miniatur|rechts|Das britische Protektorat der Nordterritorien der Goldküste zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Nordterritorien der Goldküste (engl. Northern Territories of the Gold Coast) waren ein britisches Protektorat im nördlichen Teil des heutigen Ghana, das von 1897 an bis zur Unabhängigkeit Ghanas 1957 als eigenständiger Bestandteil der britischen Kolonie Goldküste existiert hat. Das Protektorat wurde vornehmlich geschaffen, um eine rechtliche Grundlage zu haben, die es rechtfertigt, gegen die im Hinterland von Aschanti agierenden Freibeuterarmeen eines Samory Touré und eines Babatu dan Isa gewaltsam vorzugehen, aber auch gleichzeitig, um bislang noch von keiner europäischen Macht beanspruchte Gebiete im Hinterland der Goldküste zu besetzen. Das Hauptziel dabei war, den von Nordwesten und Norden aus vorrückenden Franzosen und den im Osten in das Landesinnere vordringenden Deutschen entgegenzutreten.In erster Linie war die Protektoratsgründung eine Antwort auf die von den Franzosen am 16. Juni 1895 errichtete Kolonie Französisch-Westafrika, die unter anderem auch Gebiete der heutigen Republiken Elfenbeinküste und Burkina Faso als französisches Hoheitsgebiet einschloss, zu denen es zur damaligen Zeit jedoch noch keinerlei Grenzziehung gab. Zudem stand in zahlreichen Gegenden die französische Oberhoheit ohnehin nur auf dem Papier, denn von einer französischen Militärpräsenz oder gar einer zivilen Verwaltung konnte zu der damaligen Zeit in den meisten Gebieten keine Rede sein. Als beispielsweise das Königreich Gyaman, eine der früheren Provinzen Asantes, von Samoris Truppen bedroht wurde, war im gesamten Königreich kein einziger französischer Soldat anwesend, mit dem man Samori hätte entgegentreten können. Aus heutiger Sicht scheint es, dass die Briten hierin ihrerseits ihre Chance sahen, ihre Vorherrschaft über wirtschaftlich lukrative Gebiete in das fernere Landesinnere zu erweitern, sofern diese noch nicht von anderen europäischen Nationen beansprucht wurden und als solche auch verteidigt werden konnten. Das Königreich Gyaman war in diesem Zusammenhang ein Sonderfall, wie die Reise des Gouverneurs der britischen Goldküstenkolonie nach Bondoukou (Hauptstadt von Gyaman) im September 1897 belegt, denn Bondoukou war zu diesem Zeitpunkt bereits Teil des französischen Schutzgebietes. Die Hauptstadt des Protektorats der Nordterritorien der Goldküste und auch Hauptsitz der Kolonialverwaltung war Tamale.

Entstehungsgeschichte Die etwa seit den frühen 1880ern andauernde Weltwirtschaftskrise erreichte um das Jahr 1890 ihren Höhepunkt. Die Exportwirtschaft in Westafrika kam dabei fast völlig zum Erliegen, weil die importierenden Unternehmen in Europa zunehmend verschwanden und für Neugründungen das Kapital fehlte. Vielerorts in Europa sah man in diesem Zusammenhang in einer wirtschaftlichen Expansion in den Kolonien auch eine gewisse Gelegenheit zur Krisenbewältigung, besonders im rohstoffreichen Afrika. Dazu war es jedoch notwendig, zuvor rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine industrielle Ausbeutung von Rohstoffquellen nicht nur zuließen, sondern eine solche auch mit staatshoheitlicher Gewalt sicherstellen konnte. Immer wieder hatten Lobbyisten-Gruppierungen in den europäischen Parlamenten darauf gedrängt, „etwas zu unternehmen“, um z. B. die Ausbeutung bestimmter Rohstoffquellen in Übersee für die europäischen Industrien zu garantieren. So wundert es nicht, dass Frankreich und Großbritannien im August 1890 ein Abkommen schlossen, um ihre Interessensphären in Westafrika voneinander abzugrenzen. Gemäß diesem Vertrag wurde in Westafrika das gesamte Nigerbecken zum britischen Interessengebiet erklärt, während der obere Niger und der Nigerbogen den Franzosen zuerkannt wurde. Vom Hinterland der Goldküste und von anderen Bereichen Westafrikas war in diesem Vertrag keine Rede. Dies lag an einigen mächtigen Staaten, die in diesen Gegenden bereits seit langem existierten, sei es der Mossi-Kaiser mit seinem Reich, das Aschantireich, das Königreich Dahomey oder auch den erst neu unter dem Deckmantel des Islam entstandenen Freibeuterstaaten, wie Bissandougou eines Samori Touré oder das Zabarima-Emirat des Gazari bzw. Babatu, um nur die wichtigsten zu nennen.

