Der Mönchspfeffer (Vitex agnus-castus) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Vitex innerhalb der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae).

Namensgebung Er wird in der Umgangssprache auch Keuschbaum, Keuschlamm (Übersetzung von lateinisch Agnus castusVgl. auch Ute Obhof: Rezeptionszeugnisse des „Gart der Gesundheit“ von Johann Wonnecke in der Martinus-Bibliothek in Mainz – ein wegweisender Druck von Peter Schöffer. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018, S. 25–38, hier: S. 34 (Agnus castus „schapfmulle“); und Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 154 (dort auch „schaffmulle“, „arbor abrahe“, „kuschlamp“ und „meer wyiden“). „keusches Lamm“) oder Liebfrauenbettstroh genannt, weil er angeblich den Geschlechtstrieb abschwächt. Weitere Namen sind Abrahamstrauch, Athenbaum, Pfeffersalz und Tanis. Das spiegelt sich auch im wissenschaftlichen Namen wider: bzw. ‚Lamm‘, und lateinisch ‚keusch‘. Der Mönchspfeffer wird heute in der Naturheilkunde vor allem beim prämenstruellen Syndrom, bei Zyklusstörungen und unerfülltem Kinderwunsch eingesetzt.

Beschreibung mini|Habitus mini|Blütenstand mini|Laubblätter

Optisch ist der Mönchspfeffer wegen der Blätter dem Hanf und in der Blüte dem Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii) ähnlich, weshalb es leicht zu Verwechselungen kommen kann.

Vegetative Merkmale Der Mönchspfeffer ist ein laubabwerfender Strauch oder Baum und kann eine Wuchshöhe von über 5 Metern erreichen. Er hat hell-braune, vierkantige und fein behaarte Zweige.

Die aromatischen, kreuzgegenständig angeordneten Laubblätter sind in Blattstiel und -spreite gegliedert. Der Blattstiel ist bis zu 7 Zentimeter lang. Die Blattspreite ist handförmig (drei) fünf- bis sieben (neun)zählig gefingert. Die eilanzettlichen bis lanzettlichen und spitzen bis zugespitzten, meistens ganzrandigen, bis zu 11 Zentimeter langen Fingerblättchen sind kurz gestielt und unterseits heller sowie kurz filzig behaart.

Generative Merkmale Die kurz gestielten Blüten sind dicht in Scheinquirlen in endständigen, fein behaarten Blütenständen angeordnet.

Die duftenden Blüten haben eine violette, blaue, rosa oder weiße Farbe. Die relativ kleinen Blüten sind zwittrig mit doppelter Blütenhülle. Der kleine, becherförmige Kelch mit kurzen Zipfeln ist außen fein gräulich behaart. Die außen fein gräulich behaarte Krone ist zweilippig, der mittlere Unterlappen ist vergrößert. Die vier didynamischen Staubblätter sind vorstehend. Der Fruchtknoten ist oberständig mit langem, schlankem Griffel und zweilappiger Narbe. Es ist ein Diskus vorhanden.

Die rundliche, dunkelbraune Frucht ist eine 2 bis 3 Millimeter große, bis viersamige und glatte, harte Steinfrucht mit einem haltbaren hellbräunlichen Kelch. Der becherförmige Kelch bedeckt die Frucht bis etwa zur Hälfte bis zwei Drittel.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 32.

Phänologie Die Blütezeit reicht von Juli bis August. Die Treibzeit ist je nach Ortsbedingungen unterschiedlich, meist von April bis Juni.

Vorkommen Der ursprüngliche Verbreitungsraum des Mönchspfeffers erstreckt sich vom Mittelmeerraum über Südwestasien bis zur Krim und bis Pakistan. Der Mönchspfeffer hat ursprüngliche Vorkommen in Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Spanien, Frankreich, Italien, im früheren Jugoslawien, Albanien, Bulgarien, Griechenland, auf der Krim, den Golf-Staaten und von der Türkei und dem Kaukasusraum bis Tadschikistan, Turkmenistan und Indien.

Die bevorzugten Standorte sind feuchte Plätze und Flussufer.

mini|Blütenstand der weißblühenden Form 'alba' mini|Früchte

Taxonomie Die Erstveröffentlichung von Vitex agnus-castus erfolgte 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum, Tomus II, Seite 638 („938“).

