mini|hochkant=1.9| Olympische Spiele 1912Medaillenspiegel Leichtathletik Platz Mannschaft 16px|Goldmedaillen 16px|Silbermedaillen 16px|Bronzemedaillen Total 1 16 14 11 31 2 6 4 3 13 3 3 6 6 15 4 2 1 5 8 5 1 2 2 5 6 1 1 – 2 7 1 – 1 2 8 – 2 – 2 – 2 – 2 10 – 1 – 1 11 – – 1 1 – – 1 1

Bei den V. Olympischen Spielen 1912, offiziell Spiele der V. Olympiade genannt, in der schwedischen Hauptstadt Stockholm fanden dreißig Wettkämpfe in der Leichtathletik statt.

Spiele des Durchbruchs Nachdem schon die vorangegangenen Olympischen Spiele in London die olympische Bewegung in Sachen Popularität, Zuschauerinteresse, Athletenbeteiligung, Sportstätten usw. deutlich weitergebracht hatten, stellten die Spiele hier in Stockholm einen regelrechten Durchbruch dar. Bereits vorher war die Aufmerksamkeit international und besonders im Gastgeberland Schweden intensiv auf das bevorstehende Ereignis gerichtet. Die Bedeutung der Wettkämpfe hatte nachhaltige Wirkung. Zum ersten Mal nahmen Sportler aus allen fünf Kontinenten teil.

Stadion Das Stadion für die Leichtathletikwettkämpfe war mit Plätzen für 30.000 Zuschauer nicht überdimensioniert. Das wirkte sich sehr positiv aus auf die Stimmung und Spannung bei den Wettkämpfen. Die Laufbahn war noch nicht so standardisiert wie heute, es gab eine Aschenbahn von 383 Metern Länge mit einer sehr leistungsfördernden Qualität.

Teilnehmer Die genaue Zahl der Teilnehmer wird in verschiedenen Quellen unterschiedlich angegeben. Die Zahlen schwanken zwischen 534 und 556. Sie setzten sich zusammen aus 26 Nationen. Darin lag jedoch eine gewisse Problematik. Irland z. B. war damals Teil des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Irland und startete so auch offiziell für Großbritannien. Anders war das für Böhmen, das zum Großreich Österreich-Ungarn gehörte, und auch für Finnland, das Teil des russischen Reiches war. Böhmens und Finnlands Sportler konnten für ihre jeweils eigenen kleineren Nationen starten, mussten jedoch beim Einmarsch, der erstmals als Nationeneinmarsch erfolgte, zusammen mit Österreich-Ungarn bzw. Russland ins Stadion marschieren. Frauen waren weiterhin nicht teilnahmeberechtigt. In der Leichtathletik wurden Sportlerinnen erst bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam zugelassen.

Wettkampfprogramm Das Wettkampfangebot brachte wie auch bei allen Spielen zuvor wieder einige Änderungen mit sich. Im Programm gestrichen wurden vorübergehend der Hindernislauf, zuletzt ausgetragen über die Distanz von 3200 Metern und der 400-Meter-Hürdenlauf. Endgültig aus dem Angebot fielen die einmalig ausgetragene olympische Staffel, das 3500-Meter-Gehen sowie die beiden Wurfdisziplinen Diskuswurf, antiker Stil und Speerwurf. freier Stil. Ersetzt wurden: der 5-Meilen-Lauf (8047 m) – durch den 10.000-Meter-Lauf, der 3-Meilen-Mannschaftslauf (4828 m) – durch den 3000-Meter-Mannschaftslauf und das 10-Meilen-Gehen (16.093 m) – durch das 10.000-Meter-Gehen. Neu ins Programm aufgenommen wurden: der 5000-Meter-Lauf, ein Querfeldeinlauf, die beiden Staffeln über 4-mal 100 Meter und 4-mal 400 Meter, die drei beidarmig gewerteten Stoß-/Wurfdisziplinen im Kugelstoßen, Diskuswurf und Speerwurf. Dabei wurden die jeweils mit dem besseren und schwächeren Stoß-/Wurfarm erzielten Weiten zum Endresultat addiert. Diese beidarmigen Wettbewerbe waren einmalig nur hier in Stockholm Teil des olympischen Programms. Darüber hinaus kam der Mehrkampf wieder ins Angebot, einmal als Fünf- und zum Zweiten als Zehnkampf.

