300px|mini|Deckblatt des ersten Bandes der Regensburgischen Chronik
Carl Theodor Gemeiner (* 10. Dezember 1756 in Regensburg; † 30. November 1823 ebenda) war Syndikus und geheimer Registrator der Reichsstadt Regensburg, später Landesdirektionsrat des Fürstentums Regensburg und schließlich Beamter des Königreichs Bayern. Er war unter allen drei Dienstherren zuständig für das Regensburger Archiv- und Bibliothekswesen. Darüber hinaus wirkte er als Historiker und veröffentlichte eine Vielzahl historischer Schriften, vornehmlich zur Regensburger Stadtgeschichte und bayerischen Landesgeschichte.
Leben Herkunft und Werdegang bis zum Ende der Reichsstadt Regensburg (1756–1803) Carl Theodor Gemeiner entstammte einer alten Regensburger Ratsherrenfamilie, die 1684 in den Besitz des Hauses Zum Pelikan in der Keplerstraße (Nr. 11) gekommen war. Nach dem Tod seiner Mutter 1791 kam das Haus in seinen Besitz und blieb im Besitz der Familie bis 1829. Eine Gedenktafel über dem Portal erinnert an Gemeiner mit den Worten: „In diesem Haus schrieb seine treffliche / Chronik und starb am 30. Nov. 1823 / Karl Theodor Gemeiner, städtischer Syndikus und Archivar / dann k. b. Landesdirektionsrath, / dahier geboren am 10. Dez. 1756“.
Sein Vater Georg Theodor Gemeiner war ein erfolgreicher Kaufmann und Mitglied im Inneren Rat der Stadt, Direktor des städtischen Almosenamts und erster Regensburger Abgeordneter im Reichsstädtischen Kollegium des Immerwährenden Reichstags, wo er auch als Bevollmächtigter mehrere andere Reichsstädte vertrat. Seine Mutter Juliane Herrich war eine Tochter des kursächsischen Reichstagssekretärs Nikolaus Herrich und eine Enkelin des Regensburger Superintendenten Georg Serpilius. Carl Theodor Gemeiner wuchs in einem wohlhabenden protestantischen Elternhaus auf. Er kam infolge des familiären Umfelds schon in frühen Jahren mit Problemen reichsstädtischer Politik in Berührung und entwickelte bald ein großes Interesse für die Geschicke seiner Heimatstadt, das für sein späteres Denken und Schaffen bestimmend werden sollte.
Nach dem Besuch des Regensburger Gymnasium poeticum schlug Gemeiner zunächst die geistliche Laufbahn ein und immatrikulierte sich am 10. Mai 1775 zum Studium der Theologie in Leipzig.Hermann Hage: Der Regensburger Historiker und Archivar Carl Theodor Gemeiner. In: Zeitschrift des Vereins für Oberpfalz und Regensburg 123 (1983), S. 175. Nach dem Abschluss seiner Studien kehrte er 1778 in der Hoffnung, eine Anstellung als Pfarrer zu finden, nach Regensburg zurück. Da aber zu jener Zeit keine Pfarrstelle frei war, gab er sich seinen historischen Interessen hin. Er forschte im Stadtarchiv und verfasste eine Abhandlung über die Geschichte der Regensburger Juden. Diese Schrift widmete er dem damaligen Stadtkämmerer und Ratsherrn Sigmund Georg Ulrich Bösner, der von der Arbeit so begeistert war, dass er Gemeiner vorschlug, im Archivwesen der Stadt tätig zu werden. Da keine Beschäftigung in einem geistlichen Amt zu finden war, nahm Gemeiner das Angebot an. Allerdings fehlten ihm für seine künftigen Aufgaben noch Kenntnisse in Rechtswissenschaft und Diplomatik, welche er sich an den Universitäten von Ingolstadt und Erlangen, sowie bei einer dreiwöchigen Unterweisung beim Archivar Philipp Ernst Spieß auf der Plassenburg erwarb.
