mini|Mieko Kawakami (2026) Mieko Kawakami (, Kawakami Mieko; * 29. August 1976 in Ōsaka) ist eine japanische Schriftstellerin und ehemalige Sängerin.

Leben Kindheit und Erwerbstätigkeit Kawakami wuchs mit zwei Geschwistern in einer Sozialwohnungssiedlung in Ōsaka auf; ihre alleinerziehende Mutter arbeitete in einem Lebensmittelgeschäft, und die Familie lebte in Armut. Von ihrem 14. Lebensjahr an trug sie zum Lebensunterhalt bei, indem sie unter falscher Altersangabe eine Teilzeitstelle in einer Panasonic-Fabrik annahm, in der sie im Sommer Ventilatoren und im Winter Heizgeräte herstellte. Später arbeitete sie unter anderem in Fabriken, Restaurants und Buchhandlungen sowie als Tellerwäscherin und belegte zugleich einen Fernkurs in Philosophie. Um die Schulden der Familie abzutragen und das Studium ihres jüngeren Bruders mitzufinanzieren, nahm sie eine gut bezahlte Tätigkeit in einem gehobenen Hostessclub auf. Die dort geschulten Fähigkeiten des Beobachtens und Zuhörens hatten später Einfluss auf ihr Schreiben; Kawakami bezeichnete diese Lehrjahre wiederholt als ihre Ausbildung an der „Hostess-Universität“.

Privatleben Seit 2011 ist sie mit dem japanischen Schriftsteller Abe Kazushige verheiratet. Das Paar lebt mit seinem Sohn in Tokio.

Schaffen Künstlerische Anfänge und literarische Prägungen Kawakami wuchs in einem Elternhaus ohne Bücher auf und erinnerte sich später an das japanische Textbuch ihrer Schule als ihre erste Lektüre. Als ihren größten literarischen Einfluss bezeichnete sie Ichiyō Higuchi, eine der ersten professionellen Schriftstellerinnen Japans; besonders hob sie deren Erzählung Takekurabe (, englisch Growing Up) hervor.Mieko Kawakami, ‘I grew up in a house with no books’. The Booker Prize, 25. Mai 2022 (englisch) Zu ihren weiteren literarischen Einflüssen zählt Haruki Murakami, dessen Individualismus ihr ein Gegenmodell zu einem von familiären und sozialen Umständen bestimmten Leben bot, obwohl sie seine Darstellung weiblicher Figuren zugleich öffentlich kritisierte.

In ihren Zwanzigern zog Kawakami von Ōsaka nach Tokio, um eine Karriere als Sängerin zu verfolgen, und nahm drei kommerziell wenig erfolgreiche Alben auf. Ein ursprünglich zur Bewerbung ihrer Musik eingerichtetes persönliches Blog nutzte sie zunehmend für Gedichte und Essays sowie für Experimente mit unterschiedlichen Schreibstilen.

Chichi to Ran und Natsu monogatari Mit der Novelle Chichi to Ran (, wörtlich „Brüste und Eier“) gelang ihr 2008 der literarische Durchbruch. Das Werk wurde mit dem 138. Akutagawa-Preis für das zweite Halbjahr 2007 ausgezeichnet. Die im Ōsaka-Dialekt und in langen, rhythmisch durch zahlreiche Kommata gegliederten Sätzen verfasste Novelle behandelt weibliche Körperlichkeit, Armut und die Frage, „was es heißt, als Frau ein sinnreiches und selbstbestimmtes Leben zu führen“. Im Mittelpunkt stehen die Erzählerin, deren ältere Schwester Makiko, eine 39-jährige Hostess, die für eine Brustvergrößerung von Ōsaka nach Tokio reist, sowie Makikos Tochter Midoriko, deren Tagebucheinträge ihre Ängste vor Pubertät, Geschlechterhierarchien und dem Verlust der Verfügung über den eigenen Körper erkennen lassen. Die Novelle machte Kawakami in Japan schlagartig bekannt und zu einer feministischen Symbolfigur, rief wegen ihrer Darstellung von Armut und weiblichen Lebensrealitäten jedoch auch ablehnende Reaktionen konservativer Stimmen hervor.

