mini|hochkant|UniversitätssiegelUrkunde vom 9. Juli 1518, Umschrift: . Die Mondsichelmadonna wurde in das Siegel der Breslauer Universität übernommen. Die Brandenburgische Universität Frankfurt (auch Alma Mater Viadrina oder kurz Viadrina genannt) war die erste Universität in Brandenburg. Sie wurde 1506 in Frankfurt (Oder) gegründet, 1811 nach Breslau verlegt, mit der dortigen Universität Leopoldina vereinigt und als Königliche Universität zu Breslau weitergeführt.
Geschichte Gründung mini|hochkant|Deutsche Briefmarke (2006) 1498 stellte Papst Alexander VI. einen Stiftungsbrief für die Universität aus. Im selben Jahr wurde an der Stelle einer bei einem Pogrom zerstörten Synagoge mit dem Bau des Kollegienhauses begonnen. Bauleiter war Stephan Hundertmarks, der später Bürgermeister wurde. Geldgeber war der Stadtrat. Bis zur Fertigstellung des zweistöckigen Gebäudes im Jahr 1507 kostete das Projekt die Stadt 1100 Schock Groschen.
Papst Julius II. genehmigte am 15. März 1506 die Errichtung der Alma Mater Viadrina. Sie wurde am 26. April 1506 durch Kurfürst Joachim I. als erste Universität in Brandenburg gegründet. Im Gründungsjahr immatrikulierten sich über 900 Studenten aus den deutschen Ländern, aus Polen, Schweden, Norwegen und Dänemark. Die Stadt Frankfurt an der Oder zählte damals 5.000 Einwohner.
An der Viadrina bestanden die klassischen vier Fakultäten, also Theologie, Rechtswissenschaft, Medizin und Philosophie.
Name Viadrina Der Name Viadrina kommt aus dem Lateinischen und lässt sich mit „die an der Oder gelegene“ übersetzen. Die Herkunft des Namens Viadrus als Name der Oder ist umstritten. So wird vermutet, der neulateinische Name Viadrus sei von dem Frankfurter Professor Jodocus Willich für die Oder eingeführt worden.Joachim Schneider: Über die Herkunft und Varianten des Flussnamens Oder. In: Mitteilungen des historischen Vereins zu Frankfurt (Oder). 2003, Heft 1, S. 14. Er findet sich in der Frankfurter Stadtansicht der Cosmographia von 1550. Der Holzstich von 1543 ist die erste Stadtansicht Frankfurts; bereits die Karte zur Germania magna der Ulmer Ptolemäus-Ausgabe von 1482 nennt aber die Bezeichnung Viadus fl.Karte zur „Germania magna“ nach Ptolemäus, 15. Jahrhundert.Ernst Otto Denk u. a.: VIADRUS. Heimatbuch für Bad Freienwalde, Bad Freienwalde Touristik GmbH, 2009.
Entwicklung hochkant|mini|Eingangsportal (um 1911) Zum Stolz der Stadt erhielt das Kollegienhaus 1511 eine Wasserleitung. In den zwei Hörsälen lehrten zwölf besoldete Magister der Artistenfakultät. Kurz nach 1516 wurde die Bibliothek mit dem Erstbestand aus einer Erbschaft des verstorbenen Siegfried Uttensberger im Dachgeschoss angelegt. Ab 1659 war Jonathan Le Clercq erster Bibliothekar der Universität. Die Bibliothek wurde neben der Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg eine der großen in Preußen.
In den Pestjahren 1613, 1625, 1626 und 1656 wurde die Universität in die nahegelegene Stadt Fürstenwalde/Spree verlegt.
1678 wurde auf Befehl von Kurfürst Friedrich Wilhelm westlich des Gebäudes ein botanischer Garten angelegt. Bernhard Friedrich Albinus ließ 1684 im Erdgeschoss ein Anatomisches Theater anlegen. Durch Schäden vom Dreißigjährigen Krieg und die nachfolgende Vernachlässigung der Bausubstanz war das Gebäude 1690 vom Einsturz bedroht. Von 1693 bis 1694 wurde das Gebäude dann grundlegend restauriert und um ein Stockwerk erhöht, die Schmuckgiebel wurden entfernt. Über dem Zugang war eine Mondsichelmadonna. Die Kartusche trug die Beischrift:Deutsch: „Ich will für die Völker mein Banner aufrichten; dann werden sie deine Söhne in den Armen herzubringen. Jesaja 49,22.“
Verlegung
Zur Erneuerung Preußens nach dem Frieden von Tilsit (1807) gehörte eine Reform der Universitäten. An die Stelle der bereits 1806 durch Napoleon Bonaparte geschlossenen Friedrichs-Universität im von Preußen abgetrennten Halle trat in Berlin die Universität zu Berlin. Am 24. April 1811 unterzeichnete König Friedrich Wilhelm III. die Kabinettsorder an den Staatskanzler Karl August von Hardenberg:Die entscheidende Kabinettsorder, in: Aus dem Leben der Universität Breslau. Kommissionsverlag W. G. Korn, 1936, S. 13.
