Die sogenannten Gefängnishefte () sind neben den Gefängnisbriefen und einer Reihe von journalistischen Arbeiten das politische Hauptwerk des italienischen Marxisten Antonio Gramsci (1891–1937) und können nach Ansicht von Wolfgang Fritz Haug als „ein Hauptwerk der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts“Wolfgang Fritz Haug: Vorwort. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 7 Hamburg 1991, S. 15. gelten. Die Gefängnishefte entstanden in den Jahren 1929 bis 1935, als Gramsci als politischer Gefangener der italienischen Faschisten im Gefängnis saß.
Entstehung mini|hochkant|Antonio Gramsci, der Verfasser der Gefängnishefte (Foto um 1920)
Antonio Gramsci erwähnte die Idee, seine Gedanken und Ideen in Heftform niederzuschreiben, erstmals in einem Brief vom März 1927 an seine Schwägerin Tanja Schucht. In diesem verfasste er auch einen ersten Arbeitsplan.Vgl.: Valentino Gerratana: Einleitung. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 24. Im Jahr 1928 wurde Gramsci erlaubt, im Gefängnis zu schreiben und ab dem folgenden Jahr tat er dies auf regelmäßiger Basis.Vgl.: Valentino Gerratana: Einleitung. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 29. Gramsci schrieb bis in das Jahr 1935 hinein an den Heften, musste dies jedoch dann auf Grund der gesundheitlichen Folgen seines Gefängnisaufenthaltes abbrechen.Vgl.: Valentino Gerratana: Einleitung. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 34f. In den Gefängnisheften wollte sich Gramsci insgesamt 16 Hauptthemen widmen, darunter der Geschichte Italiens, dem Alltagsverstand, dem Amerikanismus und Fordismus sowie einer Theorie der Geschichte bzw. Geschichtsschreibung.Vgl.: Petra Lange: Wege des Politischen. Die politische Philosophie Antonio Gramscis und Hannah Arendts. Osnabrück 2003, S. 29.
Als Grundlage seiner Schriften dienten Gramsci Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, die er während seines Gefängnisaufenthaltes lesen durfte. Hinzu kommen seine Erinnerungen an Gelesenes und Erfahrenes aus seiner Zeit vor dem Gefängnis. Seine Schwägerin Tanja Schucht ließ ihm zudem politische Literatur zukommen.Vgl.: Valentino Gerratana: Einleitung. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 29ff.
Nach dem Tod Gramscis im April 1937 konnte Tanja Schucht die Aufschriften Gramscis an sich nehmen. Im Juli 1938 wurden diese nach Moskau übersandt und kamen erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zurück nach Italien.Vgl.: Einleitung. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 36f.
Veröffentlichungsgeschichte In den Jahren 1948 bis 1951 wurden die Gefängnishefte verteilt auf sechs Bände in italienischer Sprache erstmals überhaupt veröffentlicht. Die Herausgabe erfolgte dabei nicht in chronologischer Anordnung der Texte, sondern thematisch geordnet. Jeder der sechs Bände erhielt dabei einen Titel: Der Historische Materialismus und die Philosophie Benedetto Croces; Die Intellektuellen und die Organisation der Kultur; Das Risorgimento; Notizen über Machiavelli, über die Politik und den modernen Staat; Literatur und nationales Leben sowie Vergangenheit und Gegenwart.Vgl.: Valentino Gerratana: Einleitung. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 37f.
Mitte der 1970er Jahre erschien unter der Leitung von Valentino Gerratana eine italienische kritische Gesamtausgabe der Gefängnishefte, in denen die Texte in chronologischer Reihenfolge ihrer Entstehung geordnet waren.
Der Politologe Christian Riechers brachte mit dem Band Philosophie der Praxis. Eine Auswahl im Jahr 1967 eine erste deutschsprachige Textauswahl aus den Gefängnisheften heraus, die er auch selbst übersetzte. Riechers kann somit als „Pionier der Gramsci-Übersetzung“Wolfgang Fritz Haug: Vorwort. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 10. gelten.
In den 1970er Jahren war eine erste Komplettübertragung der Gefängnishefte in die deutsche Sprache angedacht, wurde jedoch auf Grund des Endes einer Konjunktur der Gramsci-Rezeption nicht realisiert.Vgl.: Wolfgang Fritz Haug: Vorwort. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 12.
1983 veröffentlichte Sabine Kebir mit Marxismus und Kultur. Ideologie, Alltag, Literatur eine weitere Auswahl der Schriften Gramscis.