Für den 2019 veröffentlichten Roman Natsu monogatari griff Kawakami mehr als ein Jahrzehnt später auf die Figuren und Motive der preisgekrönten Novelle zurück und entwickelte daraus ein umfangreicheres Werk. Dessen erster Teil erzählt die ursprüngliche Novelle neu, während der zweite die inzwischen als Schriftstellerin tätige Natsuko begleitet, die über eine Mutterschaft durch künstliche Befruchtung ohne sexuelle oder romantische Beziehung nachdenkt. Die 2020 veröffentlichte deutsche Übersetzung des Romans trägt ebenfalls den Titel Brüste und Eier und ist daher nicht mit der deutlich kürzeren, mit dem Akutagawa-Preis ausgezeichneten Novelle gleichzusetzen.

Heaven und All die Liebenden der Nacht Für Hevun (, „Heaven“; deutsch 2021 unter dem Titel HeavenMieko Kawakami: „Heaven“ – Leid ist nicht teilbar (Rezension), Frankfurter Rundschau vom 26. Januar 2022 (abgerufen am 27. Januar 2022)) erhielt sie 2010 den Murasaki-Shikibu-Literaturpreis und erreichte den sechsten Platz beim Großen Preis der Buchhändler. Mit dem wegen seines auffälligen Auges gemobbten Schüler „Eyes“ als Erzähler ist Heaven Kawakamis einziger Roman mit einem männlichen Protagonisten; die Wahl war als bewusste Abkehr von den an sie herangetragenen Erwartungen an eine feministische Autorin angelegt. Im Jahr 2022 folgte für die englischsprachige Übersetzung eine Nominierung in der engeren Auswahl des International Booker Prize.The 2022 International Booker Prize. In: thebookerprizes.com (abgerufen am 7. April 2022).

Im Jahr 2023 erschien Kawakamis Roman All die Liebenden der Nacht in deutscher Übersetzung. Sie hatte für den Schreibprozess sechs Monate gebraucht. Die englische Übersetzung All the Lovers in the Night erreichte 2023 die Finalrunde des National Book Critics Circle Award in der Kategorie Belletristik.

Das gelbe Haus Der 2023 veröffentlichte Roman Kiiroi Ie, der auf Deutsch als Das gelbe Haus erschien, wurde 2026 in der Übersetzung von Laurel Taylor und Hitomi Yoshio unter dem Titel Sisters in Yellow auf Englisch veröffentlicht. Die Rahmenhandlung spielt zu Beginn der COVID-19-Pandemie: Die inzwischen 40-jährige Hana erfährt, dass ihre frühere Freundin Kimiko wegen Entführung, Körperverletzung und Erpressung verhaftet wurde, und erinnert sich daraufhin an ihre gemeinsame Vergangenheit im Tokio der späten 1990er-Jahre. Hana und die rund zwanzig Jahre ältere Kimiko betrieben dort gemeinsam die Nachbarschaftsbar Lemon; nachdem die Bar bei einem Brand zerstört worden war, versuchte Hana auch mit illegalen Mitteln, das für sie zu einem Symbol von Gemeinschaft und Sicherheit gewordene Lokal wiederaufzubauen. Der vor dem Hintergrund der beginnenden „verlorenen Jahrzehnte“ Japans angesiedelte Roman erweitert seine Kriminalhandlung mit dem Porträt junger Frauen, die in Armut, ohne verlässliche familiäre Bindungen und am Rand der Gesellschaft leben. Zugleich befasst er sich mit dem Verhältnis zwischen Fakten und Erinnerungen, Opfern und Tätern sowie den verbleibenden Möglichkeiten von Menschen zum Überleben unter den Bedingungen von Armut und sozialer Ausgrenzung. Die Darstellung der japanischen Nachtökonomie greift Kawakamis eigene Berufserfahrungen auf und thematisiert deren soziale Hierarchien, wirtschaftliche Abhängigkeiten und die Rolle des Körpers als Ware.

