Tamasha (Marathi , tamāshā) ist das bekannteste Volkstanztheater im indischen Bundesstaat Maharashtra, das mit der in Nordindien weit verbreiteten Tradition des Swang zusammenhängt. Der im 16. Jahrhundert entstandene, mit Humor und Erotik gespickte Unterhaltungsstil besteht aus einer Abfolge von Liedern (lavanis), Tänzen und dramatischen Anteilen mit Dialogen in Prosa. Das Wort tamasha ist vom Persischen tamchā abgeleitet und gelangte in der allgemeinen Bedeutung „Unterhaltungsshow“ und „Theater“ in die nordindischen Sprachen Urdu, Hindi und Marathi.
Die beiden Varianten des Tamasha sind der auf Lieder und Tänze spezialisierte Stil sangita-bari und der mehr auf dramatische Inszenierung bedachte Stil dholki-bari, benannt nach dem führenden Begleitinstrument, der Fasstrommel dholki. Die Themen der auf hölzernen Plattformen als Bühne im Freien oder in städtischen Theatersälen dargebotenen Schauspiele stammen vor allem aus den mündlich überlieferten Geschichten, die sich um den jugendlichen Gott Krishna und die Milchmädchen (Gopis) ranken. In einer als Farce (vag) inszenierten Form werden aktuelle politische und soziale Themen in einer doppeldeutigen Sprache behandelt.
Geschichte In Maharashtra sind seit altindischer Zeit Unterhaltungstheater bekannt. In der Höhleninschrift von Gautami Balashri, der Mutter des Shatavahana-Herrschers Gautamiputra Satakarni (reg. 106–130), in Nasik ist zu lesen, der König habe utsava (Festversammlungen) mit samaja (sozialen Zusammenkünften) für sein Volk veranstalten lassen. Samaja bezeichnete spätestens seit Ashoka im 3. Jahrhundert v. Chr. eine Art Unterhaltungstheater. In einer seiner Inschriften verurteilte der reingläubige Buddhist samaja als moralisch verwerflich. Dennoch tauchen in Jatakas, Geschichten aus dem Leben Buddhas, mehrfach samaja-Festveranstaltungen mit Musik, Tanz, Drama, Geschichtenerzählern, Akrobaten, Ringkämpfen und Schaukämpfen von verschiedenen Tieren auf.
miniatur|Radha und Krishna im Wald von Vrindavan. Miniatur der Bilaspur-Schule um 1700 Der Shatavahana-König Hala (reg. 20–24 n. Chr.) trug in der ihm zugeschriebenen Gedichtsammlung Gatha Saptashati (Gaha Sattasai) Lieder (gathas) im Prakrit-Dialekt Maharashtras zusammen, die zahlreiche Hinweise auf Tänze, Schauspiele und Musikinstrumente geben; auch das Wort für Theatervorspiel, purvaranga, wird erwähnt. Im Liebesdrama Rati Natak, dem sich der genaue Ablauf einer Aufführung entnehmen lässt, ist ein vergleichbarer erotischer Unterton wie im heutigen Tamasha erkennbar. Gatha Saptashati enthält die erste eindeutige Liebesgeschichte zwischen Radha und Krishna in der indischen Literatur. Andere gathas enthalten Prakrit-Volkserzählungen, die nach der damaligen Praxis ein Schauspieler zunächst vorsang und danach ausführlich erklärte.
In den Versen des Heiligen und Dichters Dnyaneshwar (Jnaneshvara) aus dem 13. Jahrhundert sind mehrere Hinweise auf kostümierte Darsteller enthalten. Er erwähnt in seinem theoretischen Werk Dnyaneshwari, einem Kommentar zur Bhagavadgita, die musikalische Erzählform kirtan als eine besondere Art von religiösem Schauspiel oder Tanzdrama. In Kapitel 17 geht es um eine Aufführung, die alle Elemente eines späteren Tanzdramas wie Tamasha enthält, einschließlich Gesang, erotischen Tänzen und einem Publikum, das Geld für die Tanzmädchen spendet. Nach Dnyaneshwars Darstellung konnten männliche Schauspieler weibliche Rollen übernehmen, ohne dass sie sich des Unterschieds zwischen dem eigenen und dem dargestellten Geschlecht bewusst waren. So erwähnt er auch den Volksschauspieler bahurupi (von Sanskrit bahu, „viele“ und rupa, „Form“), der gleichermaßen in die Rolle eines Königs oder einer Königin schlüpft. Bahurupis sind in bestimmten Gegenden noch heute unterwegs.Many faces of the bahurupi. The Tribune, 8. März 2008 Der Heilige und Dichter Samartha Ramdas (1608–1682), Guru des marathischen Freiheitshelden Shivaji, zählt in seiner umfangreichen Abhandlung Dasabodha verschiedene Arten von Lehrern auf und ihre Fähigkeiten, die sie benötigen, um Gesang, Musikinstrumente, Tanz und weitere Künste zu unterrichten. Zum unterhaltenden Schauspiel gehören nach Ramdas dieselben Elemente, wie sie bereits Dnyaneshwar aufgezählt hatte.
