miniatur|Devendra Sharma und Palak Joshi im Nautanki Sultana Daku („Sultan-Bandit“), ein in Nordindien populäres Drama über einen Banditen, der Anfang des 20. Jahrhunderts berühmt wurde, weil er sich der britischen Kolonialherrschaft widersetzte.

Nautanki (hindi , nauṭankī) ist ein volkstümliches Tanztheater in den nordindischen Bundesstaaten Uttar Pradesh, Punjab, Rajasthan, Haryana und Bihar. Typisch ist ein Wechsel von lustigen, gelegentlich anzüglichen Liedern, die in den Stilen der halbklassischen indischen Musik und der populären Bollywood-Filmmusik gesungen werden, inszenierten Dialogen in Prosaform und Tanzeinlagen. In den säkularen, primär auf Unterhaltung ausgerichteten Schauspielen geht es um die mythischen Erzählungen der großen indischen Epen, um historische Heldengeschichten oder heutige soziale Themen.

Der Ursprung des Nautanki liegt in der in ganz Nordindien verbreiteten Tradition des swang, zu der mehrere regionale Stile gehören, darunter sang in Haryana, khyal in Rajasthan, bhavai in Gujarat, tamasha in Maharashtra und bhagvat mel in Andhra Pradesh. Neben dieser historischen und geografischen Unterscheidung werden die Begriffe swang und sang auch anstelle von nautanki verwendet.

Professionelle männliche und weibliche Darsteller führen Nautanki anlässlich von religiösen Festen oder privaten Familienfeiern meist in großen Zelten oder Theatersälen auf. Die große Kesseltrommel nāgāra dominiert das Begleitorchester und kündigt von weitem hörbar den Beginn der Veranstaltung an. Die ältere der beiden Stilrichtungen wird in Hathras gepflegt, hier liegt der Schwerpunkt auf einem anspruchsvollen, in einer hohen Tonlange vorgetragenen Gesang. Der Stil von Kanpur legt mehr Wert auf das Schauspiel, die Lieder sind eingängiger und werden mit einer tieferen Stimme gesungen.

Geschichte miniatur|Pandit Ram Dayal Sharma (rechts) und sein Sohn Devendra Sharma Swang ist die Vorform von Nautanki und in den Schreibweisen swang, sang oder suang ein Begriff, der im Mittelalter in der auf Sanskrit, Prakrit und Hindi verfassten indischen Literatur auftaucht. Er leitet sich vermutlich von Sanskrit svanga („Maskerade“, „Verkleidung“) her. Sehr wahrscheinlich gab es bereits um die Zeitenwende, als in der Abhandlung über die darstellenden Künste Natyashastra das religiöse Ritualtheater der oberen Kasten beschrieben wurde, ein hierzu paralleles entwickeltes Unterhaltungstheater für die breite Bevölkerung. Im 5. Jahrhundert erwähnte Kalidasa das Wort sang in seinem Schauspiel Vikramorvashi, in dem neben dem Drama von Musikinstrumenten begleiteter Gesang vorkam. Im 15. Jahrhundert beklagte sich Kabir über die Begeisterung der Bevölkerung für das Swang-Theater, das für ihn einen Gegensatz zu den religiösen Andachtskulten darstellte. Ein Jahrhundert später verstand man unter swangis weibliche Prostituierte, die sich als männliche Asketen (Yogis) verkleideten.Ved Prakash Vatuk, Sylvia Vatuk: The Ethnography of Sāng. A North Indian Folk Opera. In: Ved Prakash Vatuk (Hrsg.): Studies in Indian Folk Traditions. Manohar, Delhi 1979, S. 29–31

Alle heutigen Volkstheatertraditionen zur Unterhaltung in Nordindien lassen sich höchstens bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Im Punjab dürfte Swang seit dem 18. Jahrhundert existieren, in schriftlicher Form sind Nautanki-Schauspiele erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhalten. Der heutige Nautanki-Stil verbreitete sich, von Kanpur im Zentrum von Uttar Pradesh ausgehend, Anfang des 20. Jahrhunderts.

