mini|hochkant=0.8|Jim Jarmusch (2013) Jim Jarmusch [], gebürtig: James Robert Jarmusch (* 22. Januar 1953 in Cuyahoga Falls, Ohio), ist ein US-amerikanischer Autorenfilmer, Schauspieler und Filmproduzent. Er zählt zu den bekanntesten Vertretern des US-amerikanischen Independent-Films.
Leben Jim Jarmusch wuchs als zweites Kind mit seinen Geschwistern Ann und Tom in einer Mittelschicht-Vorstadt von Akron, Ohio, auf.Lynn Hirschberg: The Last of the Indies. New York Times, 31. Juli 2005. Seine Familie hat europäische Vorfahren. Sein Vater, ein leitender Angestellter der Reifenfirma B. F. Goodrich Company, laut Jarmusch ein hart arbeitender Geschäftsmann, entstammte einer Familie böhmisch-deutscher Einwanderer, und seine Mutter hatte irisch-deutsche Eltern.Ludvig Hertzberg: . Sie schrieb vor ihrer Heirat Film- und Theaterkritiken für die örtliche Tageszeitung Akron Beacon Journal. Um ihre Ruhe zu haben, schickte sie Jim als Kind häufig ins Kino, wo er sich mit wachsender Begeisterung B-Movies ansah.Markus Metz und Georg Seeßlen: The Limits of Control – Die Filme von Jim Jarmusch. WDR 5, 26. Mai 2009, .
Schon mit 14 Jahren interessierte sich Jarmusch für die Gegenkultur, etwa für Bücher der Beatniks William S. Burroughs und Jack Kerouac oder Schallplatten der Mothers of Invention, die er zusammen mit Freunden von deren älteren Geschwistern entwendete.Karen Schoemer: On The Lower East Side With: Jim Jarmusch; Film as Life, and Vice Versa. New York Times, 29. April 1992. Mit gefälschten Ausweisen besuchte er mit Freunden am Wochenende ein Kino, das Untergrundfilme wie etwa Andy Warhols Chelsea Girls und Robert Downeys Putney Swope zeigte. Eine seiner Großmütter soll ihn zur Lektüre von anspruchsvoller Literatur ermuntert und ihm zu seinem 16. Geburtstag Prousts Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit geschenkt haben. Jarmusch veröffentlichte später dann selbst Lyrik.Vgl. Jim Jarmusch: Szene mit Perlen. In: Sprache im Technischen Zeitalter. Hrsg. Walter Höllerer, Norbert Miller, Nr. 105/1988.
Nach dem Abschluss der High School 1972 ging er mit 19 Jahren nach Chicago und schrieb sich an der School of Journalism der Northwestern University ein. Im Jahr darauf wechselte er zur Columbia University in New York, wo er Englische und Amerikanische Literatur studierte. Dort besuchte er vor allem Vorlesungen zur modernen amerikanischen Dichtkunst wie etwa den Beatniks und den Dichtern der subversiven New York School.Paul Auster: Night on Earth: New York – Jim Jarmusch, Poet. Criterion.com, 4. September 2007. Daneben schrieb er für das universitäre Literaturmagazin The Columbia Review. 1975, in seinem Abschlusssemester, ging er zunächst für zehn Monate nach Paris. Er jobbte als Auslieferungsfahrer für eine Kunstgalerie und verbrachte viel Zeit im Kino und in den Archiven der Cinémathèque française. Dort entdeckte er unter anderem das europäische und japanische Kino. Nach seiner Rückkehr nach New York 1976 machte er seinen Abschluss als Bachelor of Arts. Seine Literatur wurde zu dieser Zeit cineastischer, das heißt bildhaft beschreibend: .
Anschließend studierte er Filmwissenschaften an der angesehenen Tisch School of the Arts an der New York University. Er lernte dort unter anderem bei Nicholas Ray Regie. Ende der 1970er Jahre schloss er sich der Post-Punk-Szene im East Village an und versuchte sich als Keyboarder, Sänger und Lyriker der No-Wave-Gruppe The Del-Byzanteens.
1980 drehte er seinen Abschluss- und gleichzeitig ersten Film Permanent Vacation, der auf der Mannheimer Filmwoche Uraufführung hatte und prämiert wurde. Dann wurde er Produktionsassistent von Wim Wenders, der ihm übriggebliebene Filmrollen schenkte. Mit diesem Material und einem Budget von 7000 USD drehte er 1982 den 30-minütigen Kurzfilm The New World, den Vorläufer von Stranger than Paradise. Der deutsche Produzent Otto Grokenberger sah den Film auf dem Filmfestival von Salsomaggiore in Italien und stellte Jarmusch daraufhin 110.000 USD zur Verfügung, damit er eine Langfassung erstellen konnte.Hannes Wesselkämper: . Film-zeit.de, November 2007.
