mini|hochkant=1.5|Blick vom Wall in den Innenraum der Hünenburg (2015) Die Hünenburg bei Watenstedt war eine ringförmige Wallanlage mit weitläufiger Außensiedlung nahe Watenstedt in der heutigen Gemeinde Gevensleben im Landkreis Helmstedt. Erkenntnisse über die Entstehung und die Bedeutung der Höhenburg ergaben archäologische Ausgrabungen, die seit 1998 auf dem Gelände der Wallanlage und im näheren Umfeld stattfinden.
Lage und Aufbau Die Befestigungsanlage liegt auf am westlichen Rand des Heesebergs, der sich zwischen dem Höhenzug des Elms und der Niederung des Großen Bruchs befindet.
Die Hünenburg besteht aus einem 2,5 Hektar großen Gelände, das als unregelmäßiges Oval die Ausmaße von 160 × 220 Meter hat. Der plateauähnliche Innenbereich hat ein Gefälle, das einen Höhenunterschied von rund 13 Meter ausmacht. Im Osten hat sich als obertägiger Rest der Befestigungsanlage ein mehrschichtiger Erdwall erhalten, der eine Höhe von bis zu 5,5 Meter aufweist und in dem sich Reste einer Steinmauer fanden. Die einzelnen Schichten stammen aus insgesamt acht Bauphasen in der jüngeren Bronzezeit und der sächsischen Zeit. Im Norden und Westen schützten bis zu 25 Meter tief abfallende Hänge, die wahrscheinlich künstlich abgeböscht worden sind. Auf alten Luftbildern ist im südlichen Bereich der Anlage eine frühere Toranlage erkennbar, die auf eine Altstraße ausgerichtet war. Am Standort schnitten sich zwei wichtige Fernhandelswege am Durchgang großer Naturbarrieren.
Etwa 700 Meter südöstlich der Hünenburg liegt das seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bekannte Gräberfeld von Beierstedt, auf dem in der Zeit von 900 bis 600 v. Chr. Bestattungen erfolgten. Aufgrund von Ausgrabungen in den Jahren 2007 und 2008 mit der Entdeckung von beigabenreichen Gräbern wird angenommen, dass dort Herrscher der Hünenburg bestattet wurden.
Etwa 700 Meter südlich der Hünenburg nahe der Niederung des Großen Bruch wurde im Jahre 2010 an einem Bach ein Areal mit mehr als 400 Gargruben im Boden entdeckt. Laut dem Archäologen Immo Heske wurden sie vermutlich zu nordischen Ritualen genutzt.Martin Jasper: Vergesst Troja! in Helmstedter Nachrichten vom 13. November 2014 Da im Jahr 2014 dort ein Opferstein gefunden wurde, wird das Areal als früherer „heiliger Bezirk“ angesehen.
Etwa 200 Meter westlich der Hünenburg befindet sich die Kreisgrabenanlage von Watenstedt, die über 3000 Jahre früher in die jüngere Jungsteinzeit im 5. Jahrtausend v. Chr. datiert wird.
Geschichte Bronzezeitlichen Anlage mini|Blick vom Parkplatz mit Infotafel hoch zur Hünenburg mini|Infotafel an einem Durchlass im Wall Die archäologische Grabungen zeigten, dass die Hünenburg als Befestigung während der Bronzezeit um 1100 v. Chr. neben einer Siedlung entstanden ist, die sich ab dem 14. Jahrhundert v. Chr. nachweisen lässt. In dieser Periode der jüngeren Bronzezeit (1200 bis 750 v. Chr.) sind in Mitteleuropa zahlreiche Befestigungsanlagen bekannt.Informationen zur Ausgrabung 1/2010 vom 27. Juli 2010 (765 kB, PDF) Die Befestigung der Hünenburg bestand rund 600 Jahre lang. Auf eine Funktion als Herrschaftszentrum und Sitz einer Elite lassen Bronzefunde wie ein auf der Hünenburg gegossenes und reich verziertes Bronzebecken schließen. Diese Becken scheinen auch ins weitere Umland verbreitet worden zu sein. Das lässt auf die Anwesenheit von Spezialisten der Metallverarbeitung innerhalb der Befestigungsanlage schließen. Die Ausgrabungen ergaben, dass die Hünenburg im 11. vorchristlichen Jahrhundert erstmals durch einen Wall befestigt war. Ab etwa 900 v. Chr. entstand an der Außenseite des Walls eine steinerne Verblendung und etwas später eine massive Steinmauer, was dem Bauwerk einen prestigeträchtigen Charakter verlieh.
Bei geomagnetischen Messungen im Jahr 2017 zeichnete sich mittig durchgehend im Innenraum der Wallanlage ein doppeltes Grabensystem mit flachen Gräben und einzelnen Durchlässen ab.Informationen zur Ausgrabung 1/2018 vom 30. Juli 2018 (298 KB, pdf) Laut den Forschern handelt es sich um ein jungsteinzeitliches Erdwerk, das Jahrtausende vor der bronzezeitlichen Hünenburg bestand.
