miniatur|Kreuzigung des Jesus von Nazareth mit sich verdunkelnder Sonne, Cornelis de Vos, 1584–1651

Die dreistündige Finsternis bei der Kreuzigung Jesu ist ein Element der Passionsgeschichte der synoptischen Evangelien im Neuen Testament. Im Christentum wird die Finsternis in der Regel als Wunder verstanden und auf dem Hintergrund des Alten Testaments vor allem als Zeichen des Gerichts gedeutet.

Ihre Historizität ist Gegenstand anhaltender Diskussionen. Bereits in der Antike wurde sie als zeitliches Zusammenfallen mit einem Naturereignis erklärt, etwa einer Okkultation. Eine Sonnenfinsternis wäre bereits von Zeitgenossen als Wunder empfunden worden, weil Sonnenfinsternisse nur bei Neumond stattfinden, Jesus aber an oder kurz vor einem Pessachfest gekreuzigt wurde. Pessach wird stets bei Vollmond oder in dessen zeitlicher Nähe gefeiert.

Christliche Geschichtsschreiber und Theologen verglichen die Finsternis mit Berichten über andere Finsternisse oder dunkle Zeitabschnitte. Bis in die Gegenwart hinein wurde zudem versucht, die Kreuzigung genau zu datieren. Dazu wurden wegen der in den Passionsberichten erwähnten Finsternis auch astronomische Berechnungen herangezogen; die maßgebenden Datierungsversuche beruhen allerdings auf antiken Quellen (v. a. Regierungsjahre) und kalendarischen Berechnungen.

Biblischer Befund Passionsberichte Die synoptischen Evangelien berichten übereinstimmend, dass während der Kreuzigung eine Dunkelheit eintrat (skotos egeneto, griechisch: σκότος εγένετο). Sie habe am ersten Tag des Pessachfestes von Mittag bis drei Uhr Nachmittags gedauert (‚sechste bis neunte Stunde‘ nach antiker Zählung):

Für die Finsternis bzw. für die Verfinsterung der Sonne wird kein Grund angegeben.Walter L. Liefeld: Luke. In: Frank E. Gaebelein (Hrsg.): The Expositor's Bible Commentary, Vol. 8, Grand Rapids 1984, S. 1045. Sie wird auch nicht ausgedeutet. Das Johannesevangelium erwähnt den Vorgang nicht.

Vergleichbare alttestamentliche Aussagen Die größte Nähe der synoptischen Aussagen besteht zu einer Stelle beim Propheten Amos (), wo in Verbindung mit einem Erdbeben ein Sonnenuntergang bzw. eine Finsternis mitten am Tag angekündigt wird:

Zu Beginn des Buches Amos wird ein Erdbeben erwähnt, das sich zwei Jahre später ereignete (); dieses Beben wird in der Regel als Erfüllung der Prophetie verstanden. Auf dieses Erdbeben nimmt auch das später verfasste Buch Sacharja Bezug ().

Die Vorhersage des Amos steht in Zusammenhang mit einer Gerichtsansage an das Volk Israel , in der auch die Trauer um einen „Einzigen“ eine Rolle spielt. Mit Blick auf das Erdbeben von wird diese Stelle in der historisch-kritischen Exegese häufig als Vorstellungshintergrund für die neutestamentliche Darstellung gewertet.Dominic Rudman: The crucifixion as chaoskampf: A new reading of the passion narrative in the synoptic gospels, in: Biblica (Journal), 84, S. 102–107.Wolfgang Fritzen: Von Gott verlassen? Das Markusevangelium als Kommunikationsangebot für bedrängte Christen, Kohlhammer Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-020160-6, S. 339. Nach traditioneller Deutung wird der Text als prophetische Vorhersage der Finsternis bei der Kreuzigung verstanden.Herbert Lockyer: All of the Miracles of the Bible, Zondervan Publishing House: Grand Rapids 1971, S. 243.

Inwieweit die folgenden Stellen real-kosmisch oder metaphorisch, also als bildhafte Sprache, zu verstehen sind, ist nicht immer sicher zu bestimmen.

Ein real-kosmisches Verfinstern (der Sonne, des Mondes oder auch der Sterne) als Gerichtshandeln Gottes scheint z. B. an folgenden Stellen vorzuliegen: Gerichtsankündigung an Abraham Finsternis gegen die Ägypter beim Auszug; und Erinnerung daran: Am Tag des Herrn werden Sterne, Sonne und Mond nicht mehr scheinen.