Damit nahm das leichtathletische Angebot langsam den Rahmen an, den wir auch heute kennen. Die beiden bislang fehlenden Bahn-Langstrecken über 5000 und 10.000 Meter waren nun olympische Disziplinen, ebenso die beiden Staffeln von heutigen Veranstaltungen. Im Laufbereich fehlten die zwischenzeitlichen abgesetzten Disziplinen 400 Meter Hürden und der Hindernislauf. Zusätzlich gab es damals noch den Querfeldeinlauf – der heute Crosslauf heißen würde, aber längst nicht mehr olympisch ist. Die Disziplinen im Springen, Stoßen und Werfen waren komplett so vorhanden wie heute auch. Zusätzlich gab es damals noch die Standsprungwettbewerbe sowie das beidarmige Stoßen/Werfen. Auch der Zehnkampf war wieder im Programm. Als zweiten Mehrkampf gab es noch den Fünfkampf, der heute nicht mehr olympisch ist. Was gänzlich immer noch fehlte, waren dagegen Angebote für die Frauenleichtathletik.

Sportliche Erfolge Das Leistungsniveau war ausgesprochen hoch. Es wurden sieben Weltrekorde und fünfzehn olympische Rekorde aufgestellt. Weltrekorde: 800-Meter-Lauf: Ted Meredith, USA – 1:51,9 min, Finale am 8. Juli 3000-Meter-Lauf: Hannes Kolehmainen, Finnland – 8:36,9 min, Vorlauf 3000-Meter-Mannschaft am 12. Juli 5000-Meter-Lauf: Hannes Kolehmainen, Finnland – 14:36,6 min, Finale am 10. Juli 4-mal-100-Meter-Staffel: Deutsches Reich (Otto Röhr, Max Herrmann, Erwin Kern, Richard Rau) – 43,6 s, Halbfinale am 8. Juli 4-mal-400-Meter-Staffel: USA (Mel Sheppard, Edward Lindberg, Ted Meredith, Charles Reidpath) – 3:16,6 min, Finale am 15. Juli 10.000-Meter-Gehen: George Goulding, Kanada – 46:28,4 min, 8. Juli Zehnkampf: Jim Thorpe, USA – 8412,955 P (heutige Wertung: 6564 P), 13. bis 15. Juli Olympische Rekorde: 100-Meter-Lauf: Donald Lippincott, USA – 10,6 s, Vorlauf am 6. Juli 400-Meter-Lauf: Charles Reidpath, USA – 48,2 s, Finale am 13. Juli 1500-Meter-Lauf: Arnold Jackson, Großbritannien – 3:56,8 min, Finale am 10. Juli 10.000-Meter-Lauf: Hannes Kolehmainen, Finnland – 31:20,8 min, Finale am 8. Juli Hochsprung: Alma Richards, USA – 1,93 m, Finale am 8. Juli Stabhochsprung: Alma Richards, USA – 3,93 m, Finale am 11. Juli Weitsprung: Albert Gutterson, USA – 7,60 m, Finale am 13. Juli Kugelstoßen: Pat McDonald, USA – 15,34 m, Finale am 10. Juli Kugelstoßen beidarmig: Ralph Rose, USA – 27,70 m, Finale am 11. Juli Diskuswurf: Armas Taipale, Finnland – 45,21 m, Finale am 12. Juli Diskuswurf beidarmig: Armas Taipale, Finnland – 82,86 m, Finale am 13. Juli Hammerwurf: Matt McGrath, USA – 54,74 m, Finale am 14. Juli Speerwurf: Eric Lemming, Schweden – 60,64 m, Finale am 6. Juli Speerwurf: Juho Saaristo, Finnland – 61,00 m, Finale des beidarmigen Speerwurfs am 9. Juli Speerwurf beidarmig: Juho Saaristo, Finnland – 109,42 m, Finale am 9. Juli

