Das Massaker von Hula ereignete sich am 25. und in den Morgenstunden des 26. Mai 2012 in der zur syrischen Gemeinde Hula (auch Haula oder al-Hula, ) gehörenden Siedlung Taldau (auch Taldou, ). Nach bisherigen Berichten gab es dabei 108 Tote, davon 49 Kinder, 34 Frauen und 25 Männer sowie über 300 Verletzte. – Reuters-Meldung vom 29. Mai 2012 (archiviert). Die große Mehrheit der Getöteten wurde aus kürzester Entfernung in ihren Wohnungen erschossen, nur wenige der Opfer kamen in Gefechten oder durch Granatbeschuss ums Leben. Das Massaker steht vor dem Hintergrund des Aufstands in Syrien und wird vorrangig Angehörigen der regierungstreuen Schabiha-Milizen angelastet.
Die syrische Regierung machte aufständische Kämpfer für das Massaker verantwortlich und wies jede eigene Verantwortung zurück. Der UN-Menschenrechtsrat trat wegen des Massakers zu einer Sondersitzung zusammen, verurteilte Haltung und Vorgehen Syriens und forderte die Verfolgung der Täter durch den Internationalen Strafgerichtshof.Statement by Navi Pillay, High Commissioner for Human Rights to the Human Rights Council 19th Special Session on „The deteriorating human rights situation in the Syrian Arab Republic and the killings in El-Houleh“ Geneva, 1 June 2012. Parallel dazu kam es zur verstärkten internationalen Isolierung der Regierung von Präsident Baschar al-Assad, was sich unter anderem in der Ausweisung syrischer Diplomaten durch die USA, Großbritannien, Frankreich, Japan, Türkei, Deutschland, die Schweiz und weitere Staaten äußerte.
In ihrem am 15. August 2012 veröffentlichten Bericht erklärte die vom UN-Menschenrechtsrat eingesetzte Syrien-Untersuchungskommission, dass Truppen der Regierung sowie mit ihr verbündete Schabiha-Milizen für die Tötungen in Hula verantwortlich seien.Syrian Government forces and anti-Government groups responsible for war crimes: UN Commission of Inquiry (PDF; 73 kB), Pressemitteilung des Hochkommissariats für Flüchtlinge der Vereinten Nationen vom 15. August 2012 (englisch).Report of the independent international commission of inquiry on the Syrian Arab Republic (Word-Dokument, 9,16 MB, 102 Seiten), Bericht der unabhängigen Syrien-Untersuchungskommission der Vereinten Nationen vom 15. August 2012, speziell zu Hula Seiten 10–12 und 64–68 (englisch). Die Kommission stützte sich auf Analysen der Zugangswege zu den Tatorten, der Loyalitäten der Opfer, der Sicherheitslage in dem Gebiet zum Tatzeitpunkt einschließlich der Position eines Kontrollpunktes der Regierungstruppen, sowie der Auswertung von Aussagen von Überlebenden und Augenzeugen, und berücksichtigte dabei die im offiziellen Bericht der syrischen Regierung gemachten Angaben. In einem vorläufigen, am 26. Juni veröffentlichten Bericht hatte die Kommission unter Vorsitz des brasilianischen Menschenrechtsexperten Paulo Sérgio Pinheiro noch keine Gewissheit ausgedrückt, aufgrund der ihr damals vorliegenden Erkenntnisse aber bereits signalisiert, eine Verantwortung regierungstreuer Kräfte für wahrscheinlich zu halten.„nevertheless the CoI considers that forces loyal to the Government may have been responsible for many of the deaths.“ Oral Update of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (PDF; 1,1 MB), Mündlicher Zwischenbericht der Syrien-Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrates vom 26. Juni 2012, Punkt 55 (Seite 11), abgerufen am 4. Juli 2012 (englisch). Regierungstreue Kräfte hätten von ihren Positionen nicht nur den leichteren Zugang zu den konkreten Tatorten gehabt, sondern die Tötungen wiesen auch Ähnlichkeiten zu anderen untersuchten Vorfällen der Vergangenheit auf, für die die Verantwortung der Regierung (teilweise im selben Bericht) dokumentiert sei.Oral Update of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (PDF; 1,1 MB), Mündlicher Zwischenbericht der Syrien-Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrates vom 26. Juni 2012, Punkt 51 (Seite 10), abgerufen am 5. Juli 2012 (englisch).
