mini|Paul Grosser, um 1930 Paul Grosser (* 4. Februar 1880 in Berlin; † 7. Februar 1934 in Saint-Germain-en-Laye) war ein deutscher Kinderarzt. Er habilitierte sich 1919 als erster Pädiater an der Universität Frankfurt am Main. 1933 von den Nationalsozialisten vertrieben, starb er kurz nach Beginn seines Exils, drei Tage nach Vollendung seines 54. Lebensjahres.Sanitätsrat Prof. Dr. med. Paul Grosser auf: juedische-pflegegeschichte.de Er war der Vater des Politikwissenschaftlers und Publizisten Alfred Grosser.
Leben Paul Grosser wurde als Sohn des aus Oberschlesien stammenden Verlagsbuchhändlers Eugen Grosser und seiner aus Straßburg stammenden Frau Cécilie, geborene Blum, in Berlin geboren.Alfred Grosser: Mein Deutschland. S. 22 Zum Judentum gab es innerhalb der Familie keine tiefe Bindung. Seine Schulzeit schloss er am Askanischen Gymnasium am 17. September 1898 mit der Reifeprüfung ab.Alfred Grosser: Mein Deutschland. S. 24 Danach nahm er ein Studium der Medizin in Berlin, Freiburg und München auf.Eduard Seidler: Kinderärzte 1933 – 1945. Entrechtet – geflohen – ermordet. S. 258–259.
Grosser erhielt am 13. August 1903 in München seine Approbation. Seine an der Universität Leipzig eingereichte Dissertation zum Thema „Ueber den Zusammenhang von Lungentuberkulose und Trauma“ datiert auf den 19. Dezember 1903. Er war mit Lily Emilie Grosser seit 1921 verheiratet.
Ausbildung Eine Assistenzarztstelle soll in Erlangen bestanden haben, aufgrund der relativen Nähe zu München möglicherweise unmittelbar nach seiner Approbation, ist jedoch nicht konkret zu belegen.Nachruf auf Prof. Dr. Paul Grosser. In: Israelitisches Familienblatt für Frankfurt. 15. Februar 1934.
In den Jahren 1904 bis 1905 assistierte er in der Physikalisch-Chemischen Abteilung des von Rudolf Virchow (1821–1902) maßgeblich geprägten ersten deutschen Pathologischen Instituts der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin bei Johannes Orth (1847–1923) und Ernst Leopold Salkowski (1844–1923).
Von 1905 bis 1907 schloss sich eine Assistenz in der Inneren Abteilung des Städtischen Krankenhauses Am Urban in Berlin bei Albert Plehn (1861–1935) an, kurz bevor dort auch Alfred Döblin als Assistenzarzt tätig wurde.Kreuzberger Kiezinitiative kauft Urban-Areal in Berlin. In: Tip Berlin. 27. November 2008 auf: tip.de
Eine weitere Assistenzstelle übernahm Grosser von 1907 bis 1908 am Städtischen Waisenhaus in der Alten Jacobstraße 33–35 in Berlin-Kreuzberg bei Heinrich Finkelstein (1865–1942).
Anschließend assistierte er noch an der Universitäts-Kinderklinik der Berliner Charité bei Otto Heubner (1843–1926) und war in Berlin kurzzeitig niedergelassen, bevor er nach Frankfurt am Main wechselte. auf: charite.de
Niederlassung und Erster Weltkrieg Von 1908 bis 1911 füllte Grosser die Position eines Oberarztes an der Kinderklinik des Städtischen Krankenhauses, der Vorläuferin der Frankfurter Universitäts-Kinderklinik, bei deren Leiter Heinrich von Mettenheim in Frankfurt-Sachsenhausen aus.Nachruf auf Prof. Dr. med. Paul Grosser. In: Frankfurter Zeitung. 9. Februar 1934. auf: stadtgeschichte-ffm.de Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte setzte er beim Stoffwechsel in der Wachstumsphase, dem Kalkstoffwechsel, der Säuglings- und Kinderfürsorge und der sozialen Pädiatrie. 1908 ließ sich Grosser in Frankfurt auch mit eigener Praxis nieder. Im Ersten Weltkrieg kämpfte der patriotische Grosser durchgängig als Stabsarzt an der Kriegsfront.
Habilitation mini|1921–1929: Leitender Arzt des Städtischen Kinderheimes mit Säuglingspflegeschule in der Böttgerstraße 20–22, Frankfurt am Main mini|Ab 1923: Außerordentliche Professur für Kinderheilkunde an der Universität Frankfurt mini|1929/30: Lily, Margarethe, Alfred und Paul Grosser beim Flanieren durch die Neue Mainzer Straße in Frankfurt am Main mini|1930–1933: Ärztlicher Direktor des Clementine Kinderhospitals in der Bornheimer Landwehr 110 zu Frankfurt am Main Nach Kriegsende zurückgekehrt, ließ er sich 1919 erneut als Kinderarzt mit eigener Praxis in Frankfurt am Main nieder und habilitierte sich am 26. Juli 1919 als erster Pädiater an der Frankfurter Universität.Habilitationsschrift: Stoffwechseluntersuchungen an Rachitikern. (Habilitationsschrift). In: Zeitschrift für Kinderheilkunde. 25. Springer, Berlin 1920, S. 141–211.
