Die osmanische Marine (, ) war die Seestreitkraft des Osmanischen Reiches. Sie wurde im 14. Jahrhundert gegründet und nach der osmanischen Niederlage im Ersten Weltkrieg aufgelöst.
Wurzeln mini|Die Seebeyliks Aydin, Saruhan und Karesi lagen im Westen Anatoliens Die Rum-Seldschuken waren die erste türkische, muslimische Dynastie, die ab 1081 in Anatolien eine Marine aufstellte. Mit dem Niedergang der Macht der Seldschuken gab es dann aber keine zentral gelenkte türkische Flotte in Anatolien mehr. Manche Beyliks hatten jedoch kleinere Flotten zur Seeräuberei. Die größte und schlagkräftigste dieser mittelalterlichen Piratenflotten war bis 1348 die des Emirs Umur Bey von Aydin. Auch die Saruhan-Beys von Manisa und die Mentesche von Milas (Karien) verfügten damals über relativ beträchtliche Seestreitkräfte.
Gründung Seit Anfang des 14. Jahrhunderts expandierte das Osmanische Reich zunehmend, doch erst 1333 wurde mit Gemlik eine erste Hafenstadt erobert. Mit der Eroberung des Beyliks Karesi an den Dardanellen fiel 1346 auch dessen kleine Flotte in die Hände der Osmanen, doch diese kleine Flotte war zunächst noch den christlichen Flotten in jeder Hinsicht unterlegen – zumindest eine direkte Konfrontation mit den oberitalienischen oder Kreuzfahrerflotten konnte sie noch nicht wagen. Sie konnte dennoch kleinere Angriffe und Überfälle auf die Ägäis-Inseln unternehmen; beim Versuch die Insel Imbros zu erobern, wurden sie 1347 jedoch von einer Johanniterflotte geschlagen.David Nicolle: Die Osmanen - 600 Jahre islamisches Weltreich, Seiten 41, 45 und 89–93. tosa, Wien 2008Günter Kettermann: Atlas zur Geschichte des Islam, Seite 108. Primus Verlag, Darmstadt 2001
In den folgenden Jahren beteiligte sich die osmanische Flotte an der Expansion des Osmanischen Reiches, jedoch spielte die Marine noch keine große Rolle im osmanischen Militär. Schiffe wurden hauptsächlich zum Transport von Truppen gebraucht. Dies wurde jedoch zumeist von Venedig oder Genua übernommen. Die militärische Stärke der Osmanen lag bei den Landstreitkräften. Mit zunehmender Expansion trafen die Osmanen aber auf Völker, welche schon seit der Antike Schifffahrt betrieben. In Gelibolu wurde seit 1390 das erste Marinearsenal aufgebautAusführliche Geschichte der osmanischen Marine. (Aufgerufen am 10. Juni 2012.), die noch kleine osmanische Flotte wurde jedoch bei Gelibolu im Mai 1416 von den Venezianern zunächst geschlagen.
Bedeutungszuwachs Bereits Mehmed II. baute die Marine mit Hinblick auf eine Belagerung Konstantinopels aus. Bei der Einnahme Konstantinopels 1453 spielte die osmanische Marine dann auch zum ersten Mal eine nennenswerte Rolle. Sie unterstützte das Übersetzen der Truppen über den Bosporus und blockierte Konstantinopel von See her. In den folgenden Jahren half eine starke osmanische Flotte bei Eroberungen im Ägäischen Meer, im Schwarzen Meer und im Ionischen Meer. Die osmanische Flotte war jedoch nicht schlagkräftig genug, um in den Kriegen gegen Venedig und die anderen italienischen Staaten die Seeherrschaft erringen zu können. So konnten die Osmanen mit Hilfe der Flotte zwar Truppen in Apulien anlanden und 1480/81 sogar kurzzeitig Otranto erobern, sie konnten diese gelandeten Truppen jedoch nicht über das vom Feind beherrschte Meer versorgenErnst Werner, Walter Markov: Geschichte der Türken - Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Seiten 62f, 82ff, 103f, 117ff, 145f und 161. Akademie-Verlag, Berlin 1978 und auch den spanischen Muslimen bei der Verteidigung Granadas nicht die erhoffte Hilfe bringen.
