Die mongolische Eroberung Bagdads fand am 10. Februar 1258 statt. Die Mongolen unter Hülegü eroberten und zerstörten die Hauptstadt der abbasidischen Kalifen. Hülegüs Ziel war es, den Nahen Osten unter die feste Kontrolle des Mongolenreiches zu bringen. Der Kalif sollte dabei eigentlich als Vasall dienen,Peter Jackson: The Dissolution of the Mongol Empire, Central Asiatic Journal 32 (1978), S. 186–243 doch aufgrund seiner Verweigerung der Gefolgschaft sollte Hülegü auf Befehl des Großkhans Möngke die Abbasiden beseitigen.

Nach der Belagerung und Einnahme war Bagdad total zerstört. Schätzungen der zivilen Opfer reichen von 100.000 bis eine Million. Die Stadt wurde geplündert und niedergebrannt. Kulturgüter und Bibliotheken wurden zerstört. Überreste der Zerstörungen fanden sich teilweise im Fluss wieder. Im Ergebnis wurde Bagdad für lange Zeit bedeutungslos und die Einnahme der Stadt wurde als der Endpunkt der Blütezeit des Islam angesehen.Matthew E. Falagas, Effie A. Zarkadoulia, George Samonis: Arab science in the golden age (750–1258 C.E.) and today. In: The FASEB Journal 20, 2006, S. 1581–1586.

Vorgeschichte und Ausgangssituation Das Vordringen der Mongolen in den Nahen Osten Die Mongolen hatten in nur kurzer Zeit viele Länder erobert und tributpflichtig gemacht und ein Ende der Expansion war nicht in Sicht. Der Mongolenherrscher Möngke Khan beauftragte nach seiner Machtübernahme seinen Bruder Kublai mit der Eroberung Chinas und seinen Bruder Hülegü mit der Eroberung des Westens. Im Iran stellte sich den Mongolen die militante Sekte der Assassinen in den Weg. Die Assassinen hatten mehrere Festungen im Elburs-Gebirge im Nordiran und in Syrien unter ihrer Kontrolle.

Hülegü wurde für seine Feldzüge eine große Armee (ein Fünftel der gesamten Armee) übergeben. Jeder zehnte Krieger des Reiches sollte mit Hülegü ziehen, was wohl einer Stärke von etwa 150.000 Mann entsprach. Hülegü brach 1253 auf und erreichte, bedingt durch den riesigen Tross, erst 1255 Samarqand in Transoxanien. Dort versammelte er alle Vasallen und schickte weitere Briefe an andere Herrscher, die sich unterwerfen sollten, um mit ihm gegen die Feinde zu ziehen.

Als Reaktion auf die mongolische Invasion des Irans beauftragte der Führer der Assassinen in Alamut Ala ad-Din Muhammad III. b. Hasan (herrschte 1221–1255) Attentäter, Möngke Khan und den General Kitbukha zu ermorden. Doch das Vorhaben scheiterte. Hülegü griff daraufhin die Assassinen an und konnte nach der Zerstörung mehrerer Festungen am 20. Dezember 1256 schließlich Alamut einnehmen. Die Burg wurde geschleift und der Führer der Assassinen – mittlerweile Rukn ad-Din Churschah – wurde 1257 hingerichtet.

Diplomatische Kontakte zwischen Mongolen und Abbasiden Der Kalif an-Nāsir li-Dīn Allāh (r. 1180–1225) soll versucht haben, sich mit Dschingis Khan gegen die Bedrohung durch den Choresm-Schah Muhammad II. zu verbünden.Jack Weatherford: Genghis Khan and the making of the modern world. ISBN 0-609-80964-4, S. 135 Der Kalif soll eine Gesandtschaft und eventuell gefangene Kreuzfahrer zu den Mongolen geschickt haben.Jack Weatherford: Genghis Khan and the making of the modern world, S. 136

Gemäß der Geheimen Geschichte der Mongolen sollen schon Dschingis Khan und sein Nachfolger Ögedei Khan den Befehl zum Angriff auf Bagdad gegeben haben.Sh. Gaadamba: Mongoliin nuuts tovchoo. Ulsyn Khėvlėliĭn Gazar, 1990, S. 233 (mongolisch) 1236 griff eine Armee unter General Chormaqan die Stadt Erbil am nördlichen Rand des Kalifats an.Timothy May: Chormaqan Noyan, S. 62 Danach unternahmen die Mongolen fast jährlich Raubzüge gegen Erbil und kamen bis an die Stadtmauern Bagdads.C.P. Atwood: Encyclopedia of Mongolia and the Mongol Empire, S. 2Al-Sa'idi, op. cit., S. 83, 84, from Ibn al-Fuwati 1238 und 1245 besiegte die kalifische Armee Abteilungen der Mongolen.Spuler, op. cit., from Ibn al-'Athir, vol. 12, S. 272.