Themen, Stil und internationale Verbreitung Kawakamis Werke wurden u. a. ins Koreanische, Chinesische und Deutsche übersetzt. Insbesondere die seit 2020 erschienenen englischen Übersetzungen verschafften ihr ein breites internationales Publikum und zeigten zugleich ihre Fähigkeit, Stil, Struktur und Erzählperspektive von Roman zu Roman zu verändern. Ihre überwiegend realistisch angelegten Werke handeln typischerweise von Armut und gesellschaftlicher Klasse, sozialer Isolation, einem entfremdeten Verhältnis zum eigenen Körper sowie dem Einfluss von Geschlechterrollen und anderen sozialen Normen auf das Selbstbild ihrer Figuren. Die Reduktion ihres Werks auf die Bezeichnung „feministische Literatur“ empfand sie allerdings als begrenzend und betonte, als Schriftstellerin über den Menschen insgesamt verstanden werden zu wollen.

Werke in deutscher Übersetzung Brüste und Eier (, Natsu monogatari, 2019), aus dem Japanischen von Katja Busson, DuMont Buchverlag, Köln 2020, ISBN 978-3-8321-8373-8. Heaven (, Hevun, 2009), aus dem Japanischen von Katja Busson, DuMont Buchverlag, Köln 2021, ISBN 978-3-8321-8374-5. All die Liebenden der Nacht (, Subete mayonaka no koibitotachi, 2011), aus dem Japanischen von Katja Busson, DuMont Buchverlag, Köln 2023, ISBN 978-3-8321-8229-8. Frühlingsängste (, Haru no kowai mono, 2022), aus dem Japanischen von Katja Busson, Audible 2023, gelesen von Agnes Kiyomi Decker (bislang nur als Hörbuch erschienen). Das gelbe Haus (, Kiiroi Ie, 2023), aus dem Japanischen von Katja Busson, DuMont Buchverlag, Köln 2025, ISBN 978-3-8321-6834-6.

Rezeption Rezeption von Das gelbe Haus John Self beschrieb Sisters in Yellow als einen Roman, der seine Figuren und Ereignisse eher erkunde als erkläre, und hob die Verbindung von hohem Erzähltempo mit zugleich absurden und erschreckenden Situationen hervor. Dwight Garner würdigte den düsteren Realismus, die erzählerische Sicherheit und die einprägsame Hauptfigur, kritisierte jedoch, dass der Roman zumindest in der englischen Übersetzung auf der Ebene einzelner Sätze wenig sprachliche Tiefe und Textur entwickle.

Weitere literaturkritische Beiträge Lisette Gebhardt: „Die Heilung der inneren Schriftstellerin“ im Onlinemagazin JaLi für Japanische Literatur und Kultur, Februar 2021.Die Heilung der inneren Schriftstellerin, auf ja-li.com, abgerufen am 17. November 2023 Lisette Gebhardt: „Zwei Omegas? Destruktive Gruppendynamik in einer japanischen Schulklasse – Mieko Kawakami operiert in ‚Heaven‘ mit der Psychologie des Mobbings“ auf Literaturkritik.de, 24. November 2021.Zwei Omegas? Destruktive Gruppendynamik in einer japanischen Schulklasse, auf Literaturkritik.de, abgerufen am 17. November 2023 Lisette Gebhardt: „Das Schicksal einer Sprachalchemistin – Mieko Kawakamis Roman ‚All die Liebenden der Nacht‘ kreist um die Metapher des Lichts“ auf Literaturkritik.de, 13. Juli 2023.Das Schicksal einer Sprachalchemistin Mieko Kawakamis Roman „All die Liebenden der Nacht“ kreist um die Metapher des Lichts, auf Literaturkritik.de, abgerufen am 17. November 2023

Weblinks mieko.jp. Offizielle Website von Mieko Kawakami Mieko Kawakami bei Perlentaucher

Einzelnachweise

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