Die Straßenbahn Frankfurt (Oder) verkehrt seit 1898 als elektrische Straßenbahn in der brandenburgischen Stadt Frankfurt (Oder). Auf einem meterspurigen Streckennetz von etwa 19,5 Kilometern Länge verkehren drei Haupt- und zwei Verstärkungslinien.
Die Straßenbahn wird von der Stadtverkehrsgesellschaft mbH Frankfurt (Oder) betrieben.
Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts hatte Frankfurt (Oder) etwa 50.000 Einwohner, die Vorstädte Dammvorstadt (östlich der Oder, heute Słubice, Polen), Lebuser Vorstadt und Beresinchen wuchsen an und die Stadt war an mehrere Eisenbahnlinien angeschlossen. Der innerstädtische Verkehr wurde jedoch nur durch Droschken und Fuhrwerke bedient. Es gab viele Anfragen zur Einrichtung von Straßenbahnstrecken für den Güter- und Personentransport. Der Plan, eine Pferdebahn durch die Berliner Regierungsbaumeister Christian Havestadt und Werner Contag errichten zu lassen scheiterten an der Eisenbahngesellschaft, die die ihr gehörende Bahnhofstraße nicht für die Verlegung von Schienen freigab.
Im Jahr 1894 diskutierte man in der Stadt über die Schaffung eines Pferdebahnnetzes von vier Linien. Diese sollten den Markt mit dem Bahnhof, dem Stadtteil Beresinchen, dem Schützenhaus und der Küstriner Straße verbinden. Die Pferdebahn war zu dieser Zeit aber schon eine veraltete Technologie – in Österreich war am 22. Oktober 1883 die erste elektrische Straßenbahn in Betrieb gegangen. Darum beschloss die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung am 19. März 1896 den Bau einer elektrisch betriebenen Straßenbahn. Ein entsprechender Vertrag mit der AEG wurde nach langen Verhandlungen am 22. April 1896 vom Oberbürgermeister Paul Adolph unterschrieben. Am 7. April 1896 wurde in der Dammvorstadt der erste Oberleitungsmast aufgestellt. Am 10. Juli 1897 traf der erste Triebwagen in Frankfurt ein. Der erste Fuhrpark bestand aus 18 Triebwagen und sechs offenen Anhängern für den Sommerbetrieb mit einer Spurweite von 1 m. Das notwendige Elektrizitätswerk und das Straßenbahndepot wurden auf dem Grundstück Bachgasse 4 / Fischerstraße 6 errichtet. Am 20. Dezember 1897 nahm das als Gleichstromwerk errichtete Elektrizitätswerk den Probebetrieb auf. Am 23. Dezember 1897 fuhr Wagen Nr. 4 probeweise vom Elektrizitätswerk zum Neuen Kirchhof und zurück. Am 22. Januar 1898 erfolgte die offizielle Eröffnungsfahrt. An allen Straßenkreuzungen wurden die Bahnen von einer begeisterten Menge erwartet. Einen Tag darauf, Sonntag, den 23. Januar 1898, wurde auf zwei Linien der Regelbetrieb eröffnet, Buschmühlenweg – Wilhelmsplatz – Magazinplatz und Neuer Kirchhof – Wilhelmsplatz.
mini|links|Straßenbahn nahe der St.-Gertraud-Kirche, 1907Erstere führte vom Chausseehaus im Buschmühlenweg über den Wilhelmsplatz (heute Zehmeplatz und Platz der Republik) zum Magazinplatz (heute Karl-Ritter-Platz). Zweitere führte vom Neuen Kirchhof (heute Hauptfriedhof) bis zum Wilhelmsplatz (heute Platz der Republik). Nachdem die Eisenbahngesellschaft ihre Genehmigung telegrafisch übermittelt hatte, konnte der Straßenbahnbetrieb am 8. Februar 1898 auch auf der Strecke Bahnhof – Schützenhaus aufgenommen werden. Die drei Linien wurden nach Farben unterschieden und hatten eine Gesamtlänge von 9,5 km. Während des ersten Betriebsjahres benutzten fast 1,9 Mio. Fahrgäste die Straßenbahn.
Sechs weitere Triebwagen wurden geliefert. Die AEG wollte das Elektrizitätswerk verkaufen, konnte sich aber mit der Stadt nicht einigen. So ging es an die Eisenbahngesellschaft, auf welche im April 1899 die Konzession übertragen wurde. Am 21. Dezember 1899 ging eine weitere, 2,4 km lange Strecke in Betrieb: Logenstraße – Kasernen (Paulinenhof). Dazu kam eine Streckenverlängerung vom Magazinplatz zum Schlachthof. Die vier farblich unterschiedene Linien wurden bis 1906 beibehalten.
grün – Linie 1: Chausseehaus – Schlachthof rot – Linie 2: Bahnhof – Markt – Schützenhaus gelb – Linie 3: Junkerstraße (Markt) – Beresinchen (Neuer Kirchhof) blau – Linie 4: Logenstraße – Kasernen
Ab 1905 wurden die Strecken zweigleisig ausgebaut, Streckenführungen verändert, mehr Haltestellen geschaffen, der Takt verdichtet und die Unpünktlichkeit bekämpft.
Ab dem 11. November 1906 gab es eine veränderte Linienführung:
Grüne Linie: Schlachthof – Chausseehaus Grün-Weiße Linie: Carthaus – Küstriner Straße Rote Linie: Bahnhof – Schützenhaus Gelbe Linie: Markt – Beresinchen Weiße Linie: Logenstraße – Kasernen
1908 kam es zur nächsten Streckenerweiterung, diesmal vom Paulinenhof zum Hellweg. Das Streckennetz wuchs auf 12 km an. 1915 wurde das Zahlkastensystem durch Schaffner abgelöst.
Während des Ersten Weltkrieges (1914–1918) wurde der Straßenbahnverkehr zwar nie eingestellt, war aber erheblich beeinträchtigt. Es kam zu Stromausfällen, Strecken wurden verkürzt und die kupfernen Oberleitungen wurden durch Leitungen aus Zink und Stahl ersetzt. Ab 1915 wurden zunehmend Frauen als Straßenbahnfahrerinnen eingesetzt, da die Männer an die Front gingen.
Am 13. März 1922 wurden die Frankfurter Elektrizitätswerke gegründet, die zur Hälfte der Stadt gehörten. Am 1. April 1922 übernahmen die Frankfurter Elektrizitätswerke den Straßenbahnbetrieb. Wegen der Deutschen Inflation 1914 bis 1923 stellte man am 28. Dezember 1922 die erste und im Februar 1923 eine weitere Strecke ein. Der Straßenbahnverkehr wurde während der Hyperinflation nie ganz eingestellt. Jedoch blieben nur sechs Triebwagen in Betrieb, während die anderen ausgeschlachtet wurden. Am Tiefpunkt der Inflation im November 1923 betrug der Fahrpreis 100 Milliarden Mark.
Im Jahr 1924 wurde mit dem Umbau des Frankfurter Bahnhofes und des Bahnhofsvorplatzes die neue Endhaltestelle am Bahnhof errichtet. Im Juni 1925 wurde der Straßenbahnverkehr reformiert, es wurden Zahlen als Linienkennzeichnung eingeführt, ein 10-Minuten-Takt eingeführt und der Betrieb bis 23:00 Uhr verlängert.
Linie 1: Bahnhof – Schlachthof Linie 2: Kasernen – Schützenhaus Linie 3: Wilhelmsplatz – Beresinchen Linie 4: Wilhelmsplatz – Chausseehaus
Am 1. Oktober 1925 wurde die Linienführung der Linie 3 geändert in: Beresinchen – Chausseehaus; die Linie 4 wurde eingestellt.
Die Linie 2 wurde 1927 für den Ausflugsverkehr in der Dammvorstadt vom Schützenhaus zum Ostmarkstadion verlängert. Für eine dichtere Zugfolge wurden im Juli 1927 weitere Trieb- und Beiwagen angekauft. Am 24. Juli 1929 wurden als Ergänzung zum Straßenbahnnetz die beiden ersten Buslinien eröffnet. Das Straßenbahnnetz wuchs am 14. Juli 1936 erneut, diesmal vom Hellweg bis zum Westkreuz. Im gleichen Jahr folgten zwei weitere Autobuslinien. Ab dem 1. April 1938 gab es eine neue Linienführung:
Linie 1: Bahnhof – Schlachthof Linie 2: Westkreuz – Rathaus – Dammvorstadt (früher Schützenhaus) – Stadion an den Kleisthöhen Linie 3: Beresinchen – Rathaus Linie 4: Wilhelmsplatz – Buschmühlenweg
mini|links|Tw 43 in der Wilhelm-Pieck-Straße im Jahr 1953
Am 22. April 1945 endete der Straßenbahnverkehr infolge der Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges. Nach Kriegsende wurde der Straßenbahnverkehr schrittweise mit der Inbetriebnahme der Linie Wilhelmsplatz – Beresinchen am 10. Juli 1945 wieder aufgenommen. Die Strecke in die Dammvorstadt ging nicht mehr in Betrieb, denn der östlich der Oder gelegene Stadtteil gehörte nun zu Polen und hieß fortan Słubice. Das ganze übrige Netz wurde ab dem 28. September 1945 wieder vollständig betrieben.
Mitte der 1950er Jahre kamen die ersten Neubaufahrzeuge hinzu. Die Innenstadtstrecken wurden 1957 den neu geschaffenen Straßenverläufen angepasst. Am Westkreuz wurde 1966 die erste Wendeschleife im damaligen Netz errichtet, der weitere Schleifen folgten. Da die Straßenbahn mittelfristig durch Busse ersetzt werden sollte, stellte man ab 1970 zunächst den Verkehr auf der Strecke in den Buschmühlenweg ein. Durch die Ölkrise wurden diese Pläne jedoch aufgegeben und wieder Streckenerweiterungen durchgeführt. Als erstes ging 1976 die Verlängerung vom Hauptfriedhof zum Südring in Betrieb. Vier Jahre später wurde die Strecke in der Leipziger Straße (Wilhelm-Pieck-Straße) durch eine Neubaustrecke über den Bahnhof ersetzt. Ein Jahr später folgte der erste Abschnitt nach Neuberesinchen und 1982 wurde der Rest dieser Strecke fertiggestellt. Ab Mitte der 1980er Jahre fuhren sechs Straßenbahnlinien durch die Stadt.
mini|links|Die Gotha-Zweiachser waren auch in Frankfurt (Oder) bis 1995 unverzichtbar. Tw 57 in der Karl-Marx-Straße, 1990 mini|links|ATw 3 vor dem Bahnhofstunnel, 1991
Linie 1: Neuberesinchen – Bahnhof – Platz der Republik (heute Zentrum) – Lebuser Vorstadt Linie 2: Westkreuz (heute Messegelände) – Platz der Republik – Stadion Linie 3: Kopernikusstr. – Bahnhof – Platz der Republik – Lebuser Vorstadt Linie 4: Kopernikusstr. – Bahnhof – Platz der Republik – Große Oderstraße (heute Europa-Universität) Linie 5: Neuberesinchen – Bahnhof – Westkreuz Linie 6: Neuberesinchen – Bahnhof – Platz der Republik – Große Oderstraße
Ab 1987 begann dann ein neues Zeitalter bei der Frankfurter Straßenbahn. Insgesamt 22 neue Fahrzeuge vom Typ KT4D kamen aus der Tschechoslowakei, bis 1990 stieg die gelieferte Anzahl auf 34 Triebwagen. Ein Jahr später fand die mit 5,6 km Länge größte Netzerweiterung in der Geschichte der Frankfurter Straßenbahn statt. Bis zum Halbleiterwerk in Markendorf wurde die Strecke von der Kopernikusstraße verlängert. Zusammen mit den verlängerten Linien 3 und 4 fuhr eine neue Linie 7 von Markendorf nach Neuberesinchen. Eine weitere Neubaustrecke ins Hansa-Viertel war bereits im Gespräch. Diese Pläne konnten jedoch durch die Wende und den wirtschaftlichen Zusammenbruch der Region nicht mehr verwirklicht werden. Allerdings wurde das vorhandene Netz modernisiert. Neue Niederflurbahnen vom Typ GT6M ersetzten ab 1993 die letzten – bis zu 40 Jahre alten – zweiachsigen Fahrzeuge aus DDR-Produktion. Darüber hinaus modernisierte man die Tatra-Gelenkwagen. Der 100 Jahre alte Betriebshof in der Bachgasse wurde 1998 endgültig durch einen Neubau in Neuberesinchen ersetzt.
mini|Ehemaliger Betriebshof Bachgasse, 1991 mini|KT4Dm in Frankfurt (Oder) mini|GT6M in Frankfurt (Oder) mini|KT4DM mit historischem Anstrich im vorderen Bereich
Die Stadtverordnetenversammlung beschloss am 3. Februar 2005 mit knapper Mehrheit den Weiterbau der Straßenbahn über den Grenzfluss Oder hinweg nach Słubice. Der Bau der Strecke wurde jedoch durch eine unverbindliche Volksbefragung Anfang 2006 mit einer großen Mehrheit abgelehnt. Daraufhin wurden die Erweiterungspläne zunächst fallen gelassen. Im Dezember 2012 wurde aber zumindest die lange geplante Buslinie 983 vom Frankfurter Bahnhof nach Słubice eröffnet.
2010 besaß die Stadt ein Straßenbahn-Liniennetz von 43 km mit 73 Haltestellen, von denen 29 barrierefrei waren. Bei 8 der 27 Straßenbahnen, die jeweils rund 45.000 km pro Jahr zurücklegen, handelt es sich um Niederflurbahnen. Der öffentliche Nahverkehr beförderte 2010 in der Stadt etwa 10,9 Millionen Fahrgäste.
Im Dezember 2014 äußerte sich der Geschäftsführer der Stadtverkehrsgesellschaft Frankfurt (Oder) weiterhin positiv zu der Verlängerung der Straßenbahn nach Słubice. Die Verlängerung der Straßenbahn solle auf jeden Fall mittelfristig ein Ziel bleiben. Begründet wurde dies damit, dass die Fahrgastzahlen der bestehenden Buslinie 983 jedes Jahr um mehrere Prozent gestiegen seien und es, besonders an den Wochenenden, immer wieder zu Überfüllungen im Busverkehr der Linie 983 kommen würde.
Erneuerung des Fuhrparks