In der DDR erschienen mehrere Auswahlbände. Im Jahr 1980 wurde die Textsammlung Zu Geschichte, Politik und Kultur gedruckt, die 1986 in einer zweiten Auflage erschien und zu rund einem Viertel aus Texten der Gefängnishefte besteht.Vgl. Wolfgang Fritz Haug: Vorwort. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 11. 1984 veröffentlichte Klaus Bochmann Notizen zur Sprache und Kultur, 1987 erschien Gedanken zur Kultur. In dem letzteren Buch sind etwa 75 Prozent der abgedruckten Texte Auszüge aus den Gefängnisheften.Vgl. Wolfgang Fritz Haug: Vorwort. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 11, Fußnote 8.
Die deutschsprachige Gesamtausgabe der Gefängnishefte erfolgte schließlich in den Jahren 1991 bis 2002 durch den Argument Verlag. Dem Verlag kam hierbei keinerlei externe Finanzierung zu. Im Juni 2012 erfolgte eine Neuauflage der zehnbändigen Reihe, dieses Mal jedoch im Taschenbuchformat.
Als Vorlage der deutschen Übersetzung der Gefängnishefte diente die italienische, kritische Ausgabe von Gerratana.Vgl. Klaus Bochmann: Editorische Vorbemerkung. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 15f. Die einzelnen Hefte wurden dabei ebenso wie dort in chronologischer Reihenfolge angeordnet.Vgl. Klaus Bochmann: Editorische Vorbemerkung. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 16. Als problematisch für die Übersetzung erwies sich der Umstand, dass einige von Gramscis Begriffen wie etwa senso commune nur schwer mit einem Äquivalent in der deutschen Sprache wiedergegeben werden können.Vgl. Klaus Bochmann: Editorische Vorbemerkung. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 18. Dies führte dazu, dass in einigen Fällen das italienische Original beibehalten wurde.Vgl. Klaus Bochmann: Editorische Vorbemerkung. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 19. Hinzu kommt eine Diskussion darüber, ob nicht einige der von Gramsci verwendeten Begriffe als Tarnsprache anzusehen sind, um die Zensur im Gefängnis zu umgehen.Vgl. Wolfgang Fritz Haug: Einleitung. In: Gefängnishefte. Band 6, Hamburg 1994, S. 1201f.
2004 wurde im Argument-Verlag mit dem Titel Erziehung und Bildung eine thematische Selektion aus den Gefängnisheften veröffentlicht. Drei Jahre später folgte mit Amerika und Europa eine weitere derartige Veröffentlichung. 2012 wurde mit Literatur und Kultur ein dritter Band veröffentlicht.
Die englischsprachige Herausgabe (Prison Notebooks) der Gesamtausgabe wurde zeitgleich mit der deutschen begonnen. Die Leitung bei diesem Projekt übernahm Joseph A. Buttigieg (1947–2019). Bislang (Stand: 2020) sind drei Bände erschienen, die die Hefte 1–8 enthalten. 1971 erschien mit den Selections from the Prison Notebooks eine erste Textauswahl. 1994 folgten die Further Selections from the Prison Notebooks.
Struktur und Aufbau Gemäß einer Einteilung von Valentino Gerratana finden sich in den Gefängnisheften drei Texttypen: A, B und C. Die A-Texte sind Erstfassungen. Die C-Texte sind Zweitfassungen von A-Texten. Dabei unterscheiden sich einige der C-Texte von den A-Texten erheblich, während andere einfach nur die Wiedergabe der Erstfassung sind. In einigen Fällen verteilte Gramsci die ursprünglichen A-Texte auf mehrere C-Texte um. Die B-Texte kommen in den Heften nur in einer einzigen Ausführungsvariante vor und wurden von ihm später nicht mehr verändert oder nochmals verwendet.Vgl.: Valentino Gerratana: Technische Erläuterungen und Hinweise zur Benutzung. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 43.
In der deutschen Gesamtausgabe finden sich 29 der insgesamt 32 Gefängnishefte, verteilt auf 9 Bände mit insgesamt mehr als 2000 Seiten. Der zehnte Teil der Ausgabe ist ein Registerband. Die einzelnen Textabschnitte sind innerhalb eines jeden Heftes mit Paragraphen gekennzeichnet.
Wolfgang Fritz Haug bezeichnet den Aufbau der Gefängnishefte als ein „Mosaik“, das in formaler Hinsicht ein „Anti-Werk“ sei.Wolfgang Fritz Haug: Vorwort. In: Gefängnishefte. Band 1, S. 8. Christian Gaedt folgt dieser Einschätzung und spricht von einer Ansammlung von Gedankensplittern, Notizen sowie bruchstückhaften Abhandlungen. Diese sind bei Gramsci vielfach nicht thematisch geordnet.Vgl.: Christian Gaedt: Antonio Gramsci (1891-1937). Biographische Notizen. In: Andreas Merkens, Victor Rego Diaz (Hrsg.): Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis. Hamburg 2007, S. 216.
