Die Urgeschichte Frankreichs reicht von den ältesten frühmenschlichen Spuren bis zum Einsetzen einer breiteren schriftlichen Überlieferung. Daher unterscheidet sie sich von der auf der Basis von Schriftquellen verfassten Geschichte Frankreichs in der Beschaffenheit ihres Ausgangsmaterials. Daraus ergeben sich zudem Konsequenzen für ihre Methodik, als auch dafür, welche Fragen sinnvoll gestellt werden können. Zwar setzt schon vor dem Ende der Urgeschichte des Landes eine solche, von außen herangetragene schriftliche Überlieferung ein, und andererseits befasst sich die Wissenschaft, die sich vorrangig mit dieser langen Phase beschäftigt, die Archäologie, auch mit sehr viel späteren Zeiten, doch hat sich für Frankreich die Zeit um 500 v. Chr. als ungefähre Grenze zwischen Urgeschichte und Geschichte etabliert.

mini|11,7 cm × 9 cm × 4,5 cm – 498,3 g, Terrasse 60 m, Saint-Clar-de-Rivière, Obere Garonne, Sammlung Henri Breuil

Paläolithikum Altpaläolithikum Bis 1994 galt es als gesichert, dass Menschen Europa erst ab 500.000 BP bewohnten.Dieser Abschnitt basiert auf Giorgio Manzi: Before the Emergence of Homo sapiens: Overview on the Early-to-Middle Pleistocene Fossil Record (with a Proposal about Homo heidelbergensis at the subspecific level), In: International Journal of Evolutionary Biology (2011) PDF. Doch mit den Funden beim italienischen Ceprano (März 1994), die sich später als erheblich jünger erwiesen, und dem spanischen Atapuerca (Juli 1994) wurde diese Grenze um zwei bis drei Jahrhunderttausende verschoben.Dabei wurde Ceprano versuchsweise dem Homo antecessor zugeschrieben, doch musste erkannt werden, dass die Funde nur etwa 400.000 Jahre alt waren. Sie wurden versuchsweise einem späten Homo erectus zugeordnet, dann einem Homo heidelbergensis / Homo rhodesiensis. Einige Zeit lang galten die Chopper oder Geröllgeräte von Chilhac III (Département Haute-Loire), die 1974 entdeckt und auf ein Alter von fast zwei Millionen Jahren datiert wurden, als die ältesten menschlichen Spuren EuropasChristian Guth: Découverte dans le Villafranchien d’Auvergne de galets aménagés, in: Comptes rendus de l’Académie des Sciences, 1974, S. 1071–1072., doch wird ihre Bearbeitung durch Menschen bestrittenPierre-Jean Texier: Chilhac III : un gisement paléontologique villafranchien soliflué ?, in: Bulletin de la Société Préhistorique Française 82, 3 (1985) 68–70 und Jean-Paul Raynal, Lionel Magoga: Quand la Nature mystifie le préhistorien. Géofacts et téphrofacts dans le Massif central (France), in: Revue d’Auvergne 114 (2000) 16–34, vor allem S. 30ff. PDF..

Als gesichert gelten hingegen die Funde von Lézignan-la-Cèbe im Département Hérault, die sich auf ein Alter von etwa 1,57 Millionen Jahren datieren ließen.Jean-Yves Crochet, Jean-Loup Welcomme, Jérôme Ivorra, Gilles Ruffet, Nicolas Boulbese, Ramon Capdevila, Julien Claude, Cyril Firmat, Grégoire Métais, Jacques Michaux, Martin Pickford: Une nouvelle faune de vertébrés continentaux, associée à des artefacts dans le Pléistocène inférieur de l’Hérault (Sud de la France), vers 1,57 Ma / A new vertebrate fauna associated with lithic artefacts from the Early Pleistocene of the Hérault Valley (southern France) dated around 1.57 Ma, in: Comptes Rendus Palevol 8,8 (2009) 725–736 doi:10.1016/j.crpv.2009.06.004. Dies entspricht etwa dem Alter der Funde bei Pirro Nord im italienischen Apulien (vgl. Urgeschichte Italiens). Es scheint, als seien diese frühen Menschen mit dem für ihr Jagd- und Sammelspektrum günstigeren Klima nach Europa gekommen.