Trotz dieser Siege hoffte der Kalif auf eine Einigung mit den Mongolen und schickte ihnen 1241 einen großen Tribut. Gesandte des Kalifen waren bei den Krönungen Güyük Khans 1246 und Möngke Khans 1251 dabei.Johannes de Plano Carpini: Ystoria Mongolorum quos nos Tartaros appelamus, ()Daniel C. Waugh: The Mongols and the Silk Road, I. bei depts.washington.edu Güyük Khan bestand darauf, dass der Kalif persönlich nach Karakorum kommen und sich völlig den Mongolen unterwerfen sollte. Güyük Khan und Möngke Khan machten die Unfähigkeit Baidschus – des Nachfolgers Chormaqans – für den Widerstand des Kalifats verantwortlich.

Nachdem die Assassinen beseitigt waren, hielt sich Hülegü in Hamadan auf. Von dort aus sandte er dem amtierenden Kalifen al-Musta'sim Briefe mit der Aufforderung, sich als Vasall den Mongolen zu unterwerfen. Schon seit 1232 weigerten sich die Kalifen, den Mongolen zu folgen. Ursprünglich – so Raschīd ad-Dīn – wollte al-Musta'sim wohl den Wünschen der Mongolen folgen, wurde aber von seinen Ratgebern umgestimmt. Dem Kalifen wurde von mehreren Leuten Unfähigkeit und mangelnde Kompetenz vorgeworfen. Er verkannte die gefährliche Lage, denn nun stand im Gegensatz zu früher eine große Eroberungsarmee gegen die Stadt.

Bagdad und das Abbasidenkalifat im 13. Jahrhundert Die Abbasiden hatten 751 die erste Kalifendynastie der Umayyaden von Damaskus gestürzt, die seit 661 über das Arabische Reich (Islamisches Kalifat) geherrscht hatte.Nicolle, S. 108 Das Machtzentrum verschob sich zunächst von Arabien nach Syrien, dann unter den Abbasiden nach Mesopotamien. Ab etwa der Mitte des 8. Jahrhunderts verselbständigten sich innerhalb des Islamischen Kalifats (besonders an der Peripherie des Reichs) durch die Schwäche der Kalifen in Bagdad lokale Machthaber, die zuvor als Gouverneure im Namen des Kalifen die ihnen unterstehenden Provinzen verwaltet hatten, und gründeten nun als Landesherren ihre eigenen Dynastien. Der Kalif war zwischenzeitlich im Zentrum seines Reichs zu einer Marionette in der Hand seiner Militärsklaven bzw. Warlords oder fremder Dynastien wie der iranischen Buyyiden oder türkischen Seldschuken geworden, hatte aber als Symbolfigur noch eine große Bedeutung in der islamischen Welt. Doch ab dem 12. Jahrhundert, im Zuge des Niedergangs der Seldschuken, konnten die Kalifen immer mehr ihrer ehemaligen Macht zurückgewinnen und agierten immer selbständiger. Neben ihrer geistlichen Autorität gewannen sie auf dem Gebiet des heutigen Iraks wieder weltliche Macht.

Auf seinem Höhepunkt hatte Bagdad eine Bevölkerung von fast einer Million und wurde von 60.000 Soldaten verteidigt. Es war das Zentrum der islamischen Welt. Doch Bagdad wurde durch Überflutungen (1243, 1248, 1253, 1255 und am schlimmsten 1256) und Feuer beschädigt, und die Konkurrenz zwischen den sunnitisch-arabischen und den schiitisch-persischen Einwohnern schlug ab und an in Gewalt um; trotzdem war die Stadt immer noch reich und kulturell wichtig. Das Zentrum der Stadt hatte sich von der Kreisstadt des Städtegründers al-Mansurs nach Osten direkt an den Tigris verlagert, wo der neue Kalifenpalast stand. Dieser östliche Teil Bagdads (al-Šarqiya) war dichter besiedelt und Heimat der meist sunnitischen Araber. Dort standen neben dem Kalifenpalast verschiedene Moscheen, Paläste und Gärten. Das Viertel war von einer Mauer umgeben. Im Westen (al-Ḡarbiya) lebten vornehmlich Schiiten. Ost und West waren nur über zwei Brücken miteinander verbunden. Viele Flächen der Stadt lagen brach und wüst und wurden nicht wieder aufgebaut.

