mini|Die älteste erhaltene Überlieferung von Versen des Maximianus: Seite einer Handschrift aus der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts in der Bibliothèque nationale de France (Signatur Ms. lat. 2832), die in den Zeilen 3–8 die ersten sechs Verse der Elegie enthält, allerdings mit der fehlerhaften Überschrift Eugenii de sene(ctute) („Verse des Eugenius über das Alter“)Christine Ratkowitsch: Maximianus amat. Zu Datierung und Interpretation des Elegikers Maximian. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1986, ISBN 3-7001-0752-8, S. 13–15. (Detailansicht dieser Zeilen unten im Kapitel „Textbeispiel“) Als Maximianus bezeichnet sich der Dichter eines spätantiken lateinischen Gedichtes, das 686 Verse umfasst und sich wohl in das 6. Jahrhundert datieren lässt. Der Verfasser dieses Textes gilt als der letzte Vertreter der antiken Liebeselegie. Sichere Informationen über seine Biographie gibt es nicht, da unklar ist, inwiefern sich Angaben aus dem erhaltenen Werk als autobiographische Tatsachenberichte interpretieren lassen. Als Versmaß wählte er für seine Dichtung das elegische Distichon. Hauptsächlicher Gegenstand des Werkes ist die Klage über das Alter, insbesondere über den Verlust der körperlichen Energie und sexuellen Potenz, einschließlich expliziter erotischer Schilderungen. Die Deutungen des Werkes in der Wissenschaft sind vielfältig und reichen von den Lebenserinnerungen eines Perversen über eine moralische Erziehungsschrift für junge Mönche bis hin zu einer Klage über das Ende der Antike mit ihrem künstlerischen Reichtum.
Im Mittelalter war sein Werk äußerst populär und diente nicht nur als Vorlage vieler anderer literarischer Werke, sondern auch als Schullektüre. In der Neuzeit wurde der Text fälschlich dem mehrere Jahrhunderte früher lebenden Schriftsteller Gaius Cornelius Gallus zugeschrieben. Zwei kleinere Textsammlungen werden in einigen Handschriften gemeinsam mit dem Gedicht des Maximianus überliefert und werden dort als sein Werk bezeichnet: die sogenannte Appendix Maximiani, bei der heute als unsicher gilt, ob sie tatsächlich von Maximianus stammt, und die Imitatio Maximiani, die sicher nicht von ihm verfasst wurde und aus dem frühen Mittelalter stammt.
Leben Alle Angaben, die sich potenziell über die Person Maximianus gewinnen lassen, stammen aus dessen erhaltenem Gedicht. Es erweckt den Anschein, im mittleren 6. Jahrhundert n. Chr. entstanden zu sein. Allerdings ist umstritten, ob die darin geschilderten Ereignisse tatsächlich so geschehen sind und ob die angeführten Informationen der historischen Realität entsprechen. So gab es vereinzelt auch Wissenschaftler, die sämtliche Aussagen des Textes für literarische Fiktion halten und seine Entstehung deutlich später, teilweise sogar erst ins 9. Jahrhundert, datieren.Danuta R. Shanzer: Ennodius, Boethius and the Date and Interpretation of Maximinianus’s Elegia III. In: Rivista di Filologia e d’Istruzione Classica. Band 111, 1983, S. 183–195 (für eine Datierung ins späte 6. Jahrhundert); Christine Ratkowitsch: Maximianus amat. Zu Datierung und Interpretation des Elegikers Maximian. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1986, ISBN 3-7001-0752-8 (für eine Datierung ins 9. Jahrhundert). Die Mehrheit der Forscher geht aber davon aus, dass zwar einzelne der beschriebenen Ereignisse fiktiv sein könnten, aber die grundsätzlichen Selbstaussagen des Verfassers oder zumindest seine Hinweise auf Zeitgenossen wahrheitsgemäß sind. Daraus ergibt sich, dass Maximianus ein Zeitgenosse des ostgotischen Königs Theoderichs des Großen (regierte 474–526) und des oströmischen Kaisers Justinian I. (regierte 527–565) war.Christina Sandquist Öberg: Versus Maximiani. Der Elegienzyklus textkritisch herausgegeben, übersetzt und neu interpretiert. Almqvist & Wiksell International, Stockholm 1999, ISBN 91-22-01824-7, besonders S. 11–13 und 33–41; Wolfgang Christian Schneider: Die elegischen Verse von Maximian. Eine letzte Widerrede gegen die neue christliche Zeit. Franz Steiner, Stuttgart 2003, ISBN 3-515-07926-2, S. 50–54; Alessandro Franzoi: Le elegie di Massimiano. Testo, traduzione e commento. Adolf M. Hakkert, Amsterdam 2014, ISBN 978-90-256-1294-8, S. 5–28 (der sogar eine hypothetische Zeittafel zu Maximianus’ Biographie erstellt). Laut einer Aussage in seiner Elegie (3,48) war Maximianus in der Jugend ein Freund des Philosophen Boethius (* um 480/485; † im Zeitraum von 524 bis 526), der ihm geholfen habe, mit einer von ihm begehrten Frau zusammenzukommen.Vasileios Pappas: Maximianus’ Elegies: love elegy grew old. Walter de Gruyter, Berlin 2022, ISBN 978-3-11-077037-7, S. 87–93. In der Appendix Maximiana wird außerdem der ostgotische Herrscher Theodahad (regierte 534–536) im Rahmen eines Lobgedichtes direkt adressiert – allerdings ist unklar, ob diese kurze Gedichtsammlung von Maximianus stammt und daher als Quelle für dessen Biographie taugt.Christine Ratkowitsch: Maximianus amat. Zu Datierung und Interpretation des Elegikers Maximian. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1986, ISBN 3-7001-0752-8, S. 15–18; Alessandro Franzoi: Le elegie di Massimiano. Testo, traduzione e commento. Adolf M. Hakkert, Amsterdam 2014, ISBN 978-90-256-1294-8, S. 8–9.
In seinem Werk gibt der Verfasser einen Rückblick auf einzelne Geschehnisse seines Lebens. Akzeptiert man dies als zutreffende autobiographische Äußerungen des Verfassers, wäre Maximianus durch einen Privatlehrer ausgebildet worden und habe sich als junger Mann in der Rhetorik und der Dichtkunst versucht. Im fortgeschrittenen Alter wäre er im Auftrag eines Herrscherhofes aus dem westlichen Mittelmeerraum an den oströmischen Kaiserhof in Konstantinopel entsandt worden, um dort politische Verhandlungen zu führen.Wolfgang Christian Schneider: Die elegischen Verse von Maximian. Eine letzte Widerrede gegen die neue christliche Zeit. Franz Steiner, Stuttgart 2003, ISBN 3-515-07926-2, S. 48–50. Außerdem verweist Maximianus möglicherweise auf seine mittelitalische Herkunft, da er sich selbst als Etrusker bezeichnet – dies konnte in der Spätantike aber auch einfach so viel wie ‚aus Italien stammend‘ bedeuten oder auf eine besondere Verbindung zum ursprünglichen ‚Römertum‘ hindeuten.A. M. Juster: The Elegies of Maximianus. Edited and translated. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2018, ISBN 978-0-8122-4979-8, S. 180.
