mini|OpenStreetMapper erfasst einen Wanderweg (englisch; abgekürzt VGI; übersetzt „freiwillig erhobene geographische Information“) bezeichnen die Gesamtheit der raumbezogenen Informationen, die von Laien freiwillig erhoben, organisiert und anschließend für die Öffentlichkeit bereitgestellt werden, so dass andere diese Daten nutzen und weiterverarbeiten können.David Tulloch: Is VGI participation? From vernal pools to video games. In: GeoJournal. Band 72, Nr. 3–4, 2008, S. 161. Hinter VGI steckt dabei immer das gezielte Aufnehmen und Teilen von Daten, wie z. B. im Rahmen einer Vogelzählung oder beim Eintragen eines Radwegs auf OpenStreetMap. Davon abzugrenzen sind die sogenannten Non-Volunteered Geographic Information, bei denen Nutzer ohne ihr Wissen oder als passive Akteure Daten zur Verfügung stellen, wie es beim Tracking von Smartphones der Fall ist. VGI-Anwendungen finden zum großen Teil im interaktiven Web 2.0 statt und verzeichnen seit Mitte der 2000er Jahre einen starken Zuwachs.
Entstehungsgeschichte Die Bezeichnung Volunteered Geographic Information geht auf den amerikanischen Geographen Michael Goodchild zurück, der diese erstmals 2007 in einem Artikel verwendete.Michael Goodchild: Citizens as sensors: the world of volunteered geography. In: GeoJournal. 69, Nr. 4, 2007, S. 212. Mittlerweile hat sich der Begriff für die Beschreibung des Phänomens durchgesetzt. VGI konnte sich außerdem als interdisziplinäres Forschungsfeld etablieren, das unter anderem die Geographie und weitere Sozialwissenschaften umfasst.
VGI gelten vorrangig als Erscheinung des 21. Jahrhunderts, dennoch gibt es bereits seit mehreren Jahrzehnten Projekte mit VGI-Charakter. Der Christmas Bird Count der amerikanischen Audubon Society reicht bis ins Jahr 1900 zurück.Christian Heipke: Crowdsourcing geospatial data. In: ISPRS Journal of Photogrammetry and Remote Sensing. 65, Nr. 6, 2010, S. 554. Hierbei erstellen Freiwillige zu einer festgelegten Zeit und in einem bestimmten Gebiet eine Liste der beobachteten Vögel.Sarah Elwood, Michael Goodchild, Daniel Sui: Researching Volunteered Geographic Information. Spatial Data, Geographic Research, and New Social Practice. In: Annals of the Association of American Geographers 102, Nr. 3, 2012, S. 572. In Großbritannien wurde bei der Aufnahme der Landnutzung in den 1930/40er Jahren auch auf die Hilfe von Schulklassen zurückgegriffen, die Umfragen durchführten.
Größtenteils waren die Aufnahme von Geodaten sowie die kartographische Arbeit an sich in der Neuzeit dem Staat oder Vermessungsagenturen vorbehalten. Das liegt insbesondere daran, dass das Erstellen von Karten ein komplexer Prozess ist und vielfältige Ressourcen erfordert: Zum einen wird dafür die Expertise eines entsprechend ausgebildeten Kartographen benötigt. Zum anderen ist die Informationsgewinnung per Fernerkundung ebenso wie die anschließende Aufbereitung sehr kostspielig. Deshalb wurde v. a. das kartiert, was lange gültig blieb und möglichst viele Interessenten fand. Geographische Informationen und Karten waren daher oft so allgemein wie möglich gehalten, um vielseitig einsetzbar zu sein. Dieser ressourcenaufwändige Prozess veranlasst staatliche Stellen immer mehr dazu, ihre kartographischen Tätigkeiten einzuschränken.Michael Goodchild: Commentary: whither VGI? In: GeoJournal. 72, Nr. 3–4, 2008, S. 239. Dem gegenüber steht der stetig wachsende Bedarf an Geodaten aller Art, sei es in Form einer Straßenkarte oder als Informationen über Sehenswürdigkeiten in der Umgebung. Vor diesem Hintergrund und in Kombination mit den verbesserten technischen Möglichkeiten entwickelte sich die VGI-Bewegung.
