Mutiyettu, auch Mudiyettu, Muṭiyēttu (), ist ein hinduistisches Ritualtheater, das jährlich in mehreren Tempeln im südindischen Bundesstaat Kerala aufgeführt wird.

Im Mittelpunkt der Lieder, dramatischen Szenen und Tänze steht die als oberste Göttin verehrte Bhadrakali, eine Erscheinungsform der Kali, wie sie siegreich gegen den Dämon Darika kämpft. Die Erzählung Darika vadham wird in den Puranas überliefert. Der Name mutiyettu bedeutet „Tragen der Krone“, der Kopfputz (muti oder mudi) ist das religiös bedeutsamste Ausstattungselement. Die Göttin Bhadrakali verkörpert ein Darsteller, der während des Dramas von ihr besessen wird. Ihr Alter Ego ist eine hässliche Figur namens Kuli, die Karikatur einer Frau aus der Unterschicht, die zwischen den Szenen Possen reißt und die angespannte sakrale Atmosphäre auflockert.

Alle Rollen der von früh morgens bis nach Mitternacht dauernden Aufführung werden von Männern dargestellt, die Mitglieder weniger oberer Kastengruppen sind. Die Aufführungen finden in der heißen Jahreszeit zwischen Februar und Mai statt und stellen ein an die Muttergöttin gerichtetes Erntedankfest dar. 2010 wurde Mutiyettu in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.Mudiyettu, ritual theatre and dance drama of Kerala. UNESCO Intangible Cultural Heritage, 2023. miniatur|hochkant=1.4|Bhadrakali, von Priestern umgeben, 2009

Herkunft und Umfeld Indische Volkstheater lassen sich nach ihrer Funktion in zwei Gruppen einteilen: in Unterhaltungstheater, die zumindest teilweise aus dem religiösen Mythenrepertoire schöpfen und von denen einige in Nordindien in der Tradition des Swang stehen, sowie in religiöse Theater, die mit dem Bhakti-Kult entstanden sind. Inhaltlich und strukturell besteht zwischen religiösen Theatern und Ritualen kaum ein Unterschied. Die Aufführungen des alten Sanskrit-Theaters Kutiyattam in Kerala mit geschminkten Darstellern und des Tanzdramas Krishnanattam werden als Opfer an die Gottheit des Tempels verstanden. Ebenso kann der außerhalb von Tempeln gezeigte klassische Tanzstil Kathakali in einem entsprechenden Zusammenhang die Funktion eines Opfers übernehmen.Phillip B. Zarrilli: The Ritual Traditions. Introduction. In: Farley P. Richmond, Darius L. Swann, Phillip B. Zarrilli (Hrsg.): Indian Theatre. Traditions of Performance. University of Hawaii Press, Honolulu 1990, S. 122f Davon unabhängig geht jedem religiösen Ritualtheater (etwa Yakshagana in Karnataka oder Chhau in Bihar) eine Einführungshandlung mit einer Opferung/Ehrerweisung (puja) an einen Gott voraus.

Zur vollständigen Durchführung eines Rituals gehören üblicherweise folgende Bestandteile: die Anrufung der Gottheit mit einem formelhaften, rhythmisierten Text, Lieder in Versen und Dialogen; eine den Inhalt bildende mythischen Erzählung; ein in Tänzen und dramatischen Aktionen dargestellter Handlungsablauf, ein breites Arsenal an Ritualgegenständen, Masken und Kostümen; ein abgegrenzter und rituell gereinigter Ort des Geschehens und ein gläubiges, teilweise interagierendes Publikum.

Ein wesentlicher Aspekt der indischen Ritualtheater ist, dass der Darsteller nicht in einer Schauspielrolle agiert, sondern sich für eine gewisse Zeit verwandelt, sodass er die Gottheit verkörpert und von den Gläubigen als eine Repräsentation der Gottheit verehrt wird. Im Shatapatha-Brahmana wird in der mythischen Geschichte von Urvashi und Pururava, die von der Beziehung zwischen einer schönen Apsara und einem König handelt, ein Feuerritual beschrieben. Bei diesem Ritual verwandelt sich König Pururava in einen Gandharva, in der indischen Mythologie ist dies einer der himmlischen Musiker und Gefährten der Apsaras.Varadpande, S. 33f

