mini|Die römische Provinz Thrakien mit den Nachbarprovinzen Mazedonien und Mösien mini|Weibliche Personifikation der römischen Provinz Thrakien; entstanden um das Jahr 145
Thrakien oder Thrazien (; , formell ) war eine Provinz im Römischen Reich, die von 46 n. Chr. bis 395 in verschiedenen Grenzen existierte.
Übersicht Der Name der Provinz Thrakien leitete sich vom Namen der Landschaft Thrakien ab, in der die Thraker lebten. Sie wurde 46 n. Chr. als kaiserliche Provinz gegründet, nachdem das davor bestehende, von Rom abhängige thrakische Königreich der Odrysen auf Anweisung von Claudius (regierte 41–54) besetzt worden war.
Die Römer förderten in der neuen Provinz, hauptsächlich dort, wo bereits städtische Siedlungen existierten, das Handwerk, bauten das Straßennetz aus und errichteten Tempel, bis die Orte sich zu römisch geprägten Städten entwickelten. So entstand eine Bürgerschicht, die beträchtliche Landgüter besaß. Eine große Rolle in der Romanisierung Thrakiens und der Entstehung städtischen Lebens spielten die Offiziere, Militärbeamten und die Soldaten selbst, die aus anderen Teilen des Imperium Romanum oder aus Italien kamen, die angesiedelten Veteranen sowie die ins Land gebrachten Beamten, Kaufleute und Handwerker.Ivan Venedikov: Thrakien. In Gold der Thraker. Archäologische Schätze aus Bulgarien. Philipp von Zabern, Mainz 1979, ISBN 3-8053-0435-8, S. 27–30.
Die Provinz Thrakien stellte im Römischen Reich die Grenze zwischen der westlichen und östlichen Hälfte des Imperiums dar; sie war als die am weitesten östlich gelegene Provinz auf europäischem Gebiet der Vorposten gegenüber dem Osten und diente auch als Aufmarschgebiet für die militärischen Aktionen Roms. Thrakien war auch ein wichtiges Rekrutierungsgebiet für die römischen Truppen, da seine Einwohner gemeinhin als mutig, zäh und zahlreich galten; so stammte beispielsweise auch Spartacus aus Thrakien. An der Nordgrenze (Donaulimes) der ehemaligen thrakischen Gebiete wurden römische Legionen (I Italica, V Macedonica und XI Claudia) sowie viele Hilfstruppen stationiert. In der ganzen Römerzeit war die Provinz Thrakien jedoch keine Grenzprovinz und blieb von feindlichen Einfällen verschont.Ivan Venedikov: Thrakien. In Gold der Thraker. Archäologische Schätze aus Bulgarien. Philipp von Zabern, Mainz 1979, ISBN 3-8053-0435-8, S. 27.
Dies waren die Voraussetzungen für das Aufblühen der Provinz von der Mitte des 2. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts. Allgemein gilt die Zeit der Severer als die Zeit der Blüte im römischen Thrakien. In der Folge der Verbreitung des römischen Lebens wurden weite Teile der Provinz romanisiert, doch setzte sich großteils Griechisch als offizielle Sprache durch. Eine feste Sprachgrenze gab es jedoch nicht (siehe dazu Jireček-Linie).
Nach der Reichsreform von Kaiser Diokletian (284–305) wurde die Provinz Thrakien in vier kleinere Provinzen aufgeteilt, von denen eine wiederum Thrakien hieß (siehe unten). Ab dem 4. Jahrhundert, nach der Reichsteilung, gehörte Thrakien zum Byzantinischen Reich.
Die römische Provinz Thrakien bestand bis zum 7. Jahrhundert. Danach wurde sie vom byzantinischen Thema Thrakien abgelöst, das ungefähr von 680 bis 1204 bestand und dann noch einmal von 1230 bis zum 14. Jahrhundert. Ein Thema war die grundlegende Verwaltungseinheit im Byzantinischen Reich.
Lage Die Provinz Thrakien befand sich an einem wichtigen geopolitischen Knotenpunkt. Vier der bedeutenden Militärstraßen, die Via Egnatia, die Via Diagonalis (Militaris), die Via Pontica und die Via TraianaEine Nord-Süd-Verbindung durch die Balkanhalbinsel beginnend von Oescus bzw. Novae an der Donau über Trojan im Balkangebirge, Philippopolis (Via Militaris), das Rhodopen-Gebirge zur Via Egnatia an der Ägäis; vgl. hierzu Michael Wendel: Karasura III: Die Verkehrsanbindung in frühbyzantinischer Zeit (4.–8. Jahrhundert n. Chr.) (= Schriften des Zentrums für Archäologie und Kulturgeschichte des Schwarzmeerraumes. Band 6). Beier und Beran, Langenweißbach 2005, ISBN 3-937517-17-0. kreuzten sich hier und verbanden Europa mit Kleinasien und dem Nahen Osten. Gleichzeitig hatte die Provinz Zugang zu drei Meeren, dem Marmarameer, der Ägäis und dem Schwarze Meer. Thrakien war jedoch keine Grenzprovinz, erst in der Spätantike wurden dort einige kleinere Militäreinheiten stationiert.Rumen Ivanov, Gerda von Bülow: Thracia. Eine römische Provinz auf der Balkanhalbinsel (Zaberns Bildbände zur Archäologie). Philipp von Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-2974-3, S. 89.