Mit Beginn des Jahres 1782 trat er als „Syndikus-Archivarius“ in die Dienste seiner Heimatstadt Regensburg. Schon im folgenden Jahr wurde er zum ersten Syndikus und geheimen Registrator befördert.Hermann Hage: Der Regensburger Historiker und Archivar Carl Theodor Gemeiner. In: Zeitschrift des Vereins für Oberpfalz und Regensburg 123 (1983), S. 178. Zu seinen Aufgaben gehörte unter anderem die Protokollierung von Ratssitzungen, die Leitung der städtischen Kanzlei, sowie die Aktenregistratur und die Erschließung und Erforschung alter Urkunden und Verträge, die Regensburg über die Jahrhunderte mit dem Haus Bayern und der katholischen Geistlichkeit der Stadt geschlossen hatte, und die in Streitfällen noch immer als Rechtsnachweis benötigt wurden.
Gemeiner konzentrierte sich in den folgenden Jahren seiner Amtstätigkeit vor allem auf das Erfassen, Ordnen und Katalogisieren der Bestände in den Regensburger Archiven und Bibliotheken. Zu diesen Beständen verfasste er auch eine Reihe bibliographischer Schriften, von denen einige im Druck erschienen sind.
Die Erschließung der Bibliotheken und Archive seiner Heimatstadt motivierte ihn darüber hinaus zu historischen Nachforschungen, die sich ab 1785 in mehreren kleinen Publikationen niederschlugen. Schon 1785 wurde er auch in die Bayerische Akademie der Wissenschaften aufgenommen.Hermann Hage: Carl Theodor Gemeiner (1756–1823): ein bedeutender Regensburger Historiker, Archivar und Bibliothekar in Zeiten des Umbruchs. In: Die Regensburger Bibliothekslandschaft am Ende des Alten Reiches. Hrsg. v. Manfred Knedlik / Bernhard Lübbers, S. 143. Mit der „Geschichte des Herzogtums Bayern unter Kaiser Friedrich I. Regierung“ gab er 1790 erstmals ein größeres historisches Werk in Druck. Dem folgte eine besonders ergiebige Schaffensperiode, in der bis 1803 zahlreiche weitere Arbeiten erschienen, darunter eine Abhandlung über die Reformation in Regensburg, eine Schrift über den Immerwährenden Reichstag und schließlich die beiden ersten Bände seiner Regensburgischen Chronik, die sich zu seinem Hauptwerk auswachsen sollte.
Gemeiner in Diensten des Fürstentums Regensburg (1803–1810) Das Ende der reichsstädtischen Unabhängigkeit Regensburgs im Jahre 1803 brachte für Gemeiner einschneidende Veränderungen mit sich. Nach dem Übergang der Stadt an den Kurerzkanzler Karl Theodor von Dalberg trat er als Landesdirektionsrat in die Dienste des Fürstentums Regensburg. Seine Zuständigkeiten blieben dabei ähnlich: Neben Aufgaben in der städtischen Verwaltung wurde ihm das Archivwesen anvertraut. Gerade hier übernahm er eine wichtige Funktion, denn in der Zeit Dalbergs verfolgte man den Plan, das städtische Archiv sowie die verschiedenen geistlichen Institutionen in einem zentralen Hauptarchiv zu vereinigen. Gemeiner sollte dieses Vorhaben leiten. Dazu wurde er zum Generalarchivarius ernannt und mit der Oberaufsicht über alle Regensburger Archive ausgestattet.Hermann Hage: Der Regensburger Historiker und Archivar Carl Theodor Gemeiner. In: Zeitschrift des Vereins für Oberpfalz und Regensburg 123 (1983), S. 207–208. Zur Unterstützung wurde ihm der ehemalige Benediktinerpater, Historiker und Archivar von St. Emmeram, Roman Zirngibl, als Gehilfe unterstellt. Doch kam zwischen den beiden keine konstruktive Kooperation zustande. Zirngibl missbilligte seinen protestantischen Vorgesetzten, polemisierte und intrigierte gegen denselben und behinderte seine Arbeit, wo er nur konnte.Hermann Hage: Carl Theodor Gemeiner (1756–1823): ein bedeutender Regensburger Historiker, Archivar und Bibliothekar in Zeiten des Umbruchs. In: Die Regensburger Bibliothekslandschaft am Ende des Alten Reiches. Hrsg. v. Manfred Knedlik / Bernhard Lübbers, S. 144. Gemeiner selbst war zudem häufig durch andere Tätigkeiten in Anspruch genommen, sodass die Umstrukturierung der Regensburger Archivlandschaft nur langsam vorankam.
