Die Marxistische Krisentheorie, auch in Anlehnung an heutigen Sprachgebrauch Marxistische Konjunkturtheorie genannt, geht davon aus, dass eine kapitalistische Wirtschaft periodisch von Krisen heimgesucht wird, und versucht, diesen Krisenzyklus zu erklären.

Unterschieden werden zwei Krisentypen: Realisierungskrisen, die durch Disproportionalität zwischen den verschiedenen Produktionszweigen oder durch Unterkonsumtion entstehen, Krisen, die ursächlich auf Überakkumulation beruhen. Letzterem Krisentypus liegt der (dialektische) Widerspruch zwischen Produktivkraftentfaltung und Kapitalverwertung zugrunde. Die Steigerung der Produktivkraft der Arbeit (Arbeitsproduktivität) erscheint widersprüchlich, weil sie gleichzeitig den Einsatz an Arbeitern zugunsten von Maschinen, also fixem Kapital vermindert:

Zyklusphasen Die Wirtschaft durchläuft so einen Kreislauf, der verschiedene Phasen umfasst. Weder Anzahl der Phasen noch deren Bezeichnungen sind bei Marx einheitlich.Alfred Müller S. 79., vgl. Stephan Krüger (2010) S. 336, Pavel Maksakovsky 2004, S. 60ff. Es finden sich:

Stagnation/Zweite Abschwungsphase Prosperität/Erste Aufschwungsphase Überproduktion/Zweite Aufschwungsphase Krise/Erste Abschwungsphase

oder

mittlere Lebendigkeit Hochdruck Krise Stagnation

oder

Abspannung mittlere Lebendigkeit Überstürzung Krise

oderMEW 25, Kapital Band III, „ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL Teilung des Profits. Zinsfuß. "Natürliche" Rate des Zinsfußes“

Ruhezustand wachsende Belebung Prosperität Überproduktion Krach Stagnation (Wirtschaft)

Voraussetzungen

Notwendige Bedingungen – „Möglichkeit“ Nur in einer Geldwirtschaft kann es zu einer allgemeinen Marktüberfüllung, allgemeinen Überproduktion kommen, in Subsistenzwirtschaften oder Tauschwirtschaften dagegen nicht oder nur teilweise.Alfred Müller 2009, S. 40 f.

Eine Geldwirtschaft beinhaltet die Möglichkeit, dass Geld gehortet wird. Wer Ware gegen Geld verkauft, kann das Geld aufbewahren, statt es zum Kauf anderer Ware zu verwenden. Damit stocken der Geldkreislauf und die Wirtschaft. Diese Sichtweise findet sich jedoch nicht nur in der Marxistischen Krisentheorie, sondern auch bei Nichtmarxisten wie Silvio Gesell.Ausführlich dargelegt in: Die neue Lehre von Geld und Zins. Physiokratischer Verlag, Berlin/Leipzig 1911, und Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld. Selbstverlag, Les Hauts Geneveys 1916.

Hinreichende Bedingungen – „Notwendigkeit“ Fixes Kapital Eine hinreichende Voraussetzung für den Krisenzyklus ist die großindustrielle Produktion mit Hilfe von Maschinerie, von fixem Kapital.Stephan Krüger (2010) S. 339, 342f., Pavel Maksakovsky 2004, S. xli, S. 37, 42ff., 57ff., 81. Dadurch soll die Arbeitsproduktivität erhöht werden, lebendige Arbeit wird durch Maschinerie ersetzt,Stephan Krüger (2010) S. 344. was den relativen Mehrwert erhöht.Alfred Müller 2009, S. 48, 143.

Fehlende gesamtwirtschaftliche Koordinierung Außerdem gibt es in einer marktwirtschaftlichen Wirtschaft keine gesamtwirtschaftliche Koordinierungsinstanz.Alfred Müller 2009, S. 106f, 160, 237f.Pavel Maksakovsky 2004, S. 45.

