Der Anarchismus in Kuba hatte als soziale Bewegung einen großen Einfluss auf die kubanische Arbeiterschaft im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Bewegung war besonders stark nach der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1886, bis die Bewegung durch Präsident Gerardo Machado unterdrücktHerbert L. Matthews: Revolution in Cuba. Charles Scribner's Sons, New York 1975, S. 223 und schließlich durch Fidel Castros marxistisch-leninistische Regierung nach der Kubanischen Revolution in den späten 1950er Jahren zerschlagen wurde. Der kubanische Anarchismus war vor allem kollektivistisch orientiert und später stark vom Anarchosyndikalismus geprägt. Generell wurde die lateinamerikanische Arbeiterbewegung, insbesondere die kubanische Bewegung am Anfang mehr vom Anarchismus als vom Marxismus beeinflusst.Sam Dolgoff: . Black Rose Books, Montréal 1977, S. 1. ISBN 0-919618-36-7

Geschichte Kolonialzeit In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Kuba von drei gesellschaftlichen Schichten geprägt: Die spanischstämmigen Criollos stellten die herrschende Klasse der Tabak-, Zuckerrohr- und Kaffeeplantagenbesitzer, die Mittelklasse bestand aus schwarzen und spanischen Plantagenarbeitern, und ganz unten in der Hierarchie standen die Sklaven. Zwischen den Kreolen und den Spaniern (auch peninsulares genannt) bestanden ebenfalls große Unterschiede, da die gebürtigen Spanier stark vom Kolonialregime profitierten.Joan Casanovas: Bread, or Bullets!: urban labor and Spanish colonialism in Cuba, 1850-1898. University of Pittsburgh Press, Pittsburgh 1998. Kuba war eine spanische Kolonie, jedoch gab es auch Bestrebungen zur Unabhängigkeit, sowie Bewegungen für die Integration Kubas in die Vereinigten Staaten oder Spanien.

1857 wurde nach dem Vorbild von Pierre-Joseph Proudhon eine mutualistische Gesellschaft gegründet, die als erster Ausdruck des Anarchismus in Kuba gilt.Robert Graham: Enrique Roig de San Martin - The Motherland and the Workers (1889)Frank Fernández: (PDF-Datei; 2,08 MB), See Sharp Press. Saturnino Martínez, ein asturischer Immigrant, gründete 1865 die Zeitschrift La Aurora, nachdem er von José de Jesus Márquez in die Ideen Proudhons eingeführt wurde. In diesem Blatt, das sich hauptsächlich an die Tabakarbeiter richtete, finden sich die allerersten Aufrufe zur Gründung proudhonistischer Kooperativgesellschaften in Kuba. Unter den Aufständischen im Zehnjährigen Krieg kämpften auch Verbannte der Pariser Kommune für die Unabhängigkeit, und wichtige Figuren wie Salvador Cisneros Betancourt und Vicente García González waren von Proudhon beeinflusst.

Frühe Entwicklung der Bewegung miniatur|Enrique Roig San Martín, einer der ersten Organisatoren der anarchistischen Bewegung in Kuba. In den 1880er Jahren stellte José C. Campos Kontakt mit spanischen Anarchisten aus Barcelona her und importierte anarchistische Literatur und Zeitschriften. Zur gleichen Zeit emigrierten viele spanische Anarchisten nach Kuba. Es wurde üblich, dass Arbeiter in den Tabakfabriken anarchistische Literatur laut vorlasen, was viel zur Verbreitung anarchistischer Ideen beitrug. Während der 1880er Jahre bis in die frühen 1890er Jahre orientierten sich die kubanischen Anarchisten am kollektivistischen Anarchismus und nahmen sich die spanische Federación de Trabajadores de la Región Española (dt.: Arbeiterföderation der Region Spanien) zum Vorbild. Statt der Losung „Jeder gemäß seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ der kommunistischen Anarchisten, vertraten die kubanischen Anarchisten den Standpunkt, dass in einer zukünftigen anarchistischen Gesellschaft jeder Mensch gemäß seiner geleisteten Arbeit gemeinschaftliche Güter erhalten sollte.