miniatur|hochkant|Blumenbild (kalam) des Dämon Darika im Kottangal Devi-Tempel im Dorf Kottangal im Distrikt Pathanamthitta Mehrere dramatische Formen inszenieren die Besessenheit des Darstellers durch eine Gottheit, wie sie seit alter Zeit im volkstümlichen Bhuta-Kult überliefert ist, und schildern, bevor die Verwandlung des Darstellers erfolgt, die Herkunft und besondere Macht der Gottheit. Im Teyyam-Ritualdrama von Kerala mit geschminkten Akteuren und im Maskentanz Gambhira von Westbengalen gibt es einen ersten Teil, in dem der Darsteller die Göttergeschichte in Versen vorsingt. Im Gambhira wie im Mutiyettu verkörpert sich die weibliche Energie in Form von Durga oder Kali, dagegen gehören zum Teyyam rund 400 einzelne Gottheiten und Dämonen, die im jeweiligen Ritual vom Körper des Akteurs Besitz ergreifen. Mit dem Ritualdrama Ayyappan tiyatta aus Kerala hat Mutiyettu ein großes, die Gottheit repräsentierendes Bodenbild kalam gemeinsam, das zu Beginn der Aufführung angefertigt und als abschließender Akt zerstört wird. In den Ritualen Nagamandala, Ashlesha bali und Sarpam thullal im Süden von Karnataka nimmt das Bodenbild die Form eines Mandalas an, in welchem der Schlangengott Naga beschworen wird. Während bei Teyyam und Ayyappan tiyatta ein Hauptdarsteller im Zentrum des Geschehens steht, ähneln sich Mudiyettu und Prahlada natakaPrahlada Nataka, Indian Theatre. Indianetzone in Odisha in der groß angelegten szenischen Darstellung mythischer Handlungen, die in einer heroischen Schlacht mit dem Sieg über den bösen Dämon enden. Strukturell ähnlich angelegt sind auch Ritualdramen, bei denen Vishnu in einer seiner Inkarnationen verehrt wird, etwa das nahe Thanjavur in Tamil Nadu aufgeführte Bhagavata mela. Dort wird der Hauptdarsteller von Narasimha besessen. Unter den zahlreichen Teilnehmern verwandelt sich jeweils nur der Hauptdarsteller in die Gottheit, im Unterschied hierzu ergreift im Kattaikkuttu (auch Terukkuttu)Terukkuttu, Indian Folk Theatre. Indianetzone in Tamil Nadu die Gottheit im Verlauf des Dramas von mehreren Akteuren und Gläubigen Besitz. Zu den Ritualdramen, die im 17. Jahrhundert in Kerala bekannt waren, gehören Mutiyettu sowie Teyyam, Ayyappan tiyatta und das um diese Zeit entstandene Tanzdrama Krishnanattam, das zum direkten Vorläufer für Kathakali wurde.Zarrilli, S. 126f, 316

Der Mythos von Kali und Darika (Darika vadham) wird nur in Kerala dargestellt, die Muttergottheit dagegen in ganz Indien verehrt: in Tamil Nadu in Gestalt der legendären tamilischen Frau Kannagi und die Göttin Durga besonders in Bengalen als Büffeltöterin Mahishasuramardini. Neben der religiösen Verehrung stellt Mutiyettu zugleich ein vereinigendes gesellschaftliches Ereignis dar, welches die verschiedenen sozialen Schichten zusammenführt.

Inhalt Bei der im Markandeya Purana überlieferten Geschichte geht es um einen der vielen Kriege zwischen den Asuras (Dämonen) und den Devas (Göttern), bei denen die Asuras beinahe vollständig vernichtet und die meisten Asura-Frauen zu Witwen geworden sind. Zwei der Witwen mit Namen Darumathi und Danumathi konnten nach langem Flehen Brahma überreden, dass er sie zwei Söhne gebären lässt: Darika und Danavendra. Die beiden gediehen anfangs sehr zur Freude Brahmas, sodass er sie mit dem Versprechen (vara) ausstattete, dass sie von keinem männlichen Wesen der Menschen, Dämonen oder der Götter getötet werden könnten. Für den Fall einer Verletzung Darikas würden aus seinen Blutstropfen sofort Tausende neuer Darikas hervorgehen und im Kampf an seiner Seite stehen. Zum Nachteil der beiden geriet später, dass sie vergaßen, am Rande auch die Frauen in die erbetene Zusicherung miteinzubeziehen.

