mini|Hinrichtung Olympe de Gouges’ mit der Guillotine, Tuschezeichnung von Lavis de Mettais, 1793 mini|hochkant=0.7|Die badische Guillotine (Nachbau, Städtisches Museum im Schloss Bruchsal)
Die Guillotine (IPA: [], ; historisch auch Fallschwertmaschine oder Köpfmaschine genannt) ist ein nach dem französischen Arzt Joseph-Ignace Guillotin benanntes Fallbeil zur Vollstreckung der Todesstrafe durch Enthauptung.
Medizinische Aspekte der Tötung Der Tod tritt bei Verwendung der Guillotine als Folge der Durchtrennung des höchsten Teils des Rückenmarks (Halswirbelsäule) und damit der Unterbrechung der Erregungsausbreitung ein. Während überwiegend davon ausgegangen wird, es trete binnen Zehntelsekunden Bewusstlosigkeit ein – der Enthauptete nehme es also beispielsweise nicht mehr wahr, wenn er dem Publikum präsentiert wird –, waren nach vereinzelten Überlieferungen noch Reaktionen des abgetrennten Hauptes zu erkennen. So sind aus der Zeit der Französischen Revolution Aussagen zum Beispiel über mutmaßliche Sprechversuche abgetrennter Köpfe überliefert. Der deutsche Arzt Johann Wendt und der Franzose Séguret stellten Versuche an, um die Reaktionen der Köpfe zu erforschen. Danach sollten sich beispielsweise noch reflexartig die Augen schließen, wenn eine Hand sich schnell auf das Gesicht zubewegt oder der Kopf hellem Licht ausgesetzt wurde. Nach einem Bericht des französischen Arztes Beaurieux von 1905 habe der Kopf des guillotinierten Henri Languille sogar noch etwa 30 Sekunden auf Zurufe reagiert, was nach modernen neurophysiologischen Erkenntnissen jedoch nicht möglich ist. Ähnliches wird über Hamida Djandoubi berichtet, die letzte in Frankreich enthauptete Person.Als das Fallbeil zum letzten Mal fiel auf www.20min.ch, aufgerufen am 14. November 2007. Detailseite nicht erreichbar, 6. Oktober 2017.30 Extraordinary Photos That'll Leave You Stunned Bright Side (5:37–5:55/6:17 Video) Bright Side, Upload 11. September 2017. Abgerufen am 6. Oktober 2017. – Bild von der letzten Enthauptung in Frankreich, 1939.
Auch ist strittig, ob der Schnitt schmerzfrei ist, denn durch die großflächige Schnittverletzung, bei der Muskeln, Nerven und Knochen durchtrennt werden, ist theoretisch kurzzeitig ein Schmerzreiz gegeben. Da aber durch die Enthauptung jegliche Informationsübermittlung vom Rumpf unterbunden wird, bleiben nur die nicht durchtrennten Anteile des Plexus cervicalis für eine Informationsübermittlung übrig. Bei allen anderen Nervenbahnen tritt in Bruchteilen von Sekunden ein Informationsmangel im Zentralnervensystem ein, ein kurzzeitig auftretendes Taubheitsgefühl, wie beim neuralgischen Schmerz. Die weiteren Schmerzformen haben andere Abläufe als der zentrale Schmerz oder es fehlt wiederum die nötige Zeit, siehe psychosomatischer Schmerz.
Geschichte
Vorläufer mini|hochkant|„Scottish Maiden“, schottischer Vorläufer der Guillotine (Museum of Scotland, Edinburgh)
Bereits früher kamen im Strafvollzug vereinzelt Fallbeile zum Einsatz. Die ersten bekannten Exemplare aus Neapel und Holland stammen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Andere Vorläufer sind das Fallbeil von Halifax (engl. „Halifax gibbet“, 1280, auch „Halifax Machine“), die italienische „Mannaia“ (ital. für Hackbeil, 15. Jahrhundert) und die „Scottish Maiden“ (engl. für schottische Jungfrau, 1564–1708). In Deutschland waren Fallbeile unter dem Namen „Dille“, „Diele“, „Hobel“ oder „Welsche Falle“ bekannt.
