mini|La Bohémienne endormie von Henri Rousseau, Museum of Modern Art, New York mini|Feuilles von Séraphine Louis, Sammlung Zander, Köln mini|Niko Pirosmani, Reh, 1909 Naive Kunst ist einerseits eine Sammelbezeichnung für künstlerische Arbeiten von nicht künstlerisch ausgebildeten Personen (Autodidakten) aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und unterschiedlichem Bildungshintergrund, vorwiegend in der Malerei (authentische Naive Kunst).
Andererseits wird mit Naive Kunst eine moderne Kunstrichtung der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart beschrieben, unabhängig davon, ob der Ausübende künstlerisch ausgebildet ist oder nicht und unabhängig davon, ob eine eigene künstlerische Handschrift erkennbar ist oder nicht, denn die Gestaltungen sind hier bisweilen stereotyp in bewusst kindlicher Darstellungsweise ausgeführt, also „im naiven Stil“, oft unter besonderer Betonung von Details. Hierdurch entsteht mitunter ein Wimmelbild-artiger Charakter.Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann; beyars.com
Definition Künstlertypus Die Frage, was Naive Kunst ist und welche Merkmale einen authentisch-naiven Künstler charakterisieren, wird von der Bödeker-Gesellschaft wie folgt beantwortet: Authentisch-naive Kunst hat entgegen ihrer Erscheinung kaum etwas mit Klischeevorstellungen wie „heiter“, „bunt“, „unbeschwert“ oder „problemlos“ gemeinsam. Der authentisch-naive Künstler arbeitet fast immer in der Isolation, isoliert nicht allein von der Kunstwelt. Oftmals waren es Randfiguren – Sonderlinge, Analphabeten, Nichtsesshafte – gewesen, wie z. B. der Landarbeiter, Jahrmarktsgehilfe und Tierwärter Carl Christian Thegen, der sich 1955 bei einem Sturz vom Heuboden das Genick brach und von der Öffentlichkeit unbemerkt beigesetzt wurde, obwohl sein Name in der Kunstwelt durchaus schon bekannt war.
Auch vereint der Begriff „Naive Kunst“ eine Vielzahl sehr individueller Äußerungen strukturell und ausdrucksmäßig heterogener Typen in sich, denen nach Thomas Grochowiak gemeinsam ist, dass sie „[...] in gleichsam franziskanischer Begnadung mit einer sorglosen und unerschütterlichen Selbstverständlichkeit so lebten und leben, wie sie malen: In beneidenswert genialer Einfalt, unbefangen, von geradezu kindlicher Unschuld und Gläubigkeit, mit verblüffendem Instinkt, dabei unangefochten von intellektuellen Einflüssen und immun gegen jegliche Verunsicherung. Bei ihnen ist alles im vollen Umfang identisch und in sich stimmend: Lebensphilosophie, Bewusstsein und Verhalten, Interpretation und Ausdrucksweise, insbesondere die technisch-unkomplizierte, vereinfachende, ja – gemessen an akademisch geschulter Malerei darf man es so nennen – primitive Darstellungsform.“ Und so ist das Schaffen der authentisch-Naiven im wirklichen Sinne des lateinischen Wortes „nativus“ = angeboren, instinktiv, natürlich, ursprünglich zu verstehen, also weit entfernt von allem, was mit Schulung, Kursen, Ausbildung und Reflexion zu tun hat.http://www.boedeker-gesellschaft.de/?seite=kunst
Motive und Malstil Charakteristisch für die Naive Kunst ist die Unbedarftheit in der Themenwahl der Künstler. Bei den Darstellungen handelt es sich häufig um die Wiedergabe der persönlichen Wunschträume des Kunstschaffenden, welche oft die so genannte „heile Welt“ widerspiegeln. Die Gestaltungen sind meist naturalistisch und nicht abstrakt. Charakteristisch sind ihre Detailfreudigkeit, eine harmonische Farbigkeit sowie eine gewisse künstlerische Ungeschicklichkeit bei der Ausführung wie das häufige Fehlen oder Nichteinhalten von Perspektive, anatomischer Proportionen und anderer Größenverhältnisse.beyars.com - Das große Kunstlexikon von P.W. Hartmannhttps://www.suedwestgalerie.de/kunstlexikon/kunstgeschichte/naive-malerei#kunstgeschichte
Begriffsabgrenzung Der Begriff „Naive Kunst“ steht in Konkurrenz zu Begriffen wie Art brut, Outsider Art und Zustandsgebundene Kunst psychisch Kranker, die sich – wenn auch aus jeweils etwas anderer Perspektive – ebenfalls auf Bildwerke von Autodidakten beziehen. Bei der Bezeichnung „Naive Kunst“ liegt der Akzent stärker auf der Darstellungsweise, auf formalen und thematischen Gesichtspunkten, während bei den drei anderen Begriffen die soziale Stellung der Künstler oder ihr geistiger Zustand ausschlaggebend sind. Eine klare Abgrenzung der genannten Begriffe ist aber kaum möglich; die meisten Bilder von Autodidakten lassen sich mehreren dieser Kategorien zuordnen. Für die Begriffsdefinition ist es zudem unerheblich, ob die künstlerische Produktion beruflich erfolgte, d. h. zu einer (teilweisen) Finanzierung des Lebensunterhalts diente, ob sie gewissermaßen eine Freizeitbeschäftigung darstellte oder auch eine therapeutische Funktion erfüllte.