Horten von Geld für spätere Investitionen in fixes Kapital In Das Kapital, Band II, zeigt Marx, wie das Ansparen von Geld für spätere größere Anschaffungen von fixem Kapital (Ansparen von Geldakkumulationsfonds) das Horten von Geld bedingt. Horten ist nicht mehr nur Möglichkeit der Krise, sondern Notwendigkeit, weil anders die Akkumulationsfonds nicht aufgebaut werden können. Von daher droht der Wirtschaft laufend eine Unterbrechung des Geldkreislaufs. Theoretisch enthorten gleichzeitig andere Unternehmen, verausgaben ihre Akkumulationsfonds. Ohne gemeinsame Koordinierung ist es unwahrscheinlich, dass beides sich gerade richtig ergänzt. Ein Ausweg bietet das Kreditwesen, das Geschäft der Banken. Während die einen Unternehmen ihre Einnahmenüberschüsse bei den Banken anlegen, leihen sich andere ihren Geldbedarf bei den Banken. Durch Geldschöpfung kann der Bedarf nach Geld theoretisch gedeckt werden. Das Problem der Geldhortung wird so durch das Kreditwesen elastisch aufgefangen, doch ergeben sich auf höherer Ebene erneut Widersprüche und Krisenursachen, wie Marx dann im Kapital, Band III, ausführt.Vgl. z. B. Martha Campbell: „Money in the Circulation of Capital“ in: Christopher J. Arthur und Geert Reuten: „The Circulation of Capital – Essays on Volume Two of Marx's Capital“, London, New York 1998.

Zeitverzögerungen Industrielle maschinelle Produktion bedingt Time-Lags, Verzögerungen, etwa zwischen Produktion und Nachfrage,Alfred Müller 2009, S. 99.Pavel Maksakovsky 2004, S. 81ff. oder umgekehrtStephan Krüger (2010) S. 351. oder zwischen Investition und Entwicklung der ArbeitsproduktivitätAlfred Müller 2009, S. 297.. Im Aufschwung reagiert die Produktion mit einem Time-Lag auf die Nachfrage, die Nachfrage ist größer als das AngebotPavel Maksakovsky 2004, S. 64. im Abschwung umgekehrt. Time-Lags führen auch gemäß dem Spinnwebtheorem oder im Multiplikator-Akzelerator-Modell zu Schwingungen.

Rationalisierungsinvestitionen zu Lasten der Beschäftigung Letztlich ist die Konsumnachfrage Bedingung, dass in der Produktion geschaffener Wert auch auf dem Markt realisiert werden kann.Pavel Maksakovsky 2004, S. 68, 71., Stephan Krüger (2010) S. 436, 209, 234f. Von Unterkonsumtionstheorien wird dies dadurch abgegrenzt, dass eine Erhöhung der Löhne mit anschließender größerer Nachfrage nach Konsumgütern das Problem nicht lösen kann, weil es auf den Wert ankommt, der nach Marx durch die Arbeitswertlehre bestimmt wird. Es kommt auf mehr profitable Beschäftigung an, nicht auf mehr Lohn. Höhere Löhne stärken zwar die Konsumnachfrage, schmälern aber auf der anderen Seite die Profite.Vgl. Alfred Müller, S. 9, 19f., 26ff., Stephan Krüger (2010) S. 353f. Kommt es schließlich im Abschwung zu sinkenden Preisen, erhöht dies die Reallöhne, die Kaufkraft der Arbeiter, ohne dass dies aus Sicht der Kapitalisten die Probleme der Krise lösen würde.

Zyklus mini|300px|Indikatoren zur Wirtschaftsentwicklung in den USA, Beschäftigung, Konsum, Investitionen, Produktion Beginn des Zyklus oder unterer Wendepunkt

Der Konjunkturaufschwung wird am Ende der Stagnationsphase eingeleitet, weil unterdurchschnittliches Preisniveau und unterdurchschnittliche Profitrate dazu führen, dass massenhaft in neue verbesserte Produktionstechniken investiert wird.Alfred Müller 2009, S. 174f.Stephan Krüger (2010) S. 321.Pavel Maksakovsky 2004, S. 59, 63. Durch den vorausgehenden Abschwung sind bestehende Produktionskapazitäten durch moralischen Verschleiß entwertet worden, was zu Ersatzinvestitionen auf technisch fortgeschrittener Grundlage führt.Vgl. Stephan Krüger (2010) S. 342. Um aus der Krise zu gelangen, werden neue Produktionstechniken mit höherer Arbeitsproduktivität eingeführt, die mit höherem Einsatz an fixem Kapital je Arbeitskraft verbunden sind. Marx unterstellt dabei, dass die neueren Verfahren teurer sind als die zu ersetzenden, so dass eine höhere Produktion notwendig ist, sollen sich die neuen Investitionen rentieren.Alfred Müller 2009, S. 178 mit Verweis auf Lohnarbeit und Kapital MEW 6, S. 418.

Prosperität

Die allgemeine Einführung technisch fortgeschrittener Produktionsanlagen führt zu einem allgemeinen Wirtschaftsaufschwung, zur Phase der Prosperität, in welchem die neuen Produktionstechniken mehr und mehr in die Wirtschaft eingeführt werden, was zu einem Aufschwung auch in der Logik eines Multiplikator-Akzelerator-Modells führt.Müller 2009, S. 307, vgl. Stephan Krüger (2010) S. 345. Das Angebot kann der Nachfrage nur verzögert folgen, die Preise steigen.Stephan Krüger (2010), S. 350 f, S. 359 f.