Geschichte Die griechische Göttin Hera war der Legende nach auf Samos unter einem Keuschbaum (Lygos) geboren worden. Einmal im Jahr vereinigte sie sich auf Samos mit ihrem Gatten Zeus unter einem Keuschbaum. Ein Bad im Imbrasos erneuerte danach ihre Jungfräulichkeit. Die Feiern der Tonaia, τωναία, bei denen das Kultbild der Göttin mit Keuschbaumzweigen umwunden wurde, erinnerten an dieses Ereignis. Dieser Baum, früher auch „Athenbaum“Petrus Hotton: Thesaurus Phytologicus. Das ist: Neu-eröffneter und reichlich-versehener Kräuter-Schatz: Worinnen Alle in der Artzney-Kunst gebräuchliche Gewächse, welche in allen 4. Theilen der Welt, sonderlich aber in Europa herfürkommen […]. Johann Leonhard Buggel und Johann Andreas Seitz, 1738, S. 541.Heinrich Marzell: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. 5 Bände, Leipzig, ab Band 3 Stuttgart/Wiesbaden, Band 4, S. 1207. genannt, stand am Altar in Heraion auf Samos und wurde unter anderem von Pausanias beschrieben.Pausanias VII,4,4 Den Griechen galt Mönchspfeffer damit als Symbol der keuschen Ehe. Dioscurides beschreibt den auch als „Meerweide“ (lateinisch Salix marina)Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 154. bezeichneten Keuschbaum als Anaphrodisiakum.

Die fleischigen, rotschwarzen Früchte wurden als Gewürz und Anaphrodisiakum verwendet. In den Klostergärten des Mittelalters wuchsen neben Gewürz- und Heilpflanzen auch Pflanzenarten, die der „Abkehr von weltlicher Liebe“ dienten. Die Mönche konnten die scharf schmeckenden Samen als Gewürz für ihre Speisen nehmen und hatten einen willkommenen Nebeneffekt. Im Mittelalter wurde der Mönchspfeffer zum Symbol des enthaltsamen Mönchslebens. Auch im Antidotarium Nicolai kommt Agnus castus (dessen Blüten, flos agni, dort Verwendung finden)Wouter S. van den Berg (Hrsg.): Eene Middelnederlandsche vertaling van het Antidotarium Nicolaï (Ms. 15624–15641, Kon. Bibl. te Brussel) met den latijnschen tekst der eerste gedrukte uitgave van het Antidotarium Nicolaï. Hrsg. von Sophie J. van den Berg, N. V. Boekhandel en Drukkerij E. J. Brill, Leiden 1917, S. 196. vor. Franz von Sales (1567–1622) erwähnt die Anwendung von Agnus Castus (Mönchspfeffer) in seinem Büchlein Philothea im 13. Kapitel (Ratschläge zur Bewahrung der Keuschheit):

Der pflanzenkundige Pietro Andrea Mattioli schreibt in seinem Kreuterbuch in der Ausgabe von 1626:

Verwendung Medizinische Verwendung Mönchspfeffer ist eine Arzneipflanze, deren Früchte (Agni casti fructus) zur Behandlung des prämenstruellen Syndroms (PMS) eingesetzt werden können. Wirksamkeitsmitbestimmende Inhaltsstoffe sind bizyklische Diterpene, Iridoidglykoside, lipophile Flavonoide, Triglyceride, Öl- und Linolsäure sowie ätherische Öle.Heinz Schilcher (Hrsg.): Leitfaden Phytotherapie. 5. Auflage. Urban & Fischer, München 2016, ISBN 978-3-437-55345-5. S. 186 f.Wolfgang Blaschek (Hrsg.): Wichtl – Teedrogen und Phytopharmaka. 6. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2016. ISBN 978-3-8047-3068-7. Seite 48 ff.

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) an der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat in seiner Monografie für Mönchspfefferfrüchte die Anwendung in Form von Trockenextrakten (DEV 6-12:1, Auszugsmittel Ethanol 60 %) zur Anwendung bei prämenstruellem Syndrom als medizinisch anerkannt bewertet (well-established use), weitere Extrakte bekamen eine Bewertung als traditionelle Arzneimittel und können zur Behandlung leichter prämenstrueller Beschwerden verwendet werden.Elisabeth Stahl-Biskup: Mönchspfeffer. Arzneipflanzenlexikon der Kooperation Phytopharmaka.Tobias Niedenthal, Elke Puchtler: Mönchspfeffer: Hilfreich bei Frauenleiden. In: Zeitschrift für Komplementärmedizin, Band 14 (2022), Heft 2, Seite 56-57. ()

Mönchspfeffer fördert die Hormonregulation bei unregelmäßigem Zyklus. Getestet wurde u. a. die Wirkung bei Mastodynie. Hierbei zeigte sich unter Behandlung mit Agnus-Castus-Präparaten eine Besserung der prämenstruellen Mastodynie, die wahrscheinlich dem Ansteigen des Progesteronspiegels geschuldet ist. Da Mönchspfeffer die Bildung des Gelbkörperhormons fördert, werden die entsprechenden Arzneimittel mit zum Teil belegbaren Erfolgen auch bei Unfruchtbarkeit infolge von Gelbkörperschwäche oder erhöhten Gelbkörperspiegeln angewendet. Eingesetzt wird industriell hergestellter und standardisierter Extrakt, der kontinuierlich während des gesamten Menstruationszyklus eingenommen wird. Als Nebenwirkung kann es zu Juckreiz kommen. Durch die gestagenartige Wirkung verlängert sich häufig die Follikularphase, sodass der Nutzen bei verlängerten Zyklen fraglich ist.

