mini|Kaisermanöver 1908 Elsaß-Lothringen, ganz links Kaiser Wilhelm II.
mini|Kaisermanöver im Odenwald 1888
mini|Kaisermanöver 1874 auf dem Kronsberg
Als Kaisermanöver wurde während der Zeit des Deutschen Kaiserreichs das bedeutendste und umfassendste Militärmanöver bezeichnet, das alljährlich in Gegenwart des Kaisers stattfand. Derartige Großübungen waren zu jener Zeit auch in anderen europäischen Ländern üblich, etwa dem Russischen Kaiserreich, dem Königreich Italien oder der Schweiz.
Bestandteile eines Kaisermanövers waren die Kaiserparaden der teilnehmenden Armeekorps, die Flottenparade, das Flottenmanöver und das mehrtägige Armeemanöver. Flottenparade und -manöver entfielen zumeist, wenn keines der teilnehmenden Korps einen Zugang zum Meer besaß. Die teilnehmenden Landstreitkräfte wurden hierbei zumeist von zwei der größten militärischen Gruppierungen, den Armeekorps des Deutschen Heeres, gebildet. Diese Manöver stellten für die Zeitgenossen im In- und Ausland eine Beurteilungsgrundlage über den Kampfwert der deutschen Armee dar. In gleicher Weise sollten sie die noch heute relevanten Fragen über die militärische Ausbildung klären, wie sie gleichzeitig Informationen für die politische Geschichtsschreibung bieten.
Geschichte Obwohl die großen Übungen für die taktische Fortbildung ein nicht zu unterschätzendes Gewicht der innenpolitisch stabilisierenden Art gehabt hatten, waren die Kaisermanöver in den Vorkriegsjahren aufgrund ihrer öffentlichkeitswirksamen Funktion bevorzugter Gegenstand der öffentlichen Kritik.
Bis zum Regierungsantritt Wilhelms II. war eine gewisse Monotonie entstanden, als im regelmäßigen Turnus das V. und VI., das VII. und VIII. Armee-Korps gegeneinander manövrierten. Die Korps kamen so kaum aus ihrer eigenen Provinz heraus. Dennoch empfanden nicht nur die Zuschauer, sondern auch die mitwirkenden Soldaten das Pathos, das von dem Mechanismus der Streitkräfte ausging.Bernd F. Schulte: Die deutsche Armee. Zwischen Beharren und Verändern. Düsseldorf 1977, S. ?Volker R. Berghahn: Der Tirpitz-Plan. Genesis und Verfall einer innenpolitischen Krisenstrategie unter Wilhelm II. Düsseldorf 1971, S. ?
Danach manövrierten das X. gegen das VII. Korps, das VIII. und XI. gegen zwei bayerische Armee-Korps (1897), oder 1903 zwei preußische gegen zwei sächsische Korps.
Außenwirkung Die 1890er Jahre Die ausländische Kritik sah in den Manövern jener Zeit Prunkmanöver. Sie vernachlässigten das Erfordernis kriegsmäßiger Übungen und hatten vor allem der Kriegsspielerei des Kaisers zu genügen.Revue de Deux Mondes: Les Tendences Novelles de l’Armée Allmande. 5, Paris 1901, S. 5–32, Revue Militaire des Armées Étrangères. (Paris) 1898, S. 43–72.
Taktisch unsinnige Bilder des Jahres 1897 fanden in den dichten Schützenentwicklungen des Jahres 1898 ihre Entsprechung, wo, ohne Rücksicht auf die feindliche Waffenentwicklung, Ellenbogen an Ellenbogen gestürmt wurde. 1899 wurde ein geschlossenes Armeekorps gegen ein Dorf angesetzt, wobei Wilhelm II. ein Kavalleriekorps gegen die Flanke der feindlichen Aufstellung führte.
Die französischen Beobachter sahen hierin eine Aufgipfelung der aus ihrer Sicht längst überholten Taktik des Massenvorstoßes.
mini|Kaisermanöver 1900 Das neue Jahrhundert mini|Wegekarte für das Kaisermanöver 1904 Die begrenzte taktische Evolution wurde 1900 festgestellt. So wurde die Stoßtaktik zwar mit dem Zurücktreten der Kolonnenformationen abgeschwächt, die dichten Schützenlinien dominierten jedoch nach wie vor. Ansätze eines Zusammenwirkens zwischen Infanterie und Artillerie wurden erstmals registriert. Dies war jedoch keine Wende in der deutschen Taktik, da jede Andeutung einer Abkehr vom Massenvorstoß vergangener Tage durch eine Attacke des Kaisers an der Spitze von 59 Eskadronen der Kavallerie am 12. September 1900 zunichtegemacht wurde.
