Die niederländische Parlamentswahl 2012 (Wahl zur Zweiten Kammer der Generalstaaten) fand am 12. September 2012 statt. Es war eine vorgezogene Neuwahl, nachdem die Minderheitsregierung aus Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) und Christen-Democratisch Appèl (CDA) bei den Verhandlungen über Haushaltskürzungen im März keine Mehrheit erreichte. Die PVV unter Geert Wilders, die die Regierung bis dahin tolerierte, lehnte das Sparpaket ab.

Am 23. April 2012 bat Ministerpräsident Rutte Königin Beatrix, die Regierung von ihren Aufgaben zu entbinden. In solchen Situationen bestimmt das Parlament, welche Themen politisch umstritten sind und somit von der geschäftsführenden Regierung nicht beschlossen werden dürfen. Spätestens am 30. April mussten die Niederlande aber ein für die Europäische Kommission akzeptables Sparpaket vorlegen. Zum Staunen der Öffentlichkeit gelang dies den Parlamentsfraktionen von VVD, CDA, GroenLinks, ChristenUnie und der D66 (also Regierungs- und Oppositionsparteien) in Kooperation mit Finanzminister De Jager als Vermittler. Die PvdA verweigerte dem Haushaltsreformpaket als einzige ihre Unterschrift.Marij Leenders: Die Niederlande (in: Jahrbuch der Europäischen Integration 2012, S. 453–456, online)

Die Umfragen hatten zunächst ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der rechtsliberalen VVD von Ministerpräsident Mark Rutte und der oppositionellen Socialistische Partij prognostiziert. In den letzten Tagen vor der Wahl hatte der Sozialdemokrat Diederik Samsom bei Umfragen die Vorreiterrolle unter den linken Kandidaten. Bei der Wahl selbst erhielten VVD und sozialdemokratische PvdA noch einmal wesentlich mehr Stimmen als prognostiziert, dank sogenanntem „strategischem Wählen“. Der Zweikampf um den Posten des Ministerpräsidenten schadete somit den kleineren Parteien.

Größte Wahlverlierer waren der Christen-Democratisch Appèl (CDA) und die Partei GroenLinks, deren Mandate von zehn auf den bisherigen Tiefststand von vier zurückgingen, was in der Folge zum Rücktritt der Fraktionsvorsitzenden und Spitzenkandidatin Jolande Sap und des Parteivorstandes führte. Der CDA war traditionell und noch 2006 die größte Partei und fiel jetzt, nach bereits dramatischen Einbußen 2010, vom vierten auf den fünften Platz zurück. Die zuvor drittgrößte Gruppe, die PVV, verlor entgegen den Prognosen ebenfalls. Der geforderte Austritt aus der Euro-Zone (Nexit), interne Querelen und der Bruch mit der von ihr tolerierten Regierung mögen Gründe dafür gewesen sein. Gemessen an den zuvor günstigen Umfragewerten, konnte sich auch die SP als Verlierer sehen, auch wenn sie nur wenige Stimmen verlor.

In der Zweiten Kammer gab es damit zwei größere Parteien, rechtsliberale VVD und sozialdemokratische PvdA, mit jeweils rund einem Viertel der Stimmen. Es folgten die mittelgroßen Parteien: PVV, SP, CDA und D66, mit je etwa zehn Prozent. Zwei kleine Parteien erhielten je zwei Sitze; die ChristenUnie erhielt fünf.

Die am 20. September 2012 neu konstituierte Zweite Kammer beauftragte Henk Kamp (VVD) und Wouter Bos (PvdA) als Informateurs die Bildung einer Regierungskoalition aus ihren beiden Parteien in die Wege zu leiten.Parlement & Politiek: Kabinetsformatie 2012 van dag tot dag Am 29. Oktober legten Mark Rutte und Diederik Samsom die Koalitionsvereinbarung von VVD und PvdA vor. Das Kabinett Rutte II wurde am 5. November 2012 vereidigt und amtierte bis zum 26. Oktober 2017.

Hintergrund Ergebnis der Parlamentswahl 2010 Die Parlamentswahl am 9. Juni 2010 hatte zu keiner klaren Mehrheit geführt. Nach fünf fehlgeschlagenen Versuchen, eine Regierung zu bilden, wurde am 13. September der VVD-Vorsitzende Ivo Opstelten erneut mit der Regierungsbildung beauftragt. Ihm gelang am 28. September eine Einigung zwischen VVD, CDA und PVV. Es sollte eine Koalition aus VVD und CDA unter Tolerierung der PVV gebildet werden. Die Fraktionen von VVD und PVV stimmten am 29. September einstimmig für den erzielten Kompromiss. Der CDA stimmte bei zwei Gegenstimmen ebenfalls zu; auf einer Mitgliederversammlung stimmten am 2. Oktober schließlich 2.759 Mitglieder, bei 1.274 Gegenstimmen, für eine von der PVV unterstützte VVD/CDA-Regierung. Opstelten legte am 7. Oktober Königin Beatrix seinen Abschlussbericht vor. Sie beauftragte daraufhin VVD-Chef Mark Rutte mit der Zusammenstellung des Kabinetts. Das aus jeweils sechs VVD- und CDA-Abgeordneten bestehende Kabinett Rutte I wurde am 14. Oktober vereidigt.