Auf staatlicher Ebene lässt sich seit Mitte der 1990er Jahre eine stärkere Einbindung von Bürgern bei der Aufnahme von geographischen Daten beobachten. Beispielhaft dafür steht die 1994 in den USA eingeführte „National Spatial Data Infrastructure“. Hierbei werden Kartierarbeiten von staatlichen Vermessungsämtern an Freiwillige übertragen, die anhand genauer Richtlinien Daten aufnehmen. Dieses Projekt gilt als Vorläufer der heutigen VGI-Projekte.Michael Goodchild: Citizens as sensors: the world of volunteered geography. In: GeoJournal. 69, Nr. 4, 2007, S. 217. Dennoch sollte es noch etwa ein Jahrzehnt dauern, bis die Bewegung zu einem Massenphänomen wurde. Ausschlaggebend dafür sind v. a. die benutzerfreundlichen Technologien, die heutzutage für viele Menschen verfügbar sind.
Technische Voraussetzungen
Als Basis für VGI gilt das Web 2.0. Der Internetnutzer ist nicht mehr der passive Empfänger von Informationen, sondern kann selber Inhalte gestalten und verbreiten. Die Anwendungen sind oftmals unkompliziert zu bedienen und werden von einer breiten Masse genutzt. Die hochgeladenen Daten werden dabei als User-Generated Content (UGC) bezeichnet. VGI bilden davon eine Unterkategorie mit Spezialisierung auf diejenigen Informationen, die sich mit geographischen Sachverhalten aller Art befassen.Sarah Elwood, Michael Goodchild, Daniel Sui: Researching Volunteered Geographic Information. Spatial Data, Geographic Research, and New Social Practice. In: Annals of the Association of American Geographers. 102, Nr. 3, 2012, S. 574. Michael Goodchild bezeichnet VGI als Produkt des Web 2.0 und den vielfältigen Möglichkeiten der Interaktion, die es bietet.Michael Goodchild: Citizens as sensors: the world of volunteered geography. In: GeoJournal. 69, Nr. 4, 2007, S. 215.
Des Weiteren hat sich auch der Prozess der Georeferenzierung stetig vereinfacht, da GPS mittlerweile nicht nur als eigenständiges Empfangsgerät, sondern auch in vielen Smartphones und Kameras verfügbar ist. Wo früher noch aufwändige Apparate benötigt wurden, kann man heute Koordinaten mithilfe dieser Technik unkompliziert, schnell und mit guter Genauigkeit erfassen. Alternativ können sie auch aus Anwendungen im Netz wie bspw. aus Karten abgerufen werden. Ebenso hat die steigende Verfügbarkeit von Breitband-Internet zur Verbreitung von VGI beigetragen.Michael Goodchild: Citizens as sensors: the world of volunteered geography. In: GeoJournal. 69, Nr. 4, 2007, S. 215–217.
Potentiale
Freiwillige sind Experten für lokale Sachverhalte. Sie besitzen ein tiefergehendes Wissen über ihr Umfeld und sind gut über das aktuelle Geschehen vor Ort informiert.Andrew Flanagin, Miriam Metzger: The credibility of volunteered geographic information. In: GeoJournal. 72, Nr. 3–4, 2008, S. 139. Im übertragenen Sinn funktioniert der Mensch als Sensor, der mit seinen Sinnen seine Umwelt erfasst, interpretiert und wiedergibt.Michael Goodchild: Citizens as sensors: the world of volunteered geography. In: GeoJournal.69, Nr. 4, 2007, S. 218. Freiwillige können somit besonders gut „unsichtbare“ Informationen wie z. B. informelle Ortsbezeichnungen als VGI beisteuern.Sarah Elwood, Michael Goodchild, Daniel Sui: Researching Volunteered Geographic Information. Spatial Data, Geographic Research, and New Social Practice. In: Annals of the Association of American Geographers. 102, Nr. 3, 2012, S. 577. Aber auch Wetterdaten, Informationen über Kriminalität, Freizeitaktivitäten oder Verkehrsdaten eignen sich für die Aufnahme durch Freiwillige.
VGI eignen sich weiterhin für all diejenigen Gegebenheiten, die sehr kurzfristig oder nur für einen kurzen Zeitraum in Erscheinung treten. Ein Netzwerk von Freiwilligen bietet die Möglichkeit, flexibel auf entsprechende Ereignisse zu reagieren und eine schnelle Datenaufnahme durchzuführen. In New Jersey kartieren bspw. Teilnehmer eines VGI-Projekts Tümpel, die nur wenige Wochen im Jahr auftreten. Auf Grundlage der so entstandenen Datenbank kann das Umweltamt entscheiden, ob die entsprechenden Gegenden unter besonderen Schutz gestellt werden sollen. Eine rasche Aufnahme und Verbreitung von Informationen ist des Weiteren besonders in Katastrophenfällen und beim Erstellen von Krisenkarten relevant.Stephane Roche, Eliane Propeck-Zimmermann, Boris Mericskay: GeoWeb and crisis management: issues and perspectives of volunteered geographic information. In: GeoJournal. 78, Nr. 1, 2013, S. 23.