Nach Alfred Müller erzielen zunächst (ähnlich wie in der Konjunkturtheorie von Joseph Schumpeter) diejenigen, die die neue Produktionstechnik einführen einen Extra-Profit zu Lasten derjenigen, die noch mit alter Technik produzieren. Diese Extraprofite schwinden in dem Maße, wie sich die neue Produktionstechnik verallgemeinert.

Ein aus Sicht der Kapitalisten profitabler Einsatz an Kapital und Arbeit kann von den bestehenden Produktionsmöglichkeiten nicht sofort bereitgestellt werden. Es kommt wegen des Nachfrageüberhangs zu einem allgemeinen Preisanstieg, vielleicht dadurch gemildert, dass bestehende Lager abgebaut oder noch vom letzten Abschwung her brach liegende Produktionsanlagen zugeschaltet werden können. Arbeiter aus der Reservearmee finden jetzt wieder Arbeit. Maksakowski drückte das so aus, dass die Preise in der „Sprache des Marktes“ Unterproduktion signalisieren, sie signalisieren, dass die Nachfrage größer als das Angebot ist.Pavel Maksakovsky 2004, S. 84 f. In der „Sprache der Produktion“ herrscht eigentlich schon Angebot gleich Nachfrage, wenn das zukünftige Angebot der noch im Bau befindlichen Produktionsanlagen schon berücksichtigt würde. Dies liegt daran, dass Produktionsanlagen, die produziert werden, auf der einen Seite schon auf der Nachfrageseite erscheinen, Nachfrage nach Arbeitskräften und damit nach Konsumgütern, Nachfrage nach Produktionsmitteln. Diese Produktionsanlagen im Bau sind aber noch nicht auf der Angebotsseite wirksam, sondern erst mit einem Verzögerungseffekt. Nach Maksakowski liegen die Preise jetzt allgemein höher als ihren Werten entspricht (vgl. Arbeitswertlehre). Dies bedeutet, dass der Wert des Geldes unter seinem Wert liegt.

Müller betont die Umverteilung der Mehrwertproduktion von den zurückbleibenden Unternehmen hin zu den Innovatoren, die die neue produktivere Technik einführen. Bei Maksakowski findet eine Umverteilung der Mehrwertproduktion innerhalb des Zyklus statt. Mehrwert der im Abschwung nicht realisiert wird, wird im Aufschwung zusätzlich realisiert. Das Wertgesetz gilt im Durchschnitt des Zyklus, aber nicht in den einzelnen Phasen.

Die Profitraten steigen. Die Löhne bleiben hinter der Entwicklung zurück, die Lohnquote sinkt im Aufschwung.Pavel Maksakovsky 2004, S. 64 ff., 71. Der Aufschwung wird in erster Linie von Erweiterungsinvestitionen getragen, die Beschäftigung steigt, weniger durch Rationalisierungsinvestitionen, die zu einem Anstieg der Zusammensetzung des Kapitals führen.Pavel Maksakovsky 2004, S. 67.

Überakkumulation und Krise

Der Aufschwung wird durch Nachahmer, Imitatoren getragen, welche gezwungen sind, die neuen produktiveren Investitionen zu übernehmen. Es handelt sich um extensives Wachstum, das heißt im Wesentlichen setzt sich eine gegebene Produktionstechnik immer stärker durch, indem sowohl mehr Produktionsmittel eingesetzt werden als auch mehr Arbeitskräfte eingestellt werden. Es vergeht einige Zeit zwischen dem Zeitpunkt, zu dem eine neue Investition begonnen wird bis zu dem Zeitpunkt, zu dem die Produktion der neuen Produktionsanlagen auf den Markt gelangt. Zwischen Investitionsentscheidung und Verkauf der neuen Produkte liegt ein zeitlicher „Time lag“.Maksakovsky 2004, S. 101.

Wegen der zeitlichen Verzögerung zwischen den Investitionsentscheidungen und dem Zeitpunkt, zu dem die Investitionen selbst für den Markt zu produzieren beginnen, wird überakkumuliert.Pavel Maksakovsky 2004, S. 84. Die Nachfrage ist bereits befriedigt, aber es sind immer noch Investitionen im Werden, die mit Verzögerung, mit Time-Lag, mit ihrem Angebot auf den Markt kommen. Außerdem fallen die Produktionsanlagen nach ihrer Fertigstellung als Nachfrage aus, da die zu ihrer Herstellung benötigten Arbeitskräfte und Materialien und Produktionskapazitäten nach Fertigstellung der Anlagen nicht mehr benötigt werden.