Bekannte Persönlichkeiten, die vor dem 18. Jahrhundert mit einem Fallbeil hingerichtet wurden, waren Konradin, der letzte Staufer (1268 mittels einer „Welschen Falle“ hingerichtet), Demetrio Giustiniani (1507 in Genua), Beatrice Cenci (durch eine „Mannaia“) und Henri II. de Montmorency (1632 in Toulouse). Auf einem Holzschnitt aus den Martyrien der Apostel, 1512 von Lucas Cranach dem Älteren, wird der heilige Matthias mit einem einfach konstruierten Fallbeil enthauptet. Heinrich Aldegrever skizziert 1553 in einer fiktiven Radierung, wie Titus Manlius Imperiosus Torquatus seinen Sohn mit einer Mannaia, einer Vorläuferin der Guillotine, enthauptet.
Bis zum 18. Jahrhundert geriet das Fallbeil allerdings vollständig außer Gebrauch.
Anregung durch Joseph-Ignace Guillotin
mini|Guillotin, der Namensgeber der Guillotine mini|Achille Chéreau: Guillotin et la guillotine. 1870 Guillotin reichte am 10. Oktober 1789 für eine geplante Beratung über ein neues Strafgesetzbuch und des Strafvollzug sechs ArtikelAchille Chéreau: Guillotin et la guillotine. In: Union médicale. 1870, S. 64. ein, unter anderem einen Antrag auf Einführung eines mechanischen Enthauptungsgeräts, um grausame und entehrende Hinrichtungsarten abzuschaffen. Unterstützt wurde er dabei durch den Henker von Paris, Charles Henri Sanson, der die Nachteile der Enthauptung mit dem Schwert plastisch beschrieb. Am 1. Dezember fiel dann bei dieser Beratungssitzung, bei der Guillotin eine längere Rede hielt und neben anderen Anträgen zur Strafvollzugsreform auch den „einfachen Mechanismus“ zur Enthauptung schilderte, erstmals die Bezeichnung „Guillotine“ für dieses Gerät.Georg Korn (1891), S. 18–20. Die Nationalversammlung beauftragte den königlichen Leibarzt und ständigen Sekretär der Akademie für Chirurgie Antoine Louis, ein Gutachten darüber zu erstellen. Am 17. März 1792 legte Louis einen Entwurf vor, der das Fallbeil von Halifax zum Vorbild hatte. Im Gutachten hieß es: „Eine solche, niemals versagende Maschine wird sich leicht herstellen lassen.“ Am 20. März 1792 wurde dem Antrag stattgegeben. Die Debatte um die später so genannte Guillotine war von einem leidenschaftlichen Streit um die Todesstrafe begleitet. Guillotin, der bei der Herstellung des Gerätes durch Louis und Tobias Schmidt gar nicht beteiligt war, litt unter der Verwendung seines Namens für dieses Instrument, für das man auch „Louisette“ und „Mirabelle“ (von Mirabeau) vorgeschlagenGeorg Korn (1891), S. 20. hatte, denn er hatte es weder erfunden noch seiner Anwendung bei Kapitalverbrechern beigewohnt. Er hatte lediglich dessen Einführung und Gebrauch aus humanitären Gründen empfohlen. Seine Nachfahren nahmen einen anderen Namen an.
Die erste „Guillotine“ wurde im Auftrag von Sanson von dem deutschen Klavierbauer Tobias Schmidt aus der Rue Saint-André-des-Arts konstruiert. Schmidt hatte zunächst die halbmondförmige Schneide aus Louis’ Entwurf an Schafen ausprobiert, was einwandfrei funktionierte. Als er dann jedoch die Versuche mit Leichen fortsetzte, wurde der Hals nicht immer vollständig durchtrennt. Erst durch Erhöhung des Gewichts und die Einführung der abgeschrägten Schneide, die der Guillotine ihre charakteristische Form gibt und den Trennvorgang zum Schneidevorgang macht, arbeitete das Gerät einwandfrei. Schon bei den ersten Modellen gab es auch den Tisch oder die Wippe (), ein Brett, auf das der Hinzurichtende bäuchlings festgeschnallt wurde und das dann nach vorn in die Waagerechte geklappt wurde. Somit wurde der Kopf zwischen die Pfosten der Guillotine auf die Halsauflage (untere Lünette) gebracht, die dann mit dem nach unten verschiebbaren Gegenstück verriegelt wurde.
Nach Antoine Louis hieß die Guillotine zunächst Louison oder wie weiter oben erwähnt Louisette. In einem in der Nummer 10 des royalistischen, sich satirisch mit den neuen Gewalthabern auseinandersetzenden Journal des actes des apôtres veröffentlichten Lied taucht der Ausdruck Guillotine (bereits vor dem Bau der ersten Maschine dieses Namens) erstmals auf.Georg Korn (1891), S. 20 f. Durch den Sprachgebrauch der Presse setzte sich der Name Guillotine durch. Volkstümliche Spitznamen waren le rasoir national (das nationale Rasiermesser) und la raccourcisseuse (die Kurzmacherin).
