Die Straße in Flandern (frz. ) ist ein Roman des französischen Literatur-Nobelpreisträgers Claude Simon aus dem Jahr 1960.Burmeister, S. 47 oben mini|Der behexte Stallknecht von Hans Baldung Grien (SchutzumschlagbildPiper-Ausgabe 1985)

Inhalt Simon erzählt in seinem Roman von der Konfrontation des jungen, dem französischen großbürgerlichen Milieu entstammenden Georges mit der brutalen Wirklichkeit des Zweiten Weltkrieges. Aus dem behüteten Leben eines Jugendlichen mit altsprachlicher Bildungstradition wird er durch die Abordnung zu einer von seinem adligen Verwandten Rittmeister de Reixach kommandierten Reiterschwadron herausgerissen. Die traumatischen Erlebnisse der Schlacht in Flandern, des Rückzugs und Untergangs der Truppe (Motto: „Ich glaubte leben zu lernen, ich lernte sterben“) bestimmen sein Leben nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft. In seinen sich überlagernden und immer wieder variierenden Erinnerungen dominieren drei Aspekte die zunehmende Desillusionierung seiner bisherigen Identität: Verlusterfahrungen Georges ist als Sohn eines UniversitätsprofessorsDie Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 214 und seiner Frau aus der adligen Familie de Reixach nach dem Menschen- und Weltbild des in der Schule gelehrten klassischen Bildungsideals mit seinen „idyllischen schattigen Landschaften, das idyllische rührselige Reich der Vernunft und Tugend“Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 193 erzogen worden und beabsichtigte, Lehrer zu werden. Aber im Gegensatz zu seinem Vater, der „im Halbdunkel des dämmerigen Pavillons saß wo die Welt durch die bunten Fensterscheiben wie ein Ganzes erschien“,Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 233 wird bei ihm das Ideal der Aufklärung immer mehr durch die Kriegswirklichkeit verdrängt, z. B. durch die verwesenden Menschen- und Pferdekadaver am Straßenrand, „assimiliert von der tiefen Erde, die in ihrem Schoß unter dem Haar aus Gräsern und Blättern die Gebeine von jeder verstorbenen Rosinante […] und jedem verstorbenen Reiter […] und jedem verstorbenen Alexander die wieder zu brüchigem Kalk geworden sind […] zu Fossilien, was er […] selbst im Begriff war zu werden, indem er ohnmächtig miterlebte wie sich der Stoff aus dem er gemacht war langsam verwandelte […] aufgefressen […] von einem Gewimmel das langsam vordrang und das vielleicht das geheime Getümmel der Atome war die gerade permutierten um sich gemäß einer anderen Struktur, einer mineralischen oder kristallinischen, neu zu ordnen in dem kristallinischen Dämmerlicht“.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 231f. Er fühlt sich „schon halb von der Erde verschlungen, zurückgenommen“.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 232f. Auch im Gesichtsausdruck Wacks erlebt Georges „die brüske Offenbarung des Todes der nämlich endlich nicht mehr nur in der abstrakten Form jener Vorstellung bekannt war mit der zusammenzuleben uns zur Gewohnheit geworden ist, sondern in seiner physischen Realität aufgetaucht war oder vielmehr zugeschlagen hatte, diese Gewalttat, dieser Angriff, ein Schlag von unerhörter ungeahnter maßloser ungerechter unverdienter Brutalität die stumpfsinnige verblüffende Wut der Dinge die keiner Gründe bedürfen um zuzuschlagen“.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 84f. Georges erlebte nicht nur die „Vernichtung einer der beiden Armeen sondern vielmehr das Verschwinden das Eingesogenwerden dessen was eine Woche früher noch Regimenter Batterien Schwadronen Menschen gewesen waren durch das Urnichts oder das Urall, oder mehr noch: das Verschwinden sogar der Idee des Begriffs Regiment Batterie Schwadron Mensch, oder mehr noch: das Verschwinden jeder Idee jedes Begriffs“.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 287f.

