Strafpark (Original: Punishment Park) ist ein US-amerikanischer Science-Fiction-Film von Peter Watkins aus dem Jahr 1971. Die mittels dokumentarischer Stilmittel inszenierte Mockumentary schildert eine USA der nahen Zukunft, in der politische Gegner vorbeugend in Haft genommen und vor die Wahl gestellt werden, langjährige Haftstrafen zu verbüßen oder an einem Wettlauf gegen Sicherheitskräfte in einem „Strafpark“ teilzunehmen.This 70s Sci-Fi Mockumentary Predicted Our Current Political Climate Vice, aufgerufen am 20. Dezember 2021
Der Film wurde bei seinem Erscheinen kontrovers diskutiert und nur in begrenztem Rahmen in den Kinos gezeigt. Filmhistoriker positionierten Strafpark rückblickend als Vertreter des politischen Kinos der späten 1960er und frühen 1970er Jahre neben Filmen wie Medium Cool, Ice und Zabriskie Point.
Für Watkins, der bereits mit der Mockumentary Privileg (1971) und dem Kurzfilm The War Game (1965) politische Statements abgegeben hatte, war Strafpark mehr als nur eine Metapher für die sozialen und politischen Missstände in den USA. Die Dystopie sollte auch den Rassismus der Polizeibeamten illustrieren und die Militäraktionen in Südostasien thematisieren, da Watkins der Ansicht war, diese Probleme würden im Bildungssystem und von den Medien vernachlässigt.
Handlung In der nahen Zukunft: Der Vietnamkrieg ist eskaliert, Südkoreas Hauptstadt Seoul wurde unter Beschuss genommen, die Sowjetunion zieht U-Boote vor Kuba zusammen. Als „vorbeugende Maßnahme“ gegen mögliche zukünftige Sabotageakte erlässt der US-Präsident auf Grundlage des McCarran Internal Security Act eine Reihe von Notstandsgesetzen, zu denen die Internierung von Kriegsgegnern und politischen Aktivisten gehört. Diese werden in Gruppen zusammengefasst und zur schnellen Aburteilung vor Tribunale gestellt, die zur Verhängung von langjährigen Haftstrafen ermächtigt sind. Die Verurteilten erhalten die Chance, statt ihrer Haftstrafe zu einem Wettlauf in einem „Strafpark“ anzutreten: Die Teilnehmer müssen, unter Verzicht auf Wasser und Nahrung, innerhalb dreier Tage eine 50 Meilen (~80 km) entfernte, in der Wüste aufgestellte amerikanische Flagge erreichen, verfolgt von der Polizei und Mitgliedern der Nationalgarde. Denjenigen, die im vorgegebenen Zeitraum das Ziel erreichen, wird eine Amnestie in Aussicht gestellt.
Zwei Kamerateams aus Großbritannien und Westdeutschland erhalten die Erlaubnis, in einem Strafpark im Südwesten der USA zu filmen. Während Gruppe 638 vor einem Tribunal vernommen wird, hat Gruppe 637 bereits ihren Weg angetreten. Im Laufe der Filmaufnahmen (die vom Leiter des britischen Teams kommentiert werden) erfährt der Zuschauer, dass der eigentliche Zweck der Strafparks das Training von Sicherheitskräften im Umgang mit gewalttätigen Demonstranten ist. Nachdem sich die versprochene Versorgung mit Trinkwasser auf halber Strecke als Lüge entpuppt hat, kommt es zu wiederholten blutigen Zusammenstößen und Lynchmorden zwischen Gruppe 637 und ihren Verfolgern. Als die verbliebenen Mitglieder der Gruppe das Ziel erreichen, werden sie bereits von Polizisten erwartet, um verhaftet zu werden: Die versprochene Amnestie war nie eine Option. Ein Mann greift aus Wut die Beamten an, die daraufhin ihn und seine Begleiter vor laufender Kamera niederschlagen. Währenddessen hat das Tribunal die Angeklagten aus Gruppe 638 zu drakonischen Haftstrafen verurteilt. Vor die Wahl gestellt, entscheiden auch sie sich für den Weg durch den Strafpark.