Eine erneute klimatische Verbesserung für die Beutetiere der frühen Menschen, nun meist als Homo heidelbergensis eingeordnet, begann mit der Revolution des mittleren PleistozänsMarj A. Maslin, Andy J. Ridgwell: Mid-Pleistocene revolution and the ‘eccentricity myth’, in: Martin J. Head, Philip Leonard Gibbard (Hrsg.): Early-Middle Pleistocene Transition: The Land-Ocean Evidence, Geological Society of London Special Publications 247 (2005) S. 19–34. vor 1,2 bis 0,6 Millionen Jahren. In der Grotte du Vallonnet bei Roquebrune-Cap-Martin im Département Alpes-Maritimes weisen Artefakte auf die Anwesenheit von Menschen hin, die auf bisher ungeklärten Wegen aus Afrika zugewandert waren.. Auch im Tal der Somme fanden sich ihre Spuren. mini|Schädel des Menschen von Tautavel (Arago XXI) In der Höhle von Arago in den südlichen Corbières in der Nähe der Ortschaft Tautavel, 20 km nordwestlich von Perpignan gelegen, fanden sich 450.000 Jahre alte Überreste des Homo heidelbergensis, darunter der Schädel mit der Bezeichnung Arago XXI, der als Mensch von Tautavel bekannt wurde. In Frankreich ist dies der älteste Fund von Homo heidelbergensis. Vor 500.000 bis 450.000 Jahren herrschten ein feuchtes, mildes Klima und Laubwald vor, zwischen 450.000 und 400.000 Jahren vor unserer Zeit war das Gelände wohl recht offen.Musée de Tautavel, Tautavel 2000, S. 21 (deutsche Ausgabe des Museumsführers). Hauptnahrungsmittel war Fleisch von Equus mosbachensis, einem robusten Pferd, dann Tahre (Hemitragus bonali) und gelegentlich Steppenwisente (Bison priscus).

Vor etwa 400.000 Jahren könnte eine weitere Zuwanderung aus Asien stattgefunden haben. Da die Jahreszeiten sehr ausgeprägt waren, darf mit saisonalen Wanderungen gerechnet werden.

Mittelpaläolithikum mini|Cranium eines Neandertalers, um 45.000 v. Chr., Museum für Vor- und Frühgeschichte (Berlin) Orgnac 3Marie-Hélène Moncel, Anne-Marie Moigne, Youssef Sam, Jean Combier: The Emergence of Neanderthal Technical Behavior: New Evidence from Orgnac 3 (Level 1, MIS 8), Southeastern France In: Current Anthropology Band 52, 2011, S. 37–75. im Rhonetal, unweit der Ardèche-Schlucht, mit seinen mehr als 50.000 Steinartefakten und 5.000 tierischen Überresten liefert in Schicht 3 Hinweise auf Veränderungen der Fauna vor etwa 300.000 Jahren. So erscheinen in dieser Zeit kleine Vertreter von Wolf und Tüpfelhyäne, Bärenarten wie der Kragenbär, der Braunbär und Ursus deningeri, dazu Rotfuchs, Höhlenlöwe, Marder, Rothirsch, Dama clactoniana, eine Hirschart, die in der letzten Warmzeit vom Damhirsch abgelöst wurde, schließlich Steppenbison, zu den Ziegenartigen zählende Tahre (Hemitragus bonali), Mosbacher Pferd (Equus mosbachensis) und Steppennashorn.Marie-Hélène Moncel, Anne-Marie Moigne, Youssef Sam, Jean Combier: The Emergence of Neanderthal Technical Behavior: New Evidence from Orgnac 3 (Level 1, MIS 8), Southeastern France. In: Current Anthropology. Band 52, Nr. 1, 2011. In der nachfolgenden Kaltphase gingen die Wälder auf dem Ardèche-Plateau zurück, die Zahl der Nagetiere nahm zu. Zudem zeigt die Fauna, etwa Wildschwein, Reh, die An- bzw. Abwesenheit von Ren, an, dass sich die Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden deutlich verstärkten. Zwar war der Süden selbst von der größten Vergletscherung nicht direkt betroffen, doch kühlte auch diese Region stark ab. Offenbar lässt sich die Entwicklung der Levalloistechnik in situ ablesen, so dass sie wohl nicht von außen eingetragen wurde (level 4a–4b).