Die französische Konkurrenz Samori Mit der Unterstützung von lokalen Häuptlingen war es den Franzosen 1892/1893 gelungen, Samori Touré aus den Gegenden des oberen Niger zu vertreiben und ihn in Richtung Süden bis an den Oberlauf des Schwarzen Volta zu drängen. Hier gründete Samori einen neuen islamischen Staat mit Dabakala als Hauptstadt, nachdem das Auftreten seiner mordenden und plündernden Sofa-BandenEin Angehöriger von Samori's Armee wurde Sofa genannt. Sie traten zwar unter dem Deckmantel eines islamischen „Dschihad“ auf, aber ihre Hauptinteressen lagen in Raub, Mord und Plünderung und sie machten dabei keinen Unterschied, ob ihre Opfer islamischen Glaubens waren oder nicht. Auch die vorgefundenen Moscheen wurden in ihren Einfallgebieten zumeist zerstört, zumindest war dies im Nordosten der Elfenbeinküste und im Nordwesten des heutigen Ghana der Fall. zuvor in weiten Teilen seines neuen „Staatsgebietes“ zu einer gewissen Entvölkerung geführt hatte. Ein Großteil der Bevölkerung war entweder getötet oder in die Sklaverei verkauft worden. Sklavenhandel bildete das (so ziemlich einzige) wirtschaftliche Fundament von Samoris Staatswesen. miniatur|rechts|Vor einer von Samori's Sofa-Truppen zerstörten Moschee in der Nähe von Bouna (Elfenbeinküste), 1901/1903 Anfang 1895 fiel Samori Touré mit seinem Heer in das südlich von seinem neuen Machtgebiet gelegene Königreich KongIm Norden der heutigen Republik Elfenbeinküste. ein. Von der einst blühenden Handelsstadt Kong (die Hauptstadt des gleichnamigen Reiches), die zuvor 20.000 Einwohner gezählt hatte, blieben nach dem Gemetzel von Samoris Sofa-Banden nur noch rauchende Trümmer übrig. So erging es auch zahlreichen anderen Orten in dieser Region. Im Hinterland von Ashanti gab es in der ersten Hälfte des Jahres 1896 auch erste Gefechte zwischen Samori's Sofa-Truppen und britischen Militäreinheiten, die sich insbesondere auf die Gegend um Wa und auf das Gebiet von Banda konzentrierten. Zahlreiche Ortschaften wurden dabei von der einen Seite erobert und von der anderen kurze Zeit später wieder zurückerobert. Hinzu kamen die ständigen Gefechte zwischen den Sofas und den Franzosen im Norden, die Samori immer mehr in Richtung Süden zwangen. Dies war aber nicht das einzige Spannungsfeld. Die politische Situation in den Nordterritorien wurde zusätzlich verkompliziert durch die Konkurrenz von Briten und Franzosen in der Frage um Gurunsi. Zum einen wollte jeder selbst seine Flagge hier aufpflanzen, zum anderen wollte man aber auch in jedem Fall einen eventuellen Einmarsch der Deutschen, die aus östlicher Richtung vordrangen, verhindern. Im Juni 1896 kam es im Zuge der Bekämpfung von Samori zur Besetzung von Wa durch französische Truppen. Dies ließ bei den Briten alle Alarmglocken läuten und man bemühte sich eiligst, um zu einer Übereinkunft mit Samori zu gelangen, was allerdings scheiterte. Aus britischer Sicht drohte ein offener Zweifrontenkrieg, den man jedoch dadurch zu umgehen versuchte, dass man Samori nun zu direkten Aktionen zwingen wollte, wodurch man allerdings indirekt die Franzosen zu bekämpfen versuchte, ohne Frankreich dabei den Krieg erklären zu müssen. London autorisierte daraufhin im Juni 1896 den Gouverneur, wenn nötig BondoukouBondoukou ist die Hauptstadt von Gyaman und traditioneller Handelsknotenpunkt, der seit dem Auftauchen der Europäer in diesem Teil von Afrika als Zwischenstation im Handel zwischen der Meeresküste und den transsaharischen Karawanenrouten im Norden etabliert war. Zudem gab es in der Nähe von Bondoukou bei Assikasso reiche Goldfelder, welche bereits in weit vorkolonialer Zeit als Zentren der Goldproduktion galten. In jenen Tagen gehörte Bondoukou zum französischen Schutzgebiet. gewaltsam einzunehmen. Der offizielle Vorwand war, dem Treiben des Samori mit allen Mitteln ein Ende zu bereiten. miniatur|rechts|hochkant=2.0|Britisches Feldlager in der Nähe von Kintampo (östlicher Grenzbereich des Banda-Gebiets), 1897 Das britische Gouvernement entsandte daraufhin Militäreinheiten in die Regionen des Schwarzen Volta, um ihrerseits Samori's Mörderbanden zu bekämpfen, aber Samoris Truppen gelang es immer wieder, Gefechten mit den Briten auszuweichen. Am 29. März 1897 kommt es dann doch zwischen britische Einheiten unter dem Kommando von Francis B. Henderson und Samoris Truppen zu einem größeren Gefecht. Weitere Gefechte folgten, wie z. B. am 7. April 1897 in der Nähe von Wa, wo mit George E. Ferguson auch ein hochrangiger Offizier der Briten getötet wurde.