Woher das Wort nautanki kommt, ist unklar. Am weitesten akzeptiert ist die Ansicht, dass der Titel des besonders beliebten Schauspiels Shahjadi Nautanki, worin das bewegte Schicksal der schönen Prinzessin Nautanki aus Multan geschildert wird, zunächst in den Städten Kanpur und Lakhnau auf das gesamte Genre überging. Demnach hatte sich Nautanki zunächst als eigenständiger Stil von Swang abgelöst und später dessen führende Rolle als nordindisches Volkstheater übernommen. Der Name der Prinzessin setzt sich aus nau („neun“) und tank, einer alten Gewichtseinheit für Silbermünzen (etwa vier Gramm) zusammen. Die so bezeichnete Geliebte eines Punjabi-Prinzen war also leichtflüchtig-märchenhaft wie eine Blume und wog nur 36 Gramm. Alternative Etymologien sind nau taka („neun Rupies“), die ein Geldgeber für eine Aufführung bezahlt haben soll, nay tankar („neuer Klang“) für einen bestimmten Musikstil oder die Herleitung von Sanskrit nataka („Theater“).Kathryn Hansen, 1991, S. 10, 13 Hindi-Lexika und Wörterbücher führen den Begriff erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. Im Titel der heutigen Theaterstücke steht das Wort sangit (vermutlich zusammengesetzt aus sāng und Sanskrit gīta, „Lied“) in der Bedeutung von „Schauspiel“ vor dem Namen der Hauptfigur. Nautanki heißt es nur, wenn über das Stück gesprochen wird.

In Kanpur gründete Shrikrishna Pahelwan die erste überregional bekannte Nautanki-Truppe. Hier nahm Nautanki Elemente aus dem kommerziellen Parsen-Theater auf, das sich Mitte des 19. Jahrhunderts besonders in Bombay entwickelt hatte und wiederum vom europäischen Theater beeinflusst worden war. In diesem Zusammenhang wird die 1871 in Bombay als Alfred Natak Mandali gegründete Alfred Theater Company erwähnt, die zahlreiche moderne Schauspiele in Bombay und Kalkutta aufführte und unter wechselnden Eigentümern bis etwa 1932 bestand.Parsi Theatre and Mumbai. (PDF; 1,2 MB) In: The Record News. The Journal of the Society of ‚Indian Record Collectors’. Mumbai. 2006, S. 25f Zu den aus dem Parsen-Theater entlehnten Neuerungen gehörten ein hinterer Bühnenvorhang, den es beim von allen Seiten zu betrachtenden Swang-Theater nicht gab, und Prosadialoge anstelle der bisherigen Wechselgesänge, wie sie in der älteren Tradition von Hathras im Westen von Uttar Pradesh gepflegt wurden. Der Kanpuri-Stil brachte das Sprechtheater mit den Liedern aus Hathras zu einem neuartigen Stilmix zusammen.

Neben der weltlichen Unterhaltungstradition des Swang stellen der devotionale Theaterstil ras lila aus der Region Braj in Uttar Pradesh und der ebenso religiös-unterhaltende bhagat, dessen Verbreitungsschwerpunkt in den Städten Agra, Mathura und Vrindavan liegt, eine Einflussquelle für Nautanki dar, wobei Bhagat nicht älter als Nautanki sein dürfte. Gewisse Strukturen der Präsentation und die begleitenden Musikinstrumente sind dieselben. Im Unterschied zu Nautanki wird Bhagat von Amateuren aufgeführt und beinhaltet Reinigungs- und Anrufungsrituale am Beginn und Ende der Veranstaltung, wie sie bei religiösen Tanztheatern, etwa beim ostindischen chhau, üblich sind.

In seiner dreibändigen Gedichtsammlung The legends of the Panjâb veröffentlichte der britische Verwaltungsbeamte Richard Carnac Temple 1883 bis 1890 Gedichte und Lieder aus dem Punjab, darunter einige, die er von einem religiösen Sänger der Swang-Tradition gesammelt hatte. Sein Informant wurde gegen Bezahlung zu den großen Festveranstaltungen wie Holi im Frühling und Dashahara im Herbst eingeladen. Daneben traf Temple auf andere professionelle Sänger von eher zwielichtigem Ruf, die bei Familienfeiern Tanzmädchen begleiteten und neben historischen Legenden Anzüglichkeiten zum Besten gaben. Eine weitere Gruppe von Sängern religiöser Swang-Lieder trat speziell bei den Feiern und Festen der unteren Kasten auf.

mini|hochkant|Devendra Sharma als mythischer Weiser Narada im Nauanki Hanuman Ki Ramayan, 2015 Die heutigen Schauspiele enthalten Elemente aus allen drei Ebenen der Swang-Tradition. Die Themen werden aus den großen Epen Ramayana und Mahabharata ausgewählt, sowie aus den tragischen Erlebnissen der Panjabi-Heldensagen, wie sie ähnlich in manchen persischen und arabischen Überlieferungen enthalten sind. Andere Seifenopern behandeln zwischenmenschliche Situationen aus dem Alltag. Der Einsatz der Tanzmädchen geht auf die Tradition der von den britischen Kolonialherren so genannten nautch-girls zurück. Diese waren professionelle erotische Unterhaltungskünstlerinnen an den Palästen. Nautch ist verballhornt von Prakrit nachcha, das auf Sanskrit nritya („Tanz“, „tanzen“) zurückgeht.

