In Zeiten des abnehmenden Lichts ist ein Montageroman mit autobiografischem Hintergrund von Eugen Ruge, der 2011 im Rowohlt Verlag erschienen ist. Er spiegelt die Geschichte der DDR im Schicksal einer Familie wider. Der Bogen spannt sich über vier Generationen von den Großeltern, die überzeugte Kommunisten sind, über den durch seine Haftzeit in sowjetischen Arbeitslagern bereits ernüchterten, aber an die Möglichkeit eines demokratischen Sozialismus glaubenden Vater und seinen Sohn, der kurz vor dem Mauerfall in den Westen flieht, da für ihn individuelle Freiheit und Sozialismus unvereinbare Gegensätze sind, bis zum Urenkel, der die DDR nur noch als eine merkwürdige Kindheitserinnerung im Gedächtnis bewahren wird. Der Titel bezieht sich eigentlich auf den Frühherbst, die Zeit der Kartoffelernte im Ural, an welchen sich die in die DDR gezogene russische Großmutter erinnert (vgl. S. 139),Alle Seitenangaben zum Roman beziehen sich auf die Ausgabe: Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2011. meint aber symbolisch die verblassende Strahlkraft der kommunistischen Utopie, die durch Stalins Gewaltherrschaft und das gescheiterte sozialistische Experiment in der DDR ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt hat.

Der Roman wurde 2009 mit dem Alfred-Döblin-Preis, 2011 mit dem Aspekte-Literaturpreis und im selben Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, dessen Jury die Wahl folgendermaßen begründete: „Eugen Ruge spiegelt ostdeutsche Geschichte in einem Familienroman. Es gelingt ihm, die Erfahrungen von vier Generationen über fünfzig Jahre hinweg in einer dramaturgisch raffinierten Komposition zu bändigen. Sein Buch erzählt von der Utopie des Sozialismus, dem Preis, den sie dem Einzelnen abverlangt, und ihrem allmählichen Verlöschen. Zugleich zeichnet sich sein Roman durch große Unterhaltsamkeit und einen starken Sinn für Komik aus.“ Das Buch selbst verkaufte sich bis Juni 2013 über eine halbe Million Mal., kulturradio.de Es stand im Jahr 2011 vier Wochen lang auf dem Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Die Verfilmung des Romans kam am 1. Juni 2017 in die deutschen Kinos.

mini|Frankfurter Buchmesse 2011: Alexander Fest, Eugen Ruge, Holger Heimann

Inhalt, chronologisch geordnet Der Roman beginnt und endet im Jahre 2001 mit der Krebserkrankung und der darauf folgenden Mexikoreise der wichtigsten Reflektorfigur Alexander Umnitzer. Chronologisch betrachtet setzt jedoch die Handlung mit dem 2. Kapitel im Jahre 1952 ein, kurz bevor Alexanders Großmutter Charlotte und deren zweiter Ehemann Wilhelm nach zwölf Jahren mexikanischen Exils in die DDR übersiedeln. Die erzählte Zeit beginnt allerdings noch erheblich früher, nämlich in der durch Rückwendungen erschlossenen Kindheit Charlottes und Alexanders zweiter Großmutter Nadjeshda Iwanowna, so dass der Roman eine Zeitspanne von einem ganzen Jahrhundert erzählerisch erfasst. Im Jahre 1952 fühlen sich Wilhelm und Charlotte immer unwohler in Mexiko, sie sind beide ihrer Funktionen in der Redaktion der deutschen Exilzeitung „Demokratische Post“ entbunden worden und warten schon seit langem auf ihre Ausreisepapiere, um in der DDR ein neues Leben beginnen zu können. Zudem lebt Charlotte in ständiger Sorge um ihre in der Sowjetunion verschollenen Söhne Kurt und Werner, über deren Verbleib sie lange nichts in Erfahrung bringen kann. Schließlich beschafft ihnen ein ehemaliger Exilfreund, der inzwischen Staatssekretär in der DDR geworden ist, die ersehnten Papiere und obendrein Führungsposten an der neu zu gründenden Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften in NeuendorfGemeint ist Babelsberg, das aus den Dörfern Neuendorf und Nowawes hervorgegangen ist..