Der Fall Bondoukou Im Juni 1897 erhielt der britische „Inspector General“ in Kumasi, O. Mitchell, den Befehl, alle Sofas aus der Region Banda auszuweisen und auch deren Position in Bondoukou zu erkunden. Kurze Zeit später empfing Mitchell Gesandte des gegen Samori intrigierenden Häuptlings Pape, der nach dem Tode von Gyamanhene Agyemang Anfang 1897 als Interims-Regent die Staatsgeschäfte des Königreiches Gyaman bis zur Wahl eines neuen Königs übernommen hatte. Pape ließ Mitchell mitteilen, dass eine große Anzahl von Samoris Leuten bereits im Mai 1897 in Richtung Bouna aufgebrochen sei und dass er mit seinen Unterstützern bereit sei, mit den Briten zu kooperieren, um den Feind gänzlich aus Bondoukou zu vertreiben. Obwohl man sich bewusst war, dass Gyaman offiziell französisches Schutzgebiet war, vereinbarten beide Seiten, dass eine britische Militärabteilung am 7. Juli 1897 die Stadt besetzen solle inmitten einer von Pape's Leuten angezettelten allgemeinen Revolte. Ohne jedoch dazu eine Genehmigung von Gouverneur Maxwell erhalten zu haben, verließ Mitchell am 5. Juli 1897 seine Basis im Banda-Gebiet und wandte sich mit einer Militärabteilung über Tambi nach Bondoukou.

In Bondoukou war man am 6. Juli 1897 gerade mitten in der Installationszeremonie für den neuen Imam Kunadi Timitay, als die Nachricht eintraf, dass einige Weiße mit Kanonen auf der Route nach Tambi unterwegs seien. Häuptling Pape bestritt daraufhin gegenüber Bakari, Samori's „Chief Lieutenant“ in Bondoukou, auf dessen Nachfrage hin, jegliche Kenntnis bezüglich des britischen Vorrückens. Bakari verließ daraufhin am Morgen des 7. Juli 1897 mit den meisten seiner Sofas die Stadt, während sein Chefadjutant, Sanusi Dyabi, versuchte, die Einwohner von Bondoukou zusammenzutreiben und diese zu einer „Massenauswanderung“ in Richtung Norden zu bewegen. Die von ihm Zusammengetriebenen zerstreuten sich allerdings wieder bei der erstbesten Gelegenheit. Wütend über den Mangel an Kooperation ordnete Sanusi an, mit Hereinbrechen der Nacht Bondoukou niederzubrennen. Genau zu diesem Zeitpunkt setzte der Beschuss aus Mitchells Kanonen ein. Noch in der Abenddämmerung verfolgten die Briten die flüchtenden Sofas bis nach Barabo, ein weiteres Vordringen hielt Mitchell jedoch nicht für ratsam. Nach einer Unterredung mit Häuptling Pape wurde dieser schließlich zum neuen König von Bondoukou ausgerufen und am 9. Juli 1897 zog sich Mitchell mit seinen Leuten wieder in Richtung Banda zurück unter Zurücklassung von vier Soldaten bei Bokari, welche die Sofa-Bewegungen beobachten sollten. Der französische Gouverneur in Grand-Bassam tobte vor Empörung, Gouverneur Maxwell war das eigenmächtige Vorgehen Mitchells mehr als peinlich – aber die Gyamans jubelten. miniatur|rechts|Der britische Gouverneur Maxwell beim Übersetzen über den Pra auf dem Weg nach Bondoukou, September 1897