Darüber hinaus durchzieht ein acht Meter breiter und drei Meter tiefer Graben die Wallanlage, den die Forscher als frühes Befestigungsbauwerk vor der Errichtung des Walls ansehen. Er wurde um 1100 v. Chr. ausgehoben und später zur Hälfte wieder zugeschüttet. Der 1,5 Meter tiefe Restgraben blieb während der gesamten Zeit des Bestehens der Hünenburg offen und wies vermutlich eine Holzkonstruktion auf.Markus Brich: Archäologen wollen das Rätsel des Grabens lösen in Helmstedter Nachrichten vom 31. Juli 2019 (pdf) Forscher vermuten, dass der Graben der Abgrenzung eines Herrschaftsbezirks oder Kultbereichs innerhalb der Hünenburg diente.Informationen zur Ausgrabung 1/2019 vom 29. Juli 2019 (250 KB, pdf)
2019 lieferten geomagnetischen Messungen Hinweise auf ein größeres Gebäude, dass sich innerhalb der Anlage befand.Hünenburg bietet noch viel Potential für Forscher in Helmstedter Nachrichten vom 13. September 2019
Außensiedlung Seit dem Jahre 2001 wurde der Südhang unterhalb der Hünenburg im Rahmen der Luftbildarchäologie, mit geophysikalische Prospektionsmethoden und später auch durch Ausgrabungen untersucht. Geomagnetische Messungen im Jahre 2010 zeigten eine ehemals besiedelte Fläche von etwa 27 Hektar als zeitgleich zur Befestigung bestandene Außensiedlung anInformationen zur Ausgrabung 1/2011 vom 8. August 2011 (6,27 MBpdf), die als Unterstadt bezeichnet wird. in Archäologie.online vom 20. Juli 2007
In der Außensiedlung gruben die Wissenschaftler bis Ende 2014 drei Tonnen Keramik aus dem Boden aus.Göttinger Forscher klären Rätsel um Burg: Großstadt aus grauer Vorzeit bei Göttinger Tageblatt vom 13. November 2014 Dabei wurden Holzpfostenhäuser mit Flechtwerkwänden in der Größe von etwa 11 × 5 Meter mit Herdstellen und einer Art Steinpflasterung nachgewiesen. An den Häusern wurden bis zu 1,8 Meter tiefe Vorrats- sowie Abfallgruben festgestellt. Im Jahre 2011 wurde ein früherer Wasserlauf entdeckt, der die Siedlung durchfloss. Im Bachbett fanden sich Tierknochen und Tierschädel, was auf eine Opferung hindeutet, da Wasserläufe häufig Opferplätze waren.Informationen zur Ausgrabung 1/2013 vom 22. Juli 2013 (1,3 MB, pdf) Bei Ausgrabungen in der Außensiedlung im Jahre 2014 stießen die Archäologen in 1,6 Meter Tiefe auf ein Pferdeskelett in Rückenlage, wobei noch nicht bekannt ist, ob es sich um ein Tieropfer oder eine Pferdebestattung handelt.Kurz vor Schluss ein Pferdeskelett entdeckt in: Volksstimme vom 10. Oktober 2014
Bewertung der bronzezeitlichen Anlage als Herrschaftssitz mit Außensiedlung Forscher gehen davon aus, dass es sich bei der Hünenburg und der Außensiedlung während der Bronzezeit um eine stadtartige Handels- und Zentralsiedlung handelte. Sie lag an einem Schnittpunkt von Fernwegen und ist möglicherweise durch den Handel mit Erz, Metallgeräten und Salz zu Reichtum gekommen.Ralph-Herbert Meyer: Das Troja des Nordens in: Der Loewe vom 28. August 2018 Außerdem könnte es sich bei dem Ort um eine der größten bronzezeitlichen Siedlungen Mitteleuropas mit rund 500 ständigen Einwohnern gehandelt haben. in Archäologie.online vom 20. November 2014 Im November 2014 äußerte Heike Pöppelmann als Direktorin des Braunschweiger Landesmuseums, ein solches Ensemble als stadtartige Burg sei hier erstmals in Mitteleuropa in dieser Form nachgewiesen. „Wir kennen das aus dem mediterranen Raum. Bekannteste Beispiele sind Troja und Mykene.“ Forscher vermuten, dass bei Watenstedt auch Menschen lebten, die aus dem Ostseeraum im Süden Skandinaviens kamen. „Es waren Gruppen und Personen auch aus anderen Regionen in Watenstedt“, sagte der Grabungsleiter Immo Heske von der Georg-August-Universität Göttingen. So könnte die Burganlage eine Handelsniederlassung der Skandinavier gewesen sein, um Metalle zur Bronzeherstellung nach Norden zu bringen.Valentin Frimmer: Die 3000 Jahre alte Hünenburg war eine Metropole. Funde belegen: In Niedersachsen hat eine der frühesten Städte Mitteleuropas pulsiert / Braunschweiger Forscher entdecken Bronzestücke. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung Nr. 265 vom 13. November 2014, Seite 6. bei ndr.de vom 12. November 2014 Die Bewohner der Anlage werden dem Kulturkreis der Saalemündungsgruppe zugerechnetUwe Meyer: Noch nicht alle Rätsel der Hünenburg gelöst in Volksstimme vom 10. September 2020, die von etwa 1300 v. Chr. bis etwa 750 v. Chr. vom Braunschweiger Land über das Nordharzgebiet bis in die Elbe-Mulde-Region verbreitet war.