Im Jahre 1961 (6. Kapitel) ist Charlotte Sektionsleiterin an der Akademie, während Wilhelm, der als Verwaltungsdirektor schnell gescheitert war, sich ehrenamtlich als Wohnbezirksparteisekretär betätigt. Um sich gegenüber einem Rivalen im Institut zu profilieren, verfasst Charlotte für das Neue Deutschland eine Rezension zum Exilroman „Mexikanische Nacht“ eines BRD-Autors, die mit dem Verdikt endet, das Buch sei „defätistisch“ und „gehör[e] nicht in die Regale der Buchläden unserer Republik“ (S. 127). Dafür wird sie von ihrem Sohn Kurt scharf kritisiert, der ihr vorwirft, sich für einen härteren politischen Kurs, der eine Rückkehr zum Stalinismus anstrebe, instrumentalisieren zu lassen. Das Kapitel fängt die politische Stimmung in der DDR kurz vor dem Mauerbau und zur Zeit der Kubakrise ein.

Nach der Rückkehr von einer Dienstreise nach Moskau im Jahre 1966 (8. Kapitel) wird Kurt, inzwischen einer der führenden Historiker der DDR, von einem Parteisekretär über den „Verrat“ eines Kollegen aus seiner Forschungsgruppe informiert. Da dieser in einem Schreiben an einen BRD-Historiker die Einheitsfrontpolitik der KPD während der Weimarer Republik sowie das darüber verhängte Denkverbot in der DDR kritisiert hatte, wird er auf einer Institutsversammlung von ZK-Mitgliedern vernichtend kritisiert und seiner Ämter enthoben. Aus diesem Anlass erinnert sich Kurt an seine Verhaftung 1941 in Moskau und an seinen damaligen Vernehmer, dessen „Schweinsgesicht“ (S. 180) dem des ZK-Genossen, der die Anklagerede gegen Rohde hielt, verdächtig ähnelte. Sein Brief an Werner, in dem er den Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vorsichtig in Frage gestellt hatte, hatte den Brüdern zehn Jahre Lagerhaft wegen Bildung einer konspirativen Vereinigung eingebracht und damit zu Werners Tod geführt. Kurt tröstet sich mit der Erkenntnis, es sei schon ein Fortschritt, wenn Kritiker nicht mehr erschossen, sondern nur noch aus der Partei ausgeschlossen werden.

Am Weihnachtstag des Jahres 1976 (12. Kapitel) trifft Alexander mit seiner neuen Freundin Melitta bei seinen Eltern ein. Mutter Irina bereitet ihre französische Klostergans zu, deren Zutaten sie sich jedes Jahr durch einen umfangreichen Tauschhandel organisieren muss. Mit Wilhelm und Charlotte sowie der erst vier Wochen zuvor aus dem Ural nach Neuendorf umgezogenen russischen Großmutter Nadjeshda Iwanowna ist die gesamte Familie anwesend. Als eifersüchtige Mutter kann Irina nicht verstehen, was ihr geliebter Sascha an der Neuen findet. Ihr Unbehagen erreicht seinen Höhepunkt, als sie Melittas Schwangerschaft bemerkt. Explizite zeitgeschichtliche Bezüge finden sich in diesem Kapitel zur Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann und zu Christa Wolfs Roman „Kindheitsmuster“. mini|Der Alexanderplatz bei Nacht im Jahre 1974

Im Januar 1979 (14. Kapitel) sucht Kurt Alexander auf, welcher sich illegal in einer leerstehenden und völlig heruntergekommenen Wohnung im Prenzlauer Berg einquartiert hat, nachdem er Melitta und seinen kleinen Sohn Markus verlassen und sein Geschichtsstudium abgebrochen hat. Der Gang auf den zugeschneiten Bürgersteigen durch das baufällige Stadtviertel auf der vergeblichen Suche nach einem geöffneten Restaurant und das ständig vom Verkehrslärm unterbrochene Gespräch spiegeln sowohl die gestörte Kommunikation zwischen Vater und Sohn als auch das Scheitern des sozialistischen Aufbaus, das ein Schlange stehender Gaststättenbesucher mit folgendem Witz kommentiert: „Wat sin‘ die vier Hauptfeinde des Sozialismus? […] Frühjah, Somma, Herbst und Winta“ (S. 297 f.).