Hintergrund Produktion 1969 hielt sich der Brite Peter Watkins in den USA auf, um für eine Tochtergesellschaft der Filmproduktionsgesellschaft Columbia Pictures eine Trilogie über den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, den Amerikanischen Bürgerkrieg und die Kriege gegen indianische Einheimische im Rahmen der Kolonisation Amerikas zu drehen. Da das Projekt sich zerschlug, plante Watkins, die USA wieder zu verlassen. Angesichts des Kent-State-Massakers beschloss Watkins jedoch, zu bleiben. Zunächst plante er, unterstützt von Susan Martin, der Produzentin der nicht realisierten Trilogie, einen dokumentarischen Spielfilm über die Chicago Seven. Während seiner Begegnungen mit jungen politischen Aktivisten im Laufe des Castings, und nachdem er auf den McCarran Internal Security Act gestoßen war, kam Watkins die Idee für Strafpark.
Wie bei Watkins üblich, bestand die Besetzung aus Laien- und unbekannten Nachwuchsdarstellern. So waren einige der im Film gezeigten Polizisten tatsächlich Mitglieder von Polizei oder Wachmannschaften, und obwohl einige der Angeklagten auf realen Vorbildern basierten (Charles Robbins auf Bobby Seale oder Nancy Jane Smith auf Joan Baez), äußerten die Darsteller in ihren improvisierten Dialogen ihre persönlichen Ansichten. Die Mitglieder des Tribunals wurden von Vertretern konservativer Ansichten gespielt, wenngleich diese nicht die zum Teil ultrarechten Auffassungen des Ausschusses teilten. Zwar existierte zu Strafpark ein detailliertes Script, aber Watkins entschied sich bald, in einem noch größeren Umfang als in seinen vorherigen Filmen die Darsteller improvisieren zu lassen, um einen möglichst spontanen und authentischen Eindruck ihrer frei geäußerten Sichtweisen einfangen zu können. Zudem verzichtete er auf Proben, wenngleich einige Darsteller der Tribunalsmitglieder mit einem vorgegebenen Text arbeiteten.Intro von Peter Watkins zu Strafpark auf den amerikanischen und britischen DVD-Veröffentlichungen, 2005.Strafpark auf der Webseite von Peter Watkins, abgerufen am 10. Juni 2012.
Kamerafrau Joan Churchill stieß auf Empfehlung des Dekans der University of California zum Team. Gedreht wurde mit einer Éclair NPR 16-mm-Kamera,Wegen ihrer Handlichkeit und ihres vergleichsweise geringen Gewichts zählte die Éclair NPR, wie die Arriflex von Arnold & Richter, zu den bei Dokumentationen und Independent-Filmen vorzugsweise eingesetzten Modellen. Siehe auch den auf Internet Encyclopedia of Cinematographers, abgerufen am 15. Juni 2012. bei deren Sonderausstattung, wie einem exklusiv angefertigten Schulterstativ, sich Churchill von Kameraveteran Haskell Wexler beraten ließ.Bob Fisher: auf Motion.kodak.com, abgerufen am 15. Juni 2012. (Anm.: Das Interview enthält u. a. Detailfehler in der Budgetangabe und zur Kinoauswertung.)
Strafpark entstand innerhalb dreier Wochen im August und September 1970 im El Mirage Lake in der Mojave-Wüste, Kalifornien. Anschließend montierten Watkins und sein Co-Editor Terry Hodel den fertigen Film aus 58.000 Fuß (ca. 27 Stunden) belichtetem Filmmaterial. Für die Vertonung konnte Watkins den namhaften Jazzmusiker Paul Motian gewinnen, dessen Aufnahmen er zum Teil stark verfremdete. Das Budget betrug, inklusive eines Blow-up von 16-mm- auf 35-mm-Film, 95.000 US-Dollar.Originale Pressemappe zu Punishment Park von 1971, abgedruckt im Begleitbuch zur 2012 erschienen britischen Blu-ray Disc.
Aufgrund der extremen Drehbedingungen in der Wüste und Spannungen innerhalb des Teams kam es zu einem ungeplanten Zwischenfall: Beim Drehen einer Szene, in der Dissidenten Schüssen von Nationalgardisten zum Opfer fallen, bewarfen Darsteller der verfolgten Gruppe die Gardisten mit Steinen. Diese eröffneten ohne vorherige Regieanweisung das Feuer, woraufhin zwei Akteure sich spontan zu Boden fallen ließen. Watkins, überzeugt, diese seien durch ein Versehen echten Patronen zum Opfer gefallen, rief schockiert „Schnitt! Schnitt!“, bevor er die wirkliche Situation erkannte. Die Szene wurde, mitsamt Watkins’ hörbarer Reaktion, im Film verwendet.
Kurz nach Ende der Dreharbeiten wurde einer der Schauspieler (Stan Armsted) wegen Angriffs auf einen Polizisten und Beteiligung an einem Sprengstoffanschlag angeklagt und verurteilt, ein Umstand, auf den Watkins im Abspann des Films hinwies.
