mini|Areal der Tabakfabrik (Peter-Behrens-Platz) mit Kraftwerks-, Zigarettenfabrikationsgebäude und Drehscheibe von NNW (2014) mini|Das ehemalige Hauptgebäude der Zigarettenfabrikation, das so genannte Haus CASABLANCA (rechts), links im Bild ein Teil des Kraftwerks der Tabakfabrik Linz. alt=Haupteingang der Tabakfabrik Linz: Haus CASABLANCA|mini|Eingang des Hauptgebäudes
Die Tabakfabrik Linz (auch Tabakregie bzw. umgangssprachlich Tschickbude oder Zigarettenfabrik genannt) ist ein von 1929 bis 1935 nach Plänen von Peter Behrens und Alexander Popp in Linz errichteter Gebäudekomplex. Die denkmalgeschützte Industrieanlage ist der erste Stahlskelettbau Österreichs im Stil der Neuen Sachlichkeit, aus diesem Grund ist sie auch architekturgeschichtlich von Bedeutung.
Bis Ende September 2009 wurden in der Tabakfabrik Zigaretten hergestellt. Im selben Jahr kaufte die Stadt Linz das Fabriksareal mit 38.148 Quadratmetern Grundfläche und den Gebäudebestand samt Donauparkstadion zum Preis von 17 Mio. Euro von Japan Tobacco International und erklärte es zum Gebiet der Stadtentwicklung, das sich sukzessive als Zentrum der Kreativwirtschaft und der Digitalisierung in der oberösterreichischen Landeshauptstadt entwickelt.
Die Entwicklung und Verwaltung des Areals obliegt der Tabakfabrik Linz Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft mbH (kurz: TFL). Diese gehört zur Unternehmensgruppe der Stadt Linz und ist mehrheitlich eine Tochtergesellschaft der Immobilien Linz GmbH & Co. KG.
Zentrum der Kreativwirtschaft und Digitalisierung
Die Tabakfabrik Linz spielt unter anderem eine wichtige Rolle bei der internationalen Positionierung von Linz im Bereich der Creative Industries. Laut einer Studie der KMU Forschung Austria und des Linzer Instituts für qualitative Studien sollte die Tabakfabrik Linz als Leuchtturm der oberösterreichischen Kreativwirtschaft ausgebaut werden. Seit ihrer Wiedereröffnung hat sich die Tabakfabrik Linz außerdem als Veranstaltungs- und Ausstellungsort etabliert. Die Workshopräume sowie Eventflächen der Tabakfabrik umfassen rund 2500 Quadratmeter Nutzfläche.
Die Gebäude und Räumlichkeiten der Tabakfabrik Linz sind seit der Schließung der Tabakproduktion instandgesetzt und teilweise neu gestaltet worden. Sie sind nach historischen Zigarettenmarken benannt: Haus CASABLANCA (früher „Bau 1“, ehemalige Zigarettenfabrikation), Haus DAMES (früher „Bau 2“, ehemalige Pfeifentabakfabrikation); die ehemaligen Magazine heißen FALK, HAVANNA und SMART. Das vormalige KRAFTWERK behielt seinen Namen. Es beinhaltet heute eine Brauerei, in der eine Sorte des Linzer Biers hergestellt wird, einen Gastronomie-Betrieb sowie einen Veranstaltungsraum (Hörsaal 0). Die nicht denkmalgeschützten Bereiche (Bau 3) wurden abgerissen, 2026 eröffneten hier die Neubauten des Quadrill.
Während zum Zeitpunkt der Auflassung des Werks im September 2009 insgesamt 284 Personen am Areal arbeiteten, waren im Oktober 2017 bereits 717 Personen am Areal beschäftigt. Insgesamt sind laut der TFL über 250 Personen und Organisationen eingemietet, darunter eine große Zahl von Ein-Personen-Unternehmen. Die Geschäftsfelder der Mieter umfassen nahezu alle Sparten der Kreativwirtschaft, darunter Design, Werbung/Marketing, Film/Fotografie, Architektur, Software und Darstellende Künste, aber auch den Sozialbereich. Ein Schwerpunkt am Areal der Tabakfabrik Linz sind Start-up-Unternehmen, für die mit der Ansiedelung des Start-up-Campus „factory300“ ein eigenes Umfeld – von Räumlichkeiten über Beratung bis hin zur Finanzierung – geschaffen wurde. Im November 2017 wurde außerdem die so genannte Strada del Start-up vorgestellt, auf der jungen Unternehmen flexibel mietbare Büro- und Werkstatträume zur Verfügung gestellt werden.
Eine Strategie des Entwicklungsteams rund um Chris Müller (Direktor für Entwicklung, Gestaltung und künstlerische Agenden von 2013 bis 2023) war von Anfang an die Zwischennutzung des Areals, vor allem im Veranstaltungsbereich. Durch den temporären Gebrauch von ungenutzten Flächen und Räumen („Wegen Umbau geöffnet“) sollte die bestmögliche Nutzung der einzelnen Gebäudeteile herausgefunden werden.
