Windmühlen ist der Titel einer 1960in der Studentenzeitschrift konkret und 1964 in dem Sammelband Kühe in Halbtrauer erschienenen Erzählung von Arno Schmidt, die von der Begegnung mit einem Bademeister in einem Niedersachsendorf handelt.

Inhalt miniatur|Das Bademeisterhaus im Schwimmbad Hänigsen Ort der Handlung ist das fiktive Niedersachsendorf FrimmersenVorbild ist die südöstlich von Celle gelegene Gemeinde Hänigsen, deren Schwimmbad Schmidt mit seinen Bekannten oft besuchte: „Geschichte aus Hänigsen“, Brief Schmidts an Wilhelm Michels. Abt. B. Bd. 2 S. 181, 184.https://www.arno-schmidt-stiftung.de/eba/search?q=Kosmas%20oder%20vom%20Berge%20des%20Nordens und v. a. das dortige Schwimmbad. Zwei Männer, der Erzähler und sein Freund Richard, unterbrechen ihre Autofahrt, um dem dortigen Bademeister, Fritz Bartels, einen Brief zu überbringen. Der beobachtet vom erhöhten Bademeisterhaus her das besonnte erotische Gewimmel im Schwimmbad, neben ihm steht mit seinem Fernglas Eugen, der „Gestreifte“, ein Homosexueller, wie seine Anspielungen vermuten lassen. Während des nachlässig-entspannten Geplauders der vier Männer erzählt der „Gestreifte“ von seinen jüngsten Italien-Erlebnissen, dann, nachdem der Bademeister den Brief gelesen hat, berichtet dieser verzweifelt, dass er für vier Wochen nach UrningslebenUlrichs bezeichnete den homosexuellen Mann als „Urning“. abgeordnet sei, um den dortigen Bademeister zu vertreten. Er schildert seine Erlebnisse dort im vorigen Jahr, wo Einsamkeit, schlechte Unterkunft, skurrile Wirtshausgäste und vor allem sechs auf hohen Pfählen stehende, in ständiger Bewegung begriffene Windmühlenmodelle ihn derart aufgeregt hätten, dass er sie mit Hilfe zweier junger Paddler in den Badeteich geworfen, sie anschließend jedoch reuig wieder herausgeholt und an ihrem alten Standort festgenagelt habe. Nach diesem Bericht verlassen die zwei Besucher das Schwimmbad und setzen ihre Fahrt fort.Ulrich Goerdten: Arno Schmidts Ländliche Erzählungen. Sechs Interpretationen. Bangert & Metzler, Wiesenbach 2011, S. 15.

Rezeption Längere Zeit wurde die Erzählung als eine realistische Wirklichkeitsschilderung aufgefasst. Heinrich Vormweg schrieb noch 1989 von der „Alltagswirklichkeit“, „die in Schmidts Nachzeichnung fast erschreckend plastisch wird. Und in ihrer realen Isoliertheit wird sie zum Exempel gleichsam orientierungslosen, um so unmittelbarer sich aufdrängenden Lebens.“ Arno Schmidt: Windmühlen. Erzählungen. Herausgegeben von Heinrich Vormweg. Reclam, Stuttgart 1989, S. 77. Hans Wollschläger hat die Erzählung 1962 als „einziges Stück von Rang, von großer Souveränität über die kleine Form“ innerhalb einer Prosasammlung bezeichnet.Hans Wollschläger: Noch ’ne Anthologie. Aus der Werkstatt deutscher Autoren. In: konkret, 11. November 1962, S. 18. Alfred Andersch nennt sie „ein absolutes Meister- und Artistenstück“.Brief vom 17.1. 1964.https://www.arno-schmidt-stiftung.de/eba/search?q=Kosmas%20oder%20vom%20Berge%20des%20Nordens