Als ihn die Regisseure Sam Fuller und John Boorman auf seine Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Lee Marvin hinwiesen, gründete er den exklusiven und selbstironischen Zirkel „Sons of Lee Marvin“, dessen einziges Aufnahmekriterium eine gewisse Ähnlichkeit zu Marvin war.Lars-Olav Beier: „Die Filmindustrie ist am Ende.“ Interview auf Spiegel Online, 29. Mai 2009 Mitglieder sind unter anderem seine Freunde Nick Cave, Tom Waits und John Lurie.
Jarmusch ist seit Anfang der 1980er Jahre mit der Filmemacherin und Schauspielerin Sara Driver liiert.Simon Hattenstone: A talk on the wild side. Interview im Guardian, 13. November 2004. Er lebt in der Bowery in New York City in einem mondänen Loft.Grusel-Komponist Jozef van Wissem bei Elektrosmog im Mannheimer Jungbusch Konzertbericht von Christian Hoffmann über Auftritt von Jozef van Wissem im Kunstraum Port25 in Mannheim-Jungbusch am 6. Oktober 2021 auf www.morgenweb.de (Mannheimer Morgen), 31. Oktober 2021
Werk mini|hochkant|Jim Jarmusch im CBGB (2003) Jarmuschs Werk dreht sich immer wieder um das Fremdsein, das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und die Bindungskraft familiärer Beziehungen. Während man hinter diesen konfliktreichen Konstellationen oft einen pessimistischen, zuweilen gesellschaftskritischen Unterton vermuten könnte, verwehren sich seine Filme konsequent einer solchen Wertung.
Jarmusch zählt zu den wenigen wirklichen Independent-Regisseuren oder Autorenfilmern, das heißt, er behält die Kontrolle über die gesamte Filmproduktion und die Rechte an den Negativen seiner Filme. Eine weitere Besonderheit liegt in seinen unorthodoxen Arbeitsgewohnheiten. Er schreibe seine Plots für ganz bestimmte Schauspieler und baue dann um diese Figur(en) herum eine Geschichte auf. Er verzichte damit bewusst auf die üblichen Mittel von Drehplan oder Storyboards. Wie einige seiner Zeitgenossen (Paul Thomas Anderson, Quentin Tarantino, John Cassavetes) verteilt Jarmusch einen Teil der Rollen auf die Mitglieder eines Stammensembles, mit denen er auch befreundet ist, wie etwa Iggy Pop, Tom Waits, John Lurie, Roberto Benigni, Isaach de Bankolé, Bill Murray oder Tilda Swinton.
Jarmuschs Filme sind getragen von Langsamkeit und lakonischem Humor. Beliebte Stilmittel sind der Schwarzweißfilm, gezielter und gewollt grotesk anmutender Einsatz von Musikelementen und die szenische Auflösung in Plansequenzen, zumeist Master Shots.
mini|hochkant|Jarmusch bei der Präsentation von Father Mother Sister Brother in Venedig (2025) Im Jahr 2025 bekam er für seinen Spielfilm Father Mother Sister Brother den Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig zuerkannt.Nancy Tartaglione: Venice Film Festival – Jim Jarmusch’s ‘Father Mother Sister Brother’ Is Golden Lion Winner; ‘Voice Of Hind Rajab’ Takes Grand Jury Prize; Benny Safdie Best Director For ‘The Smashing Machine’. In: deadline.com, 6. September 2025 (abgerufen am 6. September 2025). In der Tragikomödie über entfremdete Geschwister und ihre Eltern zählten unter anderem Cate Blanchett, Adam Driver, Mayim Bialik, Tom Waits, Charlotte Rampling, Vicky Krieps und Indya Moore zum Schauspielensemble.Father Mother Sister Brother. In: filmstarts.de (abgerufen am 6. September 2025).
Musik in Jarmuschs Werk Neben seinen Kinofilmen drehte er Musikvideos, unter anderen für Talking Heads, Tom Waits, Neil Young und Jack White. Musik ist für Jarmusch „die höchste und schönste Form des Ausdrucks. Ohne Musik hätte das Leben keinen Sinn“. Die Soundtracks sind ein wichtiger Bestandteil sämtlicher seiner Filme, er arbeitete dafür mit Waits (Night on Earth und Down by Law), John Lurie (Stranger than Paradise sowie Down by Law) und Young (Dead Man), nutzte aber auch die Musik von u. a. Sunn O))), Boris, RZA, Mulatu Astatke, Jozef Van Wissem. In Stranger Than Paradise spielt Screamin’ Jay Hawkins’ Song I Put a Spell on You eine wichtige Rolle und taucht immer wieder auf. In Mystery Train verbindet Elvis Presleys Blue Moon die einzelnen Episoden, aus denen der Film besteht. Er drehte auch zwei Musikfilme – Year of the Horse über eine Konzerttournee von Neil Young & The Crazy Horse sowie Gimme Danger über Iggy Pop & The Stooges.