Für eine Anwendung während des Klimakteriums oder bei Kinderwunsch fehlen die klinischen Belege, ebenso bei der seit der Antike bekannten Verwendung zur Reduzierung des Sexualtriebs. Bei Frauen ist eine Senkung der Libido allerdings als eine seltene unerwünschte Wirkung dokumentiert.Tobias Niedenthal, Bernhard Uehleke, Elke Puchtler: Mönchspfeffer: Kritische Notizen zur Arzneipflanze des Jahres 2022. In: Zeitschrift für Phytotherapie, Band 43 (2022), Heft 06, Seite 255-261. () Die Anwendung von Teeaufgüssen, wie in populären Ratgebern teils propagiert, ist nicht zielführend, da nicht ausreichend Wirkstoffe aus den Früchten gelöst werden.

Außerdem wurde eine vertreibende Wirkung (als Repellent) gegen Zecken und andere blutsaugende Arthropoden nachgewiesen.

Wirkungsmechanismus Es wird angenommen, dass einige Stoffe, die in Mönchspfeffer gefunden wurden, Einfluss auf die Hypophyse haben. Das könnte den Effekt auf den Hormonhaushalt erklären. Eine Studie hat gezeigt, dass Inhaltsstoffe des Mönchspfeffers am Opioidrezeptor binden. Diese Tatsache könnte dafür verantwortlich sein, dass Mönchspfeffer Beschwerden des Prämenstruellen Syndroms lindert. Der Wirkungsmechanismus ist noch nicht zur Gänze verstanden. In geringeren Dosen, wie sie in vergangenen Jahrhunderten zur Unterdrückung des sexuellen Verlangens eingesetzt wurden, hemmt Mönchspfeffer die Aktivierung der Dopamin-2-Rezeptoren über kompetitive Bindung, was zu einem leichten Anstieg der Prolaktinfreisetzung führt. In höheren Konzentrationen ist die Bindungsaktivität ausreichend, um die Freisetzung von Prolaktin zu verringern. Eine Studie hat herausgefunden, dass die Behandlung 20 gesunder Männer mit höheren Mönchspfeffer-Dosen mit einem leicht gesenkten Prolaktinspiegel einherging, niedrigere Dosen aber im Vergleich zum Placebo einen leichten Anstieg induzierten. Die wirksamen Substanzen sind vermutlich Diterpene mit Dopamin-analoger Wirkung mit hemmender Wirkung auf das Hormon Prolaktin. Eine Senkung des Prolaktins beeinflusst den FSH (follikelstimulierendes Hormon)- und Östrogenspiegel im weiblichen Körper. Über die Wirkung auf den Prolaktinspiegel ist eine Senkung des Testosteron-Spiegels bei Männern als Wirkung plausibel, die sich auf Libido und Spermienproduktion auswirken kann. Über diesen Wirkungsweg ist die seit der Antike berichtete Wirkung als Anaphrodisiakum erklärbar.

Kontraindikationen In der Schwangerschaft sollte Mönchspfeffer aufgrund möglicher Komplikationen nicht eingenommen werden. Mädchen und stillende Frauen sollten ebenfalls keinen Mönchspfefferextrakt einnehmen. Die anerkannte Anwendung als Prolaktinsenker bei PMS widerspricht der traditionellen Anwendung zur Milchbildung. Frauen mit Krankheiten, deren Verlauf von Geschlechtshormonen beeinflusst werden kann, wie Brustkrebs und Tumoren der Hirnanhangdrüse, dürfen Mönchspfefferextrakt nicht einnehmen.

Literatur

Marilena Idžojtić: Dendrology. Academic Press, 2019, ISBN 978-0-444-64175-5, S. 707. Henri Alain Liogier: Descriptive Flora of Puerto Rico and Adjacent Islands. Band 4. UPR, 1995, ISBN 0-8477-2337-2, S. 387–388. A. Pulle: Flora of Suriname. Band 4, Teil 2. Bussy, 1938, S. 304–307.

Einzelnachweise

Weblinks

Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel: Agni casti fructus European Medicines Agency, 7. Mai 2020.