Paul Grosser heiratete am 16. März 1921 die aus einer Frankfurter Familie stammende Lily Emilie Rosenthal (* 2. Juni 1894 in Frankfurt am Main; † 20. September 1968 in Saint-Germain-en-Laye), ebenfalls jüdischer Herkunft. Als Trauzeugen fungierten Karl Josephtal, wohnhaft Bockenheimer Landstraße 126, und Rudolf Oppenheimer, wohnhaft Bockenheimer Anlage 8, beide Frankfurt am Main.Schriftliche Auskunft durch das Standesamt Frankfurt am Main vom 4. Juni 2012 (E-Mail liegt dem Autor vor) Bei Karl Josephtal handelt es sich um einen Privatier, so der 1921 verzeichnete standesamtliche Eintrag, früher Gremiumsmitglied der 1845 gegründeten Versorgungsanstalt für Israeliten Frankfurts.Rafael M. Kirchheim: Verzeichnis der Frankfurter jüdischen Vereine, Stiftungen und Wohltätigkeitsanstalten der Freiherrlich Carl von Rothschild’schen Bibliothek. Frankfurt am Main 1911 (PDF-Datei, 12,6 MB) auf: uni-frankfurt.deVersorgungsanstalt für Israeliten auf: juedische-pflegegeschichte.de
Von 1921 bis 1929 wurde Grosser Leitender Arzt des seit 1904 bestehenden Städtischen Kinderheimes mit Säuglingspflegeschule in der Böttgerstraße 20–22 in Frankfurts jüdisch geprägtem Stadtteil Ostend – in der Stadt bekannt als „Böttgerheim“. Grossers Assistenzärztin wurde dort Anna Ettlinger (* 28. Mai 1894 in Karlsruhe), die sich im Oktober 1924 als praktische Ärztin in Frankfurt am Main niederließ. Deren neuer Familienname lautete nach späterer Heirat Sondheimer, nach ihrer 1937 erfolgten Auswanderung in die USA und erneuter Heirat Sondheimer-Friedmann.Kinderklinik mit Säuglingsheim, Böttgerstraße 20–22, Frankfurt am Main auf: juedische-pflegegeschichte.deAnna Ettlinger (später: Sondheimer-Friedmann) auf: juedische-pflegegeschichte.de Seine Privatpraxis behielt Grosser bei.
Die Kinderklinik in der Böttgerstraße ging auf die von Auguste und Fritz Gans begründete „Stiftung Kinderheim“ zurück, wurde jedoch 1920 nach finanziellen Schwierigkeiten der Stiftung in der Folge des Ersten Weltkrieges von der Stadt übernommen, als neuer Träger firmierte das 1922 gegründete Stadtgesundheitsamt. Das von der Stiftung 1909 in der angrenzenden Hallgartenstraße als Schwesternwohnheim erworbene Mietshaus verfügte über einen Hinterhof mit Garten, in dem die Isolierstation der Kinderklinik eingerichtet worden war. Die Einrichtung bzw. Besetzung der kinderheilkundlichen Arztstelle Grossers wurde wohl durch eine Stiftung des 1920 verstorbenen Arztes Arnold Baerwald ermöglicht.Hans-Otto Schembs: Jüdische Mäzene und Stifter in Frankfurt am Main. S. 36. Dieser war von 1915 bis zu seinem Tod Leiter der gynäkologischen Abteilung des Israelitischen Krankenhauses in der Gagernstraße 36.
Am 13. April 1922 brachte Ehefrau Lily Emilie in Frankfurt am Main das erste Kind des Ehepaares zur Welt, die Tochter Margarethe.
Am 25. Juli 1923 erhielt Paul Grosser die außerordentliche Professur für Kinderheilkunde an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Am 1. Februar 1925 wurde das zweite Kind des Paares, der Sohn Alfred, in Frankfurt am Main geboren.
Von 1930 bis Mai 1933 übernahm Grosser die ärztliche Leitung des Clementine Kinderhospitals in Frankfurt am Main, eine Schaffensphase, die im Rückblick wegen des von ihm maßgeblich betriebenen Ausbaus zu einer modernen Kinderklinik als Blütezeit des Clementine Kinderhospitals bezeichnet wird.Leitung des Clementine Kinderhospitals in Frankfurt am Main 1930–1933 auf: juedische-pflegegeschichte.deBlütezeit des Clementine Kinderhospitals unter Prof. Dr. med. Paul Grosser auf: ckh-stiftung.deWilhelm Kallmorgen: 700 Jahre Heilkunde in Frankfurt am Main. 1936.
