mini|hochkant=1.4|Schloss Laarne, Ansicht über den Vorhof von Nordosten
Das Schloss Laarne () steht im belgischen Ort Laarne sieben Kilometer östlich von Gent in der Provinz Ostflandern und zählt zu den besterhaltenen Wasserschlössern Belgiens. Seine Wurzeln liegen in einer einfachen Befestigung des 12. Jahrhunderts, die im 13./14. Jahrhundert zu einer Burg ausgebaut wurde und im 17. Jahrhundert eine Umwandlung zum Schloss erfuhr.
Drei der Schlosstürme besitzen als architektonisches Kuriosum ein konisches Dach aus Stein, was einzigartig in Belgien ist.
Die gesamte Schlossanlage steht seit dem 24. April 1997 unter Denkmalschutz, nachdem einige Teile bereits 1943 und 1962 in die belgische Denkmalliste aufgenommen worden waren.
Geschichte
Die Anfänge
Ein Vorgängerbau der heutigen Anlage wurde im 12. Jahrhundert im sumpfigen Gebiet einer breiten Biegung der Schelde auf einem Pfahlrost errichtet. Erster namentlich bekannter Besitzer Laarnes war ein Diederik van Massemen (), dem auch die Herrschaft Massemen gehörte und der Mitte des 12. Jahrhunderts in Urkunden erwähnt wird. Zusammen mit weiteren Befestigungen wie zum Beispiel Ooidonk, Wondelgem und Gavere bildete die Anlage in Laarne einen Verteidigungsgürtel der Stadt Gent. Diederiks Tochter Beatrix heiratete um 1199 Gerard van Zottegem () und brachte Laarne und Massemen damit an seine Familie. Diese nannte sich in der Folgezeit „von Massemen“ (). Der gemeinsame Sohn Giselbrecht ließ den Baugrund der Pfahlrostgründung erhöhen und ein zweites hölzernes Gebäude errichten, nachdem er im März 1228 anlässlich seiner Hochzeit mit Mathilde, Tochter Robert de Bethunes, Herr von Laarne geworden war. Dieser Hof te Laerne wurde 1294 erstmals urkundlich erwähnt.
Ein erstes Steingebäude wurde erst um 1300 errichtet und anschließend durch Zubauten zu einer Wasserburg auf fünfeckigem Grundriss erweitert. Zu dieser ersten Anlage aus Sandstein gehörten neben dem ersten Steingebäude im Südwesten, das als befestigtes Torhaus diente, ein Wohnturm an der Nordecke der Anlage und drei runde Ecktürme, die durch eine Ringmauer mit abschließendem Wehrgang miteinander verbunden waren. Im Jahr 1362 wurde das Anwesen in einer Urkunde erstmals als Burg bezeichnet. In diesem Schriftstück vom 8. September jenes Jahres erlaubte Gerard van Massemen () Ludwig II., Graf von Flandern, im Fall von kämpferischen Auseinandersetzungen flämische Soldaten in seiner Burg zu stationieren. Die Erlaubnis prägte die folgenden Jahre der Burg entscheidend, denn diese spielte eine große Rolle in den immer wieder aufflammenden Auseinandersetzungen zwischen der Stadt Gent und dem jeweiligen Grafen von Flandern. Zwischen 1382 und 1453 wechselte Laarne aus diesem Grund des Öfteren den Besitzer. 20 Jahre später wurde die Anlage zum Beispiel von Truppen Gents, das gegen Ludwig II. revoltierte, belagert, eingenommen und für Jahre besetzt. Erst 1390 konnte Jan van Massemen die Burg wieder in Besitz nehmen. Als Philipp der Gute 1449 die Salzsteuer anhob, rebellierten die Genter erneut gegen ihren Landesherrn, und ihre Truppen belagerten Laarne ein weiteres Mal. Zu jener Zeit befand sich die Burg im Besitz von Boudewijn IV. de Vos, dem Sohn Boudewijns III., der Laarne 1426 wiederum von seinem Vater Boudewijn II., Ehemann der Elisabeth van Massemen () erhalten hatte. Die Genter Soldaten konnten die Burg einnehmen und Boudewijn IV. festsetzen. Ein Rückeroberungsversuch des Grafen von Saint-Pol, Ludwig I. von Luxemburg, am 22. Mai 1452 hatte keinen Erfolg, erst im zweiten Anlauf schafften es flandrische Truppen am 16. Dezember des Jahres, die Burg zu befreien.