Hintergrund mini|Olivenanbau in der Ebene von Hula Die Gemeinde Hula ist eine Gruppe von mehreren in einer fruchtbaren Ebene gelegenen Siedlungen im syrischen Gouvernement Homs, etwa 25 km nordwestlich der Stadt Homs.
Die Bewohner der einzelnen Dörfer in Hula sind teils Sunniten, teils Alawiten und teils Schiiten. Dabei neigen die Alawiten eher zur Unterstützung der Assad-Regierung, da Assad selbst Alawit ist, ebenso die Schiiten, die sich besonders dem Iran verbunden fühlen, der wiederum Assad unterstützt. Taldau, der Schauplatz des Massakers, ist eine vorwiegend sunnitische Siedlung.
Taldau ist ein etwa 5 km südöstlich des Kafr Laha genannten Hauptortes der Gemeinde an der Straße nach Homs gelegener Ort mit etwas über 15.000 Einwohnern.Oral Update of the Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic (PDF; 1,1 MB), Mündlicher Zwischenbericht der Syrien-Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrates vom 26. Juni 2012, Anhang (Seite 21), abgerufen am 4. Juli 2012 (englisch).Einwohnerstatistik 2004 des Central Bureau of Statistics in Syrien (arabisch). Nachdem das nahegelegene Homs zu einer Hochburg der Aufständischen geworden war und eine Einheit der Freien Syrischen Armee im Ort Stellung bezogen hatte, begannen die Einwohner, die Rebellion gegen die syrische Regierung zu unterstützen, obwohl die Ausfallstraßen durch Checkpoints der syrischen Armee kontrolliert wurden.Ulrike Putz: Die Todesnacht von Hula. In: Spiegel Online, 27. Mai 2012.
Verlauf Nach Berichten von Aktivisten aus Hula soll im Anschluss an das Freitagsgebet am 25. Mai 2012 eine Demonstration stattgefunden haben und Regierungskräfte hätten auf die Demonstranten gefeuert, unter denen es zu mehreren Todesopfern gekommen sei. Um diese zu rächen, hätten die im Dorf befindlichen Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) die Checkpoints der Regierungskräfte in der Umgebung angegriffen, dann aber zurückweichen müssen und sich schließlich aus dem Dorf zurückgezogen. Anschließend wurden Wohnviertel in Hula mit schweren Waffen (Mörsern und Panzerkanonen) beschossen, wodurch es zu zahlreichen Opfern unter der Zivilbevölkerung kam.Alexandra Sandels, Rima Marrouch: Shelling of Houla area in Syria reportedly kills at least 90 In: Los Angeles Times, 26. Mai 2012 (englisch).
Nach Aussage von Abu Dschaafar, einem Aktivisten in Hula, setzte der Beschuss direkt nach dem Mittagsgebet am Freitag ein: „Wir haben gebetet und wollten im Anschluss protestieren, wie jeden Freitag. Dann begann die Armee, unsere Siedlungen zu bombardieren.“ Berichten zufolge soll sich die Freie Syrische Armee aus dem Ort zurückgezogen haben, um die umliegenden Checkpoints anzugreifen.
Fast zwölf Stunden lang hätten die Sicherheitskräfte nahezu ununterbrochen auf die Häuser gefeuert. In der Nacht sollen regierungstreue Milizionäre aus den alawitischen Dörfern gekommen sein. Berichten zufolge drangen sie in die Häuser ein und löschten ganze Familien aus. Männer, Frauen und Kinder sollen mit Kopfschuss oder Messerstichen hingerichtet worden sein.
Nach den Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung haben „mehr als 700 Bewaffnete unter Führung von Abdurrazzaq Tlass und Yahya Yusuf in drei Gruppen, die aus Rastan, Kafr Laha und Akraba kamen, drei Straßenkontrollen der Armee um Taldou“ angegriffen.Rainer Hermann: Syrien – Eine Auslöschung in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13. Juni 2012. Während der heftigen Gefechte mit den zahlenmäßig unterlegenen sunnitischen Soldaten löschten „Rebellen, von Einwohnern aus Taldou unterstützt, die Familien Sajjid und Abdarrazzaq aus“. Als Motiv wird angegeben, dass jene Familien sich geweigert hätten, sich der Opposition anzuschließen. Die Opfer seien fast ausschließlich Angehörige der als regierungstreu geltenden alawitischen Minderheit gewesen.Rainer Hermann: Abermals Massaker in Syrien – Neue Erkenntnisse zu Getöteten von Hula Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Juni 2012. Diesen Berichten widerspricht der Spiegel, dessen Reporter vor Ort vom Eindringen der Assad-Truppen nach Hula erzählt wurde. In Hula leben nach diesen Angaben nur Sunniten und keine regierungstreuen Alawiten.Männer mit Knüppeln. Wer steht hinter dem Massaker von Hula? In: Der Spiegel. 25 (2012), 18. Juni 2012, S. 84.
