mini|Gerhard Gentzen
Gerhard Karl Erich Gentzen (* 24. November 1909 in Greifswald; † 4. August 1945 in Prag) war ein deutscher Mathematiker und Logiker.
Leben Gerhard Gentzen studierte in Greifswald, Göttingen, München und Berlin und wurde 1933 an der Universität Göttingen promoviert. In Greifswald studierte er mit Hellmuth Kneser und in Berlin wahrscheinlich mit John von Neumann. Er war ein Schüler von Paul Bernays, nach Bernays’ Lehrverbot im April 1933 wurde offiziell Hermann Weyl sein Doktorvater. Um 1934 will Gentzen in die Sturmabteilung (SA) eingetreten sein; 1935 erhielt er eine Assistentenstelle beim emeritierten David Hilbert. Am 13. Juni 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 4.237.555).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/10660245 Bereits zuvor war er Mitglied des Nationalsozialistischen Lehrerbunds geworden.
Gentzen wurde 1939 bis 1941 im Krieg als Funker bei Braunschweig eingesetzt, erkrankte aber und wurde daraufhin vom Wehrdienst freigestellt. 1940 habilitierte er sich in Göttingen. 1943 wurde Gentzen von Hans Rohrbach auf eine Dozentur an die deutsche Universität in Prag berufen. Neben der Dozententätigkeit und der Forschung an der Widerspruchsfreiheit der Mathematik leitete Gentzen in Prag eine Gruppe von Oberschülerinnen, die Berechnungen durchführten.Wohl für ballistische Studien zur so genannten Vergeltungswaffe 2 für Werner Osenberg. Zumindest war dies die offizielle Begründung, vergl. Eckart Menzler-Trott: Gentzens Problem. Trotz WarnungenPinl: Kollegen in einer dunklen Zeit. In: Jahresbericht DMV. 1976, Pinl selbst warnte ihn floh Gentzen bei Kriegsende nicht nach Deutschland. Er starb am 4. August 1945 im Kreisgefängnis am Karlsplatz in Prag an UnterernährungOffiziell an Kreislaufversagen. Laut Berichten des Mithäftlings Franz Krammer gab es eine Eiweißsperre und der gesundheitlich angeschlagene Gentzen verhungerte. Hinzu kam, dass er nicht arbeiten konnte (wofür es Extrarationen gab), nachdem eine Frau ihm mit einem Steinwurf zwei Finger zerschmettert hatte, als die Häftlinge wie üblich tagsüber in Prag zur Zwangsarbeit waren. Vgl. Sanford L. Segal: Mathematicians under the Nazis. Princeton University Press 2003, S. 470. – drei Monate nach seiner Verhaftung.
Mathematische Leistungen Gentzen ist ein wichtiger Mitbegründer der modernen mathematischen Beweistheorie. Die nachhaltige Bedeutung der von ihm entwickelten Methoden, Regeln und Strukturen zeigt sich heute vor allem in wichtigen Teilgebieten der Informatik, der Verifikation von Programmen. Dabei werden formale Beweise selbst als Programme gedeutet.
Gentzen war einer der führenden KöpfeNeben Hermann Weyl, Adolf Fraenkel, Kurt Gödel, Alan Turing, Jacques Herbrand, John von Neumann, Alonzo Church, Albert Thoralf Skolem der Lemberg-Warschau-Schule und anderen. der international arbeitenden mathematischen Grundlagenforschung und stellte 1936 und 1938 jeweils den Stand der Grundlagenforschung dar. Die zweite Arbeit hatte durch Heinrich Scholz eine Zweitveröffentlichung in der nationalsozialistischen Zeitschrift Deutsche Mathematik.Walter Tydecks, Neuere Geschichte der Mathematik in Deutschland rezensiert wurde dieser Artikel übrigens in derselben Zeitschrift in englischer Sprache von dem amerikanischen Logiker Haskell Brooks Curry.
Ausgehend von dem Hilbertschen Programm bewies Gentzen für den Aufbau der Mathematik die Widerspruchsfreiheit der Zahlentheorie. Er entwickelte als einer der ersten Systeme natürlichen Schließens und Sequenzenkalküle (allgemein auch Gentzentypkalkül), für die er den so genannten „Hauptsatz“ bewies. Dadurch sind große Teile der Logik und Mathematik als widerspruchsfrei beweisbar.
Zitate
Schriften
Nachdruck in: Karel Berka, Lothar Kreiser: Logik-Texte. Kommentierte Auswahl zur Geschichte der modernen Logik, Berlin: Akademie 4. Aufl. 1986, Seite 206–261
posthum erschienen
– Veröffentlicht von Paul Bernays. – Veröffentlicht von Paul Bernays. – Veröffentlicht von Jan von Plato. Werke
Literatur Dirk van Dalen: Ein Logiker unter den Nazis – der geniale Gelehrte Gentzen war vor allem naiv. NRC Handelsblad, Ausgabe vom 13./14. Juli 2002, Wetenschap & Onderwijs, S. 33, Review des Buches von Menzler-Trott, deutsche Übersetzung. Marc Dressler: Gentzens Sequenzen. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 22. November 2009, S. 64.
Eckart Menzler-Trott: Gentzens Problem. Mathematische Logik im nationalsozialistischen Deutschland. Mit einem Essay von Jan von Plato. Birkhäuser Verlag, Basel 2001, ISBN 3-7643-6574-9. Englische Übersetzung Logic's Lost Genius: The Life of Gerhard Gentzen (= History of Mathematics, Band 33). American Mathematical Society 2007. Jan von Plato: Saved from the Cellar : Gerhard Gentzen’s Shorthand Notes on Logic and Foundations of Mathematics. Springer, Cham 2017, ISBN 978-3-319-42119-3. Peter Schroeder-Heister: Gerhard Gentzen. In: Jürgen Mittelstraß (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Band 3, Metzler, Stuttgart und Weimar 2008, ISBN 978-3-476-02102-1.
Belletristik Dietmar Dath: Gentzen oder: Betrunken aufräumen. Roman. Matthes & Seitz, Berlin 2021, ISBN 978-3-75180-035-8.Rezension in literaturkritik.de vom 5. November 2021
Weblinks
Gerhard Gentzen im Mathematics Genealogy Project (englisch) Gentzenforschung an der Erlanger Universität
Alex Sakharov: Sequent Calculus auf MathWorld W. W. Tait: Gödel’s Reformulation of Gentzen’s first consistency proof for arithmetic. (PDF; 241 kB) Englischer Artikel in: The Bulletin of Symbolic Logic. Band 11, Nr. 2, 2005, S. 225–238 Pinl zu Gentzen in seiner Reihe Kollegen in dunkler Zeit, Jb DMV, der Abschnitt zu Gentzen beginnt S. 173
Einzelnachweise
Kategorie:Mathematischer Logiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Hochschullehrer (Reichsuniversität Prag) Kategorie:Absolvent der Georg-August-Universität Göttingen Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:SA-Mitglied Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1909 Kategorie:Gestorben 1945 Kategorie:Mann