Die im August 1811 geschlossene Viadrina vereinigte sich mit der Leopoldina in Breslau zur Königlichen Universität zu Breslau. Viele Professoren gingen an diese neue Volluniversität, andere nach Berlin. Der Bestand der Bibliothek von ca. 28.000 Büchern wurde im selben Monat auf Veranlassung von Professor Schneider über die Oder nach Breslau verschifft.
Weitere Nutzung des Kollegienhauses mini|Wohngebäude auf dem Grundstück des Kollegienhauses (um 1900). Erbaut Anfang des 17. Jahrhunderts, hatte es wahrscheinlich als Unterkunft für Professoren und Studenten gedient.
Nach der Schließung der Universität wurde die mittlere Etage dem Konditor Couriol überlassen, der darin Maskenbälle veranstalten durfte. 1815 ging das Gebäude vom Staat in das Eigentum der Stadt über und die Untergeschosse wurden als Heu- und Strohmagazin verwendet. Als Gegenleistung überließ die Stadt dem Staat das Gebäude der Stadtschule, den Stadthof. Im obersten Stockwerk befand sich aber seit 1758 weiterhin die Bibliothek der Königlichen Friedrichschule.
1822 wurde das Gebäude zur Stadtschule umgebaut, nachdem die Lagerbestände ins nahe Fouragemagazin verlagert worden waren. Geplant hatte den Umbau der Stadtbaurat Clemens; ausgeführt wurden die Arbeiten von Maurermeister Riegel. Im November 1824 wurde der Schulbetrieb aufgenommen.
Die Schule zog am 25. April 1911 in ein Gebäude in der Wieckestraße. Von 1914 bis 1945 diente das Kollegienhaus als Volksschule (Georgenschule). Sie überstand den Zweiten Weltkrieg ohne größere Schäden und wurde daher 1945 als Unterkunft für Flüchtlinge aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches genutzt.
Danach blieb das Gebäude ungenutzt. 1953 gab es Pläne und bereits bewilligte Mittel, hier einen Jugendclub einzurichten; allerdings wurden die Pläne von der Staatlichen Plankommission verworfen. Auch Bemühungen des Denkmalschutzes waren nicht erfolgreich.Anja Persinger in: Märkische Oderzeitung / Frankfurter Stadtbote. 15. April 2006, S. 15. Am 20. Dezember 1962 um 14 Uhr wurde das inzwischen zur Ruine verkommene Gebäude abgerissen, um einem geplanten Wohnkomplex Platz zu machen.
Rektoren Insgesamt gab es zwischen 1506 und 1811 mehr als 250 verschiedene Prorektoren. Rektor war der Landesherr. Viele Professoren waren mehrfach Rektor. So wechselte von 1509 bis 1749 die Besetzung der Position jedes Semester.Universitätsmatrikel 1506–1811 ().
mini|Gründungsrektor Konrad Wimpina Konrad Koch (Wimpina) (1460–1531), Gründungsrektor. Er stellte zu den 95 Thesen Martin Luthers 106 Gegenthesen auf, als deren Verfasser Johann Tetzel in Erscheinung trat. Auf der Grundlage der Gegenthesen hielt Tetzel am 20. Januar 1518 an der Viadrina eine Disputation über den Ablasshandel.Johann Tetzels Gegenthesen luther2017.de, 24. Januar 2017. Ambrosius Lacher (um 1470–1540) Johann Blankenfeld (1471–1527) Gregor Günther († 1519) Ludolph Schrader (1531–1589) Johann Knobloch (1520–1599) Erdmann Kopernikus († 1573) Heinrich Wenzel von Münsterberg (1592–1639) WS 1608 Conrad Bergius (1592–1642) 1629 Johann Brunnemann (1608–1672) WS 1638, 1649, 1655, 1669 Johann Christoph Bekmann (1641–1717) 1672 Arnold Wesenfeld (1664–1727) Johann Lorenz Fleischer (1689–1749) SS 1745 Johann Samuel Friedrich von Böhmer (1704–1772) 1759, 1769 Christian Ernst Wünsch (1744–1828) 1792, 1803 u. 1811, letzter Rektor
Bekannte Professoren (Auswahl) Georg Sabinus (1508–1560), Professor der Poesie und Beredsamkeit Andreas Musculus (1514–1581), Professor der Theologie Heinrich Paxmann (1531–1580), Professor der Moral und Beredsamkeit Joachim Garcaeus (1567–1633), Professor des Griechischen Alexander Gottlieb Baumgarten (1714–1762), Professor der Weltweisheit und der schönen Wissenschaften Johann Ludwig Uhl (1714–1790), Professor der Rechtswissenschaften Johann Friedrich Reitemeier (1755–1839), Professor der Rechtswissenschaften und preußischer Legationsrat
Studenten Bis zu ihrer Verlegung nach Breslau studierten an der Alma Mater Viadrina 55.000 Personen.