Die Belagerung Das riesige Heer Hülegüs bestand aus drei Teilheeren. Der nördliche Teil unter dem Kommando Baidschus kam aus Anatolien über Erbil und überquerte am 16. Januar 1258Nicolle, S. 130 bei Tikrit den Tigris und näherte sich Bagdad vom Westen. Hülegü selbst startete mit seinem Heer vom Hamadan und kam über Kermānschāh, Hulwan von Osten her auf Bagdad zu. Die südliche Gruppe zog über Lorestan gegen Bagdad.Stefan Heidemann: Das Aleppiner Kalifat, S. 44

In Hülegüs Armee waren unter anderem Generäle wie Arghun Aqa von den Oiraten, Baidschu, Buqa-Temur, der Chinese Guo Kan, der Dschalaiyr Koke Ilge, Kitbukha von den Naimanen, Tutar und Quli von der Goldenen Horde und Hülegüs Bruder Sunitai.Raschīd ad-Dīn: Histoire des Mongols de la Perse, E. Quatrem"re ed. and trans. (Paris, 1836), S. 352. Neben den Mongolen kämpften große Verbände christlicher Vasallen wie die Georgier, Armenier und einige Franken aus dem Fürstentum Antiochia.Demurger, S. 80-81; Demurger S. 284 Der Zeitzeuge Ata al-Mulk Dschuwaini berichtete auch über 1000 chinesische Artillerieexperten, persische und türkische Soldaten.National Geographic, v. 191 (1997)

mini|Die Mongolen greifen Bagdad mit verschiedenen Waffen an. Zu erkennen sind Belagerungswaffen und Pontonbrücken (Persische Miniatur aus der Dschami' at-tawarich (Universalgeschichte) Raschīd ad-Dīns). Al-Musta'sim scheiterte aus mehreren Gründen, die Stadt gegen die Mongolen zu verteidigen: Er zog weder zusätzlich Männer in die Armee ein, noch verstärkte er die Verteidigungsmauern. Auch war er nicht bereit, Bagdad den Mongolen zu überlassen. Darüber hinaus fürchtete er sich vor Massakern, die die Mongolen bei einer Übergabe der Stadt begehen würden. So drohte er selbst Hülegü, der dann die Zerstörung der Stadt beschloss.

Hülegü positionierte seine Armee an beiden Seiten des Tigris und ließ sie wie eine Zange die Stadt umschließen. Die Kalifenarmee unternahm mit ca. 20.000 Mann einen erfolgreichen Ausfall und konnte wesentliche Teile des Westufers zunächst wieder unter Kontrolle bringen, unterlag dann aber in einer zweiten Schlacht. Die Mongolen zerstörten einige der flussaufwärts gelegenen Bewässerungsdeiche und konnten so die Ausfallarmee vom Hauptheer in der Stadt abschneiden und einkesseln. Einige tausend Soldaten wurden getötet oder ertranken, den übrigen gelang die Flucht zurück in die Stadt.Saunders, S. 110

Als die Hauptarmee der Mongolen eintraf, begann am 22. Januar die Belagerung Bagdads. Es wurden eine Palisade und ein Graben um Bagdad gezogen und Katapulte und Belagerungswaffen in Stellung gebracht. Aus Ziegeln der verlassenen Vororte errichteten die Mongolen nahe den Stadtmauern Belagerungstürme, von denen aus sie die Mauern mit Steinen, Brandsätzen und Pfeilen überschießen konnten.Nicolle, S. 132 Der Fluss wurde am Stadteingang und Ausgang durch Pontonbrücken gesperrt. Eine Woche später startete am 29. Januar der Angriff auf die Stadt. Am 5. Februar gelang es den Mongolen eine Bresche zu schießen und im darauffolgenden Sturmangriff die gesamte östliche Stadtmauer zu erobern. Ein Verhandlungsangebot al-Musta'sims wurde abgelehnt. Am 10. Februar (nach dem islamischen Kalender am 4. Safar 656 AH) übergab er die Stadt und am 13. Februar strömten die Mongolen in die Stadt. Eine Woche voller Zerstörungen und Massaker begann.

Zerstörungen und Massaker mini|Hülegü (links) sperrt den Kalifen al-Musta'sim zusammen mit dessen Schätzen ein und überlässt ihn dem Hungertod (Miniatur aus Le livre des merveilles aus dem 15. Jh.).