Enrique Roig San Martín gründete 1882 das Centro de Instrucción y Recreo de Santiago de Las Vegas (dt.: Zentrum für Bildung und Erholung von Santiago de Las Vegas), wo die Selbstorganisation der Arbeiter gefördert wurde und Literatur der spanischen kollektivistischen Anarchisten zur Verfügung gestellt wurde. Das Zentrum hatte den strikten Grundsatz, alle Kubaner zu akzeptieren „ohne Rücksicht auf ihre soziale Stellung, politische Ausrichtung, oder ihre Hautfarbe.“ Im selben Jahr wurde die Junta Central de Artesanos (dt.: Zentralrat der Handwerker) gegründet, mit der Absicht von Roig San Martín, dass „kein Berufsverein und keine Arbeiterorganisation an die Füße der Hauptstadt gefesselt sein sollte.“ Roig San Martín schrieb für die Zeitschrift El Boletín del Gremio de Obreros (dt.: Die Zeitung des Arbeiterrates) und für die erste explizit anarchistische Zeitung El Obrero (dt.: Der Arbeiter). Sie war 1883 ursprünglich von demokratischen Republikanern gegründet worden, änderte jedoch nach der Übernahme der Redaktion durch Roig San Martín rasch die Ausrichtung. Roig San Martín gründete 1887 dann die Zeitung El Productor (dt.: Der Produzent). Neben Roig San Martín hatte El Productor verschiedene Autoren in den kubanischen Städten Santiago de Las Vegas und Guanabacoa, und in den Städten Tampa und Key West in Florida. Darüber hinaus erschienen zahlreiche Artikel aus der französischsprachigen anarchistischen Zeitschrift Le Révolté und der Zeitschrift La Acracia aus Barcelona.

1885 folgte die Gründung des Círculo de Trabajadores (dt.: Arbeiterzirkel), einer Organisation, die sich mit Bildungs- und kulturellen Aktivitäten beschäftigte. Dazu gehörte auch die Gründung einer säkularen Schule, in der 500 Schüler aus armen Familien eine Ausbildung bekamen und wo auch Arbeitergruppen ihre Treffen abhielten. Im Jahr darauf, bildeten die Leiter des Círculo (mit Enrique Creci an der Spitze) ein Hilfskomitee, das finanzielle Mittel für die acht Chicagoer Anarchisten sammelte, die im Zusammenhang mit dem Haymarket Riot verhaftet wurden. Innerhalb von anderthalb Monaten sammelte das Komitee etwa 1500 $ für diesen Zweck. Darüber hinaus organisierte der Círculo einige Tage vor der Exekution der Chicagoer Anarchisten eine Demonstration von etwa 2.000 Menschen in Havanna, um gegen das Urteil zu protestieren. Der Círculo und El Productor wurden in der Folge beide vom kubanischen Staat gebüßt; die Zeitung, wegen eines Leitartikels von Roig San Martín über die Hinrichtungen, und der Círculo dafür, dass ein Gemälde zum Gedenken an die Hinrichtungen ausgestellt wurde. Die Kolonialregierung verbot auch die Demonstrationen, welche jedes Jahr im Gedenken an die Chicagoer Anarchisten abgehalten wurden.

Erstarken der anarchistischen Bewegung miniatur|Titelblatt von El Productor zum Gedenken an die hingerichteten Anarchisten nach dem Haymarket Riot. Die erste explizit anarchistische Organisation Alianza Obrera (dt.: Arbeiterallianz) wurde 1887 gegründet. Die Organisation nahm gemeinsam mit der Federacíon de Trabajadores de la Habana (dt.: Arbeiterbund Havannas) und der Gruppe um El Productor am ersten Congreso Obrero de Cuba (dt.: Arbeiterkongress Kubas) teil, der am 1. Oktober 1887 stattfand. Der Kongress wurde größtenteils von Tabakarbeitern besucht, jedoch nicht ausschließlich. Der Kongress einigte sich auf sechs Kongressresolutionen: Widerstand gegen alle Formen der Autorität, Einheit der Arbeiterorganisationen durch eine gemeinsame Föderation, vollständige Aktionsfreiheit der angeschlossenen Gruppen, Kooperation und Solidarität der Gruppen und Verbot jeder politischen und religiösen Doktrin unter den angeschlossenen Arbeitergruppen. Saturnino Martínez war enttäuscht vom Ausgang des Kongresses, wo sich eher reformistische Positionen durchsetzten. Dies führte zum Konflikt zwischen Martínez und Roig San Martín und es bildeten sich zwei rivalisierende Lager.Hugh Thomas: Cuba: The Pursuit of Freedom. Da Capo Press, 1971.