Vor mindestens 230.000 Jahren entstanden die ersten Wohnstätten, wie Funde bei Nizza erwiesen (Terra Amata). Ihrer anfänglichen Datierung auf ein Alter von 380.000 Jahren wurde widersprochen.Paolo Villa: Terra Amata and the Middle Pleistocene archaeological record of southern France. University of California Press, Berkeley 1983. Der alltägliche Gebrauch von Feuer hat sich spätestens zu dieser Zeit endgültig durchgesetzt.Wil Roebroeksa, Paola Villa: On the earliest evidence for habitual use of fire in Europe. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. Band 108, 2011, S. 5209–5214. Als früheste Stätte in Frankreich gilt die Höhle Le Vallonnet, zwischen Monaco und Menton gelegen, und Ménez-Dregan 1 mit 450.000 Jahren. Dort fanden sich feuergesprengte Steine sowie Verkohlungen und entsprechende Knochen.Diana Gómez de la Rúa, Fernando Diez Martín: La domesticación del fuego durante el Pleistoceno inferior y medio. Estado de la cuestión. In: VELEIA 26, 2009. S. 189–216, hier: S. 203. Auf S. 204 befindet sich eine Tabelle der Fundorte mit Feuerspuren. Etwa 50.000 Jahre jünger sind die Höhle nr 1 von Mas des Cave und Baume Bonne, wesentlich jünger Terra Amata. Auf den Gebrauch von Feuer über lange Zeit und auf eine noch wenig entschlüsselte Fertigkeit zu abstraktem Denken weisen die Steinkreise in der Höhle von Bruniquel hin. Dort wurden über 400 Stalagmiten planmäßig abgebrochen und kreisförmig aufgerichtet, deren Entstehung sich recht genau auf 176.000 Jahre datieren ließ.Jacques Jaubert, Sophie Verheyden, Dominique Genty, Michel Soulier, Hai Cheng, Dominique Blamart, Christian Burlet, Hubert Camus, Serge Delaby, Damien Deldicque, R. Lawrence Edwards, Catherine Ferrier, François Lacrampe-Cuyaubère, François Lévêque, Frédéric Maksud, Pascal Mora, Xavier Muth, Édouard Régnier, Jean-Noël Rouzaud, Frédéric Santos: Early Neanderthal constructions deep in Bruniquel Cave in southwestern France. Nature 534.7605 (2016): 111. . mini|Grabungsstätte in den Klippen von Artenac, Saint-Mary, Département Charente Vor etwa 200.000 bis 35.000 Jahren lebten auf dem gesamten Gebiet Frankreichs Neandertaler. Zu den ältesten Fundstätten in Frankreich zählen die Grotte du Lazaret bei Nizza und Bau de l’Aubesier, die vielfach zu den frühen Neandertalern gerechnet werden.Jordi Serangeli1, Michael Bolus: Out of Europe – The dispersal of a successful European hominin form Out of Europe – Die Ausbreitung einer erfolgreichen europäischen Menschenform. In: Quartär. 55, 2008, S. 83–98, hier: S. 85. Als „klassische“ Periode der Neandertaler gilt die Zeit, die vor 115.000 Jahren begann (Artenac, La Ferrassie, Le Moustier, La Quina und La Chapelle-aux-Saints, allesamt in Südwestfrankreich). Südfrankreich, Spanien und Italien gelten als Kernregionen des klassischen Neandertalers; dort trifft man 47–48 Fundstätten an (Stand: 2008).Jordi Serangeli1, Michael Bolus: Out of Europe – The dispersal of a successful European hominin form Out of Europe – Die Ausbreitung einer erfolgreichen europäischen Menschenform. In: Quartär 55, 2008, S. 83–98, hier: S. 87.

Neandertaler hinterließen zahlreiche Werkzeuge bei Eyzies und Moustier in der Dordogne, darunter Schaber, Faustkeile, Nadeln, Meißel. Sie lebten von der Jagd auf Bison, Auerochse, Pferd und Rentier. Dabei ließen sich anhand der Jagdbeute und vor allem von zu Werkzeugen verarbeitetem Feuerstein, dessen Herkunft nachweisbar ist, zeigen, dass die Schweifgebiete im Südosten des Zentralmassivs und im Rhonetal von erheblicher Größe waren.Paul Fernandes, Jean-Paul Raynal, Marie-Hélène Moncel: Middle Palaeolithic raw material gathering territories and human mobility in the southern Massif Central, France: first results from a petro-archaeological study on flint. In: Journal of Archaeological Science. 35, Nr. 8, August 2008, S. 2357–2370. mini|Schädel des Neandertalermannes von La Ferrassie