Bevor Tänzerinnen und Sängerinnen in den 1930er Jahren die Bühne betraten, war Nautanki bis auf einige Ausnahmen gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Angelegenheit männlicher Darsteller, die beide Geschlechterrollen verkörperten. Weiblich aussehende Jungen wurden als Mädchen eingekleidet; falls sie gut tanzen konnten, waren sie sehr gefragt und erhielten einen ordentlichen Lohn. Ende des 19. Jahrhunderts gab es der Beschreibung von Temple zufolge Nautanki-Truppen, die Schauspiele mit Gesang und Orchester aufführten, und andere, die sich auf den von der Streichlaute sarangi und Trommeln begleiteten Gesangsvortrag spezialisiert hatten. Die erste Nautanki-Darstellerin war Gulab Bai (1926–1996), die in der gesangsorientierten Schule von Hathras ausgebildet worden war.Deepty Priya Mehrotra: Dying Drama. Boloji.com, 23. Juli 2003Gulab Bai, UP Theatre Personality. Indianetzone Ende der 1930er Jahre wurde sie zu einer Berühmtheit, als sie die weiblichen Hauptfiguren der allbekannten mythischen Liebespaare verkörperte. Sie entwickelte einen persönlichen Gesangsstil in Liedgattungen wie dadra und lavani. Mitte der 1950er Jahre gründete sie ihre eigene Theatertruppe, die Gulab Theatrical Company.Darius L. Swann, 1990, S. 249–253

Auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit Anfang des 20. Jahrhunderts stellte Nautanki in den nordindischen Dörfern und Kleinstädten die am weitesten verbreitete Unterhaltungsform dar. Die zahlreichen neugegründeten Nautanki-Truppen wurden mandali („Gruppe“) oder akhara („Ringkampfarena“) genannt, letztere Bezeichnung erklärt sich aus dem körperlich anstrengenden Gesangsstil. Mit zunehmender Professionalisierung verließen die Nautanki-Truppen ihre Herkunftsregion und unternahmen größere Tourneen, einige kamen bis nach Myanmar.Devendra Sharma, 2006, S. 44f

Während im Swang-Theater Kostüme und Make-up keine große Bedeutung besaßen, wurde im Nautanki beides erforderlich. Die bisherige Musizierweise blieb etwa dieselbe, nur die Kesseltrommel nāgāra (nakkara) sorgte nun für eine stärkere Akzentuierung der dramatischen Aktionen. Wie in anderen Volkstheatern kam beim Nautanki eine komische Figur hinzu, die nebenher auf der Bühne präsent ist und – häufig obszöne – Späße beisteuert. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts drängten immer mehr anspruchslose, zu Filmmelodien („filmigit“) gehörende Tanzeinlagen die eigentliche Handlung und die früheren Volkslieder in den Hintergrund, bis manche Nautanki-Aufführungen zu einer Revue halberotischer Tanznummern mit obszönen Liedtexten verkommen waren. Aufgabe der in Lakhnau gegründeten Ausbildungseinrichtung Nautanki Kala Kendra ist, durch Workshops und Aufführungen einer solchen Degenerierung entgegenzuwirken.Manohar Laxman Varadpande, 1992, S. 161f

Seit den 1990er Jahren werden Schauspiele speziell für den Film produziert, auch die dörfliche Bevölkerung kennt ihre Nautanki-Darsteller aus Fernsehproduktionen und dem Verleih von VCDs. Während der Einfluss der Massenmedien die Besucherzahlen in den früher oftmals überfüllten Kinosälen sinken ließ, wird Nautanki als ländliche Unterhaltungsform weiterhin von (älteren) Patrons finanziell unterstützt und von den Zuschauern als eine „reale“ Aufführung geschätzt, im Unterschied zu den „geisterhaften“ Figuren, die auf dem Bildschirm auftauchen. Dennoch konkurrieren Bühnenaufführungen, die nur mit einfachen Kulissen ausgestattet sind und bei denen ein Schauspieldirektor zwischen den Szenen die Handlungsabläufe erklären muss, nur schwer gegen Fernsehproduktionen. In ihnen werden alle szenischen Details in Großaufnahme gezeigt, während sie der Zuschauer beim Nautanki in seiner Phantasie hervorrufen muss.Devendra Sharma, 2006, S. 187; Darius L. Swann, 1990, S. 271

Aufführungspraxis miniatur|hochkant|Typische Aufführungssituation in einer Kleinstadt. Skizze von Devendra Sharma