Interpretationen

Traumstrukturen und mythische Elemente

In einem Aufsatz von Ulrich Goerdten1980 in der Wiener Zeitschrift protokolle wurde die Mehrschichtigkeit und Bedeutungsvielfalt der Erzählung erstmals beschrieben. Im Untertitel dieses Aufsatzes wurde auf die Verwendung von Traumstrukturen in der Erzählung hingewiesen: Arno Schmidts Erzählung Windmühlen als Traumtext gelesen. In dem 2011 erschienenen Goerdtenschen Sammelband (siehe Literaturnachweise) erhält diese, damals nur vermutete, Traumstruktur eine Bestätigung durch die Mitteilung aus einem Brief Hans Wollschlägers an Goerdten,Hans Wollschläger: Brief an Ulrich Goerdten. In: Bargfelder Bote, Lieferung 367–368, August 2013, S. 5–6. in dem bestätigt wird, dass die Urningsleben-Episode in Windmühlen ein echter Traum Arno Schmidts gewesen ist.Ulrich Goerdten: Arno Schmidts Ländliche Erzählungen. S. 114. Ralf Georg Czapla hat diese Interpretation um mythologische und historische Aspekte erweitert, indem er den Barbarossa- und Kyffhäuser-Mythos als Bezugshintergrund der Erzählung dargestellt hat. Thomas Baukes betrachtet eingehend das Augen-Motiv und seine Erscheinungen in der Erzählung und stellt eine Verbindung her zwischen Schmidts Text und Edgar Allan Poes Erzählung The Tell-Tale Heart. Gregor Strick folgt in seiner InterpretationGregor Strick: Willenlos kreisend. Eine Lektüre von Arno Schmidts Windmühlen. In: Zettelkasten 21, S. 47–63. einer Bemerkung Helmut Heißenbüttels, der in Windmühlen keine herkömmliche erzählerische, sondern eine sprachassoziative Dynamik wahrnimmt.Helmut Heißenbüttel: Die Sprache Arno Schmidts. In: Hans-Michael Bock (Hrsg.): Über Arno Schmidt. Rezensionen vom Leviathan bis zur Julia. Haffmans, Zürich 1984, S. 138–139, hier S. 139. Windmühlen sei ein fiktionaler Text über das Wahrnehmen, das Signalisieren und das Verstehen, ein Experiment, das elementare literarische Bedingtheiten reflektiere.Gregor Strick: Willenlos kreisend. Eine Lektüre von Arno Schmidts Windmühlen. In: Zettelkasten 21, S. 47–63, hier S. 58.

Ralf Georg Czapla, dessen Interpretation sich den Nachweis historischer und mythologischer Strukturen und Motive zum Ziel gesetzt hat, sieht in der Erzählung eine literarische Umsetzung des Barbarossa- und Kyffhäuser-Mythos: „Bei Schmidt wird der Kyffhäuser-Mythos durch die Konfrontation mit der Psychoanalyse insofern umgedeutet, als sich die mythischen Elemente mit denen des Traumes verbinden und Teil einer Sexualanthropologie werden, in die Literatur und Historie gleichermaßen miteinbezogen werden.“Ralf Georg Czapla: Der Barbarossamythos in WINDMÜHLEN. In: Ralf Georg Czapla: Mythos, Sexus und Traumspiel. Arno Schmidts Prosazyklus Kühe in Halbtrauer. Igel, Paderborn 1993, S. 79.

Homosexualität miniatur|„Der weiße, sinnvoll hagere, Turmriese ...“ (Arno Schmidt) Hauptthema der Erzählung ist männliche Homosexualität. Das wurde zwei Jahrzehnte lang nicht erkannt, weil Schmidt den zu seiner Zeit noch heiklen Gegenstand mit den Mitteln der Traumarbeit verhüllt und verharmlost hatte. Klar erkennbar erscheint das Thema in dem Ortsnamen „Urningsleben“, den man ins geläufige Deutsch mit „Schwulenhausen“ übersetzen kann. Ulrich Goerdten: Arno Schmidts Ländliche Erzählungen. S. 16. Personifiziert erscheint die Homosexualität in der Figur des Badegastes Eugen, der eine brokatene Badehose und einen fußlangen schwarz-gelb gestreiften Bademantel mit Drachenmotiv trägt. Ein weiteres Thema, zum Ort der Handlung, dem Schwimmbad, passend, ist der Voyeurismus, ein Verhalten, das durch den homosexuellen Badegast „Eugen“ besonders deutlich dargestellt wird. Er betrachtet die fleischlichen Angebote des Schwimmbads durch ein Fernglas, das auch der Erzähler sich ausleiht. „Eugen“ mit seiner klanglichen Nähe zu „Augen“ und „äugen“ ist ein Element des Augen-Themas, dessen vielfältige Erscheinungen Thomas Baukes im Text der Erzählung nachgewiesen hat.Thomas Baukes: Der Bademeister und das „Tell-Tale Heart“. Überlegungen zu Arno Schmidts „Windmühlen“. In: Bargfelder Bote. Lieferung 85–86, 1985, S. 26–37. Die gesamte Szenerie in „Urningsleben“ erweist sich, wie Goerdten nachgewiesen hat, als Genitallandschaft, in der die phallischen Windmühlen das zentrale Motiv bilden. Des Bademeisters Verwirrung, in die er durch die ständig sich drehenden Flügel von sechs Windmühlenmodellen getrieben wird, ist Ausdruck der in ihm wirksamen unbewussten und verdrängten gleichgeschlechtlichen Anteile, die durch den stimulierenden Anblick aus ihrer Latenz erweckt werden und Widerstand und Abwehr mobilisieren. Seine innere Bedrängnis gipfelt in einem Traum von „Jabos“ (Jagdbombern), die im Kreise fliegen und auf ihn schießen.