; ; . Als metaphorische Rede sind wohl folgende Stellen zu verstehen: Gottlose enden in Finsternis, ; ; ; ; ; u.ö. ; ; ; ; ; u.ö. : Gott schafft Licht und Finsternis, gibt Frieden und schafft Unheil (Parallelität von Finsternis und Unheil) Gerichtsrede Gottes an sein Volk: „Ich kleide die Himmel in Trauerschwärze und lege ihnen Sacktuch als Kleidung an.“

Vergleichbare neutestamentliche Aussagen Das Verfinstern der Sonne als Gerichtshandeln findet sich in (4. Posaune: Finsternis während eines Drittels des Tages), (5. Posaune: „ein Rauch aus dem Brunnen des Abgrundes verfinstert die Sonne und die Luft“) und in (5. Zornesschale wird „auf den Thron des Tieres“ gegossen, wodurch sein Reich verfinstert wird).

Deutung der Finsternis Die Finsternis bei der Kreuzigung gehört neben dem Zerreißen des Tempelvorhangs (Mk 15,38) und der Auferstehung der Heiligen (Mt 27, 51–53) zu den Motiven, die eine eschatologische Interpretation des Todes Jesu nahelegen. Denn Jesu „Tod und Auferstehung markierten die Morgendämmerung des großen Tages Gottes.“Joel B. Green: Art. Death of Jesus, in: Dictionary of Jesus and the Gospels, InterVarsity Press: Downers Grove 1992, S. 153. Diese Interpretation wurzle in Jesu eigenem Verständnis seines Todes, den er „als Teil des eschatologischen, sich nun entfaltenden Dramas sah“.D. C. Allison, Jr.: The End of the Ages Has Come: An Early Interpretation of the Passion and Resurrection of Jesus, Philadelphia 1985, S. 142.

„Die natürliche Finsternis bestätigt hier auf übernatürliche Weise die Schwärze dessen, was sich auf der historischen Ebene abspielt“,François Bovon: Evangelisch-katholischer Kommentar (EKK) III/4, Neukirchen-Vluyn 2009, S. 487. nämlich die Kreuzigung (François Bovon).

Dieses Zeichen erinnerte jüdische Hörer und Leser sowohl an die Dunkelheit bei den Theophanien (z. B. am Sinai) als auch an den Tag Jahwes, insbesondere an den „Tag des Zorns“. Es erinnerte griechische und römische Leser, „dass kosmische Erschütterungen oder Zeichen vom Himmel … die hohe Bedeutung des Todes von Prinzen, Helden, ja sogar von Göttern unterstreichen (Jes 13,10; Jer 4,23)“.Vgl. Plutarch, De Def Orac 17 Die Dunkelheit war eine der Plagen in Ägypten (Ex 10,22) und taucht in den Propheten als Gericht der Endzeit auf (Jes 13,10, Hes 30,3 und 32,7–8, Joel 2,2, 10,31, 3,15, Am 5,18, Sach 14,6).Craig S. Keener: The Bible Background Commentary, Downers Grove 1993, S. 255.

Matthäusevangelium Matthäus beschreibt auch die Kreuzigung unter dem Gesichtspunkt der Tragik, dass Israel seinen Messias und das Evangelium verwirft und dass sich damit die Schrift erfüllt. Die Kreuzigung wirft dunkle Schatten voraus auf die gesamte Erzählung des Lebens Jesu. Die Finsternis ist als Vorbote des nahenden Gerichts über Jerusalem und Israel zu sehen,D. A. Carson: Matthew, in: Frank E. Gaebelein (Hrsg.): The Expositor's Bible Commentary, Vol. 8, Grand Rapids 1984, S. 578. dessen Bewohner es herbeiriefen: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! (Mt 27,25)

Markusevangelium Markus versteht den Moment der Kreuzigung als Moment göttlicher Offenbarung: in seinem Tod kann Jesus, der gerechte Menschensohn und gehorsame Diener, ganz in seinem Wert erfasst und als Sohn Gottes erkannt werden. Der römische Hauptmann spricht es aus: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn! (Mk 15,39). Die Finsternis markiert den Übergang zur neuen Heilsordnung, nachdem der Tempelvorhang zerrissen ist.

Lukasevangelium Lukas ergänzt, dass die Sonne aufgehört habe (griech.: εκλείπειν), was auf das Sonnenlicht zu beziehen ist, das anscheinend fehlte. Ekleipein ist der übliche Begriff für eine Sonnenfinsternis.François Bovon: EKK III/4, S. 488. Der Mehrheitstext, viele alte Textzeugen und wohl auch Origenes überliefern das Wort eskotistä (εσκοτίσΘη): Die Sonne „wurde verfinstert“.Novum Testamentum Graece, 27. Aufl. Stuttgart 2001. ISBN 3-920609-32-8 Auch bei Lukas wird die Finsternis darüber hinaus nicht explizit gedeutet. Dass aber die Macht der Finsternis am Werk ist, wird vom Evangelium bereits bei Jesu Verhaftung (Lk 22,53) in seinem Wort an die Machthabenden ausgedrückt: Dies ist eure Stunde und die Vollzugsgewalt (εξουσία) der Finsternis. Der doppelte Stichwortanschluss ist offensichtlich. Damit habe Jesus die sichtbare Verfinsterung angekündigt.François Bovon: EKK III/4, S. 487.