Bereits in seiner Studienzeit in New York war Jarmusch Mitglied der No-Wave-Band The Del-Byzanteenes, mit der er das Album Lies to Live By aufnahm. Für The Limits of Control nahm er einige Lieder mit seiner Band Bad Rabbit auf. Er veröffentlichte drei Alben im Duo mit dem niederländischen Laute-Spieler Jozef van Wissem (Concerning the Entrance into Eternity (2011), The Mystery of Heaven (2012), An Attempt to Draw Aside the Veil (2019)). Van Wissem spielte auch den Großteil des Soundtracks für Only Lovers Left Alive ein, an dem auch Jarmuschs Band SQÜRL, eine Fortsetzung von Bad Rabbit, beteiligt war. Auch den Soundtrack zu Paterson spielte SQÜRL ein.
Filmografie Regie 1980: Permanent Vacation – auch Drehbuch, Produktion, Schnitt und Musik 1982: Stranger Than Paradise (Kurzfilm) 1984: Stranger than Paradise – auch Drehbuch und Schnitt 1986: Coffee and Cigarettes (Kurzfilm) – auch Drehbuch 1986: Down by Law – auch Drehbuch 1989: Coffee and Cigarettes II (auch: Coffee and Cigarettes, Memphis Version) (Kurzfilm) – auch Drehbuch 1989: Mystery Train – auch Drehbuch 1991: Night on Earth – auch Drehbuch und Produktion 1993: Coffee and Cigarettes – Somewhere in California (Kurzfilm) – auch Schnitt 1995: Dead Man – auch Drehbuch 1997: Year of the Horse – auch Kamera 1999: Ghost Dog – Der Weg des Samurai (Ghost Dog: The Way of the Samurai) – auch Drehbuch und Produktion 2002: Ten Minutes Older: The Trumpet (Episode Int. Trailer Night) – auch Drehbuch 2003: Coffee and Cigarettes – auch Drehbuch und Schnitt 2005: Broken Flowers – auch Drehbuch 2009: The Limits of Control – auch Drehbuch 2013: Only Lovers Left Alive – auch Drehbuch 2016: Paterson – auch Drehbuch 2016: Gimme Danger – auch Drehbuch 2019: The Dead Don’t Die – auch Drehbuch 2025: Father Mother Sister Brother – auch Drehbuch
Schauspieler u. a. m. 1980: Underground USA – Ton 1980: Lightning Over Water – Produktionsassistenz 1981: You Are Not I – Drehbuch, Produktion und Kamera 1982: Der Stand der Dinge (The State of Things) – Musik 1983: Burroughs – Ton 1984: American Autobahn – Darsteller 1986: Sleepwalk – Kamera 1987: Straight to Hell – Fahr zur Hölle (Straight to Hell) – Darsteller 1987: Helsinki-Napoli – All Night Long (Helsinki Napoli All Night Long) – Darsteller 1988: Candy Mountain – Darsteller 1989: Leningrad Cowboys Go America – Darsteller 1990: The Golden Boat – Darsteller 1991: Fishing with John – Darsteller 1992: In the Soup – Darsteller 1993: Wenn Schweine fliegen (When Pigs Fly) – Produktion 1994: Tigrero: A film that was never made – Darsteller 1995: Iron Horsemen – Darsteller 1995: Blue in the Face – Darsteller 1996: Cannes Man – Darsteller 1996: Sling Blade – Auf Messers Schneide (Sling Blade) – Darsteller 2000: SpongeBob Schwammkopf (SpongeBob SquarePants, Fernsehserie, Episode 1x40: Am Haken als Angler) 2016: Porto – Executive Producer
Auszeichnungen (Auswahl) mini|hochkant|Jarmusch mit dem gewonnenen Goldenen Löwen von Venedig für Father Mother Sister Brother (2025) 1980: Josef von Sternberg Preis der Mannheimer Filmwoche (heute Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg) 1984: Goldener Leopard des Internationalen Filmfestivals von Locarno für Stranger than Paradise 1984: Goldene Kamera der Internationalen Filmfestspiele von Cannes für Stranger than Paradise 1987: Independent Spirit Awards – nominiert für die beste Regie (Down by Law) 1988: Preis des Bodil Festivals für den besten amerikanischen Film (Down by Law) 1988: Preis des Robert Festivals für den besten ausländischen Film (Down by Law) 1989: Preis für den besten künstlerischen Beitrag bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes (Mystery Train)