Verweise im Film McCarran Internal Security Act
Der McCarran Internal Security Act, eigentlich schlicht Internal Security Act oder Emergency Detention Act, ist Teil des Rechts der Vereinigten Staaten und wurde 1950 auf Initiative des demokratischen Senators Pat McCarran gegen das Veto des (ebenfalls demokratischen) Präsidenten Harry S. Truman erlassen. Das ausdrücklich der Bekämpfung des Kommunismus auf amerikanischem Boden dienende Gesetz gestattete unter anderem die Festnahme und Verwahrung von Personen, bei denen „berechtigter Grund zur Annahme besteht, dass diese allein oder im Rahmen einer Verschwörung mit anderen Spionage oder Sabotage betreiben werden“.„[…] The detention of persons who there is reasonable ground to believe probably will commit or conspire with others to commit espionage or sabotage.“ – Der McCarran Internal Security Act im Wortlaut auf Historycentral.com, abgerufen am 11. Juni 2012.Thesenpapier (PDF; 312 kB), abrufbar auf der Webseite der Louisiana State University, abgerufen am 11. Juni 2012. Präsident Truman begründete sein Veto unter anderem mit der Feststellung, das Gesetz sei eine „Gefahr für die Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit“.„[…] greatest danger to freedom of speech, press, and assembly […]“ – Wortlaut des auf Trumanlibrary.org, abgerufen am 11. Juni 2012. Der Kongress genehmigte die Errichtung von sechs Verwahrungslagern („detention camps“), die aber nicht zu diesem Zweck genutzt wurden. In späteren Jahren wurden Teile des Gesetzes aufgehoben, so im September 1971 im Rahmen des Non-Detention Act.Erklärung von Präsident Richard Nixon zur Unterzeichnung des Non-Detention Act auf The American Presidency Project, abgerufen am 17. Juni 2012.
Hitler-Zitat Kurz vor dem Ende des Films verliest der Pflichtverteidiger der Angeklagten ein Zitat zur Notwendigkeit der Durchsetzung der Sicherheitsinteressen des Staates. Nach der Verlesung fügt er hinzu, diese Worte stammten keineswegs, wie man annehmen könnte, vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, sondern von Adolf Hitler.Das Zitat im Wortlaut: „The streets of our country are in turmoil. The universities are filled with students rebelling and rioting. Communists are seeking to destroy our country. Russia is threatening us with her might and the republic is in danger. Yes, danger from within and without. We need law and order or our nation cannot survive.“ Wie die Autoren Paul F. Boller Jr. und John George darlegten, handelt es sich bei dieser Zuweisung um einen Irrtum. Die vermeintliche Hitler-Rede wurde in den USA der 1960er Jahre häufig im Zusammenhang mit politischen Veranstaltungen zitiert und fand ebenfalls Verwendung in dem Film Billy Jack (1971).Paul F. Boller Jr., John George: They Never Said It: A Book of Fake Quotes, Misquotes, and Misleading Attributions, Oxford University Press, 1990, ISBN 978-0-19-506469-8, S. 45–46.
Filmstart Strafpark lief 1971 im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes (außerhalb des Wettbewerbs), auf dem Atlanta Film Festival,Nicht identisch mit dem 1976 ins Leben gerufenen Festival gleichen Namens. Vgl. der mit Atlanta, Georgia verbundenen filmhistorischen Ereignisse auf Atlantamagazine.com, abgerufen am 17. Juni 2012. dem San Francisco International Film Festival und dem New York Film Festival. Der Film wurde kurz im Murray Hill Cinema, New York, und in San Francisco gezeigt, erfuhr jedoch keine reguläre Kinoauswertung oder TV-Ausstrahlung in den USA.Joseph A. Gomez: Peter Watkins, Twayne Publishers, 1979; in Auszügen abgedruckt im Begleitbuch zur 2012 erschienen britischen Blu-ray Disc.Strafpark auf der Webseite des San Francisco International Film Festival, abgerufen am 14. Juni 2012. In Großbritannien wurde Strafpark erstmals im Februar 1972 in London aufgeführt und auf 16-mm-Kopien vertrieben. Im Oktober 1971 wurde der Film auf dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg gezeigt. 1980 startete der Film in der Bundesrepublik Deutschland in einer untertitelten Originalfassung.Ronald M. Hahn, Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction Films, 5. Auflage, Wilhelm Heyne Verlag, München 1992, ISBN 3-453-00731-X, S. 742–743.
Analyse Kontroverse