Der mystische Dichter Kabir (1440–1518) schrieb in einem seiner Verse mit Ironie von swang und tamasha als einem seichten Unterhaltungstheater, vorwiegend dazu geeignet, das gähnende Publikum bei den lehrreichen Vorträgen religiös-mythologischer Themen wach und bei Laune zu halten. Allgemein bezeichnete das ursprünglich persische Wort tamasha in Indien jede Form von Unterhaltung. Der marathische König von Thanjavur, Sahajiraje Bhosale (1684–1711) bezeichnete in seinem selbst verfassten Schauspiel Lakshmi-kalyan-natak mit tamasha eine Ringkampfshow.Varadpande, S. 163f, 166f
Die Anfänge des Tamasha-Theaterstils fallen zeitlich mit dem Niedergang des klassischen Sanskrit-Theaters zusammen. Das klassische Theater war auf dem zentralindischen Dekkan nie besonders weit verbreitet und degenerierte mit der Ausbreitung der muslimischen Sultane ab dem 14. Jahrhundert. Es ist spekulativ, inwieweit Traditionen aus dem Sanskrit-Theater im 16. Jahrhundert zur Entwicklung des Tamasha beigetragen haben. Zwei übernommene Unterhaltungsformen, die sich erkennen lassen, sind der komödiantische Einakter prahasana und der musikalische Monolog bhana. Beides waren weltliche Bühnenstücke, die mit derben Späßen und Satire das Volk unterhielten. Die Einakter wurden vermutlich ab dem 12. Jahrhundert auf Sanskrit aufgeführt und, als diese Sprache im 15. Jahrhundert in Westindien praktisch verschwunden war, durch Aufführungen in Marathi ersetzt. Die musikalischen Stücke waren humorvolle Improvisationen mit Liebesliedern. Sie sind ab dem Ende des 14. Jahrhunderts bekannt, ihre Form dürfte jedoch wesentlich älter sein.
Ein weiterer früher Einfluss auf Tamasha waren die misrabhana genannten musikalischen Unterhaltungsszenen, in denen es in einem erhaltenen Beispiel um die Abenteuer des jungen Krishna ging, wie sie ähnlich heute in den gaulan-Szenen des Tamasha aufgeführt werden. Gaulan heißt eines der Milchmädchen in der Umgebung des jugendlichen Krishna. Zu den Sanskrit- und Prakrit-Traditionen (bestimmte unterhaltsame Szenen waren häufig in den Prakrit-Dialekten des Volkes verfasst) gelangten aus der Hauptstadt des Mogulreichs am Hof gepflegte Unterhaltungsformen wie der lebhafte Tanzstil kathak, die in Gesangswettbewerben wechselweise vorgetragenen Strophen der kavali-Lieder und die gesungenen Verse des ghazal nach Maharashtra.
Nach einer anderen Auffassung zogen während Aurangzebs (reg. 1658–1707) Eroberungszügen seine Armeen jahrelang auf dem Dekkan umher, wo die Soldaten irgendwie unterhalten werden wollten. Also engagierte man aus der regionalen Bevölkerung Volkssänger und weiblich aussehende Tanzjungen, die Frauenrollen darstellen sollten. Die Soldaten hätten solche Aufführungen nach einem Wort in ihrer Sprache tamasha genannt.Varadpande, S. 167f Zwei im 17. Jahrhundert hinzugekommene unterhaltende Elemente des Musiktheaters sind kala, kurze Sketche, die sich in den gaulan-Einlagen des Tamasha wiederfinden, und ein Clown, der auf der Bühne nebenher agiert.Abrams, S. 279f
Das Tamasha-Tanztheater erlebte seinen Höhepunkt im 18. Jahrhundert während der Herrschaft der Peshwa (1707–1818) im hinduistischen Marathenreich, als der Stil dholkichā tamāshā genannt wurde. Nach einer Serie von Kriegen gegen die Britische Ostindien-Kompanie ab dem Ende des 18. Jahrhunderts, bis die Marathen 1818 ihre Unabhängigkeit endgültig verloren hatten, verschwanden die früheren religiösen Musiktheater und die säkulare Tamasha-Unterhaltung mit Gaulan-Episoden, Heldengesängen und Liebesliedern füllte deren Lücke aus.