Am 1. April 1933 begann der Judenboykott der Nazis, uniformierte SA-Angehörige postierten sich mit entsprechenden Schildern auch vor dem Clementine-Kinderhospital in Frankfurts Stadtteil Bornheim und vor Paul Grossers Privatpraxis in der Mendelssohnstraße 92 in Frankfurts großbürgerlichem Stadtteil Westend.
Noch im gleichen Monat erfolgte der Ausschluss jüdischer Ärzte von der Privatliquidation, am 29. April 1933 sprach die Medizinische Fakultät durch ihren als moderat geltenden Dekan Franz Volhard, wie Paul Grosser Freimaurer, ein Lehrverbot aus: „in Anbetracht der gegenwärtigen Einstellung der Studentenschaft...“. Im Sommer 1933 wurde Paul Grosser als Klinikdirektor entlassen, für ihn selbst ein sehr harter Einschnitt in eine geliebte Tätigkeit.Ärzte im Dritten Reich: Die jüdischen Ärzte auf: thieme.deNachruf auf Prof. Dr. Paul Grosser. In: Israelitisches Familienblatt für Frankfurt. 15. Februar 1934Geschichte der Goethe-Universität, 5. Absatz auf: uni-frankfurt.de
Sein achtjähriger Sohn Alfred wurde von „arischen“ Mitschülern innerhalb der Wöhlerschule in der Lessingstraße derart heftig verprügelt, dass eine Krankenhausbehandlung erforderlich wurde.
mini|Handschriftliche Kündigung der DGfK-Mitgliedschaft durch Paul Grosser am 25. Oktober 1933 Schließlich wurde Grosser auch aus den Reihen seiner ehemaligen Kriegskameraden, den Trägern des Eisernen Kreuzes 1. Klasse, ausgeschlossen. Während viele andere jüdische Ärzte das Deutsche Reich 1933 bis 1945 in Richtung USA verließen, fokussierten seine eigenen Überlegungen schon bald auf eine Auswanderung ins benachbarte Frankreich, da er die französische Sprache im Gegensatz zur englischen beherrschte.
Der Sommerurlaub mit seiner Familie führte nach Paris und in die Champagne, eine Sondierung. Am 25. Oktober 1933 erklärte Grosser seinen Austritt aus der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde (DGfK) mit der Begründung: „Da ich als Nichtarier aus Deutschland auswandere, erkläre ich meinen Austritt aus der Gesellschaft.“RMK 33, DGfK MV 33 angekreuzt, gestrichenJüdische Kinderärzte als NS-Opfer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 5. Oktober 1998.
Emigration
200px|right|Stolperstein Am 16. Dezember 1933 emigrierte Paul Grosser mit seiner Familie auf dem Schienenweg über die Schweiz nach Frankreich.
Therese Heck, nicht-jüdische Sprechstundenhilfe und Röntgenassistentin, löste in Frankfurt am Main Grossers Privatwohnung und Praxis in der Mendelssohnstraße 92 auf und folgte im Januar 1934 ins Exil.
In Saint-Germain-en-Laye plante Paul Grosser den Aufbau eines Kindersanatoriums. Dafür hatte er bereits alle Vorbereitungen getroffen, ein geeignetes Haus mit parkähnlichem Garten erworben und in dem französischen Ärzte-Ehepaar Hubert und Suzanne Canale bereitwillige Verantwortliche gefunden. Da Grossers deutsche Approbation in Frankreich nicht anerkannt wurde, hätte er dort die Voraussetzungen für das französische Äquivalent erneut erwerben müssen, im sechsten Lebensjahrzehnt trotz vorhandener Sprachkenntnisse ein (zu) langwierig scheinendes Unterfangen.Alfred Grosser: Mein Deutschland.
Noch während der Eingewöhnungsphase in das neue Umfeld, nur sieben Wochen nach der Emigration, erlitt Paul Grosser am 7. Februar 1934 einen Herzinfarkt, an dem er 54-jährig verstarb.
Ehefrau Lily führte das Haus nach dem frühen und unerwarteten Tod ihres Mannes als reines Kinderheim ohne den ursprünglich geplanten medizinischen Kontext weiter. Am 1. Oktober 1937 erhielt sie zusammen mit ihren beiden Kindern die französische Staatsbürgerschaft.
1940 flohen ihre Kinder Margarethe (18) und Alfred (15) nach dem Einmarsch der Wehrmacht per Fahrrad in das unbesetzte Frankreich. Durch eine auf der Flucht zugezogene Verletzung erlitt Tochter Margarethe eine Sepsis, an der sie am 29. April 1941 neunzehnjährig verstarb.
Die Sprechstundenhilfe Therese Heck kam als „unerwünschte“ bzw. „feindliche“ Deutsche in die französischen Internierungslager Les Mesnuls (Département Yvelines, Île-de-France) und Gurs.