Aus der Gefangenschaft schreibt er seinem Vater, der die Bombardierung der Leipziger Bibliothek beklagte: „wenn der Inhalt der Tausende vom Schmökern dieser unersetzlichen Bibliothek eben nicht vermocht hätte Geschehnisse wie die Bombardierung die sie zerstört habe zu verhindern, ich nicht einsähe inwiefern die Vernichtung durch Phosphorbomben dieser Tausende von Schmökern und Papieren die offenbar völlig unnütz gewesen seien einen Verlust für die Menschheit bedeute. Es folgte die ausführliche Aufstellung der sicheren Werte, der sehr notwendigen Dinge die wir hier viel dringender brauchen […] nämlich Socken, Unterhosen [….]“.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 215 Aber nicht nur im Krieg erlebt Georges das Recht der Stärkeren und den Verlust der Solidarität. Sind die Hierarchien bei den Soldaten vorgeben, so bilden sie sich im Lager in Kämpfen des Glücksspiels und Schwarzmarkts heraus, bei denen die Besitzenden oder die Skrupellosen die Schwachen beherrschen.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 208 Gesellschaftskritik Parallel dazu stellt er den bildungsbürgerlichen bzw. großbürgerlichen elitären Lebensstil durch die Begegnung mit den Soldaten aus dem einfachen Volk mit ihren langen Arbeitstagen infrage, z. B. dem elsässischen Bauern Wack oder dem gleichaltrigen jüdischen Schneider und Tuchhändler Blum.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 273f. Der grausame Untergang der Reiterschwadron in Flandern, „üble Affäre“Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 157 in den Worten eines Offiziers, kontrastiert mit dem Pferderennen als Gesellschaftssport des Adels und des Großbürgertums mit ihren Auftritten auf der Tribüne und der Rivalität um die besten Pferde und Jockeys als Beweis ihrer Macht. Im Krieg nun wird die Ausbeutung von Mensch und Tier auf die tödliche Spitze getrieben. Beide Ereignisse stehen miteinander verzahnt in der Romanmitte. Das Pferderennen umrahmt den endgültigen Untergang der Schwadron.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 137-[148-159]-174 Georges hat sich, als er nach 5 Jahren aus der Gefangenschaft zurück zu seinen Eltern ins Herrenhaus kehrt, von seinen früheren Klassenvorstellungen gelöst. Er übernimmt die vor dem Krieg einem Pächter überlassene Landwirtschaft.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 223

mini|210px|Georges Phantasien entzünden sich an einer alten Grafik „Der überraschte Liebhaber“. Frauenphantasien Neben der Beschreibung der Situation der Soldaten in Flandern und in der Gefangenschaft ist Georges fasziniert von seinen sich in sexuellen Träumen artikulierenden Frauenphantasien, die sich auf flüchtige Begegnungen und rätselhafte Dreiecksbeziehungsgeschichten zwischen Ehemann, untreuer Frau und ihrem Liebhaber beziehen. Ausgelöst werden bei ihm solche Gedanken durch den Ritt des Rittmeisters in den „ehrbaren getarnten Selbstmord“.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 193 Georges sucht nach dem Grund dafürDie Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 12 usw. und fragt sich, welche Rolle seine junge Frau Corinne dabei spielt.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 13 usw. Assoziativ dazu fallen ihm weitere Beispiele geheimnisvoller Frauen ein:

In einem Dorf in den Ardennen wird er während einer Einquartierung Zeuge einer Auseinandersetzung zwischen dem Beigeordneten und dem mit einem Jagdgewehr bewaffneten Bauern um die junge Bäuerin, vermutlich seine Schwägerin.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 56f. 258 usw. Die Frau, die Georges nur kurz im Licht der Laterne „wie Milch“Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 57 in der Scheune gesehen hat, entfesselt seine Leidenschaft und er stellt sie sich hinter dem mit einem Pfau bestickten Vorhang ihres FenstersDie Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 59 als Göttin vor.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 278

Er erinnert sich, in seiner Kindheit ein Porträt des vor ca. 150 Jahren verstorbenen de Reixach-Urgroßvaters Arnolphe mit einem in seiner Phantasie blutenden KopfschussDie Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 177 gesehen und von Dienern gehört zu haben, der Freitod stehe in Verbindung mit der Affäre seiner untreuen Frau Agnes.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 80 Blum durchdenkt mit Georges diesen Fall in allen möglichen Varianten, bewertet aber schließlich die Familiengeschichte als „Theater Tragödien erfundene Romane […] sowas gefällt dir du spinnst es noch aus“.Die Straße in Flandern. Roman. Aus dem Französischen von Elmar Tophoven. R. Piper, München 1961, 1985, S. 276 Die hart arbeitenden Schneider und Tuchhändler in seinem Stadtviertel hätten für die abgehobenen Scheinprobleme der de Reixachs keine Zeit. Corinne de Reixach