mini|Darstellung des Erzbischofs Maximianus von Ravenna in der Mosaikdekoration der Kirche San Vitale in Ravenna Ob der Verfasser des erhaltenen Textes tatsächlich Maximianus hieß, wird in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Der Name lässt sich auch wörtlich als „Abkömmling der Größten“ übersetzen und interpretieren. Das passt gut zu den Inhalten des erhaltenen dichterischen Werks, sodass der Verdacht naheliegt, es handele sich um ein Pseudonym programmatischen Charakters.Wolfgang Christian Schneider: Die elegischen Verse von Maximian. Eine letzte Widerrede gegen die neue christliche Zeit. Franz Steiner, Stuttgart 2003, ISBN 3-515-07926-2, S. 46–47. Eine hypothetische Identifizierung des Autors mit einer historisch nachgewiesenen Person, die in der Wissenschaft diskutiert wird, beruht auf dem Vergleich des Maximianus-Gedichtes mit zwei Werken des Dichters Gorippus: Einerseits scheinen einige Passagen bei Maximianus auf die Iohannis des Gorippus (entstanden kurz nach 548) zu verweisen, andererseits beinhaltet das später entstandene Werk des Gorippus In laudem Iustini Augusti Minoris (entstanden nach 565) umgekehrt Anspielungen auf die Elegie des Maximianus. Wenn diese Beobachtungen zutreffen, hätte Maximianus sein Werk in den Jahren kurz nach 550 verfasst, was den Kreis möglicher Kandidaten stark einschränkt. In diesem Fall ist es gut möglich, dass er mit einem Rhetor namens Theodoros identisch ist, der dem Geschichtsschreiber Prokopios von Caesarea zufolge im Jahr 546 eine ostgotische Gesandtschaft nach Konstantinopel anführte.Wolfgang Christian Schneider: Die elegischen Verse von Maximian. Eine letzte Widerrede gegen die neue christliche Zeit. Franz Steiner, Stuttgart 2003, ISBN 3-515-07926-2, S. 66–68. Zu dem Gesandtschaftsführer siehe John Robert Martindale: The Prosopography of the Later Roman Empire. Band IIIB, Cambridge University Press, Cambridge 1992, ISBN 0-521-20160-8, S. 1249, Eintrag „Theodoros 14“ (Digitalisat). Andere Gleichsetzungen basieren dagegen auf einer Namensgleichheit, so zum Beispiel die mit dem Erzbischof Maximianus von Ravenna, der 546–556 im Amt war.Christina Sandquist Öberg: Versus Maximiani. Der Elegienzyklus textkritisch herausgegeben, übersetzt und neu interpretiert. Almqvist & Wiksell International, Stockholm 1999, ISBN 91-22-01824-7, S. 42–43.
Werk Das Gedicht des Maximianus ist wohl als ein kontinuierlicher, ungegliederter Text konzipiert worden und ist auch in den mittelalterlichen Handschriften so überliefert. Seit dem 16. Jahrhundert ist es jedoch unter den neuzeitlichen Herausgebern üblich geworden, es in sechs kürzere Elegien zu gliedern. Dagegen wurden erst ab dem späten 20. Jahrhundert Stimmen laut, die den ursprünglichen Charakter des Werkes als ein grundsätzlich durchlaufender, in sich geschlossener Text betonen.Wolfgang Christian Schneider: Definition of Genre by Falsification. The false attribution of the Maximianus verses to Cornelius Gallus by Pomponius Gauricus and the Definition of their Genre and Structure. In: Rivista di filologia e di istruzione classica. Band 129, Nummer 4, 2001, S. 445–464; derselbe: Die elegischen Verse von Maximian. Eine letzte Widerrede gegen die neue christliche Zeit. Franz Steiner, Stuttgart 2003, ISBN 3-515-07926-2, S. 21–36. Da jedoch auch die zwischenzeitig eingebürgerte Einteilung in sechs Abschnitte eine inhaltliche Begründung hatte, tendieren viele Wissenschaftler zu einer Zwischenposition. Sie bezeichnen das Werk des Maximianus als einen Zyklus aus sechs Kapiteln, die zwar alle einen jeweils eigenen Charakter und Inhalt haben, aber ohne die anderen Teile nicht verständlich sind und organisch ineinandergreifen.Joseph Szövérffy: Maximianus a Satirist? In: Harvard Studies in Classical Philology. Band 72, 1967, S. 351–367, hier S. 352; Christina Sandquist Öberg: Versus Maximiani. Der Elegienzyklus textkritisch herausgegeben, übersetzt und neu interpretiert. Almqvist & Wiksell International, Stockholm 1999, ISBN 91-22-01824-7, S. 14–16.
Inhalt mini|Ausschnitt aus einer Handschrift des 9.–11. Jahrhunderts in der Bibliothèque nationale de France (Signatur Ms. lat. 8319), darin zwischen verschiedenen Texten über den Tod die ersten sechs Zeilen der Elegie des Maximianus mit der Überschrift Versus Maximiani („Verse des Maximianus“)