Die neue Stellung Gemeiners als Generalarchivar war jedoch von großer Bedeutung für sein historiographisches Wirken, da er nun Zugang zu sämtlichen Archiven und Bibliotheken der Stadt erhielt, darunter vor allem das bedeutende Klosterarchiv von St. Emmeram sowie das fürstbischöfliche Archiv. Bei seinen historischen Forschungen konnte er fortan diesen Überlieferungsstrang miteinbeziehen.
In seinem Amt als Landesdirektionsrat wurde Gemeiner gegen Ende der Ära Dalbergs auch mit den Emanzipationsbestrebungen der Regensburger Juden konfrontiert. Dabei zeigte er in seinen Gutachten und Stellungnahmen eine stets ablehnende Haltung gegenüber jüdischen Interessen. 1808 wandte er sich gegen einen Antrag der jüdischen Gemeinde auf Verleihung des Bürgerrechts und eine rechtliche Gleichstellung jüdischer Kaufleute. Er verteidigte damit konsequent die Interessen des etablierten Regensburger Handelsstands.Hermann Hage: Zur Frage der Emanzipation der Regensburger Juden unter der Herrschaft Carl Theodor von Dalbergs (1802–1810). In: „Stadt und Mutter in Israel“: Jüdische Geschichte und Kultur in Regensburg. S. 189–190.
Gemeiner als Beamter im Königreich Bayern (1810–1823) Die Eingliederung Regensburgs in das Königreich Bayern im Jahre 1810 brachte eine neuerliche Wende in Gemeiners Leben. Unmittelbar nach dem Übergang der Stadt wurde er unter Belassung seiner bisherigen Stellung als Landesdirektionsrat und Generalarchivar in bayerische Dienste übernommen. Dort sah er sich erneut mit großen Aufgaben konfrontiert, denn das Regensburger Archivwesen kam auch nach den Umbaumaßnahmen der Dalbergzeit nicht zur Ruhe. Sein neuer Dienstherr war bestrebt, die Archivalien aus den hinzugewonnen mediatisierten und säkularisierten Territorien in einem zentralen Landesarchiv in München zusammenzuführen. Auch wenn aus Platzgründen zunächst nur ein Teil der Bestände betroffen war und im Jahre 1811 sogar noch ein eigenes Archivkonservatorium in Regensburg eingerichtet wurde, dessen Leitung man Gemeiner übertrug, bedeutete dies auf lange Sicht den Verlust der wertvollsten Archivalien an die Münchener Zentralbehörde. Als Archivkonservator wurde Gemeiner mit der Abwicklung des Transfers beauftragt. Er hatte sich einen Überblick über das Regensburger Archivgut zu verschaffen und den bayerischen Behörden darüber zu berichten. Bereits im Jahre 1811 wurden die ersten Bestände nach München überführt.Hermann Hage: Carl Theodor Gemeiner (1756–1823): ein bedeutender Regensburger Historiker, Archivar und Bibliothekar in Zeiten des Umbruchs. In: Die Regensburger Bibliothekslandschaft am Ende des Alten Reiches. Hrsg. v. Manfred Knedlik / Bernhard Lübbers, S. 145.
Die allmähliche Abwicklung der Regensburger Archive brachte jedoch große Probleme mit sich. Schon in der Dalbergzeit hatte der Versuch eine zentrale Archivbehörde aufzubauen die Archivalien aus ihrer organisch gewachsenen Einheit gerissen und in große Unordnung gebracht. Die Situation verschärfte sich noch dadurch, dass keine ausreichenden Räumlichkeiten zur Lagerung der Urkunden und Akten verfügbar waren. So berichtet uns Gemeiner aus dem Jahre 1813 über die betreffenden Zustände in Regensburg: „Die Akten, z. T. mit 100jährigem Staub und Dachmörtel bedeckt, wurde aus ihren ruhigen Lagern gerissen und mit den neuen Akten vermengt, auf Böden unter das Dach oder in Gewölbe geworfen, wo sie der Verwesung, der Nässe, dem Mäusefraß, auch öfters dem Zutritt der Maurer und Taglöhner preisgegeben sind“.Hermann Hage: Der Regensburger Historiker und Archivar Carl Theodor Gemeiner. In: Zeitschrift des Vereins für Oberpfalz und Regensburg 123 (1983), S. 216. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum wesentliche Teile der Regensburger Überlieferung während der politischen Umbrüche zu Beginn des 19. Jahrhunderts verloren gingen. Gemeiner hat diese Bestände teilweise in seinen Werken verarbeitet und sie so der Nachwelt erhalten.