Als Arbeitersport wird eine sozialistisch geprägte Sportbewegung bezeichnet, die in Deutschland von 1893 bis 1933 existierte. Die älteste Arbeitersportbewegung entstand in der Schweiz (SATUS) 1874. Die erste internationale Arbeitersportorganisation wurde 1913 in Gent gegründet, 1920 und 1946 nach den Weltkriegen wiedergegründet. Von 1921 bis 1937 existierte neben dieser sozialdemokratischen Organisation mit der Roten Sportinternationale auch ein kommunistisch ausgerichteter Dachverband des internationalen Arbeitersports.Arnd Krüger, James Riordan (Hrsg.): The Story of Worker Sport. Human Kinetics, Champaign, IL 1996, ISBN 0-87322-874-X; André Gounot: Sport réformiste ou sport révolutionnaire? Les débuts des Internationales sportives ouvrières. in Pierre Arnaud (Hrsg.), Les origines du sport ouvrier en Europe, L’Harmattan, Paris 1994, S. 219–246; Halevi Olin (Hrsg.): Sport, Peace and Development. International Worker Sport. 1913–2013. CSIT, Wien 2013, ISBN 978-3-9503593-1-2. 1931 trieben über 2 Millionen Menschen Sport in den verschiedenen europäischen Arbeitersportverbänden.

Entstehung Als eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Entstehung der Arbeitersportbewegung ist die ökonomische Entwicklung im 19. Jahrhundert zu kennzeichnen. Die Arbeitsleistung und die damit zusammenhängende Produktivität wurde nicht durch eine Arbeitszeitverlängerung verbessert, sondern durch bestimmte Rationalisierungsmaßnahmen, die die Produktionsmethoden in den unterschiedlichen Betrieben betrafen. Durch diese Vereinfachung der Arbeit nahm die Freizeit der Arbeiter zu und es wurde die Gründung von Arbeiter-Turn- und Sportverbänden ermöglicht. Die ersten Arbeitersportorganisation entstand 1874 in der Schweiz. Sie war allerdings noch stärker von Handwerkern als von Arbeitern geprägt.Dominique Marcel Fankhauser: Die Arbeitersportbewegung in der Schweiz 1874–1947: Beiträge und Kontroversen zur sozialen Frage im Sport. LIT, Münster 2002, ISBN 3-643-80061-4. Im Zuge der von Bismarck erlassenen Sozialistengesetze radikalisierte sich auch die Einstellung der Deutschen Turnerschaft, aus der nun viele sozialdemokratische Sportler aus politischen Gründen ausgeschlossen wurden. Demzufolge waren diese Menschen dazu gezwungen sich einen eigenen Rahmen zu schaffen, in dem sie ihren Sport organisierten. Der Beitritt zu den in der Regel in dieser Zeit noch exklusiven Sport-Clubs war als Alternative nicht möglich, da sich die Sportler gegenüber der Arbeiterschaft sozial abgrenzten bspw. durch hohe Aufnahmegebühren, teure Sportkleidung und -utensilien sowie ein Bürgensystem für die Aufnahme. Die Möglichkeiten zur Gründung eigener Vereine und Organisationen war für die Sozialisten jedoch erst mit dem Fall der Sozialistengesetze im Jahre 1890 zu realisieren. So kam es 1893 zur Gründung des Arbeiter-Turnbundes (ATB) in Gera.Herbert Dierker: Arbeitersport im Spannungsfeld der Zwanziger Jahre. Sportpolitik und Alltagserfahrungen auf internationaler, deutscher und Berliner Ebene. Essen 1990, S. 56–57.

Aufgrund der steigenden Intensität und des Tempos der Arbeit entwickelten die Arbeiter ein gewisses Gesundheitsbewusstsein, in dem sich auch die Notwendigkeit der Körperkultur äußerte. Des Weiteren führte die zunehmende Mechanisierung der Arbeit zu einem Verlangen nach Ausgleich, welches in Turn-, Sport- und Wandervereinen gestillt wurde. Viele Arbeiter begaben sich unter dem Motto "Flucht in die Natur" ins Freie. Jedoch machten sich bei den Arbeitern auch Zweifel breit, da sie befürchteten, ihre politischen und gesellschaftlichen Pflichten durch den Sport zu vernachlässigen.Fritz Wildung: Arbeitersport. In: Hilde Barisch: Sportgeschichte aus erster Hand. Richterdruck, Würzburg 1971, S. 218–220.