Bayezid II. widmete sich deshalb ab 1484 intensiv der Reorganisation und Vergrößerung der Marine bzw. dem Aufbau einer Hochseeflotte, die sowohl aus Ruderschiffen (Galeeren) als auch aus Segelschiffen bestand. Bauholz für diese Flotte kam vor allem aus der kilikischen Ebene; die küstennahen Balkanwälder waren zu diesem Zeitpunkt schon erschöpft. Entscheidend war 1495 die Übernahme des Korsaren Kemal Reis in osmanische Dienste, er reformierte die Seekriegsstrategie, und 1498 (Seeschlacht von Sapienza), 1499 (Schlacht von Zonchio) bzw. 1500 (Schlacht von Modon) konnten die Osmanen die Seefestungen Lepanto, Modon und Koron von den Venezianern erobern. In kleineren Seegefechten waren die Osmanen dem Gegner fortan meist überlegen und siegreich; in größeren Seeschlachten jedoch versagte ihre Strategie oft und 1532 erlitten sie Osmanen mehrere Niederlagen gegen die spanische Flotte unter Andrea Doria, in deren Folge auch Koron, Patras und Lepanto kurzzeitig wieder verloren gingen.
Mit der Einrichtung und dem Ausbau des Marinearsenals unter Selim I. waren auch die letzten notwendigen Grundlagen für die Schaffung einer dem Abendland ebenbürtigen Marine geschaffen worden.
Die Ära Khair ad-Din mini|Seesieg bei Preveza (1538) mini|Zeitgenössische Darstellung der Überwinterung der osmanischen Flotte in Toulon (1543) Auch Khair ad-Din war ein Korsar, welcher über Algier herrschte. Zum Schutz gegen Spanien stellte er sich unter die Herrschaft der hohen Pforte und wurde zum Pascha ernannt. Dank seiner erfolgreichen Raubzüge wurde er im August 1533 von Süleyman I. zum Oberbefehlshaber der osmanischen Mittelmeermarine (Kaptan-ı Derya) ernannt. Er baute die osmanische Flotte um und unternahm Raubzüge im Mittelmeer und im Roten Meer. Des Weiteren vertrieb er Venedig von den Ägäischen Inseln, verlor jedoch 1535 Tunis an Andrea Doria. Um den Osmanen Paroli bieten zu können, förderte Papst Paul III. im Februar 1538 eine Heilige Liga aus den Streitkräften Venedigs und Spaniens. Trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit der Heiligen Liga siegte die osmanische Flotte in der Seeschlacht von Preveza am 28. September 1538 über die Spanier unter Andrea Doria,Liste von bedeutenden Schlachten der osmanischen Marine. Aufgerufen am 10. Juni 2012. und 1541 scheiterten die Spanier und Doria auch vor Algier. Dies führte zu einer über Jahrzehnte andauernden Dominanz der osmanischen Marine im Mittelmeer.
Frankreich schloss damals ein Bündnis mit den Osmanen. Die osmanische Flotte überwinterte im französischen Toulon (1543/44), bei ihrer Rückkehr schlossen sich ihr fünf französische Galeeren unter Antoine Escalin des Aimars zu einem Gegenbesuch in Istanbul an.
Im Kampf gegen die Vorherrschaft Portugals im Roten Meer, Persischen Golf, Arabischen Meer und im Indischen Ozean erreichten osmanische Kriegsschiffe 1531 Diu, 1538 Gujerat, 1552 Hormuz, 1554 Daman, 1569 Aceh und 1586 Mombasa.David Nicolle: Die Osmanen - 600 Jahre islamisches Weltreich, Seite 119. tosa, Wien 2008
Große osmanische Marinearsenale befanden sich im 16. Jahrhundert in Galata und Gallipoli, kleinere Arsenale gab es auch in Iznik, Istanbul, Sinope und Suez. In Rhodos, Alexandria und Kavalla lagen größere Geschwader vor Anker. Antalya, Azov, Basra und Mokka waren Stützpunkte für kleinere Flottillen. Die Errichtung eines Kanals zwischen Don und Wolga, die Etablierung einer kaspischen Flottille in Derbent und somit die Erringung der Seeherrschaft auch auf dem Kaspischen Meer scheiterten 1569 wegen des missglückten Feldzugs gegen Astrachan.William C. Brice (Hrsg.): An Historical Atlas of Islam, Seiten 32 und 46. E.J. Brill, Leiden 1981David Nicolle: Die Osmanen - 600 Jahre islamisches Weltreich, Seite 95. tosa, Wien 2008 Die von den Osmanen dafür einsetzbaren Kräfte waren zu gering.
