Der Aufstand im Warschauer Ghetto war ein Aufstand der im so genannten Warschauer Ghetto gefangenen polnischen Juden gegen ihre Deportation in die deutschen Vernichtungslager, der während der deutschen Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg stattfand. Das Warschauer Ghetto war ein 1940 von den deutschen Behörden unter der Tarnbezeichnung „Jüdischer Wohnbezirk“ errichtetes Sammellager im Rahmen des von ihnen geplanten Völkermords an Juden (Holocaust).
Die völlig unzureichend bewaffneten dort gefangenen Aufständischen erhoben sich am 19. April 1943 und lieferten der deutschen Besatzungsmacht mehrere Wochen lang erbitterte Gefechte. Getragen wurde der Aufstand von der Jüdischen Kampforganisation (ŻOB) unter der Leitung von Mordechaj Anielewicz, dem Jüdischen Militärverband (ŻZW) und anderen Organisationen. Am 16. Mai 1943 meldete der Befehlshaber auf deutscher Seite, Jürgen Stroop, die Niederschlagung des Aufstands; am gleichen Tag ließ Stroop die Große Synagoge sprengen. mini|Mutmaßliche Aufständische werden nach ihrer Gefangennahme nach Waffen durchsucht. mini|hochkant|Angehörige eines Polizeibataillons vor einem Tor zum umkämpften Ghetto
Vorgeschichte Am 28. September 1939 kapitulierte die polnische Hauptstadt Warschau angesichts des deutschen Angriffs. Bereits zuvor waren hohe Politiker verschiedener Parteien geflohen. Die jüdischen Politiker gingen zumeist entweder in die Sowjetunion oder in die zu diesem Zeitpunkt noch selbstständigen baltischen Staaten, wo sie sich hauptsächlich in Wilna niederließen, das wegen seiner damals großen jüdischen Gemeinde auch „Jerusalem des Nordens“ genannt wurde. Dadurch verloren die Mitglieder der jüdischen Parteien, vor allem die der Linken und der Zionisten, ihre Anführer. Folgende Parteien und Organisationen gingen in den Untergrund: Allgemeiner jüdischer Arbeiterbund (Bund), Poalei Zion, HaSchomer HaTzair, Gordonia, Akiba und Betar. Sie gründeten kleine Gruppen von fünf bis zehn Mitgliedern, die untereinander diskutierten oder Parteiarbeit leisteten. Als die meisten Führer der anderen Parteien nach dem deutschen Einmarsch nach Warschau zurückkehrten, gelang es anfangs vielen, ihre Anhänger- und Mitgliederzahl zu vermehren.
Ab Oktober 1939 verfuhren die Besatzer mit den Juden in Polen ähnlich wie in Deutschland. So wurden ihre Geschäfte gekennzeichnet und Juden auf offener Straße misshandelt. Außerdem wurden ausgrenzende Maßnahmen wie Judensterne verhängt. Noch 1939 wurde ein sogenannter Judenrat eingerichtet. Er wurde auf deutsche Weisung von Adam Czerniaków geführt, der schon vor dem Krieg in der Kehilla, dem jüdischen Parlament, aktiv war. Der neu gegründete Rat konnte nur eingeschränkt arbeiten, war kaum fähig, karitative Einrichtungen zu unterstützen. Vielmehr stellte er ein Instrument der deutschen Besatzer dar. Schon 1939 planten die Besatzer, einen jüdischen Wohnbezirk, Ghetto genannt, in Warschau zu errichten. Das Judenratsmitglied Szmul Zygielbojm, der auch im Bund Mitglied war, organisierte eine Demonstration, auf der er eine Ansprache hielt. Dies war einer der ersten öffentlichen Proteste im besetzten Polen. Das Ghetto wurde erst ein Jahr später, am 15. Oktober 1940, errichtet. Auf 2,4 % der Fläche Warschaus sollten circa 30 % der Bewohner leben. Im Ghetto operierten verschiedenste Organisationen, wie das Joint Distribution Committee (JDC), eine amerikanische Hilfsorganisation, das Toz für ärztliche Hilfe sowie das Centos zur Unterstützung von Kindern. Die größte Hilfsorganisation war die jüdische Selbsthilfe (Żytos). In dieser Zeit wurden zunehmend Selbstschutzgruppen gegründet oder erweitert wie zum Beispiel Tsukunft-Shturm oder Swit. Ein bewaffneter Aufstand stand in dieser Zeit noch nicht im Raum; noch lebten mehr als 550.000 Menschen in dem Ghetto. Die Parteien und Hilfsorganisationen versuchten, die Gefahr von Typhus und Fleckfieber einzudämmen. Auch die Suppenküchen waren ein wichtiger Aspekt der Widerstandsarbeit der ersten Jahre. Das änderte jedoch nichts daran, dass der Großteil der Ghettobevölkerung Hunger litt – nur etwa 15 % der Bewohner waren ausreichend ernährt. Viele Ghettobewohner starben an den Folgen des Hungers. Bis Ende 1942 wurden 300.000 der Ghettobewohner in Vernichtungslager deportiert. mini|hochkant|Ein Bewohner des Warschauer Ghettos hält den Körper eines verhungerten Kindes in den Händen (1942)