mini|Vorlesungsverzeichnis von 1689 Bekannte Studenten (Auswahl) Hermann Trebelius, Dichter und Buchdrucker (um 1475–nach 1515) Ulrich von Hutten (1488–1523), Humanist Erhard von Queis (um 1490–1529), Bischof von Pomesanien, Wegbereiter der Reformation in Preußen Thomas Müntzer (um 1490–1525), Theologe und Führer im Bauernkrieg Jodocus Willich (1501–1552), Universalgelehrter und Professor in Frankfurt Christoph Stymmelius (1525–1588), Generalsuperintendent von Pommern-Stettin und Autor der ersten Studentenkomödie Studentes Andreas Volanus (1530/1531–1610), Schriftsteller, Übersetzer, Publizist, Polemiker und protestantischer Theologe der Renaissance, Anführer der litauischen Calvinisten und königlicher Sekretär Gregor Lange (1540–1587), Komponist, Kantor an der Marienkirche Joachim Garcaeus (1567–1633), Theologe und Geistlicher Michael Maier (1569–1622), Arzt, Alchemist, Satiriker und neulateinischer Dichter Michael Praetorius (1571–1621), Komponist Jakob Schickfuß (1574–1637), Chronist von Schlesien, Notar der Universität und kaiserlicher Rat und Kammerfiskal Johannes Fleischer der Jüngere (1582–1608), einer der ersten Deutschen in Nordamerika, erster Arzt und akademisch gebildete Botaniker in Englisch-Nordamerika Martin Willich (Pastor) (1583–1633) lutherischer Theologe; Tobias Magirus (1586–1652), Polyhistor und Professor in Frankfurt Martin Opitz (1597–1639), Dichter, Diplomat und Gelehrter Christian Othfar (1609–1660), Theologe, Kirchenlieddichter und Arzt Martin Friedrich Seidel (1621–1693), Historiker Samuel Stryk (1640–1710), Professor und dreimal Rektor in Frankfurt Johann Christoph Bekmann (1641–1717), Universalgelehrter und Professor in Frankfurt Christian Thomasius (1655–1728), Jakob Heinrich Graf von Flemming (1667–1728), kursächsischer Minister und Feldmarschall Andreas Ottomar Goelicke (1671–1744), Mediziner Arnold Heinrich von Aussen (1698–1771), preußischer Beamter und Gutsbesitzer César de Missy (1703–1775), Theologe und Büchersammler Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788), Komponist Ludwig von Pfuel (1718–1789), Generalmajor Johann Gottlieb Walter (1734–1818), Anatom Friedrich Gedike (1754–1803), Pädagoge Carl August Wilhelm Berends (1759–1826), Mediziner, Professor in Frankfurt Konrad Engelbert Oelsner (1764–1828), politischer Publizist Wilhelm von Humboldt (1767–1835), Gelehrter und Staatsmann Alexander von Humboldt (1769–1859), Naturforscher Heinrich Zschokke (1771–1848), Publizist, Pädagoge, Privatdozent in Frankfurt Heinrich von Kleist (1777–1811), Dramatiker Ludwig Berger (1777–1839), Komponist, Pianist Christian Karl Leman (1779–1859), Rechtswissenschaftler und Hochschullehrer Johann David Erdmann Preuß (1785–1868), Historiker Alexander von der Marwitz (1787–1814), brandenburgischer Adeliger und Brieffreund der Rahel Varnhagen von Ense
Jüdische Studenten