Notwendigkeit einer vorgezogenen Neuwahl Infolge der Eurokrise kam es auch in den Niederlanden zu Sparmaßnahmen, um die europäischen Vorgaben zu erfüllen.Handelsblatt: Niederlande nicht einig über Sparpaket Bei den Verhandlungen über ein Sparpaket über 14 bis 16 Milliarden Euro,Spiegel Online: Niederlande steuern auf Neuwahlen zu durch welches das niederländische Haushaltsdefizit stark verringert werden sollte, kam es zu keiner Einigung zwischen der Regierung und der PVV. Die Verhandlungen wurden nach sieben Wochen am 21. April 2012 abgebrochen, nachdem der PVV-Führer Geert Wilders den Konferenzsaal verließ. Später bestätigte Mark Rutte den Abbruch der Verhandlungen und gab an, dass Neuwahlen „jetzt der logische nächste Schritt“ seien. Wilders gab an, dass man „nicht wegen des Brüsseler Diktats unsere Pensionen ausbluten lassen“ wollen würde. Zudem befürchtete er durch das Maßnahmenpaket einen Anstieg der Arbeitslosigkeit.Focus: Niederlande stehen nach Wilders-Rückzug vor Neuwahlen

Antretende Parteien Die Listen folgender 21 Parteien wurden zugelassen:kiesraad.nl:

ListeParteiKürzelSpitzenkandidatErgebnis 2010Anmerkungen1.Volkspartij voor Vrijheid en DemocratieVVDMark Rutte20,5 % (31 Sitze)2.Partij van de ArbeidPvdADiederik Samsom19,6 % (30 Sitze)Listenverbindung mit SP und GroenLinks3.Partij voor de VrijheidPVVGeert Wilders15,4 % (24 Sitze)4.Christen-Democratisch AppèlCDASybrand van Haersma Buma13,6 % (21 Sitze)5.Socialistische PartijSPEmile Roemer9,8 % (15 Sitze)Listenverbindung mit PvdA und GroenLinks6.Democraten 66D66Alexander Pechtold6,9 % (10 Sitze)7.GroenLinksGLJolande Sap6,7 % (10 Sitze)Listenverbindung mit PvdA und SP8.ChristenUnieCUArie Slob3,2 % (5 Sitze)Listenverbindung mit SGP9.Staatkundig Gereformeerde PartijSGPKees van der Staaij1,7 % (2 Sitze)Listenverbindung mit CU10.Partij voor de DierenPvdDMarianne Thieme1,3 % (2 Sitze)11.PiratenpartijPPNLDirk Poot0,1 % (0 Sitze)12.Partij voor Mens en SpiritMenSLea Manders0,3 % (0 Sitze)kandidiert nicht auf BES-Inseln13.Nederland LokaalNLTon Schijvenaarsnicht teilgenommen14.Libertarische PartijLPToine Mandersnicht teilgenommen15.Democratisch Politiek KeerpuntDPKHero Brinkman(Trots op Nederland 0,6 %)Fusion von Trots op Nederland und Onafhankelijke Burger Partij16.50PLUS50+Henk Krolnicht teilgenommen17.Liberaal Democratische PartijLibDemSammy van Tuyll van Serooskerkennicht teilgenommenkandidiert nicht auf BES-Inseln18.Anti Europa PartijArnold Reintennicht teilgenommen19.Soeverein Onafhankelijke Pioniers NederlandSOPNJohan Oldenkampnicht teilgenommenkandidiert nicht auf BES-Inseln20.Partij van de ToekomstPvdTJohan Vlemmixnicht teilgenommenkandidiert nicht auf BES-Inseln21.Politieke Partij NXDAnil Samlalnicht teilgenommenkandidiert nur in Amsterdam

Umfragen Umfragen zu Wahlen in den Niederlanden geben nicht die Anzahl der Stimmen wieder, sondern die theoretisch gewonnenen Sitze (von 150 zu vergebenden). Die Datumsangabe bezieht sich auf die Kalenderwochen.