Umbau zum Schloss mini|Abbildung des Schlosses in Flandria Illustrata von 1641
1505 kam der Besitz über die weibliche Linie an die Familie van der Moere und anschließend an die Familie van Gavere. Letztere blieb bis um 1570 Besitzerin. Während der religiösen Unruhen wurde die Burg am 24. Juli 1570 geplündert und niedergebrannt, sodass sie für die nachfolgenden zehn Jahre unbewohnbar war. Etwa zur gleichen Zeit gelangte Laarne an die Familie Schoutheete van Zuylen d’Erpe, die es im Jahr 1656 an die Familie van Vilsteren veräußerte. Der Besitz wurde 1673 für Gerard van Vilsteren (ca. 1615–1683) zur Baronie erhoben. Unter ihm fanden durchgreifende Umbaumaßnahmen statt, die den Wehrbau in ein komfortableres Schloss verwandelten. Dazu gehörte die Verlegung des Hauptzugangs vom Osten des Anwesens auf die der Ortschaft zugewandten westlichen Seite samt Anlage eines dortigen Vorhofs und der Bau eines herrschaftlichen Wohngebäudes. Eine Abbildung der Anlage in Antonius Sanderus’ Flandria Illustrata zeigt sie noch im Zustand vor dem Umbau, von dem noch heute Balkenauflagen mit dem Wappen des Bauherrn in den Innenräumen des Wohnbaus künden. Die van Vilsteren blieben bis 1792 Besitzer von Laarne. Im 18. Jahrhundert ließen sie weitere Umbauten an den Gebäuden vornehmen, die damit dem Geschmack der Zeit angepasst wurden und anschließend noch einmal höheren Wohnkomfort boten. Zu diesen Veränderungen zählte der Einbau größerer Fenster, das Anbringen von Täfelungen im Inneren sowie die Dekoration der Räume durch Stuck.
Von Jacques Joseph van Vilsteren kam Laarne an seine Tochter Maria-Theresia, nachdem alle ihre Brüder zuvor kinderlos verstorben waren. Sie hatte 1785 den Grafen Libert-François Christijn de Ribaucourt geheiratet und brachte das Schloss an die Familie ihres Mannes. Diese nutzte das Schloss lediglich als Sommerresidenz, die 1796 durch französische Revolutionstruppen beschädigt wurde. Die Soldaten demolierten die Kapelle, stahlen die Uhr vom großen Hauptturm und zerstörten fast alle Wappendarstellungen in und an den Gebäuden. Während des 19. Jahrhunderts verlor die Anlage die Funktion als Sommersitz der Eigentümer und war deshalb lange Zeit nicht mehr bewohnt. Erst Robert de Ribaucourt plante zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Laarne wieder als dauerhafte Residenz zu nutzen und startete 1911 ehrgeizige Restaurierungsarbeiten, die jedoch durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und Roberts plötzlichem Tod gestoppt wurden. Das Schloss blieb eine Baustelle und verfiel immer mehr. Ein Zeugnis dieses Bauprojekt ist die heutige hofseitige Ostfassade des Wohnbaus, die erst 1913 ihr gleichmäßiges Aussehen erhielt. Mittels Erbpachtvertrag kam Schloss Laarne anschließend an Charles, Baron Gilles de Pelichy. Er beabsichtigte, es nach Plänen des Architekten de Tracy zu restaurieren, doch die dabei vorgesehenen und nicht mehr rückgängig zu machenden Veränderungen waren derart groß, dass die Umbauten gestoppt wurden.
Wiederaufbau und heutige Nutzung
Robert Christian, comte de Ribaucourt, schenkte die heruntergekommene und ruinöse Schlossanlage 1953 der Königlichen Vereinigung für historische Residenzen und Gärten in Belgien (, ), die bis 1954 sofort die nötigsten Sicherungsmaßnahmen nach Plänen des Brüsseler Architekten Henri van Hall durchführen ließ. Dabei wurde ein kleiner Teil des Schlosses massiv verändert. Ab 1962 begann der Verein mit einer ersten Restaurierung der Bausubstanz. Anschließend wurden die Gebäude mit Möbeln, Teppichen und Gemälden aus dem 16. und 17. Jahrhundert wieder eingerichtet, um sie 1967 der Öffentlichkeit als Museum zu öffnen. In der Zeit von 1986 bis 1988 fand im Schlosshof eine archäologische Grabung statt, die Aufschlüsse über die frühe Geschichte der Anlage brachte. Ab 1987 folgten sukzessive umfassende Restaurierungen aller Bauten, die bis in die 1990er Jahre andauerten. Für diese Maßnahmen zur Erhaltung und zum Wiederaufbau des Schlosses erhielt der Verein den renommierten Europa-Nostra-Preis.