Ein in der Nähe stationiertes UNO-Beobachterteam von UNSMIS kam am folgenden Samstagmorgen nach Taldau, wo sie in einer Moschee die Leichen von 85 Getöteten fanden, darunter 34 Kinder und 7 Frauen. Eine oberflächliche Untersuchung der Leichen zeigte Wunden, wie sie für Shotguns bzw. Artilleriefeuer typisch sind. Weitere Leichen sollten sich nach Auskunft der Einheimischen in einer anderen Moschee befinden, diese konnte aber aus Sicherheitsgründen nicht aufgesucht werden. In Taldau fanden die Beobachter Munitionshülsen von Panzergranaten und Artilleriegeschossen sowie frische Spuren von Panzerfahrzeugen. Zahlreiche Gebäude waren durch den Beschuss schwerer Waffen zerstört. Später am Tag sahen die Beobachter in einer anderen Moschee drei weitere Leichen mit Schussverletzungen und vier Leichen mit schweren Gesichtsverletzungen. Weitere 6 bis 8 Leichen mit Spuren massiver Misshandlungen wurden bei einem Checkpoint vorgefunden. Außerdem sahen die Beobachter die Vorbereitungen zur Bestattung der Opfer in einem Massengrab. Satellitenbilder vom vermutlichen Ort dieses MassengrabesVermutlicher Ort des Massengrabs in Taldau: sowie von Gebäudeschäden in TaldauHauptstraße in Taldau – DigitalGlobe-Bild der Huffington Post; Koordinaten des Bildzentrums: wurden inzwischen von der US-Regierung und der Huffington Post veröffentlicht. – humanrights.gov vom 31. Mai 2012Syria Massacre Captured By Satellite Cameras – Artikel der Huffington Post vom 31. Mai 2012 mit Photostrecke.
Die UNO-Beobachter sprachen mit Einwohnern sowie örtlichen Vertretern der Freien Syrischen Armee und des Lokalen Koordinationskomitees (LCC), und sie befragten Augenzeugen. Nach deren Aussage wären aus einem Nachbardorf kommende Angehörige der regierungstreuen Schabiha-Miliz in das Dorf eingedrungen und hätten die Einwohner ermordet.UN-Beobachterteam bestätigt Mord an 32 syrischen Kindern – Artikel auf Focus Online vom 28. Mai 2012. Später stieg die Zahl der aufgefundenen Opfer auf 108 Tote, darunter 49 Kinder, 34 Frauen und 25 Männer, außerdem gab es über 300 Verletzte. Von den Opfern sei die Mehrzahl Zivilisten, die durch Gewehrschüsse in ihren Häusern exekutiert worden seien. Weniger als 20 der Toten seien durch Artillerie- oder Panzerbeschuss getötet worden, sagte der Sprecher des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, Rupert Colville, in Genf. „Der Großteil der Opfer“ sei in „Sammelhinrichtungen“ getötet worden, die nach Aussage der Einwohner von der Schabiha-Miliz begangen worden seien.
Als wichtiger Augenzeuge, dessen Darstellung der Morde in Taldau mit denen der Bewohner übereinstimmt, gilt der von der britischen Tageszeitung The Guardian als ehemaliger Major der syrischen Luftwaffe bezeichnete Dschihad Raslan, der am auf die Vorgänge folgenden Samstag desertierte und nicht an seinen Stützpunkt in Tartous zurückkehrte. Laut seinen Angaben hatte er sich auf Heimaturlaub in seinem nur 300 Meter vom Ort des Massakers entfernten Haus aufgehalten. Er habe mehrere hundert, klar als Angehörige der Schabiha-Miliz zu erkennende bewaffnete Männer gesehen, die im Anschluss an Raketenbeschuss am frühen Nachmittag in das Dorf Taldau eingedrungen seien und dort rund 15 Minuten lang gemordet hätten. Er habe viele der Opfer persönlich gekannt. Ruslan bezeichnete die Morde als klares Verbrechen der syrischen Regierung.Martin Chulov: I saw massacre of children, says defecting Syrian air force officer in: The Guardian vom 2. Juni 2012, abgerufen am 9. Juni 2012 (englisch).