Die Arbeiterturnbewegung im Wilhelminischen Kaiserreich Mit der Gründung des ATB und den dadurch folgenden zahlreichen kleineren Vereinsgründungen wurde die Arbeiterturnbewegung anfangs von den sozialdemokratischen Parteien kritisiert. Die Mitglieder der Arbeitersportvereine wurden dazu angehalten, sich stärker auf die Politik zu konzentrieren. Weiterhin wurde die Arbeitersportbewegung nicht von den sozialistischen Parteien beachtet, da sie dafür verantwortlich gemacht wurde, die Sozialdemokraten untereinander zu zersplittern. Dies wurde 1907 von Karl Frey in seiner "Streitschrift" beklagt, sodass sich die SPD danach mehr mit dem Arbeitersport auseinandersetzte. Des Weiteren bewegte die "Streitschrift" die SPD zu der Stellungnahme, dass Sozialisten nicht Mitglieder in der DT sein könnten, was die Menschen zu einem Beitritt in den ATB bewegen sollte. Trotzdem kann bis zum Ersten Weltkrieg nicht von einer organisierten Zusammenarbeit zwischen SPD und den Arbeitersportorganisationen gesprochen werden.Hans-Joachim Teichler: Arbeitersport als soziales und politisches Phänomen im wilhelminischen Klassenstaat. In: Horst Ueberhorst: Geschichte der Leibesübungen. Band 3/1. Bartels und Wernitz, Berlin / München / Frankfurt am Main 1980, S. 462–463.

Die Entwicklung der Arbeitersportbewegung im Wilhelminischen Kaiserreich wurde vor allem von den staatlichen Repressionen gegen den Arbeitersport geprägt. Von Beginn an behandelte die wilhelminische Justiz die Bewegung als sozialistische Organisation. Provoziert durch Berichte über zahlreiche Mitgliederwechsel von der DT zum ATB, wurden von Seiten der DT verwaltungstechnische Maßnahmen sowie Denunziationen über sozialistische Aktivitäten in den Arbeitersportvereinen vorgenommen. Dies führte zu Vereinsauflösungen, polizeilichen Überwachungen, Anforderung von Mitgliederlisten der Arbeitersportvereine und einem Verbot der Mitgliedschaft Minderjähriger in diesen, sodass einige Vereine die Hälfte ihrer Mitglieder verloren.Hans-Joachim Teichler: Arbeitersport als soziales und politisches Phänomen im wilhelminischen Klassenstaat. In: Horst Ueberhorst: Geschichte der Leibesübungen. Band 3/1. Bartels und Wernitz, Berlin / München / Frankfurt am Main 1980, S. 463–464. Das Jugendturnen wurde im Rahmen dieser Unterdrückungsmaßnahmen besonders oft angegriffen, da man den Einfluss der sozialistischen Politik auf die Kinder und Jugendlichen fürchtete. 1908 wurde das Reichsvereinsgesetz verabschiedet, das unter anderem Jugendlichen unter 18 Jahren im gesamten Reich die Zugehörigkeit zu politischen Vereinen verbot. Als Reaktion auf die Verabschiedung des Reichsvereinsgesetzes zeigte sich Fritz Wildung, der ehemalige Redakteur der Arbeiter-Turn-Zeitung selbst an, woraufhin er ein Reichsgerichtsurteil erkämpfte, was die Arbeiterturnbewegung nicht mehr als politisch ansah.Herbert Dierker: Arbeitersport im Spannungsfeld der Zwanziger Jahre. Sportpolitik und Alltagserfahrungen auf internationaler, deutscher und Berliner Ebene. Essen 1990, S. 57–58.

Im Jahre 1912 wurden umfassendere Repressionsmaßnahmen gegen die Arbeitersportbewegung eingeleitet, die auf den großen politischen Erfolg der Sozialdemokraten und die steigende Zahl von Arbeiterturn- und sportvereine reagierten. Infolge dieser neuen Welle von Unterdrückungsmaßnahmen wurden sozialistische Jugend- und Sportvereine als politisch betrachtet, Veranstaltungen von Jugendausschüssen von der Polizei überwacht und Versammlungen gewaltsam aufgelöst. Die Arbeitersportbewegung wurde besonders stark von den Repressionen getroffen, da die Sozialisten mit der Organisation des Sports in Arbeitersportvereinen in ein Gebiet vortraten, das sonst immer die konservativen Staatsvertreter beherrschten. Dennoch konnten die Mitgliederzahlen in den Arbeitersportvereinen einen stetigen Anstieg verzeichnen, allerdings nie in dem Maße der bürgerlichen Sportbewegung, woran die Unterdrückungsmaßnahmen des wilhelminischen Staats einen erheblichen Anteil hatten.Hans-Joachim Teichler: Arbeitersport als soziales und politisches Phänomen im wilhelminischen Klassenstaat. In: Horst Ueberhorst: Geschichte der Leibesübungen. Band 3/1. Bartels und Wernitz, Berlin / München / Frankfurt am Main 1980, S. 465–466. Im selben Jahr schlossen sich die Arbeiterturn- und -sportverbände außerdem zur Zentralkommission für Sport und Körperpflege zusammen, die den Arbeitersport gegenüber den staatlichen Behörden vertreten sollte. Die Organisation entfaltete sich allerdings erst in der Weimarer Republik zu voller Größe.Diethelm Blecking: Arbeitersport in Deutschland 1883–1933. Dokumentation und Analysen. Prometh Verlag, Köln 1983, S. 10.