In der Chronologie der erzählten Begebenheiten folgt der 1. Oktober 1989, Wilhelms 90. Geburtstag, der Gegenstand des 3., 7., 9., 13., 16. und 19. Kapitels ist und damit das zentrale Ereignis der Romanhandlung darstellt. Aus unterschiedlichen Figurenperspektiven wird von Wilhelms voranschreitender Demenz berichtet, von seiner – sich Jahr für Jahr wiederholenden – Ehrung durch Parteifunktionäre, von der Abwesenheit Alexanders, der am Vormittag seinen Eltern telefonisch mitgeteilt hatte, er sei jetzt mit seiner neuen Freundin in Gießen, worauf Irina sich für den Rest des Tages in ihr Zimmer zurückzieht und sich einen Vollrausch antrinkt, vom Zusammenbruch des von Wilhelm dilettantisch zusammengenagelten Ausziehtisches, der als Coup de théâtre den Schlusspunkt der misslungenen Veranstaltung setzt, und schließlich von seiner Vergiftung durch Charlotte, von der kein anderer je etwas erfahren wird. Indem er die Brüchigkeit der familiären wie der gesellschaftlichen Strukturen deutlich hervortreten lässt, bildet Wilhelms 90. Geburtstag das private Pendant zur nur sechs Tage später stattfindenden, von Protesten umrahmten und von Gorbatschows Perestroika überschatteten staatlichen Jubelfeier zum 40. Jahrestag der DDR.

Die Erzählung vom Weihnachtstag des Jahres 1991 (17. Kapitel) nimmt in variierter Form die entsprechenden Begebenheiten aus dem Jahre 1976 (12. Kapitel) wieder auf. Diesmal freilich kann sich Irina die Zutaten für ihre Klostergans allesamt im Supermarkt kaufen, und Alexander kommt mit seiner jetzigen Freundin Catrin aus dem tief im Westen des vereinigten Deutschland liegenden Moers. Der Weihnachtsabend mündet in eine Katastrophe: Irina, die sich in der Küche allmählich betrinkt und von dort aus die immer aggressiver geführten politischen Streitgespräche zwischen Kurt und Alexander mitverfolgt, liegt am Ende volltrunken neben der aufgeplatzten Gans auf dem Küchenboden, beleidigt die zu Hilfe eilende Catrin mit den Worten „Fass mich nicht an, du Aas“, worauf Alexander mit dem Ausspruch „So, das war’s“ (S. 370) einen Schlussstrich unter die familiäre Bindung zieht. Gleichzeitig wird im Radio die Nachricht von der Auflösung der Sowjetunion verkündet.

Im Jahre 1995 erscheint der 18-jährige Markus auf Irinas Beerdigung, spricht dort aber weder seinen Großvater Kurt noch seinen Vater Alexander an, die an ihm vorübergehen, ohne ihn zu erkennen. Melitta ist nun mit einem Pfarrer verheiratet, der vor der Wende Friedensgebete organisiert hat und inzwischen im Bundestag sitzt. Zwischen Drogenkonsum, nächtlichen Diskobesuchen, vergeblichen Versuchen, eine Freundin kennenzulernen und ständigen Reibereien mit den Eltern führt Markus das Leben eines West-Jugendlichen, das ihm trotz der im Vergleich zur DDR-Zeit erheblich größeren Freiräume keinerlei Befriedigung verschafft.

Im Jahre 2001 (1. Kapitel) fährt Alexander, bei dem ein unheilbarer Tumor diagnostiziert wurde, nach einem Krankenhausaufenthalt zu dem schwer dementen Kurt, gibt ihm zu essen und säubert ihn, öffnet anschließend ein Geheimfach, um einige von Kurts persönlichen Aufzeichnungen, Briefen und Fotos an sich zu nehmen und den Rest zu vernichten, nimmt 27.000 DM aus dem Wandtresor und kündigt seinem Vater, der davon nichts mehr mitbekommt, eine längere Reise an. Diese Mexikoreise Alexanders bildet den Gegenstand des 5., 11., 15. und 20. Kapitels. In Mexiko begibt sich Alexander auf Spurensuche nach den Ursprüngen seiner Familiengeschichte. Dabei treibt ihn der Wunsch an, seine Krankheit zu verdrängen, er will „sich losreißen aus dieser kranken, krankmachenden Welt“ (S. 103). Doch ebenso wie sein ganzes Leben erscheint ihm auch Mexiko als Betrug (vgl. S. 111). Erst ganz am Schluss, in einem kleinen Ort am Pazifik, wo er auf der Flucht vor Lärm, Hitze und schlechter Luft gestrandet ist, kommt Alexander zur Ruhe. In einer Pension für deutsche Althippies studiert er Kurts persönliche Dokumente, schreibt Briefe an seine letzte Freundin und setzt sich mit fundamentalen Themen wie Liebe, Krankheit und Tod auseinander. Dass die letzten Seiten im Futur geschrieben sind, kann sowohl auf ein baldiges Ende Alexanders als auch auf eine offene Zukunft hindeuten.

Figuren Wilhelm Powileit