Der Tradition nach mit dem ländlich-bäuerlichen Lebensraum verhaftete Motive werden gewöhnlich der Volkskunst zugeordnet.Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann; beyars.com Die naive Kunst steht zwar wie die Volkskunst außerhalb der kunsthistorischen Stilrichtungen und Epochen, sie ist im Unterschied zu deren kollektiven Formen aber völlig durch die Individualität des Künstlers geprägt.https://www.suedwestgalerie.de/kunstlexikon/kunstgeschichte/naive-malerei#kunstgeschichte
Wortherkunft Das Adjektiv „naiv“ hat neben seiner abwertenden Übersetzung einfältig, töricht die neutrale bis positive Bedeutung natürlich, kindlich, unbefangen, arglos, treuherzig und ist als Entlehnung im 17. Jahrhundert von gleichbedeutend französisch „naïf“ (gebürtig, ursprünglich, natürlich, echt) entstanden, welches auf lateinisch „nātīvus“ (durch Geburt entstanden, angeboren, natürlich) beruht.
In der Literaturkritik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist „naiv“ besonders im Sinne von natürlich, ursprünglich, ungezwungen, ungekünstelt gebräuchlich (bei Schiller im Gegensatz zu „sentimentalisch“ (i.e. bewußt, reflektierend).https://www.dwds.de/wb/naiv Den Begriff „Naive Kunst“ benutzte 1928 erstmalig Wilhelm Uhde, als er in der Ausstellung Maler des heiligen Herzens mehrere Vertreter dieser Kunstrichtung vereinte. Es ist kaum vorstellbar, dass er als Förderer dieser Kunstrichtung mit dieser Bezeichnung eine negative Konnotation im Sinne hatte.
Geschichte Ursprünge und frühe Phase Da die Naive Kunst erst mit dem Aufkommen moderner Strömungen des 20. Jahrhunderts Beachtung fand, lassen sich ihre historischen Ursprünge schwer rekonstruieren. Eine ältere Tradition hat die naive Malerei in den USA und Kanada, wo sie aus der Malerei von Wanderkünstlern entstand, die sich der Porträtmalerei widmeten. In dieser Tradition der Volksmaler stand der bis 1849 lebende Quäker-Laienprediger Edward Hicks, dessen Lieblingsthema die friedliche Eintracht von Mensch und Tier, das sogenannte „Peaceable Kingdom“ („Das Königreich des Friedens“) darstellte.https://www.suedwestgalerie.de/kunstlexikon/kunstgeschichte/naive-malerei#kunstgeschichte Ab der Wende zum 20. Jahrhundert wurden erste Vertreter und Ausdrucksformen der Naiven Kunst in Paris von modernen Künstlern entdeckt, so 1885 der Zollangestellte Henri Rousseau durch Paul Signac und Maximilien Lucehttp://www.boedeker-gesellschaft.de/?seite=kunst, später durch Kunstkenner, wie dem Kunsthändler und Galeristen Wilhelm Uhde, so der seit 1889 künstlerisch tätige Postbeamte Louis Vivin, 1912 die Putzfrau Séraphine Louis, 1915 der Zirkusathlet Camille Bombois und 1927 der Gärtner André Bauchant.
Entwicklung seit den späten 20er Jahren 1928 benutzte Wilhelm Uhde zum ersten Mal den Begriff „Naive Kunst“, als er in der Ausstellung Maler des heiligen Herzens Künstler wie Henri Rousseau, Louis Vivin, Séraphine Louis, Camille Bombois oder André Bauchant vereinte. Auch förderte Uhde den bekannten deutschen Autodidakten Adalbert Trillhaase (1858–1936). Der Erfurter Kaufmann und Maler wurde in der NS-Zeit als entartet gebrandmarkt und durfte nicht mehr ausstellen. Von Trillhaase stammt eines der wichtigsten Bilder: Der barmherzige Samariter. Die Predigt am See oder Die Verspottung Christi sind aber auch Bilder, in denen sich einfache, schicksalhafte Augenblicke für den einzelnen Menschen widerspiegeln. Trillhaase gilt heute als ein bedeutender autodidaktischer Maler in Deutschland. Er starb 1936 in Niederdollendorf (heute Stadtteil von Königswinter). Hier erinnert noch der Name des Parks Trillhaase, in dem einst seine Villa (1959 abgebrannt) stand, an den bedeutenden Künstler.