Die Untersuchungen der Befestigung und der Außensiedlung ließen weiträumige Kontakte bis in den Mittelmeerraum erkennen.Informationen zur Ausgrabung 2/2014 vom 22. Juli 2014 (1,1 MB, pdf) Die Hünenburg weist Parallelen zur nahegelegenen Schwedenschanze Isingerode als Ringwall der jüngeren Bronzezeit mit Außensiedlung auf, die um 1200 v. Chr. entstand und in der ersten Phase bis um 600 v. Chr. genutzt wurde.
Frühmittelalterliche Anlage Vom 11. bis zum 7. vorchristlichen Jahrhundert wurde die Hünenburg durchgehend genutzt. Danach trat eine Unterbrechung von etwa tausend Jahren ein. Erst in der Völkerwanderungszeit und im frühen Mittelalter setzte eine weitere Besiedlungsphase ein. Zu dieser Zeit wurden die Wallanlagen wieder erneuert. Zunächst wurde eine Trockenmauer von ca. 0,8 m Breite in die Wallkrone gesetzt. In der letzten Bauphase wurde diese Mauer wieder einplaniert und der Wall wieder um 1,4 m aufgeschüttet. In welcher Weise diese beiden Bauphasen mit den sächsisch-fränkischen Auseinandersetzungen des 8. Jahrhunderts in Verbindung stehen, ist noch nicht geklärt.
Suche nach der Hoohseoburg Die Zerstörung im 8. Jahrhundert nährt die Annahme, dass es sich bei der Hünenburg um die Hoohseoburg handelt, die in Chroniken des Frühmittelalters erwähnt wird, deren genauer Standort aber bisher nicht sicher ist.
Die Hoohseoburg taucht in den fränkischen Reichsannalen als Sitz des sächsischen Adligen Theoderich auf, den man als einen Fürsten von Ostfalen bezeichnen kann, dem östlichen Teil Sachsens. Es war der fränkische Hausmeier Karlmann, der 743 n. Chr. einen Kriegszug nach Sachsen unternahm, in das damalige Ostfalen. Dabei eroberte er auch Theoderichs Hoohseoburg. Theoderich wurde gefangen genommen und musste sich zur Tributzahlung an das Frankenreich verpflichten. Ein Jahr danach, im Jahr 744, erhob sich Theoderich jedoch, wurde wieder besiegt und schließlich als Gefangener ins Frankenreich verschleppt. Die Burg wurde anschließend zerstört.
Nirgends haben die Schriften den genauen Ort der Hoohseoburg genannt. Bei der Suche nach ihrem Standort hat man in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die Seeburg in Sachsen-Anhalt für die Hoohseoburg gehalten. Die These, dass die Hünenburg auf dem Heeseberg die Hooseoburg gewesen sein könnte, wurde schon 1927 aufgestellt. In Forscherkreisen galt diese Idee aber noch bis in das Jahr 2000 als zweifelhaft.
Die bisherigen Ausgrabungen scheinen diese Zweifel aufzuweichen. Es gibt zwar keinen Beweis für eine Identität von Hoohseoburg und Hünenburg, aber etliche Fakten, die darauf hinweisen. Dazu gehören die Funde und die offensichtliche Bedeutung der Hünenburg als Herrschaftszentrum der Bronze- und Eisenzeit, die Befestigung im Frühmittelalter und die Zerstörung im 8. Jahrhundert zur Zeit der fränkischen Sachsenkriege. Auch die Lage der Hünenburg spricht für ihre bedeutende Rolle. Der Heeseberg, an dessen Rand sie liegt, befindet sich zentral in Ostfalen. Der Standort war geeignet, das Gebiet aus dieser zentralen Lage heraus in einem weiten Radius zu beherrschen. Außerdem lag die Hünenburg an einem wichtigen Heer- und Handelsweg, dem Deitweg, der von Ohrum an der Oker über Schöningen bis nach Magdeburg führte – also genau die Orte, die im Zusammenhang mit der Hoohseoburg in den Annalen auftauchen. Die Seeburg dagegen befindet sich im Hassegau, am südöstlichen Rande des sächsischen Stammesgebietes.
Forschungsgeschichte mini|Grabungsschnitt im Wall, 2015