Kurz nach dem Kongress traten die Tabakarbeiter in drei Fabriken in Streik, wovon einer bis im November fortgesetzt wurde. Später, im Sommer 1888, wurden Arbeiter bei Streiks in mehr als 100 Fabriken von den Fabrikbesitzern ausgesperrt. Der Círculo de Trabajadores sammelte in einer großen Aktion Spendengelder zur Unterstützung der streikenden Arbeiter und schickte sogar Vertreter nach Key West, um dort bei amerikanischen Tabakarbeitern Geld zu sammeln. Im Oktober beendeten die Fabrikbesitzer die Aussperrung der Arbeiter und man einigte sich auf gemeinsame Verhandlungen. Der Ausgang des Arbeitskampfes war für die Alianza Obrera sehr erfolgreich, sodass die Mitgliederzahl in den nächsten sechs Monaten von 3.000 auf 5.000 anstieg, was den Círculo zur stärksten Gewerkschaft Kubas machte. Im folgenden Jahr starb Roig San Martín im Alter von 46 Jahren, nur Tage nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis der spanischen Kolonialregierung; an seiner Beerdigung nahmen 10.000 Menschen teil. Nur ein paar Monate später, verbot das Oberhaupt der Kolonialregierung Manuel Salamanca y Negrete als Reaktion auf die Streiks in der Tabakindustrie die Alianza Obrera und den Círculo de Trabajadores. Die vier Schulen, die der Círculo de Trabajadores leitete, waren vom Verbot nicht betroffen und der Círculo als ganzes wurde im folgenden Jahr wieder von der neuen Regierung als Organisation zugelassen.

Repressive Maßnahmen der Regierung und der Unabhängigkeitskrieg 1890 wurde in Kuba der Erste Mai in einer großen Kundgebung zum ersten Mal gefeiert. Nach der Demonstration trafen sich die Teilnehmer zu einer Veranstaltung mit Vorträgen von 18 Anarchisten. In den folgenden Tagen streikten kubanische Arbeiter in verschiedenen Branchen. Die Kolonialregierung reagierte ein weiteres Mal mit dem Verbot des Círculo de Trabajadores. Sie machte diese Entscheidung aber kurze Zeit später wieder rückgängig, nachdem 2300 Arbeiter in einem Schreiben gegen diese Entscheidung protestierten. Im selben Jahr standen elf Anarchisten unter dem Verdacht, am Mord von Menéndez Areces, einem Gewerkschaftsfunktionär der gemäßigten Uníon Obrera (dt.: Arbeiterbund), verwickelt zu sein. Das Gericht befand jedoch, dass alle elf Anarchisten unschuldig waren. Kapitän-General Camilo García de Polavieja y del Castillo nutzte den Prozess jedoch als Vorwand, um die Herausgabe der Zeitschrift El Productor zu stoppen und die Repression gegen Anarchisten im Allgemeinen wieder zu erhöhen. 1892 wurde ein weiterer Arbeiterkongress abgehalten, der die anarchosyndikalistischen Prinzipien bestätigte und seine Solidarität mit den arbeitenden Frauen aussprach (eine neue Haltung in der männerdominierten Arbeiterklasse, wo Männer die arbeitenden Frauen meist als Konkurrenz sahen). Der Kongress fasste dazu folgende Erklärung: „Es ist eine dringende Pflicht nicht die Frauen zu vergessen, die nun vermehrt beginnen in die Werkstätten verschiedener Industrien zu strömen. Sie werden durch die Not und die bürgerliche Gier der Unternehmer dazu gezwungen mit uns zu konkurrieren. Wir können das nicht verhindern; lasst uns Ihnen helfen.“ Die Regierung reagierte auf den Arbeiterkongress wiederum mit Repression gegen die anarchistische Bewegung mittels Deportation, Haft, der Aufhebung der Versammlungsfreiheit und der Schließung des Hauptquartiers der Organisation.