Als weitaus beste Nation erwies sich wie bei allen vorangegangenen Spielen die USA. Die US-Amerikaner dominierten mit 16 Goldmedaillen und 42 Medaillen insgesamt. Dahinter lag das kleine Finnland mit sechs Olympiasiegen, das eigentlich noch nicht eigenständig war und zu Russland gehörte. Das Gastgeberland Schweden folgte mit vier, dahinter Großbritannien mit zwei Goldmedaillen.

Erfolgreichster Sportler war der finnische Langstreckler Hannes Kolehmainen. Er wurde dreifacher Olympiasieger – 5000-Meter-, 10.000-Meter-, Querfeldeinlauf – und gewann darüber hinaus mit seinen finnischen Landsleuten die Silbermedaille im 3000-Meter-Mannschaftslauf. Zweifache Olympiasieger waren folgende Athleten: Ralph Craig, USA – 100-, 200-Meter-Lauf Armas Taipale, Finnland – Diskuswurf bestarmig, Diskuswurf beidarmig Jim Thorpe, USA – Fünfkampf, Zehnkampf. Ihm wurden die Goldmedaillen 1913 nachträglich zunächst aberkannt, dann jedoch 1982 wieder zuerkannt. Charles Reidpath, USA – 400-Meter-Lauf, 4-mal-400-Meter-Staffel Ted Meredith, USA – 800-Meter-Lauf, 4-mal-400-Meter-Staffel. Es gab darüber hinaus drei Sportler, die bereits bei zuvor ausgetragenen Olympischen Spielen siegreich waren: Mel Sheppard, USA – 4-mal-400-Meter-Staffel: 1908 Olympiasieger auf den Mittelstrecken über 800 und 1500 Meter sowie Schlussläufer der siegreichen olympischen Staffel, damit jetzt vierfacher Olympiasieger Eric Lemming, Finnland – Speerwurf bestarmig: 1908 siegreich im Speerwurf freier Stil und Speerwurf Mittelgriff, damit jetzt dreifacher Olympiasieger Ralph Rose, USA – Kugelstoßen beidarmig: 1908 siegreich im Kugelstoßen (damals bestarmig), damit jetzt zweifacher Olympiasieger

Resultate 100 m mini|hochkant=1.3|Finaleinlauf über 100 Meter (v. l. n. r.): Frank Belote, Donald Lippincott, George Patching, Ralph Craig, Alvah Meyer

Platz Athlet Land Zeit (s) 1 Ralph Craig 10,8 2 Alvah Meyer 10,9 3 Donald Lippincott 10,9 4 George Patching 10,9 5 Frank Belote 10,9 DNS Howard Drew Finale: 7. Juli

Donald Lippincott hatte im Vorlauf mit 10,6 s einen neuen olympischen Rekord aufgestellt. Der Favorit Howard Drew qualifizierte sich zwar für das Finale, hatte sich aber im Halbfinale einen Muskelriss zugezogen und verzichtete auf einen Start. So wurde Ralph Craig, der nie einen US-amerikanischen Titel erringen konnte, Sprintolympiasieger.