Obwohl die Arbeitersportbewegung oft als eine Gegenströmung zum Vaterland angesehen wurde und somit auch nicht mit finanzieller Unterstützung vom Staat rechnen konnte, setzten sich die Arbeitersportler mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges auch für die Verteidigung des deutschen Vaterlandes ein. Zusammenfassend lässt sich somit zu der Entwicklung des Arbeitersports in der wilhelminischen Kaiserzeit sagen, dass die Bewegung aufgrund der umfassenden Unterdrückungsmaßnahmen oftmals aus einer defensiven Position handeln musste. Weiterhin strebte die Arbeitersportbewegung nicht nach revolutionären Maßnahmen, sondern wohl eher nach Anpassung und Gleichberechtigung.Hans-Joachim Teichler: Arbeitersport als soziales und politisches Phänomen im wilhelminischen Klassenstaat. In: Horst Ueberhorst: Geschichte der Leibesübungen. Band 3/1. Bartels und Wernitz, Berlin / München / Frankfurt am Main 1980, S. 466–467.

Die Spaltung des Arbeitersports in der Weimarer Republik mini|Willibald Krain: Plakat für die 1. Internationalen Arbeiterolympiade 1925 in Frankfurt am Main. mini|Georg Benedix bei der Eröffnung der 1. Internationalen Arbeiterolympiade 24.–28. Juli 1925 in Frankfurt am Main. mini|Karl Bühren: Der Medizinball im Arbeiter-Turn-Verlag 1928

Die Geschichte der Arbeitersportbewegung ist zur Zeit der Weimarer Republik weitestgehend von internen Differenzen und Spaltungstendenzen geprägt. Zuerst vollzog sich in den Jahren 1918 bis 1919 allerdings die Wandlung vom ATB zum Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB). Mit der Umbenennung der Institution wurden dem Turnen nun auch Spiele und somit ebenfalls Wettkämpfe angegliedert.Diethelm Blecking: Arbeitersport in Deutschland 1883–1933. Dokumentation und Analysen. Prometh Verlag, Köln 1983, S. 10. Natürlich wurde nach dem Ersten Weltkrieg auch die Entwicklung in der Arbeitersportbewegung von der Frage nach der zukünftigen Staatsform in Deutschland geprägt. Der Vorstand des ATSB vertrat hierbei vorerst die Meinung, noch nicht aktiv zu handeln, da die Frage um die zukünftige Staatsform noch nicht geklärt sei. Somit sollte eine parteipolitische Neutralität beibehalten werden, die zu einer Einheit der Arbeitersportbewegung beitragen sollte. Im Gegensatz dazu entwickelten sich dennoch Strömungen im Arbeitersport, die sich für ein aktives und revolutionäres Handeln der gesamten Arbeitersportbewegung einsetzten. Der Schwerpunkt dieser revolutionären Bewegung befand sich in Berlin. Treibend war vor allem der Verein TV Fichte, der höhere Positionen im Verein nur Mitgliedern der KPD und USPD zusprach. Dies stellte einen klaren Gegensatz zur, vom ATSB geforderten, parteipolitischen Neutralität dar, wodurch die Einheit des ATSB indirekt in Frage gestellt wurde.Herbert Dierker: Arbeitersport im Spannungsfeld der Zwanziger Jahre. Sportpolitik und Alltagserfahrungen auf internationaler, deutscher und Berliner Ebene. Essen 1990, S. 60–61. Anhand dieser gegensätzlichen Bestrebungen ist eine ideologische Spaltung in ein revolutionär-kommunistisches und reformerisch-sozialdemokratisches Lager entstanden.Herbert Dierker: "Größter Roter Sportverein der Welt". Der Berliner Arbeitersportverein Fichte in der Weimarer Republik. In: Hans Joachim Teichler, Gerhard Hauk: Illustrierte Geschichte des Arbeitersports. J.H.W. Dietz, Berlin / Bonn 1987, S. 94.