Niedergang und Modernisierung mini|Das 1829 gebaute Flaggschiff Mahmudiye war zwischenzeitlich das größte Kriegsschiff der Welt Nach der Invasion Korsikas (1553), der Invasion Menorcas (1558), dem osmanischen Seesieg über die Spanier bei Djerba (1560), der Belagerung Maltas (1565) und der Einnahme Zyperns durch die Osmanen (1570/71) schmiedeten die christlichen Mächte Europas 1571 zum wiederholten Mal eine heilige Liga. Am 7. Oktober 1571 kam es zur Seeschlacht von Lepanto. Diese gilt als größte Galeerenschlacht der Geschichte und endete mit der fast völligen Vernichtung der osmanischen Flotte.Paul Badde: Heiliges Land. Auf dem Königsweg aller Pilgerreisen. Gütersloher Verlags-Haus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-06470-3, S. 32. Die Osmanen verloren 225 Schiffe und 20.000 Mann, doch mit großem Kostenaufwand und durch "Pressen" griechischer und slawischer Küstenbewohner wurde die Osmanische Flotte unter Kılıç Ali Pascha vollständig wiederhergestellt. Nur sechs Monate nach Lepanto stach die neue Flotte in See und eroberte drei Jahre später das spanisch besetzte Tunis, 1575 brachte sie die Osmanen sogar nach Castro in Apulien.
Eine erneute Invasion Maltas scheiterte 1614, doch im Krieg um Kreta konnte die osmanische Flotte ab 1645 erfolgreich Truppen auf der Insel landen, die Venezianer 1654 vor den Dardanellen zunächst schlagen und dann trotz ihrer Niederlage in einer erneuten Dardanellenschlacht (1656) und bei Kos (1662) doch noch Kreta erobern. Im Laufe des 17. Jahrhunderts veraltete die osmanische Flotte und ihre Bedeutung nahm zunehmend ab. Letztmals gelangen den Osmanen 1694 vor den Dardanellen, 1695 vor Chios sowie 1697 vor Lemnos Seesiege über die Venezianer, und gegen Ende des Großen Türkenkrieges verfügte die Osmanische Marine über 45 Linienschiffe und Fregatten im Schwarzen Meer sowie 35 größere Kriegsschiffe in der Ägäis. Nachdem sie sich 1717 aber bei Imbros nur mit Mühe und dank Überzahl gegen die Venezianer hatten behaupten können, schlug eine portugiesisch-venezianisch-maltesische Flotte die Osmanen nur wenige Wochen später vor Kap Matapan.
Folgenschwerer als die Niederlage von Lepanto war 1770 die Niederlage von Çeşme gegen die russische Marine. Daraufhin versuchte Cezayirli Gazi Hassan Pascha, die osmanische Flotte zu modernisieren, und es gelang ihm, noch während des Krieges eine neue Flotte bauen zu lassen. Von den geplanten 40 großen Linienschiffen westlichen Typs waren 1778 zwar erst 36 Schiffe gebaut, von denen sich wiederum zunächst 20, dann 30 im Schwarzen Meer befanden. Dennoch scheiterte im nächsten Krieg 1787 eine Landung bei Kinburn, und 1788 unterlag Hassan Pascha den Russen vor Otschakow. Vor Kinburn und Otschakow verloren die Osmanen viele Linienschiffe, doch schon 1789 entsandten sie 22 neue Linienschiffe ins Schwarze Meer. Diese allerdings unterlagen 1790 den Russen bei Kertsch bzw. bei Tendra. Angesichts dieser Misserfolge und des Ausbleibens französischer Hilfe (wegen der Französischen Revolution) heuerte Sultan Selim III. nach Hassans Tod zunächst britische Marineoffiziere und -instrukteure an; trotzdem unterlag die osmanische Marine 1791 vor Kap Kaliakra erneut.David Blackmore: Warfare on the Mediterranean in the Age of Sail – A History, 1571–1866, Seite 147f. McFarland, Jefferson 2014
Nach diesen Niederlagen holte Selim III. 1793 anstelle der Briten wieder französische Marineinstrukteure ins Land. Ob die Franzosen die Reform der osmanischen Marine bewusst verzögerten oder ob die für die Modernisierung ausgegebenen Gelder von reformunwilligen osmanischen Marineoffizieren veruntreut wurden, auf jeden Fall war die osmanische Flotte zu Beginn der französischen Eroberung Ägyptens faktisch nicht einsatzfähig. Hinter frischem Anstrich der Kriegsschiffe verbargen sich wurmstichiges Holz, morsche Taue und veraltete Geschütze mit geringer Reichweite und minderwertigem Pulver. Im Bündnis mit Briten und Russen gegen die Franzosen konnte die von Küçük Hüseyin Pasha geführte osmanische Flotte dennoch 1799 die Ionischen Inseln erobern und Truppen in Ägypten sowie in Italien anlanden. Befehlshaber der vereinigten russisch-osmanischen Flotte wurde ausgerechnet jener russische Admiral Uschakow, der die Osmanen acht Jahre zuvor bei Kertsch, Tendra und Kaliakra mehrfach geschlagen hatte. Ab 1802 wieder im Besitz Ägyptens und wieder verbündet mit den Franzosen, konnte sich die osmanische Marine zwar 1807 vor den Dardanellen gegen die britische Royal Navy behaupten, unterlag aber wenige Monate später an der gleichen Stelle den Russen.