Blauvogel – Wahlsohn der Irokesen ist ein Buch von Anna Müller-Tannewitz, welches 1950 im Verlag Neues Leben erschien. Die Autorin Anna Müller-Tannewitz veröffentlichte das Buch unter dem Pseudonym Anna Jürgen. Dieses Pseudonym benutzte sie für keines ihrer weiteren Werke, welche zumeist unter ihrem bürgerlichen Namen erschienen.
Zusammenfassung Der Roman beschreibt anhand der fiktiven Gestalt „Blauvogel“ das Leben der weißen Grenzer und der Indianer in der Mitte des 18. Jahrhunderts. „Blauvogel“ ist ein weißer Junge, der von Indianern geraubt wird und unter ihnen aufwächst. Er erkennt die Wahrheit über die weißen Siedler und die Indianer. Nach seiner erzwungenen Rückkehr zu seiner weißen Familie ist er aber nicht mehr dazu in der Lage, wieder in ihre Welt zurückzukehren. Er erkennt sie als falsch und geht freiwillig zurück zu den Indianern, weil er unter den Weißen nicht mehr klarkommt.
Das Buch spielt in Nordamerika zur Zeit des Kampfes zwischen Briten und Franzosen in der Mitte des 18. Jahrhunderts um die Vorherrschaft im Gebiet zwischen dem Ohio und dem Eriesee. Georg Ruster ist der neunjährige Sohn weißer Siedler im Grenzland zu den Indianern. Sein Leben ist geprägt von ständiger Arbeit und dem Kampf gegen indianische Überfälle. Von den Indianern weiß er nur wenig und gemäß der ihm von seinen Eltern vermittelnden Welt hält er sie nur für primitive Wilde, welche man vernichten muss. Im Verlauf der Geschichte wird er jedoch von Indianern entführt. Er soll anstatt eines verstorbenen Jungen als Sohn aufgenommen werden. Im Indianerdorf „Wiesenufer“ macht er seine ersten Erfahrungen unter den Irokesen, bei denen er gelandet ist. Er wird von den Indianerkindern massiv gemobbt, kennt nicht ihre Sprache und scheitert bei allem, was sie spielen und können. Nur seine Freundin Malia, welche gebrochen Englisch spricht, hilft ihm über die anfänglichen Probleme hinweg. Sein Intimfeind „Schielender Fuchs“ von den im Dorf anwesenden Delawaren macht ihm zusätzlich das Leben schwer. Er erschießt auch einen Hund, den Georg in Erinnerung an den Familienhund der Rusters lieb gewonnen hatte. Georg versucht von den herzlosen Indianern zu fliehen, verirrt sich und wird von seinem zukünftigen Adoptivvater im Wald gefunden.
Mit ihm und Malia, die seine Adoptivschwester wird, wandert er nach „Fruchtbare Erde“. Dort wird er, der langsam die Sprache und Gewohnheiten der Irokesen annimmt, heimisch. Zahlreiche Ereignisse lassen ihn tief in die Welt der Indianer eintauchen und jeden weiteren Fluchtgedanken verschwinden. Die bisher für ihn heile Welt der weißen Grenzer wird für ihn zunehmend unverständlich und bricht letztendlich gewaltsam zusammen. Er erkennt die Lügen und Vorurteile der Grenzer und er ergibt sich der naturverbundenen Welt der Indianer. Er erkennt, dass die Indianer die wahren Eigentümer des Landes sind und dass sie ein viel größeres Wissen über das Land und seine Natur haben.
Als er einige Jahre später zu seinen weißen Verwandten zurückkehren muss, da sich nur so ein Krieg seines Stammes mit den Briten verhindern lässt, ist ihm deren Welt völlig fremd geworden. Ihre Gefühllosigkeit und Verachtung der Indianer ist für ihn nicht mehr begreiflich. Blauvogel wendet sich ab und geht freiwillig zurück zu seinen Adoptiveltern.
Handlung Im Jahr 1755 ist Nordamerika noch weitgehend von Weißen unbesiedelt. Jedoch haben sich die Engländer an der Ostküste festgesetzt und die Franzosen beanspruchen ein Gebiet vom heutigen Kanada, rund um die Großen Seen über das Ohio-Tal bis hinunter zur Mündung des Mississippi in den Golf von Mexiko. Engländer und Franzosen kämpfen um die Vorherrschaft in Nordamerika. Blauvogels Geschichte spielt im Nordosten der heutigen USA im Gebiet des heutigen Pittsburgh und dem Eriesee, in den heutigen US-Staaten Pennsylvania und Ohio. Georg Ruster, der spätere Blauvogel, lebt in Pennsylvania, im Shawnee-Tal, benannt nach den vertriebenen Shawnee-Indianern, ca. 100 km entfernt von der damaligen „Grenze“ zu den von Frankreich beanspruchten Gebieten, in den Wäldern nördlich von Raystown (dem heutigen Bedford). Frankreich kolonisierte die von ihm beanspruchten Gebiete nicht wie England und siedelte dort keine Franzosen an, so dass die im Gebiet der großen Seen lebenden Indianer, welche hauptsächlich den Irokesen zugeordnet wurden, noch relativ frei leben konnten. Frankreich unterhielt in seinem Gebiet jedoch Militärstützpunkte, Forts und Handelsstationen.