Ausgestattet mit einer solchen Rückendeckung eroberten nun Darika und sein Kumpel Danavendra die ganze Welt, stifteten überall Unruhe und forderten sogar Indra heraus. Als der Weise Narada Shiva von den Grausamkeiten unterrichtete, war dessen Geduld überstrapaziert. Shiva erschuf aus seinem dritten Auge die Göttin Bhadrakali und gab ihr den Auftrag, Darika und Danavendra zu töten. Sie sollte von Nandikeshvara und Kuli, den beiden Begleitern Shivas und von der blutdürstigen Göttin Vetali unterstützt werden. Vetalis Aufgabe war, das Blut aus Darikas Wunden zu schlucken, bevor es den Boden erreicht. So gelang es Bhadrakali, den Dämon zu töten. Diese Geschichte wird im Mudiyettu auf höchst dramatische Weise inszeniert. Es gibt Parallelen zum Kampf des von Vishnu erschaffenen Narasimha gegen den Dämon Hiranyakashipu, der im Prahlada nataka dargestellten Geschichte.Varadpande, S. 35; Pillai, S. 122f

Aufführungspraxis Mudiyettu-Aufführungen finden jährlich nach der Ernte in der heißen Jahreszeit zwischen Februar und MaiLt. PDF der UNESCO; Caldwell 2006, S. 191: Januar bis April; dagegen Varadpande, S. 34: im November und Dezember entsprechend dem Malayalam-Kalendermonat vrischikam auf dem abgeschlossenen Hof von Tempeln der Muttergöttin Bhagavati (Bhagavati kavu) oder Bhadrakali statt. Drei Familien in Zentralkerala erhalten die Mudiyettu-Tradition aufrecht und rekrutieren die Darsteller aus ihren Reihen. Sie stammen aus Pazhur und Keezhillam im Ernakulam-Distrikt und Koratty im Thrissur-Distrikt. Aufführungen finden in den Distrikten Ernakulam, Idukki, Kottayam und Thrissur statt. Die Darsteller sind traditionell Mitglieder der Subkasten Nayar (Nair), Kurup (Kuruppu) und Marar. Die Organisation liegt in Händen der Familienältesten, wobei Mitglieder aus allen sozialen Gruppen und Kasten des Dorfes ihren zugedachten Beitrag bei der Vorbereitung und Durchführung leisten. Mitglieder der unteren Kaste der Parayiar beschaffen die Rinderhäute zur Bespannung der Trommeln und Ritualobjekte aus Bambus. Die Tandan bringen Blätter der Betelnusspalme, die für die Kostüme gebraucht werden. Ein Mitglied der Ganakan bemalt den Kopfputz und tritt als Sänger auf. Kuruvan sorgen dafür, dass die Fackeln und Öllampen brennen, während Maran das Öl für dieselben beschaffen.

Die Aufführung besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil, der früh am Morgen beginnt, finden Opferungen und Anbetungszeremonien statt, anschließend fertigt ein Priester (tantri) das Bodenbild an. Im zweiten Teil wird der Mythos als dramatische Aktion gespielt. Ursprünglich könnte Darika vadham lediglich als einfacher Gesang dargeboten worden sein. Um das Thema zu visualisieren, kam dann zunächst das Abbild der Göttin als Fixpunkt hinzu, das später raumgreifend um die dramatische Aktion erweitert wurde. Der Entwicklungsprozess vollzog sich, ohne dass sich am Charakter des Rituals etwas geändert hätte.

Teil 1. Bild und Anrufungslieder miniatur|Bhadrakali kalam, Bodenbild der Göttin Bhadrakali in Kerala. Dieselben Farbpulver, aber nicht im Zusammenhang mit Mutiyettu Die Eröffnungszeremonie folgt dem Muster einer satyananayana puja, wie sie Hindus anlässlich von Hochzeiten oder Hauseinweihungen veranstalten. Die Göttergeschichten werden in Versform erzählt oder gesungen. Während bei der genannten puja die Verehrung von Vishnu in seiner gütigen Form als Narayana im Mittelpunkt steht, wird im Mutiyettu der Mythos der Göttin Bhadrakali ausgebreitet, wie sie gegen die Dämonen kämpft.

Nachdem Mutiyettu-Priester mehrtägige Ernährungsgebote beachtet und eine morgendliche Reinigungszeremonie absolviert haben, zeichnen sie zunächst in der Zeremonie kalamezhuthu ein großes Bildnis (kalam) der grausamen Göttin Bhadrakali mit farbigen Pulvern auf den Boden. Die Farben sind pflanzlichen Ursprungs, Grün wird aus getrockneten Blättern gemahlen, Weiß besteht aus Reismehl, verkohltes und geriebenes Reisstroh ergibt Schwarz, Gelb besteht aus Kurkuma und Rot aus Kurkuma, Limonen und Reismehl. Das Bild zeigt in überwiegend roter und schwarzer Farbe die erzürnte Kali auf ihrem Weg zum heiligen Berg Kailash mit dem abgeschlagenen Kopf von Darika in der Hand, von dem Blut nach unten tropft. In ihren zahlreichen Händen (4 bis 64) hält sie verschiedene Waffen als ihre Attribute.