Die Naive Kunst erlangte große Bekanntheit mit einer umfangreichen Wanderausstellung, die 1937 unter dem Titel Maîtres populaires de la réalités (dt. Die populären Meister der Realität) in der Salle Royale, Paris – zeitlich parallel zur Weltfachausstellung Paris 1937 –, und im Kunsthaus Zürich zu sehen war und 1938 als Masters of Popular Painting in der Galerie Arthur Tooths & Sons, London, sowie dem Museum of Modern Art in New York.
Naive Kunst in Osteuropa Im Russischen Reich war der georgische Maler um die Jahrhundertwende Niko Pirosmani aktiv, dessen Werk erst nach seinem Tod 1918 eine grössere Bekanntheit erfuhr. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die jugoslawische volkstümliche Malerei im naiven Stil, insbesondere die aus Serbien, aus dem Ort Kovačica, große Popularität. Es wurden verschiedene Bildbände in mehreren Sprachen veröffentlicht, und es fanden zahlreiche internationale Ausstellungen, u. a. in Zusammenarbeit mit der UNESCO, statt. Erwähnenswerte Künstler sind zum Beispiel Zuzana Chalupová, Martin Jonaš, Jan Sokol, Zuzana Vereski und Ana Knjazović-Mijailović. Bilder von Zuzana Halupova wurden auch auf Grußkarten der UNICEF gedruckt und fanden in diversen Projekten Verwendung. Noch heute gilt Kovačica als zentraler Ort der Volkskunst im naiven Stil. Unter anderem kauften Lady Di und Montserrat Caballé Bilder von Künstlern aus Kovačica. Abgesehen von Ölgemälden werden auch andere Kunstgegenstände in Kovačica angefertigt, wie kunstvoll bemalte getrocknete Kürbisse und handgearbeitete Püppchen. Im Ort gibt es die Galerija Naivne Umetnosti, welche ihre Ausstellung monatlich wechselt.https://www.naivnaumetnost.com/ Ein weiterer für diese Kunstgattung bekannter Ort in Serbien ist Jagodina. Die Exponate des ortsansässigen Museums wurden schon einige Male international ausgestellt. Ein bekannter Vertreter der Naiven Kunst aus Jagodina ist Janko Brašić.
In Kroatien gilt Ivan Generalić gilt als der bekannteste Künstler dieser Stilrichtung. In Bulgarien ist es Radi Nedelchev. In Polen wurde der gehörlose Maler Nikifor 1949 im Alter von 56 Jahren spät entdeckt.
Weitere Vertreter In Italien erreichten die Künstler Orneore Metelli und Antonio Ligabue Bekanntheit. Grandma Moses und Bill Traylor sind die bekanntesten US-amerikanischen autodidaktischen Maler. Für die Bundesrepublik sind Erich Bödeker als Naiver Bildhauer bzw. Josef Wittlich und Minna Ennulat als signifikante Vertreter der authentischen Naiven Malerei zu nennen, für die (ehemalige) DDR "Albert Ebert und Erna Roder. In Österreich existierte die kurzlebige Künstlerinnengruppe die Gruppe "Salzburger Naive", welche im naiven Stil malte. Im Arabischen Raum war Ibrahim Ghannam ein Pionier des Malen im n aiven Stil.
Rezeption und Kritik In der jüngeren Vergangenheit wird von einigen Autoren eine zunehmend kritische Sicht auf die von diesen als diskriminierend empfundenen Begriffe (z. B. „Naive Kunst“, „Outsider Art“, „Laien- und Sonntagsmaler“) sowie die Trennung von nicht-akademischer und akademischer Kunst vertreten. Die Kunsthistorikerin Susanne Pfeffer führte dazu aus, dass es keine Entscheidung, sondern Bestimmung sei, Künstler zu sein. Jedoch seien einzig Herkunft, Geschlecht oder Klassenzugehörigkeit entscheidend dafür, ob jemand Kunst studieren könne und daher auch gesellschaftlich als Künstler anerkannt werde. Zudem werde Kunst, die nicht im anerkannten System stattfindet, meist von diesem abgelehnt. Aufgrund der Definitionshoheit, die beim System und nicht bei den Künstlern liege, würde eine Terminologie verwendet, die ausschließend sei und nicht auf Inklusion abziele.