Das Leben der weißen Grenzer ist hart. Immer wieder kommt es zu Überfällen von Indianern im Grenzgebiet, welche für die überfallenen Familien in ihren einzeln stehenden Farmen häufig tödlich enden. Auch sonst ist ihr Leben von harter Arbeit bestimmt. Sie roden die Wälder in diesem Hügelland, den westlichen Vorläufern der Appalachen, um Ackerland zu gewinnen, und sind so von früh bis spät mit schwerer körperlicher Arbeit beschäftigt.
Der Roman beginnt mit einem Überfall von Indianern auf die Farm der Familie des neunjährigen Georg im Jahr 1755. Diese besteht aus ihm, seinem jüngeren Bruder Peter, zwei älteren Schwestern, Vater John sowie dem älteren Bruder Andreas. Sein Vater und sein Bruder Andreas sind als Mitglied einer Miliz zum Zeitpunkt des Indianerüberfalls abwesend. Sie reiten umher, um die Farmen zu schützen. Nur mit letzter Kraft gelingt es der Familie, den Angriff auf ihre Siedlerhütte und die Brandpfeile auf deren Dach abzuwehren, wobei sich Georg auszeichnet. Die Abwehr gelingt jedoch nur, weil die Miliz noch rechtzeitig die Farm erreichen kann. Georg findet einen Tomahawk der angreifenden Indianer und gibt ihn Andreas. Der erkennt ein Symbol auf dem Schaft. Es zeigt ein ovales Rund mit sechs Punkten. „Der Tomahawk hat einem Mann aus der Schildkrötenfamilie gehört“, meint Andreas bedächtig. In der Familie von Georg Ruster werden abwertende Meinungen über Indianer geteilt, wie auch das Vorurteil, dass „diese Indianerhorden“ ihnen von den Franzosen auf den Hals gehetzt werden. General Braddock sei jedoch im Anmarsch, um die Franzosen und vor allem die mit ihnen verbündeten Irokesen aus dem Ohiotal, welches sich hinter der Grenze befindet, zu vertreiben.
Alle setzen auf General Braddock, der die Indianer und Franzosen verjagen und die Grenze weiter nach Westen verschieben soll. Hier ergibt sich allerdings ein Problem. Die Milizversammlung hat beschlossen, dass jeder Haushalt der Grenzer zwei Mann zur Wegebauabteilung stellen muss, um General Braddock und seinen Versorgungstruppen den Weg durch die unerschlossene Wildnis zu bahnen. Da Georg sich tapfer geschlagen hat, wird entschieden, dass nicht sein eigentlich für die Familie unabkömmlicher Vater, sondern er, der Neunjährige, zusammen mit seinem älteren Bruder Andreas zur Wegebauabteilung gehen muss. Er wird dort als Meldereiter eingesetzt. Dieser vorhergehende Bautrupp überschreitet die Grenze zum Indianerland, um General Braddock einen Weg zum französischen Fort Du Quesne, dem heutigen Pittsburgh, zu bauen.
Auf einem Melderitt zwischen den Holzfällern der Wegebauabteilung und den ihnen folgenden Versorgungstruppen wird Georg von einigen im Hinterhalt lauernden Indianern angegriffen. Sein Begleiter sowie sein Pferd werden getötet und er gerät in die Gefangenschaft von Indianern. Diese bringen Georg, der durch den Sturz vom getöteten Pferd am Knöchel verwundet ist, nach Fort Du Quesne. Hier wird er von den Franzosen, aber mehr noch von einem leidlich Englisch sprechenden Indianer gepflegt. Georg begreift es noch nicht, aber er erfährt, dass er den Indianern ausgeliefert wird und an Stelle eines verstorbenen Sohns in einem Stamm aufgenommen werden soll. Er setzt aber auf General Braddock und hofft, bald befreit zu werden. Die Franzosen siegen aber in der Schlacht am Monongahela zusammen mit den mit ihnen verbündeten Indianern über Braddocks Milizen. Georg bekommt nun auch mit, wie die Indianer, hauptsächlich Lenape, ihre Gefangenen zu Tode martern. Georg rechnet damit, dass auch ihm dieses Schicksal zugedacht ist.