Diese Entwicklung verstärkte sich bis 1904. Zwar deutete die zunehmende Kriegsmäßigkeit und Beachtung technischer Entwicklungen auf die Fähigkeit zu Lernprozessen hin, das taktische Denken in der Praxis gelangte aber nicht über stereotype Wiederholung der Umfassung hinaus.
Der Buren- und der Russisch-Japanische Krieg bedingten Tendenzen der Entrümpelung der deutschen Vorschriften. Fortschritte hinsichtlich der Flexibilität und Anpassung an das Gefecht und das Gelände waren aber, aus Sicht der französischen Kritiker, bis 1906 nicht festzustellen.Kriegsarchiv München (KA), Königlich bayrischer Generalstab (GenStab), Band 320, Petit Parisien, Major M. 15. September 1906.
Die deutsche Armee befand sich, was das Ausland spätestens im Jahre 1910 erkannte, am Ende des Jahrzehnts in einer Phase der taktischen Stagnation. Der britische Militärkorrespondent Howard Hensman setzte sich mit der Entwicklung der französischen und deutschen Armee auseinander. Für das Zurückfallen der deutschen hinter der französischen Armee machte er nach dem Kaisermanöver 1908 das unveränderte Festhalten an den Lehren Roons und Moltkes verantwortlich. Mit ihnen hatte man den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg erfochten.The United Service Magazin: London, Ausgabe vom November 1908, Artikel von Howard Hensmen: The French and German Manoeuvres. Some Points of Comparison
Der Unterschied zwischen der deutschen und französischen Militärdoktrin war unüberbrückbar. Der Versuch, französische Methoden zu übernehmen, scheiterte an den eng gezogenen Grenzen theoretischer Weiterentwicklung. Während Artillerie und Kavallerie sich um eine moderne Form bemühte, verblieb die Infanterie in traditionellen Formen und Methoden verhaftet.
Kaisermanöver 1909 – Größe, Technik und modernisiertes Reglement Das Kaisermanöver von 1909 war die bis dato größte Militärübung im Deutschen Kaiserreich. Neben technischen Neuerungen wie der drahtlosen Telegrafie, Motorluftschiffen und Panzerautomobilen kamen „insgesamt 125.000 Soldaten und 29.100 Pferde“ zum Einsatz. Trotz der Modernisierung spielte weiterhin der Einsatz der Kavallerie eine tragende Rolle – allerdings unter veränderten Vorzeichen: Ein neues Reglement sollte die Reiterei an die Bedingungen des technisierten Kampfes anpassen. Statt klassischer Säbelattacken lag der Fokus nun auf dem Kampf zu Fuß und dem Einsatz von Schusswaffen. Der Erfolg dieser Taktik zeigte sich prompt beim ersten Gefecht des Manövers in den Weinbergen von Klepsau. Abgesessen und in einer Schützenlinie bergauf gegen feindliche Infanterie vorgehend, erstürmten Teile einer Kavalleriebrigade erfolgreich die über 100 m steil aufragenden Muschelkalkhänge des Heiligenbergs.
Das Kaisermanöver 1911 – die Zäsur mini|Medaille für Teilnehmer (1911)
Der Militärkorrespondent der Londoner Times, Oberst Charles à Court Repington, geißelte nach dem Kaisermanöver 1911 dessen Zustand. Er beschrieb den deutschen Infanteristen als machine-made, slow and lacking interest in his work.The Times: Ausgabe vom 28. Oktober 1911, Charles à Court Repington: The German Army Während Europa weitergeschritten sei, sei die deutsche Armee veraltet und stehengeblieben. Gleichwohl lobte er die deutsche Doktrin, obwohl er ihr eine Differenz zwischen dem theoretischen Postulat und der Praxis im Kaisermanöver vorwarf. Es mangele ihr an Individualität und Frische. Seine harte Kritik verletzte das deutsche Selbstgefühl tief.Berliner Tageblatt: No. 621, Ausgabe vom 6. Dezember 1911, Gädecke: Das deutsche Heer in englischer Beleuchtung
Ab dem Manöver 1912 sollte eine Veränderung festgestellt werden. Die Infanterie kämpfte geschmeidiger, die Kavallerie neuerdings, ohne die Attacke aus den Augen zu verlieren, zu Fuß und die Artillerie übernahm im Kampf französische Methoden.So z. B. die verdeckte Feuerstellung Die grundlegenden Begriffe von Feuer und Bewegung blieben ihnen allerdings nach wie vor verborgen.R. Kann: Les Manoeuvres Impériales Allemandes en 1911; Paris/Nancy 1912. Ein überholtes und antiquiertes Salven- und Massenfeuer bestimmte immer noch die Feuertätigkeit. Als gravierend wurde die mangelnde Gefechtsaufklärung der Deutschen empfunden. Es handelte sich um einen Offensivdrang ohne Aufklärung.Le Specteteur Militaire: Band 86, 1912, Artikel: Maneuvres Impériales Allemandes de 1911
Vorbereitung auf den Krieg Die Fortschritte der Waffengattungen blieben begrenzt. Die Kavallerie hatte sich im Manöver, entsprechend der Theorien Frenchs, zur Heeresvorhut entwickelt.R. de Thomasson: Les Maneuvres Impériales Allemandes en 1912; Paris/Nancy 1912. Sie kämpfte jetzt in enger Verbindung mit der Infanterie, worin sich allerdings auch schon die Evolution des deutschen operativ-taktischen Denkens erschöpfte. Deren Weiterentwicklung blieb durch die Doktrin der offensive à outrance auf Modifikationen beschränkt. Die Feuerleitung, ein zentrales Ausbildungsthema, genügte nicht den Anforderungen.