Einführung der Guillotine Während der Französischen Revolution wurde die Guillotine per Dekret der Nationalversammlung vom 20. März 1792 als einziges Hinrichtungswerkzeug eingeführt. Die Hintergründe sind verschiedener Natur. Zum einen sollte die Maschine die zahlreichen Hinrichtungen rationalisieren. Ferner sollte die Hinrichtung für die Betroffenen schmerzfrei gemacht werden, denn zuvor brauchte ein Henker mit einem von Hand geführten Beil unter Umständen mehrere Schläge. Für den Namensgeber Guillotin waren humanitäre Gründe ausschlaggebend. Er meinte, dass man den Verurteilten die Angst vor dem Sterben nicht nehmen könne, wohl aber die Qualen der Hinrichtung selbst begrenzen. Die Folter und besonders grausame Hinrichtungsmethoden wie das Rädern sollten mit der Guillotine abgeschafft werden. Tatsächlich gibt es jedoch Berichte, nach denen bei den während der Französischen Revolution benutzten Modellen bisweilen erst nach mehreren Durchgängen der Kopf vollständig abgetrennt werden konnte – so auch bei der Hinrichtung Ludwigs XVI., angeblich aufgrund seines dicken Nackens.
mini|200px|Phantasiedarstellung der Hinrichtung Ludwigs XVI. von Frankreich und die Wirkung der Guillotine auf einem historischen Flugblatt
Zudem sollte aber der Gleichheitsanspruch der Revolution auch bei der Hinrichtung gelten: Vorher war das Enthaupten den Adeligen als „edle“ Todesart vorbehalten, einfache Leute wurden am Galgen gehängt. Mit der Guillotine wurden alle Hinrichtungen vereinheitlicht. Als erster Mensch wurde am 25. April 1792 der Straßenräuber Nicolas Jacques Pelletier mit der neuen Guillotine öffentlich hingerichtet. Um 15:30 Uhr nachmittags wurde das Todesurteil gegen ihn von dem Scharfrichter Charles Henri Sanson auf dem Place de Grève öffentlich vollzogen. Die Chronique de Paris schrieb darüber am folgenden Tag:
Die Guillotine als Instrument des Terrors Ab Juni 1793 wurden in Frankreich allein während der rund einjährigen Schreckensherrschaft der Jakobiner fast 17.000 Menschen guillotiniert, davon etwa 2.500 in Paris.Donald M. Greer: The incidence of the terror during the french revolution. A statistical interpretation (= Harvard Historical Monographs 8, ). Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 1935. Hingerichtet wurden u. a. König Ludwig XVI., Königin Marie-Antoinette, Antoine Laurent de Lavoisier, Friedrich Freiherr von der Trenck aber auch viele Revolutionäre wie Georges Danton, Jacques-René Hébert, Jacques Roux und am Ende Maximilien de Robespierre, der Urheber des Terrors selbst. Aufgrund der blutigen Geschehnisse nahmen viele deutsche Aufklärer, die zuvor die Revolution in Frankreich begrüßt hatten, eine zunehmend kritische Haltung ihr gegenüber ein.
Bis zur Untersagung der Todesstrafe 1981 wurden in Frankreich Todesurteile durch die Guillotine vollstreckt. Bis 1870 geschah dies auf dem so genannten Schafott, einer erhöhten Plattform. Danach wurde die Guillotine weiterhin öffentlich, aber auf normalem Bodenniveau aufgestellt, um den Zurschaustellungscharakter der Hinrichtungen zu mindern. Bei der letzten öffentlichen Hinrichtung in Frankreich wurde am 17. Juni 1939 in Versailles Eugen Weidmann, ein sechsfacher Mörder, gerichtet. Danach wurden die Hinrichtungen in den jeweiligen Gefängnishöfen durchgeführt. Die letzte Hinrichtung durch die Guillotine fand in Frankreich am 10. September 1977 an Hamida Djandoubi statt. 1981 wurde die Todesstrafe in Frankreich durch Staatspräsident François Mitterrand abgeschafft; seit dem 19. Februar 2007 ist sie auch von der Verfassung verboten.
Weitere Verwendung in Frankreich
Das 1792-Modell