Der Indianer, der ihn pflegte, nimmt ihn nun mit auf eine Bootsreise. Tagelang geht es erst den Ohio hinab und dann einen breiten Nebenfluss (Muskingum River?) in Richtung Norden wieder flussaufwärts. Nach vier Tagen erreichen sie das Indianerdorf „Wiesenufer“ im Gebiet des heutigen Coshocton Country. Georg ist erstaunt, als er die großen Felder mit Mais, Sonnenblumen, Kürbissen und Tabak sowie die Langhäuser des Dorfes erblickt. Hier wird er von der Ehefrau des Indianers freundlich in Empfang genommen und in die indianische Welt eingeführt. Er versteht zwar kein Wort, begreift aber, dass die Frau es gut mit ihm meint. Nach anfänglichen Problemen, über die ihm auch ein nur wenig älteres Mädchen mit dem Namen Malia hinweghilft, welche einige Brocken Englisch spricht, lebt er sich ein, schmiedet allerdings ständig Fluchtpläne. Zu seinem Entsetzen muss er aber auch erkennen, dass er sich beim Clan der Schildkröten befindet, jenem Clan, der sein Elternhaus überfiel. Malia spricht ein wenig englisch und hilft ihm, die Sprache der Irokesen, bei denen er sich befindet, zu erlernen. Er erfährt, dass sie die Nichte des Indianers ist, der ihn herbrachte. Vieles in dieser neuen Welt ist für ihn unvorstellbar, so wie der Fakt, dass alle Lebensmittelvorräte allen gehören und er sich aus jedem Kessel bedienen kann, wie er will. Es kann sich auch jeder des Hauses an den Vorräten des Clans bedienen, nicht nur an den eigenen. Dies führt erstmals zum Konflikt mit seinen Vorstellungen von Eigentum und Diebstahl.
Er erfährt, dass Malias Onkel „Rauchiger Tag“ und seine Frau „Rundliche Wolke“ heißen. Die beiden haben keine eigenen Kinder und sind Georg gegenüber strenge Erzieher. Georg erlernt langsam das Bogenschießen und beginnt Irokesisch zu sprechen und zu verstehen. Er klammert sich aber auch an Malia, denn nur mit ihr kann er sich wirklich austauschen. Jedoch tituliert sie ihn immer wieder als „Dummkopf“, wenn er etwas falsch macht oder falsch redet.
Georg erlernt langsam die Spiele der Irokesenkinder. Hierbei hat er große Probleme. Da er weder deren Spiele noch die Regeln dazu kennt, zudem auch noch mangels Erfahrung bei ihnen sehr unbeholfen und ungeschickt agiert, wird er zur Zielscheibe von Hohn und Spott der Kinder. Es gibt aber auch positives. Bisher nur die arbeitsreichen Tage der Grenzer gewöhnt, ist er nun verblüfft, wie entspannt und ruhig das Leben der Indianer und hier insbesondere der Kinder ist. Zu Hause waren Prügel und Schläge an der Tagesordnung, bei den Indianern gibt es sie gar nicht. Einen Freund gewinnt er in dem Hund „Schnapp“. Er gibt ihm wegen der Ähnlichkeit mit dem Hund seiner Familie dessen Namen. Beide werden unzertrennlich.
Bei den Spielen der Kinder macht Georg sich „Schielender Fuchs“ zum Feind. „Schielender Fuchs“ ist ein Lenape (auch Delawaren genannt). Diese wohnen als Gäste am Rand des Dorfes und leben weniger vom Ackerbau als von der Jagd und dem ständigen Kampf mit den weißen Siedlern. Die Lenape sind Flüchtlinge. Ihre Heimat liegt am Atlantik, von dem sie durch weiße Siedler vertrieben wurden. „Schielender Fuchs“ ärgert Georg, wo er nur kann und er erschießt eines Tages sogar Schnapp, wofür ihn Georg gewaltig verprügelt. Die Tat des „Schielenden Fuchs“ nährt seine Vorurteile gegenüber den Indianern als blutiges gefühlloses Pack und er unternimmt seinen schon länger geplanten ersten Fluchtversuch. Er verirrt sich jedoch recht schnell im Wald und wird von einem ihm fremden Indianer gefunden. Dieser trägt den Erschöpften zurück ins Dorf, wo er von „Rauchiger Tag“ überraschend verständnis- und liebevoll empfangen wird. „Rauchiger Tag“ schenkt ihm einen kleinen Hund, der dem toten Schnapp sehr ähnlich sieht, und niemand verliert ein Wort über seinen Fluchtversuch.