Thrakien unter dem Prinzipat bis zur Diokletianischen Reichsreform mini|Thrakische Gebiete (einschließlich Odrysen – links unten) – 5. bis 3. Jahrhundert v. Chr. mini|Königreich der Odrysen mini|Die römischen Provinzen um 117 mini|Das Römische Reich unter Hadrian (regierte 117–38) – mit der kaiserlichen Provinz Thrakien in Südosteuropa (zwischen Schwarzem Meer und Ägäis)
Das thrakische Königreich der Odrysen war um 20 v. Chr. zum römischen Klientelkönigreich geworden, als die griechischen Stadtstaaten an der Schwarzmeerküste unter römische Kontrolle gekommen waren, anfangs noch als civitates foederatae („alliierte“ Städte mit interner Autonomie; Singular: civitas foederata – verbündete Gemeinde).
Nach dem Tod des thrakischen Königs Rhoimetalkes III. und einem missglückten Aufstand gegen die Römer wurde das Königreich besetzt und das Gebiet zur römischen Provinz Thrakien: unter Claudius wurde Thrakien im Jahr 46 annektiert und einem Prokurator unterstellt, dem Strategen zur Seite standen, die jeweils eine Strategie (Bezirk) verwalteten. (Für weitere Einzelheiten siehe: Odrysen#Niedergang und Zerschlagung)
Die neue Provinz umfasste nicht nur das Territorium des ehemaligen Königreiches der Odrysen, sondern auch den nordöstlichen Teil der Macedonia (Makedonien), ebenso wie die Inseln Thasos, Samothrake und Imbros (heute Gökçeada) im Ägäischen Meer.
Die Südwestgrenze zur Provinz Makedonien verlief knapp südwestlich des Flusses Nestos und weiter nach Nordwesten bis zur Provinz Moesia superior (Obermösien), nicht ganz bis zum Brongus-Fluss (heute Westliche Morava). Nach Norden war die Provinz Thrakien durch den schmalen Landstrich der Provinz Moesia inferior (Niedermösien) von der Donau getrennt. Anfangs verlief die Provinzgrenze entlang einer Linie nördlich des Haemus-Gebirges (lateinisch; heute als Balkangebirge bekannt), einschließlich der Städte Nicopolis ad Istrum und Marcianopolis in Thrakien. Nach den Dakerkriegen (101/102 und 105/106) musste die Expansion des Römischen Reiches nach Norden an den Unterlauf der Donau abgesichert werden. Um die äußere und innere Sicherheit zu gewährleisten, wurde das Gebiet einer gründlichen Territorialplanung unterzogen.
Die Provinz Thrakien wurde durch Gründung zahlreicher Städte (darunter Nicopolis ad Istrum, gegründet 102) urbanisiert. Durch die Eroberung der Provinz Dakien im Norden erreichte auch Thrakien als Handelsweg für die in Dakien gewonnenen Bergbauerzeugnisse einen deutlichen Aufschwung, der sich in reger Bautätigkeit insbesondere unter Kaiser Trajan zeigte.
Mit der Grenzziehung der Provinz Thrakien, insbesondere mit dem gebührenden „Sicherheitsabstand“ zur wichtigen Donaugrenze, wollten die Römer eine reine Binnenprovinz schaffen, die ohne militärische Struktur ausgekommen wäre. Dann jedoch wurde die Provinzgrenze Ende des 2. Jahrhunderts nach Süden verlegt und verlief nun genau entlang des Haemus-Gebirges. Dadurch gehörte etwa Marcianopolis (gegründet nach 106) seitdem zur Provinz Moesia inferior.
Zur militärischen Erschließung der Balkanregion legten die Römer die Via Diagonalis an. Erbaut wurde diese strategisch wichtige Straße zur Zeit Kaiser Neros (37–68) im 1. Jahrhundert.Stephen Mitchell: The administration of Roman Asia from 133 BE to AD 250. In: Werner Eck (Hrsg.): Lokale Autonomie und römische Ordnungsmacht in den kaiserzeitlichen Provinzen vom 1. bis 3. Jahrhundert (= Schriften des Historischen Kollegs: Kolloquien. Band 42). Oldenbourg, München 1999, ISBN 3-486-56385-8, S. 17–46, hier S. 18. Vollendet wurde sie unter Kaiser Trajan (53–117). Die in Ost-West-Richtung über den südlichen Balkan verlaufende Via Egnatia war Vorläuferin der Via Diagonalis.