Das letzte Kaisermanöver wurde im September 1913 in Schlesien zwischen dem V. und VI. Armeekorps ausgetragen.Die Kaisermanöver 1913 fanden in Schlesien statt (dokumentiert in Fotos von Oscar Tellgmann im Museum Huis Doorn und in der Deutschen Digitalen Bibliothek; die Wegekarte für das Kaisermanöver 1913 zeigt das Gelände südwestlich von Breslau). Aus Sicht der ausländischen Kritik ergab sich kein grundsätzlich verändertes Bild. Die Truppenpraxis erschien decidely dull, although owing to no fault of their own.Charles Edward Callwell: Stray Recollections; London 1923. Den Führern des Korps wurde keine Initiative überlassen. Der englische General Callwell, der 1913 im Auftrag der Morning Post als Beobachter zu dem Kaisermanöver nach Schlesien entsandt war, charakterisierte die deutsche Taktik als einseitig von der Offensive bestimmt. Es war zu Bildern gekommen, die jeden Glauben an eine deutsche Evolution der Taktik seit 1900 ad absurdum führten. Zu seinen in der Morning Post erschienenen Artikeln erfuhr er, dass der Große Generalstab mit seiner Kritik zufrieden gewesen sei. Anders als die Artikel Repingtons zwei Jahre zuvor gaben seine Artikel keinen Anlass, das Zulassungsverbot englischer Berichterstatter zu den Kaisermanövern 1912 zu wiederholen.
Als am 13. September 1913 das Kaisermanöver mit dem Signal: Das Ganze Halt! beendet wurde, ahnte jedoch niemand, dass ziemlich genau ein Jahr später an der Marne der Unbesiegbarkeitsnimbus der deutschen Armee dahin sein sollte.
Innenwirkung Die Kritik des Auslandes hatte ihre Entsprechungen sowohl in der deutschen Öffentlichkeit als auch in der Wehrverwaltung, den Stäben und der Truppe. Die unter den Fachleuten des preußischen Kriegsministeriums und des großen Generalstabs in den Analysen der mit ihnen befassten Stabsstellen mehrfach diskutiert wurden.
Der Anachronismus der deutschen Taktik im Jahre 1895 fand Ausdruck während des Kaisermanövers. Geschlossene Abteilungen wurden vorgeführt, um den Sturm auf die feindlichen Stellungen auszulösen und anzukündigen. Das Schlagen der Tambours und die Signale „Seitengewehr auf“, bzw. „rasch vorwärts“ sollten geeignet sein, im modernen Gefecht den Sturmlauf ganzer Bataillone auszulösen. Selbst zu Beginn des Ersten Weltkriegs griffen Regimenter noch mit Schlagen des Tambours an.siehe z. B. hier Obwohl man 1902 nach dem Burenkrieg zum gegenteiligen Ergebnis gekommen war, wurde an mindestens einem Bataillon mit klingendem Spiel festgehalten. An den festgefügten Traditionen der überkommenen Angriffstaktik war festzuhalten.
Dass der Kaiser an den theatralischen Bildern der Kaisermanöver nicht unschuldig war, beleuchtete 1903 im Reichstag der sozialdemokratische Abgeordnete August Bebel. Vor allem der Masseneinsatz der Kavallerie wurde kritisiert: Wo kommt es in Wirklichkeit vor, dass z. B. die Vereinigung des Höchstkommandierenden auf der einen Seite als Führer eines Armeekorps und auf der anderen Seite zugleich als Kritiker in Frage kommt?
Die Kavallerie war zwar spätestens mit der Erfindung des schnellfeuernden Gewehrs überholt, doch noch 1913 spielten Kavallerie-Regimenter eine wesentliche Rolle bei der Bewilligung der großen Heeresvorlage.