Das 1967 eröffnete Schlossmuseum präsentiert dem Besucher eine Innenausstattung die aus dem 15. bis 18. Jahrhundert stammt. Es ist zwischen Mai und September jeden Sonntag und an einigen weiteren, ausgewählten Tagen geöffnet. Die Ausstellungsstücke stammen nicht aus dem originalen Inventar, sind jedoch so ausgewählt, dass sie zum Schloss passen. Zu den gezeigten Stücken zählen unter anderem zwei lebensgroße Porträts Kaiser Karls VI. und seiner Frau Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel. Ebenfalls im Schloss zu sehen sind mehrere Tapisserien aus dem 15. und 16. Jahrhundert sowie eine Marmorstatue des französischen Königs Ludwig XIV. von dem flämischen Bildhauer Martin van den Bogaert, der in Frankreich unter dem Namen Martin Desjardins bekannt wurde. In einem eigens dafür hergerichteten Raum wird eine 446 Einzelstücke zählende Silberwarensammlung präsentiert, die das Ehepaar Claude und Juliette d’Allemagne dem Schloss im Jahr 1963 stiftete. Die beiden lebten bis zum Tod Claude d’Allemagnes 1986 in einer 1968 im Logis eingerichteten Wohnung. Diese wird seit 1987 durch den belgischen Autor Paul de Pessemier ’s Gravendries bewohnt, der seit jenem Jahr das Amt des Kastellans übernommen hat. Einige Räume können für verschiedene Anlässe wie zum Beispiel Empfänge und Seminare gemietet werden, und in dem Fachwerkgebäude, das an der Stelle der ehemaligen Wirtschaftsgebäude steht, ist heute ein Restaurant beheimatet.
Beschreibung
Das Schloss liegt etwa 800 Meter westlich des Ortskerns von Laarne und ist mit diesem über die Kasteeldreef verbunden. Parallel zu dieser verläuft eine rund 500 Meter lange Allee, die von Osten geradlinig auf das Haupttor der Schlossanlage in deren symmetrischer Mitte zuführt. Das Anwesen besteht aus einer Kernburg, einem östlich davon gelegenen Vorhof sowie einstigen Wirtschaftsflächen im Süden und Südosten. Die gesamte Anlage ist von einem rechteckigen Grabensystem umgeben, wobei die Hauptburg noch einmal von einem separaten bis zu 18 Meter breiten Wassergraben umgeben ist. Die heutige Bausubstanz der Gebäude stammt im Wesentlichen aus zwei Epochen und umfasst einige mittelalterliche Befestigungen aus Sandstein, der aus der Region von Balegem stammt, sowie An- und Zubauten aus der Frühen Neuzeit, bei denen Backstein für das Mauerwerk zum Einsatz kam.
Kernburg mini|Schematischer Grundriss der Kernburg
Ältester Bau der gesamten Anlage ist das zweigeschossige Torhaus aus dem 13./14. Jahrhundert an der Südwest-Seite der fünfeckigen Kernburg. Der rechteckige Sandsteinbau besitzt spitzbogige Torbögen die rund 3,5 Meter hoch sind. An seiner hofseitigen Südecke steht ein Treppenturm mit Wendeltreppe, die zum ersten Obergeschoss führt. Dieses wird von einem einzigen großen Raum eingenommen. Die Staffelgiebel sowie die Lukarne im schiefergedeckten Satteldach wurden dem Bau erst später hinzugefügt, was sich am anderen Baumaterial bemerkbar macht. Die feststehende Holzbrücke, die von Westen über den Wassergraben zum Torhaus führt, stammt erst von 1991, als das Gebäude grundlegend restauriert wurde. In früherer Zeit befand sich an dieser Stelle eine Zugbrücke, die aber bereits Mitte des 17. Jahrhunderts demontiert worden war.
Zwei der fünf Ecken des Grundrisses werden durch runde Wehrtürme mit einem inneren Durchmesser von fünf Metern markiert. Den oberen Abschluss ihrer dreigeschossigen Außenmauern bildet ein leicht auskragender, mit Zinnen bewährter Wehrgang auf etwa 13 Metern Höhe. Dem nordöstlichen Eckturm ist ein kleiner Treppenturm mit schmaler Wendeltreppe angebaut. Das Erdgeschoss jeden Turms wird nur durch schmale Lichtschlitze beleuchtet, während auf den oberen Etagen Kamine und Abortanlagen für einen gewissen Komfort sorgten.
mini|Alte Ansicht der Kernburg von Nordwesten, links der Wohnturm