Das Gebiet des thrakischen Chersones (die heutige Halbinsel Gelibolu) war vom Herrschaftsbereich des römischen Statthalters ausgeschlossen und Teil der persönlichen Domäne des Kaisers.Peter Soustal: Thrakien (Thrakē, Rodopē und Haimimontos) (= Tabula Imperii Byzantini. Band 6). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1991, ISBN 3-7001-1898-8, S. 60. Die erste Hauptstadt der Provinz, wo der römische Statthalter residierte, war Herakleia Perinthos (heute Marmara Ereğlisi). Thrakien war eine kaiserliche Provinz, der anfangs ein Prokurator als Statthalter ritterlichen Ranges vorstand und, noch unter Trajan,Peter Soustal: Thrakien (Thrakē, Rodopē und Haimimontos) (= Tabula Imperii Byzantini. Band 6). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1991, ISBN 3-7001-1898-8, S. 59–60. vermutlich ab 107/109 ein Legatus Augusti pro praetore, ein Senator im Rang eines Prätoriers.
Ansonsten wurde die innere Struktur des alten Königreiches der Odrysen beibehalten und nur teilweise von römischen Institutionen überlagert. Die alten, auf Stämmen basierenden strategiai, dem ein Strategos vorstand, wurden als die grundlegenden administrativen Einheiten beibehalten. Einige Siedlungen wurden jedoch zu kōmarchiai zusammengefasst oder benachbarten Städten unterstellt: so die beiden römischen Kolonien Colonia Claudia Aprensis (heute Germeyan in der Türkei, etwa 30 km westlich von Tekirdağ) und Colonia Flavia Pacis Deultensium sowie verschiedene griechische Städte, von denen viele von Trajan gegründet worden waren.
Ungefähr im Zeitraum um 55 bis 60 wurde Marcus Vettius Marcellus Prokurator der Provinz Thrakien; ihm unterstanden 33 strategoi (Kommandanten der strategiai). Um 61 war Titus Iulius Ustus Prokurator der Provinz Thrakien. Mitte des 1. Jahrhunderts gab es 50 strategiai. Aber durch die fortschreitende Vergrößerung der Städte wurde diesen immer mehr Land zugewiesen und so die Anzahl der strategiai verringert. Schließlich gab es im frühen 2. Jahrhundert nur noch 14 strategiai. Um 136 wurden sie als offizielle administrative Unterteilung ganz aufgegeben. Die fortschreitende Urbanisierung erreichte in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts ihren Abschluss, als die Strategien durch Städte ersetzt wurden.Peter Soustal: Thrakien (Thrakē, Rodopē und Haimimontos) (= Tabula Imperii Byzantini. Band 6). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1991, ISBN 3-7001-1898-8, S. 60–61.
Da Thrakien eine innere Provinz war, fern der Grenzen des Römischen Reiches, herrschte hier Frieden, so dass die Landschaft gedeihen konnte, bis die durch den wiederholten Einfall der Goten von jenseits der Donau ausgelöste Reichskrise im 3. Jahrhundert einsetzte. Während der Feldzüge gegen diese Eindringlinge fiel Kaiser Decius (regierte 249–251) in der Schlacht von Abrittus im Jahre 251. Thrakien litt besonders stark unter den Einfällen der Goten, die über das Meer kamen, in den Jahren 268 bis 270. Erst 271 konnte Kaiser Aurelian (regierte 270–275) die Balkanprovinzen für einige Zeit gegen die Angriffe der Goten sichern.Peter Soustal: Thrakien (Thrakē, Rodopē und Haimimontos) (= Tabula Imperii Byzantini. Band 6). Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1991, ISBN 3-7001-1898-8, S. 62. Nachdem die Römer im Jahr 271 die Provinz Dakien aufgegeben hatten, mussten sie auch ihre untere Donaugrenze neu ordnen. Deshalb hatte die Provinz Thrakien weiteres Land an ihre nördlichen Nachbarprovinzen abzugeben.
Spätantike nach der Reichsreform Diokletians: Dioecesis Thraciae mini|Die vier thrakischen Provinzen nach der Reform von Dioclethian: Thrakien, Haemimontus, Rhodope und Europa mini|Die römische „Diözese Thrakien“ (Dioecesis Thraciae) mini|Prefectura Orientis (grau)