Ab dem 22. Juli 1942 wurde mit der Großen Aktion im Rahmen der Aktion Reinhardt die schrittweise Auflösung des Warschauer jüdischen Wohnbezirks als Teil der so genannten „Endlösung der Judenfrage“ begonnen. Täglich wurden mehr als 6.000 Menschen in Vernichtungslager, in erster Linie Treblinka, abtransportiert. Als Zwangsarbeit und Todesrate zunahmen, realisierten die politischen Führer und ihre Anhänger langsam, was die Nationalsozialisten im Sinn hatten, und begannen mit Gegenmaßnahmen. So warben alle politischen Richtungen für ihre Organisationen. 1941 war der Bund eine Miliz mit 500 Mitgliedern, Swit war dagegen eine Kaderorganisation. Die Zionisten, vor allem die starken sozialistischen Jugendgruppen Dror (Freiheit)jiddisch für „Freiheit“ und Hashomer Hazair (Der junge Wächter), hatten eine enge Zusammenarbeit. Die kommunistische Partei befand sich im Wiederaufbau, nachdem die Kommunistische Partei Polens zuvor von Stalin liquidiert worden war. Im März 1942 bildete sich die erste überparteiliche Widerstandseinheit, die Antifaschistische Front. Sie wurde von den zionistischen Jugendgruppen und der Polnischen Arbeiterpartei (PPR) getragen. Der anti-zionistische Bund wurde nicht Mitglied, da er den Kommunisten misstraute. Die beiden Führer des Bundes, Wiktor Alter und Henryk Erlich, waren in sowjetischer Gefangenschaft im März 1943 hingerichtet worden.
Der neu gegründete Block aus Hechalutz und PPR besaß eine Kampforganisation mit circa 500 Mitgliedern, doch hatten sie fast keine Waffen und waren nicht einsatzbereit. Im Juli begannen die großen Deportationen, die Widerstandsgruppen verloren fast ihre gesamte Basis. Der Bund war am schlimmsten betroffen, er verlor 90 % seiner Miliz. Nach dem Ende des Oktobers 1942 lebten nur noch 50.000 Menschen im jüdischen Wohnbezirk. Im gleichen Zeitraum wurde die Jüdische Kampforganisation (ŻOB für Żydowska Organizacja Bojowa) gegründet. Der Hashomer Hazair ist zuzuschreiben, dass sie anti-kommunistische und anti-bundistische Gruppierungen wieder an einen Tisch bringen konnte. Die Kampforganisation wurde nach dem Vorbild der Fareinikte Partisaner Organisatzije (Vereinigte Partisanen-Organisation) aus Wilna gebildet. Im ŻOB waren also der Antifaschistische Block, das heißt Hashomer Hazair, Dror, Gordonia, Akiba, Poale Zion und die PPR vertreten. Der Bund wurde ebenfalls Mitglied. Dazu wurden zwei politische Arme gebildet: einmal das Nationalkomitee (Żydowski Komitet Narodowy, ŻKN), welches aus dem alten Antifaschistischen Komitee bestand, und das Koordinationskomitee (Żydowski Komitet Koordynacyjny, ŻKK), das die Zusammenarbeit mit dem Bund organisieren sollte.
Mitglieder des Koordinationskomitees waren für: Poale Zion: Hersz Berliński Bund: Adam Sznaidmil, Marek Edelman, Abraham Blum, Bernard Goldstein PPR: Michał Rozenfeld, Edward Fondamiński Allgemeine Zionisten: Menachem Kirszenbaum rechte Poale Zion: Jochanan Morgenstern Hashomer Hazair: Arie Wilner Dror: Cywia Lubetkinin der Schreibweise Ziviah L. publizierte sie den Essay Die letzten Tage des Warschauer Gettos (sic). Zuerst in Neue Auslese (aus dem Schrifttum der Gegenwart) Nr. 1/1948, Alliierter Informationsdienst o. O.; wieder als Einzelpublikation im VVN-Verlag, Berlin 1949, Illustr. Georg McKing, Nachwort Friedrich Wolf Gordonia: Eliazer Geller
Nach dem Verlust vieler Mitglieder durch Deportationen musste die ŻOB neue Mitglieder aufnehmen, wobei sie im Gegensatz zur ŻZW nicht jeden aufnahm. In den folgenden Monaten versuchten beide Widerstandsgruppen, sich Waffen zu organisieren. Der ŻZW hatte Kontakte zu Henryk Iwański, einem christlichen Polen, der in der Heimatarmee kämpfte und als einer von wenigen den Juden bei der Waffenbeschaffung half. Die ŻOB bekam kaum Waffen von der Heimatarmee und wenige Waffen von der kommunistischen Volksgarde. Sie mussten sich größtenteils die Waffen auf dem Schwarzmarkt kaufen, von Geld, das sie von Kollaborateuren und dem Judenrat erpresst hatten. In dieser Zeit wurden auch häufig Kollaborateure, meistens Ghettopolizisten, hingerichtet. Mit diesen Mitteln versuchte die ŻOB, sich weiteren Respekt zu verschaffen. Auch richteten sie Fabriken für Molotowcocktails ein, die im folgenden Aufstand als Hauptwaffe eingesetzt wurden. 1964 wurden z. B. noch 100.000 Zünder für Molotowcocktails im Gebiet des Ghettos gefunden.
