Swang, auch Svang (Hindi , svāṅg), Sang (Hindi , sāṅg), ist im engeren Sinn ein volkstümliches Tanztheater in den nordindischen Bundesstaaten Punjab, Rajasthan und der Region Malwa in Madhya Pradesh. Der Schwerpunkt liegt auf Dialogen und Erzählungen in Prosaform, die Lieder werden in einer großen stilistischen Bandbreite gesungen, die von den melodischen Strukturen der halbklassischen indischen Musik bis zur heutigen Filmmusik reichen. Die Themen stammen aus weit verbreiteten mythischen Erzählungen oder den historischen Heldengeschichten der Panjabi-Folklore.
Swang als übergeordnete Stilrichtung ist die bekannteste Volkstheatertradition zur Unterhaltung in Nordindien. Aus dieser alten Mischung aus Tanz, Theater, Lied, inszeniertem Dialog und monologischer Erzählung entwickelten sich eigenständige Formen wie der in ganz Nordindien verbreitete nautanki-Stil,Nautanki, Uttar Pradesh. Indianetzone die regionalen Stile sang in Haryana,Theatre in Haryana. Indianetzone bhagat in Uttar Pradesh und khyal in Rajasthan. Neben dieser historischen und geografischen Abgrenzung werden die Begriffe swang, sang und nautanki teilweise austauschbar verwendet.
Geschichte mini|hochkant|Radha und Krishna tanzen ras lila. Indische Miniatur, Jaipur, 19. Jahrhundert. Kreisförmig von Zuschauern umgebene offene Bühne Neben den religiösen Ritualtheatern, den zum Bhakti-Kult gehörenden devotionalen Theaterformen Ram lila und ras lila, also der Verehrung von Rama und Krishna mit teilweise unterhaltendem Charakter, sind seit altindischer Zeit Feste mit Schauspielen und anderen Aufführungen zum reinen Vergnügen überliefert. In den zum Yajurveda gehörenden Texten des Shatapatha-Brahmana findet sich neben Anweisungen für das Opferritual eine Aufzählung von Unterhaltungskünstlern: professionelle Sänger, Musiker, Tänzer, Akrobaten und Spaßmacher.Varadpande, S. 133 Laut der in der Zeit zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr. verfassten Abhandlung über die darstellenden Künste Natyashastra muss es in dieser Zeit bereits volkstümliche Formen von Unterhaltungstheater in Regionalsprachen gegeben haben, da Theater für alle Kasten einschließlich der unteren Shudras zur Verfügung gestanden haben soll und Shudras von der heiligen Sprache Sanskrit ferngehalten wurden.Darius L. Swann: The Folk-Popular Traditions. Introduction. In: Richmond, Swann, Zarrilli (Hrsg.), S. 240 Aus dem Harivamsa, einer als Ergänzung des Mahabharata eingeordneten Schrift, ist ebenfalls zu entnehmen, dass es altindische Schauspiele in Regionalsprachen gab.
Begriffe wie samaj (samāja, „Gemeinschaft“), die häufig im Arthashastra (altindische Staatstheorie), den Jatakas (lehrreiche Geschichten aus dem Leben Buddhas), Sanskritdramen und Inschriften vorkommen, stehen für die frühesten, auf Sanskrit verfassten Vorformen des heutigen Swang. Vom 5. bis zum 11. Jahrhundert taucht in Sanskrittexten der Begriff sangītaka auf, der von sangīta („Musik“) oder sangīt (meint ein „komponiertes Lied“) abgeleitet ist und als volkstümliche Entwicklung aus dem klassischen Sanskritdrama angesehen werden kann.Kathryn Hansen: Grounds for Play: The Nautanki Theatre of North India. University of California Press, Berkeley 1992, S. 47, ISBN 978-0-520-07273-2 Der Maithili-Dichter Vidyapati (um 1352 – um 1448) bezeichnete sein 1425 verfasstes Stück Goraksha Vijaya als sangitaka.