Lage
Die Tabakfabrik Linz liegt zwischen dem Zentrum, der Donaulände und dem Hafenviertel. Ihre Entwicklung hängt mit dem sich stark entwickelnden Hafenviertel zusammen.
Die Tabakfabrik hatte als solche ehemals die Adresse Ludlgasse 19, da sich hier das Direktionsgebäude befand. Das Management des heutigen Entwicklungsgebiets Tabakfabrik hat zwei Eingänge und Adressen: Gruberstraße 1 und Peter-Behrens-Platz 11. In Kooperation mit dem hier anliegenden Unternehmen Laska wurde Anfang 2017 die Durchörterung, also fußläufige Öffnung das Fabrikshof zur Holzstraße im Nordosten und damit weiter zur Hafenstraße im Osten beschlossen.
Der ehemals geschlossene, gegliederte Hof der Tabakfabrik wurde am 22. März 2012 vom Stadtsenat in Peter-Behrens-Platz benannt und ist mit 13.000 m2 nur wenig kleiner als der Linzer Hauptplatz (13.140 m2). Zumindest zu Zeiten von Veranstaltungen in der Tabakfabrik ist der Peter-Behrens-Platz zur nordwestlich an der Hauptfront der Fabrik vorbeiführenden Unteren Donaulände und zur Ludlgasse im Südosten geöffnet. In: linzmobil.at, 28. März 2012, abgerufen am 20. November 2017.
Infrastruktur
2013 wurden die Normalspur-Gleise des Areals bis zur ehemaligen Drehscheibe im Hof reaktiviert und es fuhr erstmals ein Personenzug (ÖBB Desiro 5022) mit 200 Mitarbeitern der voestalpine vom neuen Bahnhof der Stahlwelt zur Tabakfabrik Linz. In Zukunft sollen bei Kulturprojekten Züge auf der Strecke fahren. Mit Schließung der Produktion war etwa 2009 eine etwa 5 m langes Stück Gleis in der weiten Rechtskurve nördlich der Tabakfabrik entfernt worden. In: linztv.at, 10. September 2013. Mittlerweile wurden alle zur Tabakfabrik verlaufenden Gleise abgetragen.
Der Bau einer Stadtbahnlinie in Linz soll die Tabakfabrik in Zukunft noch stärker in das öffentliche Nahverkehrsnetz einbinden. Derzeit ist die Tabakfabrik über die Buslinien 12 (Haltestelle Parkbad), 25 (Haltestelle Parkbad), 26 (Haltestelle Lüfteneggerstraße) und 27 (Haltestelle Lederergasse) an den öffentlichen Verkehr angebunden.
Geschichte Zigarettenerzeugung am Standort Linz
Nachdem die Linzer Wollzeugfabrik ihren Betrieb 1850 eingestellt hatte, wurden Teile der Wollzeugfabrik für die Erzeugung von Rauch- und Kautabaken genutzt. 1859 waren dafür bereits mehr als 1000 Personen beschäftigt. Auf Erzeugung von Kautabak (bis 1903) folgte ab dem Jahr 1904 die Zigarren- und Zigarettenproduktion der österreichischen Tabakregie an der Unteren Donaulände.Sabine Fellner, Georg Thiel: Die Geschichte der Tabakfabrik Linz. In: Andrea Bina: Tabak Fabrik Linz. Kunst Architektur Arbeitswelt. Linz 2010, S. 24–63. Die Belegschaft bestand dabei zu 90 Prozent aus Frauen.Andrea Bina: S. 10, abgerufen am 10. Juni 2012. Die „industriefeindliche, ländliche Bevölkerung“ brachte der Tabakfabrik anfangs keine große Wertschätzung entgegen. Vor allem kirchliche Würdenträger und das Linzer Bürgertum befürchteten „sittliches Verderben“ durch die Fabrik.
Bis 1918 wurden aufgrund der stetig steigenden Produktion und aufgrund des technologischen Fortschritts (Dampfmaschine) diverse Um- und Ausbauten der ehemaligen Wollzeugfabrik durchgeführt. Während des Ersten Weltkriegs wurde jährlich rund eine Milliarde Zigaretten hergestellt. Stieg zu Beginn des Krieges die Produktion aufgrund des großen Bedarfs der Armee noch an, machten sich bald Probleme mit der Rohstoff-Versorgung bemerkbar. Die Tabakregie sah 72 approbierte Streckmittel vor; darunter vor allem Buchenlaub, Hanf und Hopfen. 1928 waren die Gebäude der alten Wollzeugfabrik schließlich nicht mehr nutzbar und ein Neubau wurde beschlossen.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Tabakfabrik 1938 zum „nationalsozialistischen Musterbetrieb“: 1942 wurde der Fabrik aufgrund der „Verfügung des Führers vom 29. August 1936 über den Nationalsozialistischen Musterbetrieb“ ein Gaudiplom für hervorragende Leistungen verliehen. Außerdem errang der Betrieb das Leistungsabzeichen für vorbildliche Sorge um die Volksgesundheit. Besuche von hochrangigen Nationalsozialisten wie Gauleiter August Eigruber, DAF-Leiter Robert Ley oder Reichsfinanzminister Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk sollte die Verbundenheit zum Regime stärken. Die Tabakfabrik war durch Arbeiter wie Josef Teufl aber auch ein Ort des Widerstands. Das Produkt Zigarette galt als kriegswichtig und das Unternehmen Tabakfabrik Linz war ein wehrwirtschaftlicher Betrieb. Während des Zweiten Weltkrieges wurden im Neubau der Fabrik rund fünf Milliarden Zigaretten produziert.