Personen Der Erzähler, der namenlos bleibt, und sein Freund Richard repräsentieren die (zur Zeit der Entstehung der Geschichte) weithin übliche, amüsiert duldende Haltung gegenüber der Homosexualität. Sie verständigen sich wortlos, als der Erzähler die brokatene Badehose von Eugen erblickt: „(Aber Richard, der meine Verstörtheit bemerkte, drehte gleich die Augen so hoch; und telegrafierte mit dem ganzen Gesicht, daß ich relativ rasch begriff, I can take a hint.)“Arno Schmidt: Ländliche Erzählungen. Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe 1, Bd. 3, Haffmans, Zürich 1987, S. 284. Am Schluss der Erzählung aber sind auch sie vom Dunstkreis des herrschenden Themas affiziert: „<Wrumm : Wrumm!>; (fast genau unter’m Popo; peinlich.) Langsames Weggleiten.“Arno Schmidt: Ländliche Erzählungen. Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe 1, Bd. 3, Haffmans, Zürich 1987, S. 292. heißt es bei der Abfahrt der beiden Protagonisten. Ralf Georg Czapla vermutet, dass Schmidt den Erzähler „als Kontrafakt des Sultans von Ägypten konzipiert“ habe.Ralf Georg Czapla: Mythos, Sexus und Traumspiel. Igel, Paderborn 1993, S. 56. In der Figur des Richard sieht er „eine der herausragenden Figuren des dritten Kreuzzugs, nämlich König Richard I. Löwenherz von England“ verkörpert.Ralf Georg Czapla: Mythos, Sexus und Traumspiel. Igel, Paderborn 1993, S. 55. Eugen, der bizarr gekleidete Schönling, dessen ranke Schlankheit und gezierte Redeweise ihn als Schwulen charakterisieren, wird in der Erzählung stets nur „Der Gestreifte“ (nach seinem gelb-schwarz gestreiften Bademantel) genannt. Seine lapidaren Anmerkungen zu den Erzählungen des Bademeisters weisen ihn als psychologisch gewitzten Kenner aus, der mit seinen Einwürfen auf den verborgenen Bedeutungsgehalt der Reden und der beschriebenen Dinge verweist. Auf des Erzählers von der starken Sonnenhitze angeregte Feststellung, dass im Innern der Gestirne Millionen Grade herrschen sollen, sagt er, das müsse sehr unangenehm sein, und spielt damit auf die Vorstellung an, dass mit den „Gestirnen“ auch rundliche Körperteile gemeint sein könnten, in denen erhöhte Temperaturen herrschen und in denen man ganz oder mit einem kleinen Teil steckt.Arno Schmidt: Ländliche Erzählungen. Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe 1, Bd. 3, Haffmans, Zürich 1987, S. 284. Das Wort „unangenehm“ hat Schmidt mit entlarvender Intention verwendet. In seiner Karl-May-Studie Sitara wird es mehrfach „onangenehm“ geschrieben, was auf einen masturbatorischen Sexualakt hindeutet. „Eugen“ berichtet von einer Reise gen Italien, auf der er und „Geert Wilhelm. Und Sebastian, und Bübchen-Pauli; und Ernst August –“ „oberhalb Udine, an einem entzückenden kleinen See eine einsame Jagdhütte gemietet“Arno Schmidt: Ländliche Erzählungen. Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe 1, Bd. 3, Haffmans, Zürich 1987, S. 285. hatten und weiteres Anekdotisches wie das Pilzesammeln und Botanisieren im Unterholz, Fische und deren besonders schmackhafte Augen und anderes, das als traumsymbolische Transformation sexueller Vorstellungen verstanden werden kann. Ralf Georg Czapla sieht in „Eugen“ den Papst Eugen III. (1145–1153) dargestellt, der seinerzeit zum zweiten Kreuzzug aufgerufen hatte.Czapla, S. 54