles B. Burdick: Vom Schwert zur Feder. Deutsche Kriegsgefangene im Dienst der Vorbereitung der amerikanischen Kriegsgeschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg. Die organisatorische Entwicklung der Operational History (German) Section. In: Militärgeschichtliche Mitteilungen. 10. Jg., 1971, Band 2, S. 70–73; siehe auch Othmar Hackl: Generalstab, Generalstabsdienst und Generalstabsausbildung in der Reichswehr und Wehrmacht 1919–1945. Studien deutscher Generale und Generalstabsoffiziere in der Historical Division der US Army in Europa 1946–1961. Biblio, Osnabrück 1999, S. 5 ff. und S. 25 ff. Folglich war eine der ersten Amtshandlungen Potters die Einrichtung dieser deutschen Sektion der amerikanischen kriegsgeschichtlichen Abteilung, um die Verfassung von Studien zur deutschen Operationsgeschichte effizient zu organisieren. Er setzte Colonel Charles W. Pence als deren Leiter ein.Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, S. 89f. Die Europa-Abteilung der Historical Division und ihre Unterabteilung Operational History (German Section) waren ab Januar 1946 beide in Frankfurt am Main ansässig.Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, S. 310.

Im Sommer 1946 arbeiteten 328 hohe Offiziere der Wehrmacht, die in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten waren, in den Lagern Oberursel, Allendorf (bei Marburg) und Garmisch an Darstellungen über Kampferfahrungen und ihre frühere Dienstzeit.Charles B. Burdick: Vom Schwert zur Feder. Deutsche Kriegsgefangene im Dienst der Vorbereitung der amerikanischen Kriegsgeschichtsschreibung über den zweiten Weltkrieg. Die organisatorische Entwicklung der Operational History (German) Section. S. 70 ff.; Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. S. Fischer, Frankfurt am Main 2002, S. 226. Unter diesen befand sich mit General Waldemar Erfurth ein promovierter Historiker, der von 1935 bis 1938 Chef der kriegsgeschichtlichen Abteilung im Generalstab des Heeres gewesen war und nun im Lager Garmisch unter dem ehemaligen Generalfeldmarschall Georg von Küchler Mitglied im „Advisory Board“ (Beirat) war sowie der deutschen „wissenschaftlichen Kommission“ vorstand.Bernd Wegner: Erschriebene Siege. Franz Halder, die „Historical Division“ und die Rekonstruktion des Zweiten Weltkrieges im Geiste des deutschen Generalstabes. In: Ernst Willi Hansen, Gerhard Schreiber, Bernd Wegner (Hrsg.): Politischer Wandel, organisierte Gewalt und nationale Sicherheit. Beiträge zur neueren Geschichte Deutschlands und Frankreichs – Festschrift für Klaus-Jürgen Müller. Oldenbourg, München 1995, S. 287–302, hier S. 294.Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, S. 331f. (Biogramm zu Erfurth, dort auch die Angabe zu seiner früheren Funktion als Leiter der kriegsgeschichtlichen Abteilung). Dem Historiker Bernd Wegner zufolge bemühte sich Erfurth, „den militärischen Bearbeitern das Einmaleins der historischen Methode und Quellenkritik beizubringen“, wurde aber durch gegenteilige Vorgaben von Küchlers konterkariert, der nichts von den amerikanischen Standards hielt und forderte, eine „deutsche Kriegsgeschichte [zu] schreiben“.

Auf der Kippe stand das Projekt im Sommer 1947. Der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay, kein Befürworter der Zusammenarbeit mit früheren Wehrmachtsgenerälen, hielt es für zu ineffektiv und teuer. Er ordnete an, dass die Historical Division ab 1. Januar 1948 keine ehemaligen Offiziere der Wehrmacht mehr beschäftigen sollte.Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, S. 118. Erst eine Intervention des damaligen Chief of Staff of the Army und späteren Präsidenten der Vereinigten Staaten, Dwight D. Eisenhower, der am 30. August 1947 ein persönliches Telegramm an Clay richtete, in dem er diesen bat, seine Entscheidung zu überdenken, führte dazu, dass Clay seine Anordnung zurücknahm.Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, S. 120. Eisenhower war der einflussreichste Befürworter der Zusammenarbeit mit ehemaligen deutschen Offizieren. Er hatte sowohl bei einem Treffen mit Harold E. Potter im Oktober 1946 großes Interesse an der Arbeit der Operational History (German) Section und deren Studien gezeigtEsther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, S. 119f. als auch bei seiner Teilnahme an einem Seminar der Historical Division im April 1947 zugesagt, die amerikanische kriegsgeschichtliche Abteilung in dieser Hinsicht zu unterstützen und „in jeder möglichen Weise zu schützen“.So Eisenhower in einem Schreiben an Harold E. Potter vom 11. April 1947, zitiert nach Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, S. 119. Nachdem Eisenhower sein persönliches Interesse an dem Kooperationsprojekt der Historical Division mit den ehemaligen Wehrmachtsgenerälen deutlich gemacht hatte, stimmte Clay auch in der Frage der Entnazifizierung der Offiziere einer von der Historical Division gewünschten Ausnahmeregelung zu. Er genehmigte am 9. September 1947, dass diese hohen Offiziere auch vor ihrer Entnazifizierung von der amerikanischen kriegsgeschichtlichen Abteilung beschäftigt werden konnten. Zudem wies er den hessischen Befreiungsminister Gottlob Binder an, eine Sonderspruchkammer in Neustadt (Hessen) einzurichten, welche die Verfahren gegen die deutschen Offiziere beschleunigt durchführen sollte. Ergänzend verfügte er, dass Spruchkammerurteile, die eine Verurteilung zu Arbeitslager oder andere gravierende Sanktionen zur Folge hätten und damit die kriegsgeschichtliche Arbeit beeinträchtigen würden, bis zum Abschluss der Projektmitarbeit ausgesetzt werden konnten.Esther-Julia Howell: Von den Besiegten lernen? Die kriegsgeschichtliche Kooperation der U.S. Armee und der ehemaligen Wehrmachtselite 1945–1961. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2015, S. 120f. u. S. 154f. – Die Sonderspruchkammer nahm Ende 1947 ihre Arbeit auf, wurde aber schon im Mai 1948 nach vielen Unstimmigkeiten und Querelen aufgelöst.