hochkant=1.3|mini|Dorfkirche und Pflegeheim (1995) hochkant=1.3|mini|Erste Bauzustandsbesichtigung (1993) Die Dorfkirche Ruest ist eine frühgotische Feldsteinkirche im mecklenburgischen Ort Ruest, einem Ortsteil der Gemeinde Mestlin im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Sie ist seit dem Mittelalter eine Filialkirche der Mestliner Kirche. Im Mittelalter war sie dem Heiligen Stephanus geweiht.
Geschichte Der Ortsname leitet sich aus dem altslawischen rust ab. In Anlehnung an das polnische Wort ruzczek = Mäusedorn wird Ruest als Mäusedornort gedeutet.Paul Kühnel: Die slavischen Ortsnamen in Mecklenburg. MJB 46 (1881) S. 123. mini|Nordseite des Kirchendachs (1993)
Ruest wurde 1352 erstmals urkundlich erwähnt, als Fürst Nicolaus IV. von Werle mit seinem Sohn Johann die Einkünfte und Besitzungen des Mestliners Dankward von Gustävel „hinter dem Dorf Mustelyn neben dem Weg nach Ruyst gelegen“, festlegte. Zeugen waren damals der Präpositus Erghardus vom Kloster Dobbertin, der Techentiner Rektor Bernhardus und der Belower Knappe Ywanus de Belowe.MUB XIII. (1884) Nr. 7875. Als Kirchenpatrone wurden von 1354 an die Familien von Gustävel genannt. In den Jahren von 1448 bis 1461 verkauften sie ihre Besitzungen und das Kirchenpatronat an den Propst Nicolaus Beringher und die Priorinnen Gehse Dessyn und Ermegard Oldenboghes vom Kloster Dobbertin.LHAS 1.5-4/3 Urkunden Kloster Dobbertin. Regesten Nr. 142, 145.Liste der Persönlichkeiten des Klosters Dobbertin Ruest war 1496 das drittgrößte Klosterdorf.
1557 wurde laut Visitationsprotokoll das Kirchenpatronat nach wie vor vom Kloster Dobbertin ausgeübt und Achim Plagemann und Wilken Dolgen als Kirchenjuraten in Ruest genannt. Die Aufgaben, Pflichten und Rechte der Kirchenjuraten beinhalteten vor allem die Verwaltung des Besitzes des Kirchspiels, wie die Bestellung des Kirchenackers, die Einbringung der Ernte und die Werterhaltung der kirchlichen Gebäude. Während des Dreißigjährigen Krieges zogen 1627 die schwedischen Truppen mit Oberst Hunnich auch durch Ruest. Nach Bränden und Plünderungen waren alle Hufen, die Gehöfte und das Land der Bauern verwüstet. Auch die Kirche wurde in Mitleidenschaft gezogen, schwer beschädigt und ihrer Ausstattung beraubt. Da das Kirchenpatronat und somit die Baulast beim Kloster in Dobbertin lagen, waren für die Beschaffung neuer Ausstattungen die dortigen Klostervorsteher gefragt. Um 1650 wohnte der Pastor Johann Simonis im Vicarien-Katen in Ruest, da das Mestliner Pfarrhaus Opfer der Kriegsunruhen geworden war. 1662 gab es in Ruest vier Bauern und zwei Kossaten als Kleinbauern ohne Zugvieh. Im Beichtkinderverzeichnis von 1704 nannte Pastor Andreas Petrie in Ruest 21 Einwohner, doch der Kirchenbau sei weiter recht schadhaft. 1754 bestand das Dorf wieder aus neun Bauernstellen, einem Schmied und einem Dorfschulzen und dem Schulhaus. Weitere interessante Begebenheiten der folgenden Jahrzehnte wurden 1785 in Ausführliche Nachricht von Kirchen und Pfarr Sachen zu Mestlin und Ruest beschrieben.Johann Clamor Buchholz: Ausführliche Nachricht von Kirchen und Pfarr Sachen zu Mestlin und Ruest. 1785, S. 7–20. Auf dem Landtag 1782 in Malchin wurde der Bau einer Scheune und 1783 auf dem Landtag in Sternberg der Bau eines neuen Bauernhauses aus Ziegeln genehmigt.Stadtarchiv Ribnitz: Landtagsprotokoll Malchin, 26. November 1782, Nr. 19. Landtagsprotokoll Sternberg, 25. November 1783, Nr. 9. Der Bau eines weiteren Bauernhauses wurde 1796 und einer Bauern-Scheune 1797 genehmigt.