18. Januar 1943 mini|hochkant|Plakat der ŻOB Die höchsten deutschen Stellen wollten, dass der Warschauer jüdische Wohnbezirk bis Ende 1942 vollständig aufgelöst wird; dies wurde dann in das Jahr 1943 hinein verschoben. Am 18. Januar marschierte der Befehlshaber SS-Oberführer Ferdinand von Sammern-Frankenegg mit mindestens 1000 Mann in das Ghetto ein. Die ŻOB und der ŻZW hatten aber in den letzten Monaten ihre Strukturen und Ausbildung verbessert sowie ihre Waffenlager aufgefüllt. Die ŻOB verfügte über 1250 überwiegend jugendliche und unausgebildete Kämpfer und der ŻZW über 150. Da sich keiner zur Deportation meldete, mussten die Truppen weiter ins Ghettogebiet hinein. Sie wurden zum Beispiel an der Gęsia-Straße und an der Zamenhof-Straße von Kämpfern erwartet, unter ihnen auch der Anführer Mordechaj Anielewicz. Die Deutschen wurden bis zum 22. Januar mit Partisanentaktiken angegriffen. Die Widerständler, in deren 50 Gruppen nur jeder Zehnte eine Pistole hatte, konnten die Soldaten zwar nach vier Tagen aus dem Ghetto vertreiben, doch hatten sie dabei 80 % ihrer Kämpfer verloren.
Vier Tage später kamen die Deportationen zum Stillstand. Da dem Stab des ŻOB klar war, dass sie die Deportationen nur vorübergehend verhindern konnten, bereiteten sie sich intensiv auf den nächsten Zusammenstoß mit den Deutschen vor. Auch kauften sich nun viele Bewohner Waffen und gründeten sogenannte „wilde Gruppen“. Die Heimatarmee schickte nun eine größere Lieferung mit 50 Pistolen, Gewehre besaß die ŻOB fast keine. Der ŻZW wurde durch Henryk Iwański besser versorgt, sie hatten sogar einige Maschinenpistolen und -gewehre.
Widerstandsgruppen mini|hochkant|Mordechaj Anielewicz, Anführer der Warschauer Gruppe von Hashomer Hatzair und wesentlich beteiligt an der Organisation und Durchführung des Ghetto-Aufstands mini|hochkant|Mira Fuchrer, polnisch-jüdische Widerstandskämpferin und Freundin von Mordechaj Anielewicz|alternativtext=junges zartes Mädchen mit weißem Kragen Das verkleinerte Ghettogebiet wurde in vier Kampfzonen eingeteilt: Zentralghetto, geleitet von: Mordechaj Anielewicz, Michał Rozenfeld, Jochanan Morgenstern, Israel Kanal. Die Kampfgruppenführer waren Zacharia Artsein, Ber Braudo, Aron Bryskin, Józef Farber, Mordechai Growas, Leib Gruzalc, Simon Kaufman, Leib Rotblat, Benjamin Wald, Fondamiński, Dawid Hochberg und Henryk Zylberberg. Gebiet der Bürstenfabrik, angeführt von Marek Edelman und Hersz Berliński. Die Kampfgruppenleiter waren Jurek Błones und Jakub Praszke. Fabrikgelände (Produktives Ghetto), angeführt von Isaac Blaustein, Hersz Kawe, Meir Majerowicz, David Nowodworski, Wolf Rozowski, Joshua Winogron, Adam Szwarcfus und Eliazer Geller. Muranowski-Platz, der vom ŻZW verteidigt wurde. Sie wurden durch die ehemaligen Offiziere Abraham Rodła, Arie Rodal, Dawid Apfelbaum und Paweł Frenkiel angeführt, zudem hatten sie in den anderen Gebieten eine Kampfgruppe.
Beweggründe