Je nach Expertise und Erfahrung des Freiwilligen lassen sich auch speziellere Daten erfassen. So mussten sich z. B. Bauern lange Zeit auf die Bodenkarten des Staates verlassen, die nur sehr allgemein gehalten waren und keine detaillierten Informationen über die Anbaugebiete enthielten. Mithilfe neuer Messtechniken ist es den Bauern heutzutage möglich, Parameter wie den pH-Wert oder die Bodenfeuchte zu bestimmen, die für den Pflanzenanbau relevant sind. Mit diesen Daten können sie somit eine genauere Bodenkarte erstellen, die gezielt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.Michael Goodchild: Commentary: whither VGI? In: GeoJournal. 72, Nr. 3–4, 2008, S. 241.
In welchem Umfang VGI auch auf staatlicher Ebene eingesetzt werden können, bleibt abzuwarten. In einigen Bereichen bietet sich der Einsatz von Freiwilligen durchaus an, z. B. wenn Verkehrswege kartiert oder besondere topographische Sachverhalte erfasst werden sollen. Es ist zudem denkbar, dass Freiwillige in Zukunft aufgrund verbesserter Technik auch bei der Höhenmessung verlässliche Daten beisteuern können. Sie können außerdem dabei behilflich sein, bestehende Daten auf dem neuesten Stand zu halten. Andere Themenfelder wie z. B. die Geodäsie oder Orthofotos dagegen erfordern aber immer noch eine Ausbildung und/oder eine besondere Ausrüstung und dürften deswegen weiterhin Aufgabe des Staates bleiben. Gleiches gilt für Katasterkarten.
Differenzierung In der Forschungsliteratur hat sich mittlerweile der Konsens gebildet, dass VGI nur diejenigen Daten bezeichnen, die gezielt von Freiwilligen mit der Absicht gesammelt wurden, sie zu teilen.Sarah Elwood, Michael Goodchild, Daniel Sui: Researching Volunteered Geographic Information. Spatial Data, Geographic Research, and New Social Practice. In: Annals of the Association of American Geographers. 102, Nr. 3, 2012, S. 575.Francis Harvey: To Volunteer or to Contribute Locational Information? Towards Truth in Labelling for Crowdsourced Geographic Information. In: Daniel Sui, Sarah Elwood, Michael Goodchild, Michael (Hrsg.): Crowdsourcing Geographic Knowledge. Volunteered Geographic Information (VGI) in Theory and Practice. Springer Verlag, Dordrecht 2013: 31-42. Die Sammlung der Daten erfolgt partizipativ. Somit ist eine Unterscheidung zu denjenigen Daten nötig, die von Nutzern passiv zusammengetragen und bereitgestellt werden, ohne dass ihnen dies zwangsläufig bewusst ist. Neben Non-Volunteered Geographic Information wird diese Art der Datenaufnahme auch als „opportunistisch“ bezeichnet. Eine weiterentwickelte Kategorie von VGI bilden die Daten aus Sozialen Medien, für die der Begriff Ambient Geospatial Information steht.
Non-Volunteered Geographic Information Der Begriff Non-Volunteered Geographic Information wird für diejenigen Informationen verwendet, die unfreiwillig oder unbewusst erfasst und gesammelt werden. Dies kann durch Geräte geschehen, die die Betroffenen selber aktiv nutzen, aber auch durch ortsgebundene Sensoren wie Überwachungskameras. So wurde 2010 bekannt, dass das iPhone Daten des Besitzers sammelt und unverschlüsselt ablegt. Gespeichert werden Standortdaten ebenso wie die entsprechenden Uhrzeiten.Your iPhone is watching you Spiegel Online. Abgerufen am 18. Februar 2014. Ähnlich sollen auch andere Betriebssysteme wie Android oder Windows vorgehen.Wirbel um Bewegungsprofile im iPhone und iPad Heise Online. Abgerufen am 18. Februar 2014.