Baubeschreibung Äußeres mini|Nach der Sanierung (2008) mini|Ostgiebel (1997) Die kleine rechteckige Feldsteinkirche ist mit seiner flachen kassettenartigen Holzbalkendecke ohne Anzeichen einer Einwölbung ein schlichter Sakralbau.Georg Dehio: Ruest, Gem. Mestlin, Lkr. Parchim. 2000, S. 502. Die Außenwände bestehen aus behauenen Feldsteinen, lediglich die Fensterlaibungen sind in Mauerziegeln im Klosterformat versehen. Die Fundamente sind aus Feldsteinen errichtet. Das Satteldach, das bis in die 1980er Jahre hinein mit Biberschwanzziegeln eingedeckt war, wurde in den 1990er Jahren mit Wellbitumen notgesichert. Die historisch wertvolle Dachkonstruktion besteht aus einem Kehlbalkendach mit behauenem Eichen- und Kiefernholz, das auf 1484Tilo Schöfbeck: Mittelalterliche Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014, S. 364. datiert wird. Der Sparrenabstand von 1,25 Metern wird durch ein Andreaskreuz ausgesteift.
Der östliche Blendgiebel ist das Zierlichste des ganzen Gebäudes. Er ist über einem Treppenfries mit fünf großen zweibahnigen, mit Ziegeln im Klosterformat gemauerten Spitzbogenblenden verziert. Die gotischen Nischen sind mit glattem Kalkputz versehen. Die Gebäudeecken des 10 Meter breiten und 16 Meter langen Kirchenschiffes sind durch 1777 nachträglich gemauerte, nach oben konisch zulaufende Stützpfeiler verstärkt worden. Die Kirche wurde sehr sparsam mit Fenstern ausgestattet. Die beiden flachbogigen Fenster am Ostgiebel sind zweiteilig und in Rundbogenblenden aus Mauerziegeln eingefasst. An der Südseite des Kirchenschiffes befinden sich zwei und an der Nordseite ein zweiteiliges Rundbogenfenster. Um 1597 soll es in einigen Fenstern bunt bemalte Scheiben mit Inschriften gegeben haben. Auf der Nordseite soll auf den Scheiben neben dem Wappen der von Strahlendorff auch die Namen Christopher und Hinrich von Strahlendorff samt Jahreszahl 1666 gestanden haben.Johann Clamer Buchholz: Von dem Zubehör, Zierrathen und Merckwürdigkeiten der Kirche zu Rüest. 1785, S. 71–73. An der östlichen Nordseite befindet sich ein zugemauertes Portal, das von der Innenseite noch gut erkennbar ist. Das Eingangsportal an der Südseite hat nach innen einen Rundbogen- und nach außen einen Spitzbogen-Schluss.
Als Ersatz für den alten baufälligen Glockenturm vor dem Westgiebel hatte man mit dem Bau des 1814 auf dem Landtag in Rostock bewilligten Fachwerkturms begonnen.LHAS 5.11-2 Landtagsprotokoll. 2. Dezember 1814, Nr. 6. Erst vier Jahre später, im Sommer 1818, wurde der Kirchturmbau besichtigt und „nach Einsetzen von 12 Klammern am Fachwerk in acht Meter Höhe“ freigegeben.LHAS 5.11-2 Landtagsprotokolle. Landtagsprotokoll vom 20. Dezember 1818 zu Malchin, Nr. 16. Der Turm hatte damals ein steiles Satteldach und war zur West- und Ostseite abgewalmt. Die Außenwände wurden bis 15 Meter Höhe in Eichenfachwerk errichtet und die 240 Gefache ziegelsichtig ausgemauert.Fred Beckendorff: Ruest. 2003, S. 57. Die Holzfachwerkkonstruktion ist durch sechs kleine und ein großes Andreaskreuz gesichert worden.Horst Alsleben: Hilferufe im Wind verhallt. Mecklenburg, Heft 19, 1994. Der Fachwerkturm wurde 1994 gesichert und verbrettert, ist also von außen nicht mehr zu sehen.
Besonderheiten mini|Ausschabungen an Ziegelsteinen des Ostgiebels (2011) An der linken unteren Seite des Ostgiebels sind zwischen den Feldsteinen drei übereinander liegende Ziegelsteine mit fünf zwei bis drei Zentimeter großen ausgeschabten Rundungen zu erkennen. Diese gehen auf vergessene Rituale zurück und sind als Pestmarken bekannt.Werner Urban: Eingedrehte Schälchen und geschabte Rillen in Ziegeln mittelalterlicher Kirchen. 1993. S. 3–42. Nach früheren Überlieferungen soll das aus der Wand des geweihten Gebäudes herausgeschabte Ziegelmehl während der Pest als Wundermittel für Menschen und Tieren verwendet worden sein.Horst Alsleben: Kirche steht Touristen zur Besichtigung offen. Ruester Gotteshaus birgt einige Geheimnisse. SVZ Lübz - Goldberg - Plau, 28. Mai 2001.