200 m mini|hochkant=1.4| Platz Athlet Land Zeit (s) 1 Ralph Craig 21,7 2 Donald Lippincott 21,8 3 Willie Applegarth 22,0 4 Richard Rau 22,2 5 Charles Reidpath 22,2 6 Donnell Young 22,3 Finale: 11. Juli

Achtzig Meter vor dem Ziel stürmte der 100-Meter-Olympiasieger Ralph Craig kraftvoll an die Spitze und behielt auch gegen den Angriff seines Landsmanns Donald Lippincott die Oberhand. Dahinter ging es ebenfalls sehr eng zu. Der Brite William Applegarth wurde Dritter vor dem Berliner Richard Rau.

400 m mini|hochkant=1.4|Charles Reidpath im Ziel knapp vor Hanns Braun

Platz Athlet Land Zeit (s) 1 Charles Reidpath 48,2 OR 2 Hanns Braun 48,3 3 Edward Lindberg 48,4 4 Ted Meredith 49,2 5 Carroll Haff 49,5 Finale: 13. Juli

Im Gegensatz zu den Vor- und Zwischenläufen, in denen wie schon vier Jahre zuvor 1908 in London mit harten Bandagen gekämpft worden und es auch zu einer Disqualifikation gekommen war, wurde das Finale auf abgesteckten Bahnen ausgetragen. Davon profitierte der Deutsche Hanns Braun, der sich hier alleine gegen vier US-Amerikaner durchsetzen musste. Im Zwischenlauf war Braun so unfair von einem USA-Läufer bedrängt worden, dass dieser – Donnell Young – disqualifiziert wurde. Im Finale herrschte Chancengleichheit und in einem engen Rennen gewann Charles Reidpath vor Hanns Braun und dem US-Amerikaner Edward Lindberg.

800 m mini|hochkant=1.3| Platz Athlet Land Zeit (min) 1 Ted Meredith 1:51,9 WR 2 Mel Sheppard 1:52,0 3 Ira Davenport 1:52,0 4 Mel Brock 1:52,7 5 David Caldwell 1:52,8 6 Hanns Braun 1:53,1 7 Clarence Edmundson 1:53,8 8 Herbert Putnam k. A. Finale: 8. Juli

Sechs US-Amerikaner traten in diesem Finale gegen einen Kanadier und einen Deutschen an. Die US-Läufer arbeiteten taktisch immer wieder geschickt zusammen, aber es kam an keiner Stelle zu unfairen Aktionen. Zum Schluss gab es einen Dreifachsieg für sie und einen Weltrekord für den Sieger, dessen korrekter Name eigentlich James Edwin Meredith lautete. Bei seinem Olympiasieg war er noch keine zwanzig Jahre alt.

1500 m mini|hochkant=1.5|Arnold Jackson gewann den 1500-Meter-Lauf vor Abel Kiviat

Platz Athlet Land Zeit (min) 1 Arnold Jackson 3:56,8 OR 2 Abel Kiviat 3:56,9 3 Norman Taber 3:56,9 4 John Paul Jones 3:57,2 5 Ernst Wide 3:57,6 6 Philip Baker 4:01,0 7 John Zander 4:02,0 8 Henri Arnaud 4:02,2 Finale: 10. Juli

Im Finale übernahm zunächst der US-amerikanische Olympiasieger von 1908 Melvin Sheppard die Spitze. Zwischenzeitlich ging anschließend der Franzose Henri Arnaud nach vorne. Zu Beginn der letzten Runde forcierte der US-Amerikaner Abel Kiviat, aber sein Landsmann Norman Taber, der Brite Arnold Jackson, John Paul Jones, ebenfalls USA, und zunächst auch Melvin Sheppard, der dann aber zurückfiel, konnten folgen. Dramatisch wurde es auf den letzten fünfzig Metern. Die drei US-Amerikaner lagen vorn, ließen dann eine Lücke, in die Jackson stieß und zum Schluss mit Taber um den Sieg kämpfte. Erst die Zielfotografie konnte anschließend darüber entscheiden, wer von beiden gewonnen hatte. Diese Technik wurde in diesem Rennen erstmals bei Olympischen Spielen zur Ermittlung des Siegers zurate gezogen.