Die Wörter swāng, svāng und sāng sind vermutlich von Sanskrit svānga, „Verkleidung“, „Tarnung“ in der Bedeutung „Schauspiel“, „Drama“ abgeleitet. Sāng wird in den Regionalsprachen auch sāngīt geschrieben. Mit dieser seit Jahrhunderten nachweisbaren Bedeutung des Dialektwortes sāng ist die Abstammung unmittelbar von Sanskrit sangīt („Musik“) unwahrscheinlich. Die heutige Schreibweise sāngīt anstelle von sāng könnte aus sāng und Sanskrit gīta („Lied“) zusammengesetzt worden sein, also „Sang-Lied“ bedeuten.Vatuk, S. 30, Fußnote 3
Nach unterschiedlichen Annahmen entwickelte sich (1) der volkstümliche Swang aus dem Sanskritdrama sangitaka, (2) jene klassische Theaterform geht auf frühere Volkstraditionen zurück, (3) es fand eine unabhängige parallele Entwicklung ohne größere Beeinflussung statt oder (4) das Sanskrittheater entstand aus früheren volkstümlichen Formen und bildete nach seinem Niedergang wiederum die Grundlage für ein Volkstheater.Darius L. Swann: The Folk-Popular Traditions. Introduction. In: Richmond, Swann, Zarrilli (Hrsg.), S. 239
Keine der Volkstheatertraditionen lässt sich in ihrer konkreten Form weiter wie bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Malik Muhammad Jayasi (Ende 15. bis erste Hälfte 16. Jahrhundert) erwähnte Swang in seinem Gedicht Padmavat von 1540, ebenso Sabalsingh Chauhan, ein weiterer Hindi-Dichter aus dem 17. Jahrhundert, in seinem Werk Mahabharata. Der britische Verwaltungsbeamte Richard Carnac Temple (1850–1931) veröffentlichte 1883 bis 1890 seine dreibändige Gedichtsammlung The Legend of the PanjabRichard Carnac Temple: The legends of the Panjâb. Vol. 1. Education Society’s Press, Bombay 1884: ein Swang-Gedicht S. 122, Online bei Internet Archive. Darin sind drei Swang-Gedichte enthalten, die jedes Jahr beim Holi-Fest in Jagadhari im Ambala-Distrikt in Haryana aufgeführt wurden. Im Punjab dürfte die Swang-Tradition mindestens seit dem 18. Jahrhundert existiert haben. Die modernere Version nautanki entstand in Kanpur (Uttar Pradesh) und verbreitete sich Anfang des 20. Jahrhunderts über Nordindien.
miniatur|hochkant|Wajid Ali Shah Der letzte Nawab von Avadh, der von der Britischen Ostindien-Kompanie abgesetzte Wajid Ali Shah (reg. 1847–1856) verfasste Theaterstücke, in denen er Elemente von bhagat, swang und ras lila vermischte und seinen eigenen Stil als rahas bezeichnete. In seinem Palastbezirk in Lakhnau ließ er eigens für die Aufführung dieser Stücke ein Gebäude (Rahas Manzil) errichten. Hiervon wurde der Urdu-Dichter Agha Hasan Amanat (1815–1858) inspiriert. Er verfasste das Theaterstück Inder Sabha, das 1854 erstmals aufgeführt und so populär wurde, dass es die Parsen in ihr Theaterrepertoire aufnahmen und der Orientalist Friedrich August Rosen (1805–1837) es ins Deutsche übersetzte. Der neue Stil frischte wiederum die Swang-Tradition auf. Sang in Haryana soll um 1750 von Kishan Lal Bhaat entwickelt worden seinFolk Dances of Haryana. Indianetzone.
Um 1870 erreichte das Swang-Theater, beeinflusst von rahas und bhagat aus Vrindavan in Uttar Pradesh die Stadt Hathras im Westen dieses Bundesstaates. Dort kam besonders die Liebesgeschichte zwischen Jamal, der Tochter eines türkischen Ministers, und Gabru, einem jungen Händler aus Zentralasien zur Aufführung. Ein Theaterstück von Vasudev Basam zum selben Thema namens Syah Posh, nach den so genannten Einwohnern Kafiristans, wurde schnell berühmt und sorgte dafür, dass in dieser Region zahlreiche Swang-Theatergruppen entstanden und Syah Posh später auch auf Nautanki-Bühnen aufgeführt wurde. Ein Schüler von Basam, Murlidhar Rai, schrieb das Stück Shahjadi Nautanki, aus dessen Inhalt und Aufführungsstil sich in den Städten Kanpur und Lakhnau Ende des 19. Jahrhunderts Nautanki als eigenständige Form entwickelte und von Swang die führende Rolle als nordindisches Volkstheater übernahm. Hathras und Kanpur sind die beiden heute bedeutendsten Zentren, in denen Nautanki in unterschiedlichen Aufführungsstilen gepflegt wirdDarius L. Swann: Nauṭankī. In: Richmond, Swann, Zarrilli (Hrsg.), S. 263.
Der wesentliche Unterschied zwischen Swang und Nautanki ist, dass der ältere Stil auf freiem Feld inszeniert wurde und die Neuentwicklung vom europäisch beeinflussten Parsen-TheaterParsi Theatre. Indianetzone eine durch einen Vorhang nach hinten begrenzte Bühne übernahm. Hinzu kam, dass beim Swang die Erzählung aus Versen mit gesungenen Dialogen bestand, während beim Nautanki die Darsteller Prosa vortragen. Im Nautanki gewannen die zuvor unbeachteten Kostüme, das Make-up sowie das während der dramatischen Aktionen lauter werdende Begleitorchester mit Kesseltrommeln (nagārā, auch nakkara) an Bedeutung.Varadpande, S. 142–144, S. 161f
Nachdem der Höhepunkt Anfang des 20. Jahrhunderts überschritten war, enttäuschten immer trivialere, zwischen die Handlung geschobene Lied- und Tanzeinlagen nach dem Muster des Bollywood-Films die Liebhaber anspruchsvoller Musik, bis hin zu obszönen Szenen, die gelegentlich die Handlung insgesamt verdrängten und das Ansehen der Darsteller sinken ließen. Ein weiterer Nachteil ist heute neben der Konkurrenz durch die Filmindustrie die mangelnde Professionalität vieler Nautanki-Theatertruppen. Demgegenüber stehen Bemühungen, die Kunstform Nautanki als alte Volkstradition zu erhalten und an die veränderten Sehgewohnheiten der Zuschauer anzugleichen, etwa durch Verkürzen der Aufführungsdauer von acht auf drei bis vier Stunden.Devendra Sharma: Performing Nautanki: Popular Community Folk Performances as Sites of Dialogue and Social Change. Dissertation. Ohio University, Athens (Ohio) 2006, S. 205f
Aufführungen miniatur|Fürst Mahadaji Shinde der Scindia-Dynastie lässt zur Unterhaltung britischer Offiziere nautch-Tänzerinnen auftreten. Um 1820 Im Swang werden geradlinig Geschichten erzählt, in Versform gekleidet gesungen und als Prosa in Dialogen vorgetragen. Schauspielerisches Agieren tritt demgegenüber in den Hintergrund. Früher traten die Darsteller in Alltagskleidern auf und nur gelegentlich in Kostümen und mit Make-up. Die professionellen Theatertruppen ziehen von Dorf zu Dorf nach dem Festtagskalender und finden sich bei gesellschaftlichen und religiösen Veranstaltungen ein. Früher stellten männliche Darsteller auch die Frauenrollen dar, gegen Ende der 1930er Jahre begannen auch Frauen aufzutreten. Frauen bauten vor allem Tanzeinlagen zu selbständigen szenischen Einheiten aus, indem sie die Tradition der nautch-Mädchen übernahmen. Diese waren professionelle Unterhalterinnen in den Palästen. Als nautch-girl bezeichneten die britischen Kolonialherren die Tempeltänzerinnen (devadasis), das Wort ist verballhornt von Sanskrit nritya über Prakrit nachcha („Tanz“, „tanzen“).
Neun bis zwölf männliche Darsteller gehören zu einer heutigen Swang-Truppe (khara), davon sind vier Instrumentalisten, welche die Kesseltrommeln tabla und nagārā, die Streichlaute sarangi, Harmonium und gelegentlich Zimbeln spielen. Mit der Truppe reist ein zur Brahmanenkaste gehörender Koch, die übrigen Mitglieder der khara gehören nicht zu einer bestimmten Kaste und vererben nicht unbedingt ihren Beruf. Hindus und Muslime gehören gleichermaßen zu den Truppen, letztere finden sich mehrheitlich unter den Instrumentalisten. Die Swang-Truppe wird von einem khareband angeführt, der von den Mitgliedern als Guru anerkannt wird. Er organisiert die Auftritte, komponiert die Dialoge und tritt meist in einer der Hauptrollen auf.Vatuk, S. 33f
Die Darsteller agieren beim Swang-Theater im Freien ohne Vorhänge und Kulissen, wobei die Zuschauer im Kreis um die Bühne Platz nehmen. Diese Praxis charakterisiert ebenfalls die traditionellen Aufführungen von sang, bhagat, khyal sowie bhavai in Gujarat, manch („Bühne“) in Madhya Pradesh und jatra in Bengalen. Jatra steht allgemein für ein Volkstheater ohne Kulisse, eine religiöse Festveranstaltung oder Prozession. In Maharashtra ist tamasha heute ein derbes, auf die Entwicklung des Swang zurückgehendes Volkstheater. Es besteht eine weitere stilistische Beziehung zu einigen südindischen Tanztheaterstilen. In Karnataka bedeutet bayalata allgemein Aufführungen, die im Freien stattfinden, insbesondere yakshagana. Bei den meisten Theatern besteht die Bühne aus einer etwas erhöhten hölzernen Plattform, vor oder an deren Rand die Musiker Platz nehmen.