Datum Institut IpsosIpsos-nl: Woche 243424231225155623200Peil.nlnos.nl: Umfrage Woche 24, Peil.nlWoche 2428202312311666332Peil.nlPeil.nl: Umfrage Woche 25Woche 252820231130176633111IpsosIpsos: Woche 263223201428145733100Peil.nlPeil.nl: Umfrage Woche 26Woche 262618231332186633110IpsosIpsos: Woche 273525181429134623100IpsosIpsos: Woche 283623191627135523100Peil.nlPeil.nl: Woche 282919201431175533101Peil.nlPeil.nl: Woche 2931191914311557331-201-2IpsosIpsos: Umfrage Woche 30Woche 303523181529144623100IpsosIpsos: Umfrage Woche 30Woche 323222191531154623100IpsosIpsos: Umfrage Woche 33Woche 333523181429144533200Peil.nlPeil.nl: Woche 333115171437164833101IpsosIpsos: Woche 343422191430145623100Peil.nlPeil.nl: Woche 343216181436154732201IpsosIpsos: Woche 353426201327144524100Peil.nlPeil.nl: Woche 353218181435145722201IpsosIpsos: 3. Sept.3530181424143424200

Woche 02 bis 23 Datum Institut IpsosIpsos-nl: Woche 023522241522137524100IpsosIpsos-nl: Woche 043221201629147523100IpsosIpsos-nl: Woche 063421201431146423100IpsosIpsos-nl: Woche 083521201430136523100IpsosIpsos-nl: Woche 103323231426146523100IpsosIpsos-nl: Woche 123426211426117523100IpsosIpsos-nl: Woche 143626201325136523100IpsosIpsos-nl: Woche 163727181226135524100IpsosIpsos-nl: Woche 173425181326165623110Peil.nlPeil.nl: Woche 173119171331178733100IpsosIpsos-nl: Woche 183523171428156524100Peil.nlPeil.nl: Woche 183020191330178633100IpsosIpsos-nl: Woche 193322191628155623100Peil.nlPeil.nl: (PDF; 93 kB)Woche 1928202015291776332IpsosIpsos-nl: Woche 203124211627155523100Peil.nlPeil.nl: Woche 2025232315291746332IpsosIpsos-nl: Woche 213025201627165523100Peil.nlWoche 2124212514301666332IpsosIpsos-nl: Woche 223224221427155523100TNS NIPOTNS-NIPO.com: ‘Europa’ risico voor VVD, kans voor PVVWoche 222920191829176622200

Wahlergebnis miniatur|Stimmenstärkste Parteien in den Gemeinden Das amtliche Endergebnis wurde am 17. September 2012 bekanntgegeben. +Partei20102012UnterschiedStimmenProzentSitzeStimmenProzentSitzeProzentSitze   Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) 1.929.575 20,5 31 2.504.948 26,6 41 +6,1 +10   Partij van de Arbeid (PvdA) 1.848.805 19,6 30 2.340.750 24,8 38 +5,2 +8   Partij voor de Vrijheid (PVV) 1.454.493 15,5 24 950.263 10,1 15 −5,4 −9   Socialistische Partij (SP) 924.696 9,8 15 909.853 9,7 15 −0,1 0   Christen-Democratisch Appèl (CDA) 1.281.886 13,6 21 801.620 8,5 13 −5,1 −8   Democraten 66 (D66) 654.167 6,9 10 757.091 8,0 12 +1,1 +2   ChristenUnie 305.094 3,2 5 294.586 3,1 5 −0,1 0   GroenLinks 628.096 6,7 10 219.896 2,3 4 −4,4 −6   Staatkundig Gereformeerde Partij (SGP) 163.581 1,7 2 196.780 2,1 3 +0,4 +1   Partij voor de Dieren (PvdD) 122.317 1,3 2 182.162 1,9 2 +0,6 0   50PLUS (50+)——— 177.631 1,9 2 +1,9 +2   Piratenpartij (PPNL) 10.471 0,1 0 30.600 0,3 0 +0,2 0   Partij voor Mens en Spirit (MenS) 26.196 0,3 0 18.310 0,2 0 −0,1 0   Soeverein Onafhankelijke Pioniers Nederland (SOPN)——— 12.982 0,1 0 +0,1 0 (PvdT)——— 8.194 0,1 0 +0,1 0   Democratisch Politiek Keerpunt (DPK)——— 7.363 0,1 0 +0,1 0 (LP)——— 4.163 0,0 0 0,0 0   Nederland Lokaal (NL)——— 2.842 0,0 0 0,0 0——— 2.126 0,0 0 0,0 0   Anti Europa Partij——— 2.013 0,0 0 0,0 0   Politieke Partij NXD——— 62 0,0 0 0,0 0   Andere 2010 66.624 0,7 0 — — — — —Insgesamt gültige 9.416.001 100,0 150 9.424.235 100 150 0,0 0

Die Wahlbeteiligung betrug 74,6 %.

Siehe auch Parlamentswahl in den Niederlanden 2006 => Kabinett Balkenende IV Parlamentswahl in den Niederlanden 2010 => Kabinett Rutte I Parlamentswahl in den Niederlanden 2012 => Kabinett Rutte II

Politische Parteien in den Niederlanden Politisches System der Niederlande

Weblinks

Spiegel Online: Hollands Euro-Gegner vor dem Sieg, Artikel über die politische Situation in den Niederlanden kurz vor der Wahl. Vom 4. September 2012.

Einzelnachweise

#2012 Niederlande Kategorie:Niederländische Geschichte (21. Jahrhundert)