Inhalt Vielfältige Themen Der Inhalt der Gefängnishefte ist sehr breit gefächert. Es finden sich Anmerkungen, Betrachtungen und Gedanken über politische Philosophie, politische Theorie, Politik im Allgemeinen, Literatur, Intellektuelle und deren gesellschaftliche Funktion und vieles mehr. Gramsci setzt sich auch mit der Philosophie seiner Zeit auseinander, hier vor allem mit Benedetto Croce und Giovanni Gentile, aber auch mit marxistischen Theoretikern wie Leo Trotzki und Nikolai Iwanowitsch Bucharin. An den verschiedensten Punkten kommt er auch immer wieder auf Karl Marx zurück.
Gramscis Hegemonie-Begriff Aus einer staats- und gesellschaftstheoretischen Perspektive ist Gramscis Hegemonie-Begriff als ein Kernbegriff der Gefängnishefte anzusehen.Vgl.: Christoph Scherrer: Hegemonie. Empirisch fassbar? In: Mit Gramsci arbeiten. S. 71. Auch wenn Gramsci das Thema der Hegemonie schon in seinen journalistischen Arbeiten behandelte, entwickelte er es in systematischer und umfassenderer Weise erst in den Gefängnisheften.Vgl.: Benjamin Opratko: Hegemonie. Politische Theorie nach Antonio Gramsci. Münster 2012, S. 11, Fußnote 2.
Die Auseinandersetzung mit der Frage der Hegemonie erfolgt bei Gramsci infolge der Fragestellung, warum es im Anschluss an die Oktoberrevolution in Russland nicht zu einer erfolgreichen Revolution in Westeuropa kam. Er fragt somit auch nach den Gründen für die Stabilität der Ordnung in den westlichen Staaten.Vgl.: Mario Candeias: Gramscianische Konstellationen. Hegemonie und die Durchsetzung neuer Produktions- und Lebensweisen. In: Mit Gramsci arbeiten. S. 18. Eine Antwort auf diese Fragen findet Gramsci in den Betrachtungen über die Bedeutung der Zivilgesellschaft. Gramsci entwickelt in diesem Zusammenhang das Konzept der Kulturellen Hegemonie.
Gramsci stellt diesbezüglich fest:
Den Staat selbst definiert Gramsci an einer anderen Stelle als „politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, d. h. Hegemonie gepanzert mit Zwang“.Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Band 4, Heft 6 § 88, S. 783. Insofern sieht Gramsci den Staat nicht als außerhalb der Gesellschaft stehend an. Stattdessen besteht dieser aus zwei Ebenen: der Zivilgesellschaft und der politischen Ebene, die als Staat im engeren Sinne bezeichnet werden kann. Die Trennung dieser beiden erfolgt bei Gramsci in rein methodischer Absicht.Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Band 3, Heft 4 § 38, S. 498f. Die Zivilgesellschaft besteht bei Gramsci aus Institutionen, die geläufiger Weise als privat angesehen werden: Museen, Theater, die Kirche, politische Parteien, Massenmedien sowie Bildungseinrichtungen und anderes.Vgl.: Hans-Jürgen Bieling: Metamorphosen des integralen Staates. Konkurrierende Leitbilder in der Krisendiskussion. In: Elmar Altvater u. a.: Die Rückkehr des Staates? Hamburg 2010, S. 39. Nach Gramsci wird durch die Zivilgesellschaft die Funktion der Hegemonie über die gesamte Gesellschaft ausgeübt.Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Band 7, Heft 12 § 1, S. 1502.
Der öffentlichen Meinung spricht Gramsci bei der Herstellung politischer Hegemonie eine grundlegende Rolle zu. Diese sei „der Berührungspunkt zwischen der »Zivilgesellschaft« und der »politischen Gesellschaft«, zwischen dem Konsens und der Gewalt“.Antonio Gramsci: Gefängnishefte. Band 4, Heft 7 § 83, S. 916.
Bei der Betrachtung der Hegemonie ist für Gramsci die Unterscheidung in Führung und Herrschaft von zentraler Wichtigkeit. Herrschaft umfasst für ihn die Dimensionen der Gewalt und des Zwangs, während Führung auf Konsens und Zustimmung beruht, die wiederum mit der Frage der Hegemonie verbunden sind.Vgl.: Benjamin Opratko: Hegemonie. S. 36. Gramsci führt aus: