mini|Die Nornen, unbekannter Künstler, 1832
Die germanischen Schicksalsvorstellungen beinhalten die Auffassungen der germanischen Völker aus heidnischer Zeit, nach denen alles Geschehen auf Grund unabänderbarer Notwendigkeit (Schicksal) erfolgt. Die vorhandenen Quellen gewähren zwar nur wenige wirkliche Einblicke in die heidnische Vorstellungswelt, doch gilt als sicher, dass die Germanen daran glaubten, ein Schicksal zu haben, das von einer Schicksalsmacht, wohl in Gestalt dreier Frauen, bestimmt wurde. Ob sie aber an diese Schicksalsmacht auch im religiösen Sinne glaubten, kann nicht entschieden werden.
Quellen Germanisches Sprachgut Die Sprachwissenschaft hat eine Vielzahl von Wörtern erschlossen, die die Sprecher des Urgermanischen verwenden konnten, um den Begriff Schicksal auszudrücken. Sie belegen, dass die Germanen Vorstellungen vom Schicksal besaßen, aber nicht welche. Nebenbedeutungen dieser Wörter wie „Tod“ oder „Krieg“ weisen darauf hin, dass der Schicksalsbegriff eine negative Färbung hatte. Zu den dahinter stehenden Schicksalskonzepten versuchte die Forschung mit Hilfe der Etymologie zu gelangen. Doch erlauben die darauf beruhenden Gedankengebäude keine sicheren Aussagen und sind mit Vorsicht zu behandeln.
Die nachfolgende Tabelle listet die wichtigsten germanischen Schicksalswörter auf, inklusive einer vereinfachten Darstellung der Nebenbedeutungen, sowie der indogermanischen Wurzeln. + Altnordisch Althochdeutsch Angelsächsisch Altsächsisch Germanisch Bedeutung Indogermanische Wurzel mjötuðr *mezzot? me(o)tod, me(o)tud metod, metud *metoduz Schicksal, teilweise Zumesser (Gott) *med- „messen“ örlög urlag, urliugi orlæg, orleg(e) orlagOrlag bedeutete im Altsächsischen nicht mehr Schicksal, sondern nur noch Krieg. *uzlagam, *uzlagaz Schicksal, teilweise Krieg/Kampf, Gesetz? *legh- „legen, liegen“ sköp giscap, giscaf gesceap, gesceaf (gi)skap, giskaft *gaskapam*gaskapam bedeutete im Germanischen noch nicht Schicksal. Schicksal, Beschaffenheit *skap- „schneiden, spalten“ urðr wurt wyrd wurd *wurdiz Schicksal, teilweise Tod *uert- „drehen, wenden“
Antike Autoren mini|„Auf Vorzeichen und Losorakel achtet niemand so viel wie sie.“ (Tacitus, Germania 10); Bild von Emil Doepler, um 1905.
Die antiken Autoren berichten nichts über das Schicksalsverständnis der Germanen. Sie belegen lediglich den Glauben der Germanen an Lose und Vorzeichen; nach Meinung des römischen Schriftstellers Tacitus übertrafen sie darin sogar alle anderen Völker.Tacitus, Germania, 10 Es ist möglich, dass die Germanen sich so auf die Zeichen verließen, weil sie an Vorbestimmung und Vorsehung glaubten, doch könnten sie genauso gut darin eine Willensäußerung der Götter gesehen haben.
Heidenmission Die ältesten Bemerkungen zu germanischen Schicksalsvorstellungen stammen von christlichen Missionaren des Mittelalters.Beispielsweise Beda Venerabilis, Historia ecclesiastica gentis Anglorum, II 13 durch das Sperlinggleichnis (8. Jahrhundert) Ihre Darlegungen stellen zum Beispiel den heidnischen Glauben an das unabwendbare Schicksal der Heilsgewissheit des Christen gegenüber, um die Überlegenheit des christlichen Gottes zu verdeutlichen. Es ist davon auszugehen, dass ihre Darstellungen weniger die große Bedeutung der heidnischen Schicksalvorstellungen belegen, sondern mehr dazu dienten, den Heiden einen leichteren Übergang zum Christentum zu verschaffen.
Immerhin wurde das Schicksal auch in christlichen Lehren und Werken jener Zeit thematisiert unter Gebrauch der bereits genannten heidnisch-germanischen Schicksal-Begriffe, zum Beispiel in der altsächsischen Evangelienharmonie Heliand oder in der Prädestinationslehre des sächsischen Mönchs Gottschalk von Orbais (beide 9. Jahrhundert). Die ältere Forschung ging deswegen davon aus, dass mit dem Gebrauch der heidnisch-germanischen Wörter zugleich auch das heidnische Gedankengut übernommen wurde. Doch nach eingehender Untersuchung stellte sich genau das Gegenteil heraus. Die Lehre Gottschalks beruht nicht auf heidnischen Vorstellungen, sondern auf einer Weiterentwicklung der augustinischen Prädestinationslehre. Auch der Heliand vermittelt kein heidnisches Gedankengut, da das Schicksal darin keinen religiösen Eigenwert hat. Gott ersetzt darin weder eine heidnische Schicksalsmacht, noch stellt er sich auf eine Stufe mit ihr. Schicksal wird nicht als Wirkebene Gottes beschrieben, sondern nur als Auswirkung seiner Macht im Einzelfall. Schicksal bleibt auch immer im begrenzten Rahmen der natürlichen Ordnung, während Gott im Gegensatz dazu als unbegrenzt und übernatürlich dargestellt wird, zum Beispiel in der Erweckung des toten Jünglings zu Naïn durch Jesus.
Auch die Übernahme des heidnischen Schicksal-Wortschatzes durch die Christen bekräftigt, dass die germanische Schicksalsidee nicht so ausgeformt gewesen sein kann,Vergleiche Jan de Vries: Altgermanische Religionsgeschichte. 1957, § 190: „[...] zu einer einheitlichen Auffassung ist der Germane nicht gelangt.“ als dass sie als ernsthafte Gefahr christlicher Interessen hätte eingestuft werden müssen. Der Gebrauch der alten Schicksalwörter sollte wohl ebenso dazu dienen, den Heiden den Übergang zum Christentum zu erleichtern.Vergleiche Gerd Wolfgang Weber: Wyrd. 1969, S. 132 f., der diesen Gedanken für das altenglische wyrd entwickelt: Die Weiterverwendung von wyrd durch christliche Autoren beweist, dass wyrd keine heidnische Schicksalsmacht bezeichnete, sondern ein Begriff ohne konkrete heidnisch-religiöse Vorbelastung war.
Es ist aber durchaus vorstellbar, dass der Christengott für die Heiden auch deswegen attraktiv wurde, weil er im Gegensatz zu ihren Göttern nicht dem Schicksal unterworfen war, sondern die metudaes maecti besaß: die Macht, Schicksal zuzuweisen.
Heldendichtung mini|Hildebrandlied
Nähere Einblicke in die Schicksalsvorstellungen westgermanischer Völker erlaubt erst die frühmittelalterliche Heldendichtung, zum Beispiel das angelsächsische Epos Beowulf (8. Jahrhundert) oder das althochdeutsche Hildebrandlied (9. Jahrhundert). Obwohl diese Sagenstoffe sich bereits in heidnischer Zeit formten, haben sie zur Zeit ihrer Niederschrift schon christliche und antike Vorstellungen aufgenommen und verarbeitet. Der Gebrauch des alten Schicksalswortschatzes erlaubt auch in der Heldendichtung keine Aussage über den heidnischen Gehalt der dargestellten Schicksalsideen. Dass dem Helden beispielsweise ein Schicksal geweissagt ist, das sich erfüllt, ganz gleich was immer dagegen unternommen wird, ließe sich christlich durch göttliche Vorsehung oder antik aus der Aeneas-Tradition erklären. Dennoch ist davon auszugehen, dass die Heldendichtung heidnisches Ideengut unbekannten Ausmaßes enthält.
Das Schicksal in der Heldendichtung entwickelt sich aus dem Gegenspiel der äußeren Anlässe und der inneren Natur des Helden. Es hat dadurch zwei Gesichter, von denen je nach Gewichtung das eine oder das andere mehr zum Vorschein kommt. Zum einen kann der Schicksalsbegriff bei unglaublichen Glücksfällen oder erschütternden Fährnissen transzendieren, so dass das Schicksal wie der Eingriff einer höheren Macht erscheint, wodurch es personifiziert wird. Zum anderen kann der Schicksalbegriff auch immanenter werden, so dass Schicksal aus der persönlichen Eigenart einer Person oder ihrer Sippe entsteht, zum Beispiel durch ein ihr angeborenes Glück oder Heil. Schicksal folgt hier aus den starken Banden der Sippengemeinschaft, da sie als Schicksalsgemeinschaft in Sieg und Niederlage, in Glück und Unglück unbedingte Solidarität fordert. Was einem Sippenmitglied geschieht, ist sozusagen allen anderen geschehen. Kollideren dabei Sippengefühl und persönliches Ehrgefühl miteinander, kommt es zu einem tragischen Konflikt, der ein furchtbares und nicht mehr abwendbares Schicksal in Gang setzt. Treibende Kräfte dieser Schicksalsverwirklichung sind in der Heldendichtung Leid und Ehre. Es ist typisch, dass ein Angriff auf die Ehre als schicksalshafter Eingriff aufgefasst wird, dem man nicht mehr ausweichen kann. Die Dichter legen großen Wert darauf, dass das Schicksal nicht nur vollzogen wird, sondern dass der Held zuvor das Einsetzen des Verhängnisses erkennt und den unausweichlichen Verlauf bestätigt, so dass er sich sehend seinem Schicksal unterwirft.
Beispielsweise trifft im Hildebrandlied Hildebrand auf seinen Sohn Hadubrand, der den Vater seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hat und überzeugt von dessen Tod ist. Hildebrand erkennt seinen Sohn und will ihn von einem Zweikampf mit ihm abhalten, doch Hadubrand will nicht glauben, seinem Vater gegenüberzustehen und verhöhnt den Mann auf der anderen Seite. Der Angriff auf die Mannesehre des Vaters macht den Kampf zwischen beiden unvermeidlich. Voll Schmerz und Bitterkeit stellt Hildebrand dazu fest: „Welaga nu, waltant got, quad Hiltibrant, – wewurt skihit! ih wallota sumaro enti wintro – sehstic ur lante, dar man mih eo scerita – in folc sceotantero. so man mir at burc ęnigeru – banun ni gifasta. nu scal mih suasat chind – suertu hauwan, breton mit sinu billiu, – eddo ih imo ti banin werdan.“
Quelle: Hildebrandlied. Zeile 49–54 (Übersetzung von Arnd Großmann) „Wohlan, nun walte Gott, sagte Hildebrand, Unheil [wörtlich: Unheil-Schicksal] geschieht: Ich wanderte sechzig Sommer und Winter außer Landes; wo man mich immer in das Heer der Kämpfer einordnete. Wenn man mir an jedweder Burg den Tod nicht beibringen konnte: Nun soll mich das eigene Kind mit dem Schwerte schlagen, niederschmettern mit der Klinge, oder aber ich werde ihm zum Töter.“
Der christliche Einfluss ist hier unschwer in der Anrufung Gottes zu erkennen, die jedoch formaler Natur bleibt, da Gott nichts gegen das Schicksal ausrichtet.
Die heidnischen Schicksalswörter kommen im deutschen Sprachraum schon in althochdeutscher, spätestens in mittelhochdeutscher Zeit außer Gebrauch und treten danach nicht wieder in Erscheinung. Andere Begriffe, wie gelücke „Glück“, die in mittelhochdeutscher Zeit Träger von Schicksalsideen sein können, verkörpern keine heidnischen Ideen mehr, sondern nur noch christliche. In den hochmittelalterlichen Heldendichtungen des Nibelungenlieds oder der Gudrunsage spielt der heidnische Schicksalsbegriff schon keine Rolle mehr.Willy Sanders: Glück. 1975, S. 42, 45.
Eddische Literatur mini|hochkant|Die drei Jungfrauen an der Quelle des Schicksals, Zeichnung von Ludwig Pietsch, 1865.
Unter den hochmittelalterlichen Texten der nordischen Edda nimmt die Völuspá eine Ausnahmestellung ein, nicht nur weil sie einen Abriss der mythischen Weltgeschichte von der Schöpfung bis zum Untergang darbietet, sondern auch weil ihre Inhalte größtenteils noch aus heidnischer Zeit stammen. Dabei unterstellt sie den Lauf der Welt umfassend der Schicksalsgewalt.
Die ersten beiden Menschen, Ask und Embla, sind vor ihrer Menschwerdung noch schicksalslos. Zu Menschen werden sie durch die Götter, doch das Schicksal teilen ihnen die Nornen zu, denen aufgetragen ist, das Schicksal der Menschen bei Geburt zu bestimmen.
Aber nicht nur die Menschen haben ein unabwendbares Schicksal, sondern auch die Götter. Baldurs Tod ist vorherbestimmt und kann nicht verhindert werden.Lieder-Edda: Völuspá 31 f. Dasselbe gilt für den Untergang der Götter in den Ragnarök.Lieder-Edda: Völuspá 44 f. Wörtlich übersetzt bedeutet das Wort nichts anderes als „das Schicksal der Götter“.Lieder-Edda: Völuspá 44 Seine Bestätigung findet diese Vorstellung im Lied Vafþrúðnismál in dem altnordischen Ausdruck aldar rök „Endschicksal der Welt“.Lieder-Edda: Vafþrúðnismál 39
Isländersagas