Für die religiösen Anteile des Tamasha war eine Quelle das einfache Volkstheater bharud.Bharud, Indian Marathi Folk Song. Indianetzone Darin tritt ein Sänger-Erzähler, dessen Prosa und Lieder von einem kleinen Chor begleitet werden, praktisch ohne dramatische Aktionen auf. Seine Begleiter spielen Zimbeln (tal) und eine zweifellige Trommel (mridangam oder pakhawaj). Diese Vortragsform heißt allgemein rupaka. Der bharud wurde in Maharashtra vermutlich im 15. Jahrhundert erfunden, von der niedrigkastigen Mahar-Gemeinschaft gepflegt und später von Bhakti-Anhängern zur Verbreitung ihres Glaubens und ihrer sozialrevolutionären Ziele eingesetzt. Der Vortrags- und Gesangsstil ist zwar formal wenig entwickelt, aber dennoch musikgeschichtlich bedeutend, weil seine sinnliche Schönheit die Gesangsformen im Tamasha, die südindische Liebeslieder marikatha und das Marathi-Volkstheater gondhal prägten.Bigamudre Chaitanya Deva, Josef Kuckertz: Bhārūḍ, Vāghyā-muralī and the Ḍaff-gān of the Deccan. Studies in the regional folk music of South India. Textteil. (Josef Kuckertz, Walter Salmen, Marius Schneider (Hrsg.): Ngoma. Studien zur Volksmusik und außereuropäischen Kunstmusik. Band 6) Musikverlag Emil Katzbichler, München/Salzburg 1981, S. 16 Die devotionalen, an die Muttergottheit gerichteten Lieder des Gondhal-Theaters,Gondhal, Indian Folk Theatre. Indianetzone die bei religiösen Festen oder privaten Familienfeiern vorgetragen werden, gelten selbst als Vorbilder für Tamasha. Im Gondhal-Theater treten ähnlich wie in Tamasha ein Erzähler, eine humorvolle Randfigur und weitere Darsteller auf, in einer Variante des Gondhal spielen zwei Musiker die Sanduhrtrommel damaru und das einsaitige Zupfinstrument tuntune (verwandt mit der Zupftrommel ektara), das auch in Tamasha vorkommt.Abrams, S. 277–279
Lavani miniatur|Lavani-Sängerin Surekha Punekar Die altindischen gathas könnten auch frühe Vorläufer für die lavanis gewesen sein. Die Entwicklung dieser gesungenen Volkspoesie, die ein wesentliches Element der Aufführungen darstellen, verlief parallel zu derjenigen des Tamasha-Schauspiels. Das Wort lavani bezeichnet im Werk Sangit Chintamani aus dem 14. Jahrhundert einen eleganten Frauentanz, auch in Sangit Darpan von Damodar (15./16. Jahrhundert) geht es bei lavani um einen Tanzstil. Erstmals kommt bei Manmatha Shivalinga (1560–1613) lavani im Titel eines Gedichts vor (Karadchya Bhavanivaril Lavani), ebenso bei einem Dichter namens Jotiram, der in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts lebte.Varadpande, S. 165
Lavani wird mit einem ähnlichen Marathi-Wort für „Verpflanzung“ in Verbindung gebracht, folglich könnten lavanis früher Arbeitslieder von Frauen gewesen sein, die Reis auf den Feldern auspflanzten, oder die Komponisten von lavanis wurden vom Anblick der arbeitenden Frauen inspiriert. Lavanis bilden den Grundbestandteil aller Volkstheater in Maharashtra.
Die Lavani-Gesänge und -Tänze sind eng mit der Kolhati-Volksgruppe verbunden. Die Kolhati kamen als nomadischer Stamm aus Rajasthan, wo aus den ehemaligen Akrobaten Tänzer wurden. Die Kolhati-Mädchen sollen lavani-Tänze erfunden haben, um männliche Liebhaber anzuziehen und so ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Heute stellt es für eine Kolhati-Familie oftmals eine wesentliche Einkommensquelle dar, wenn ihre Tochter als Tänzerin bei einer Tamasha-Truppe Arbeit gefunden hat.Hollander, S. 76, 83
Shahir