Auf dem bauzeitlichen Mörtel des Feldsteinmauerwerkes am Ostgiebel konnten Fugenritzungen als Quadrate oder Rechtecke um die Feldsteine herum entdeckt werden.Andreas Baumgart: Dokumentation einiger Befunde in der Kirche zu Ruest. 1998, S. 3.
Inneres
Der Innenraum ist mit einer flachen Balken- und Kassettendecke aus behauener Kiefer bedeckt. Im Dachstuhl verläuft über der Balkenlage ein Überzug aus Kiefernholz, der mit der Balkenlage der Kassettendecke verbolzt ist. Der Überzug wird durch senkrechte Säulen mit dem Firstpunkt der Sparren arretiert. Überzug und die senkrechten Säulen sind aus Kiefer.Eva-Maria Hetzer: Bautechnische Beschreibung der originären Fassung. 22. April 1994. Die noch vorhandene Ausstattung ist nachreformatorisch. Das Gestühl ist einfach und ohne Schmuck. Das brauchbare Gestühl kam zur Kirche nach Dabel. Doch um 1758 gab es neben dem Beicht- und Küsterstuhl nahe der Kanzel noch elf Sitze für den Herrn Verwalter zu Dinnes und den Hofleuten von Ruest, der letzte Stuhl war für die Leute aus Klein Pritz.Johann Clamor Buchholz: Von dem Zubehör, Zierath und Merckwürdigkeiten der Kirche zu Rüest. 1758, S. 77. Nach diesen folgten sämtliche Frauenstühle der Rüster Gemeinde in der gewöhnlichen Richtung nach der Breite.
Der Fußboden ist mit Mauerziegeln ausgelegt. Im Altarbereich befinden sich achteckige Ziegelplatten.
Altar mini|Altaraufsatz (2012) mini|Weihekreuz und Naturstein auf dem Altartisch (2012) Der dreigeschossige, mit reichem Schnitzwerk, Vergoldung und Malereien versehene Altaraufsatz ist fast identisch mit dem zu Mestlin. Auch er wurde 1693 von Caspar Hirsch, einem Tischler und Bildhauer aus Sternberg, gefertigt. Den alten Altar nahm der Tischler mit in Bezahlung.Johann Clamor Buchholz: Von dem Zubehör, Zierathen und Merckwürdigkeiten der Kirche zu Rüest. 1785, S. 71. Für die Malerey und Vergoldung war der Güstrower Künstler Borchard Bohme zuständig. Bei der Abendmahlsszene war von den gewöhnlichen Fehlern des Malers die Rede und auch die Bildhauer-Arbeiten seien nicht zum besten gerathen.
Pastor Andreas Petri, zuvor Kantor in Sternberg, hatte großen Anteil an der Beschaffung der Kirchenausstattung. In der Pfarrchronik schrieb Pastor Johann Clamor Buchholz 1785 dazu: Durch Beförderung des Closters und anderer Gutthätigen hat der Tischler Caspar Hirsch zu Sternberg den Altar erbauet. Vermutlich hatte es schon langjährige Kontakte zwischen Hirsch, Bohme und den Pastoren, auch zu den drei Szenen der biblischen Geschichte, gegeben.Horst Alsleben: Hölzerne Zwillinge in Nachbarkirchen. In Mestlin und Ruest gibt es identische Altäre. SVZ, Mecklenburg-Magazin, 13. Mai 2022.
Der barocke Altar gliedert sich in den Altaraufsatz mit dem Bild von der Auferstehung. Darunter befindet sich das Hauptgesims mit vergoldeter lateinischer Inschrift auf himmelblauen Grund. Im Retabel auf den zwei Säulen mit vegetabilen Schnitzereien ist die Kreuzigung zu sehen. Auf der Predella über dem Altartisch befindet sich die Abendmahlsszene.Horst Alsleben: Hölzerne Zwillinge in Nachbarkirchen. In Mestlin und Ruest gibt es identische Altäre. SVZ, Mecklenbug-Magazin, 13. Mai 2022.
Als Andenken für die Schaffung des Altars steht auf der Rückseite: Anno 1693 ist dieser Altar Gott zu Ehren und der Kirche zur Zierd, aus bey Hülffe guthätiger Freunde und dieser Gemeine verfertigt, da Kirchen Patron war Herr Christoff Friedrich von Jasmundt, Pastor Herr Johannes Simonis, und Herr Andreas Petri. Vorsteher Joachim Wiese, Michel Soltow.