Soziale Wohlfahrt
Während der Zigarettenproduktion durch die Österreichische Tabakregie war die Tabakfabrik Linz aufgrund von verschiedenen Einrichtungen der sozialen Wohlfahrt ein begehrter Arbeitsplatz. Die Arbeitsräume waren mit ausreichend Entstaubungs-, Wasch- und Toilettanlagen, Handtüchern, Seife und Wandspucknäpfen ausgestattet.Sabine Fellner, Georg Thiel: Austria Tabak als Arbeitgeber – Soziales und Wohlfahrt. In: Andrea Bina: Tabak Fabrik Linz. Kunst Architektur Arbeitswelt. Linz 2010, S. 66–88. Eigene Betriebsärzte ordinierten täglich in entsprechend ausgestatteten Räumlichkeiten in der Fabrik. Der Wohlfahrtsverein der Tabakregie betrieb Erholungsheime für Beamte in Bad Aussee und Bad Schallerbach sowie für Arbeiter in Kärnten (Sattendorf, St. Urban und Mallnitz). Den Arbeiterinnen wurde zusätzlich zum gesetzlichen Mutterschutz ein zweiwöchiger bezahlter Urlaub gewährt. Andere Sicherheitsmaßnahmen im Arbeitsschutz betrafen Verschalungen von Maschinen, Arbeitsschutzkleidung sowie diverse plakatierte Warnungen. Für die Arbeiterinnen an den Lösetischen entwarf Architekt Behrens eigene Stahlrohrsessel. Die Rollo für den Sonnenschutz sind aktuell im ursprünglichen braun-weiß gestreiften Design noch teilweise funktionstüchtig.Hermann Steindl: Architekt Prof. Peter Behrens. Die Tabakfabrik Linz. Eine Ikone der modernen Industriearchitektur. Trauner Druck, Linz 2010, ISBN 978-3-200-01903-4.
Eine eigene Werksküche erhielt die Linzer Tabakfabrik im Vergleich zu anderen Werken der Tabakregie erst relativ spät. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Mittagspause im Ausmaß von zwei Stunden so lange bemessen, um „nach Hause zu gehen und dort zu essen“. Nach Kürzung der Pause auf 30 Minuten mit der Ausweitung der Arbeitszeit im Zweiten Weltkrieg war diese Argumentation nicht mehr aufrechtzuerhalten und 1943 wurden werkseigene Küche und Speisesaal von Gauleiter Eigruber eröffnet.
Bereits 1918 wurde ein „Säuglingsheim“ eröffnet, in dem Kinder bis zu einem Alter von nur einem Jahr „unter Aufsicht der Fabrikärzte von fachkundigen Wartefrauen kostenlos beaufsichtigt, gebadet und gepflegt“ wurden. Dies hatte zur Folge, dass viele Arbeiterinnen ihre Kinder entgegen den Vorschriften nach Beendigung des ersten Lebensjahres mit an den Arbeitsplatz nahmen. Der Betriebskindergarten für Säuglinge und Kinder bis zum Alter von sechs Jahren wurde 1939 eröffnet. 1952 übersiedelte der Kindergarten in einen Neubau im baulichen Anschluss an das einzige von der alten Linzer Wollzeugfabrik erhaltene Gebäude der ehemaligen Zwirnerei, dem „Zwirnerstöckl“. Dort bestand der Kindergarten mit Hort als betriebliche Einrichtung bis 1977.
mini|Betriebskindergarten im ehem. Zwirnerstöcklmini|Wohnhäuser in der Gruberstraße 65 und 67
Bis 1910 hat die Tabakregie ein alle Fabriken umfassendes Wohnbauprogramm ausgearbeitet. Dabei entstanden in Linz 1923 ein Beamtenwohnhaus sowie später zwei Arbeiterwohnhäuser in der heutigen Gruberstraße an deren Fassaden Tabakpflanzen als Relief eingearbeitet wurden. Im Jahr 1941 erwarb die Tabakregie das gemeinnützige Wohnungsunternehmen Riedenhof.