Indem Lukas das Zerreißen des Tempelvorhangs neben die Finsternis stellt (obwohl seine Quellen Ersteres kurz nach Jesu Tod ansetzen), schafft er eine implizite Interpretation für beides: So wie die Finsternis den Tag in zwei Hälften reißt, reißt der (innere) Vorhang im Tempel in zwei Hälften. Während draußen die Finsternis regiert und das Gericht Gottes über Jesus ergeht, öffnet sich drinnen der Zugang zu Gottes Gegenwart. Beides hat universelle Bedeutung.François Bovon: EKK III/4, S. 490.

Der Evangelist habe die Finsternis für „ein kosmisches Zeichen“ gehalten, „das die Wichtigkeit des Todes des Messias Israels unterstreicht“ und weniger dessen Sinn. Sie habe sich nach der Vorstellung des Lukas wahrscheinlich über die ganze bewohnte „Erde“ (γή) erstreckt, denn der Evangelist wolle durch seine beiden Bücher, Lukas und Apostelgeschichte, die Bedeutung Jesu für die ganze Welt erweisen.François Bovon: EKK III/4, S. 489. Hingegen verstehen sowohl Keener als auch LiefeldCraig S. Keener: The Bible Background Commentary, Downers Grove 1993, S. 255. – Walter L. Liefeld: Luke, in: Frank E. Gaebelein (Hrsg.): The Expositor’s Bible Commentary, Vol. 8, Grand Rapids 1984, S. 1045. „Land“ im lokalen Sinn als Bezeichnung für Israel oder Judäa (ebenso das Petrusevangelium, 15).

Frühchristliche Texte Das Petrusevangelium beschreibt, dass um die Mittagszeit in Judäa völlige Finsternis geherrscht habe und sich viele Leute mit Lampen auf den Weg gemacht hätten, „da sie meinten, es sei Nacht, aber sie fielen trotzdem immer wieder hin.“ (Kap. V, Verse 15+18). Zur neunten Stunde habe die Sonne wieder zu scheinen begonnen (Kap. VI, Vers 22). Die Schriftgelehrten, Pharisäer und Ältesten hätten insbesondere im Blick auf die Finsternis zueinander gesagt: „Wenn bei seinem Tode diese überaus großen Zeichen geschehen sind, so sehet, wie gerecht er war“ (Kap. VIII, Vers 28).

Der erste Teil des Nikodemusevangeliums (4. Jh.) stellt den Prozess und die Hinrichtung Jesu dar. Erwähnt wird eine Vielzahl wahrnehmbarer Erscheinungen, die die Kreuzigung begleiteten. Nach Kap. 11 begann die Finsternis um die Mittagszeit, dauerte drei Stunden und wurde durch die Verdunkelung der Sonne verursacht.Acts of Pilate, in: Willis Barnstone (Hrsg.): The Other Bible, New York 1984, ISBN 0-06-250030-9, S. 368. Es vermerkt auch, Pilatus und seine Frau seien beunruhigt gewesen durch einen Bericht über die Vorfälle (11,2). Die Juden, die er vorlud, sagten, es sei eine gewöhnliche Sonnenfinsternis. Im dritten Teil der Schrift, dem Abstieg Christi in die Unterwelt (auch als „Höllenfahrt“ bezeichnet), werden die vielen Toten beschrieben, die auferstehen und kurz nach der Auferstehung Christi vielen Menschen in Jerusalem erschienen sind.Christ’s Descent into Hell, in: Willis Barnstone (Hrsg.): The Other Bible, New York 1984, S. 374. Schließlich werden die angeblichen Befragungen des Kaisers in Rom und das anschließende Dekret wiedergegeben, das strenge Strafen für Pilatus und die Juden befahl, weil sie die Finsternis und das Erdbeben verursacht hätten, das die ganze Erde betraf.The Paradosis, in: Willis Barnstone (Hrsg.): The Other Bible, New York 1984, S. 378f.

Im Brief des Pontius Pilatus an Tiberius, einem Teil der lateinischen Fassung des Nikodemusevangeliums heißt es, die Finsternis habe zur sechsten Stunde begonnen, die ganze Welt (den bewohnten Erdkreis) bedeckt und vom Abend bis zum nächsten Morgen habe der Mond wie Blut ausgesehen.

In Briefen unter dem Namen des Dionysius Areopagita behauptet der Autor (Pseudo-Dionysius Areopagita), er habe zur Zeit der Kreuzigung von Heliopolis aus eine Sonnenfinsternis beobachtet.