Die Lady Macbeth von Mzensk oder Die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk (Original: Леди Макбет Мценского уезда (Ledi Makbet Mcenskogo uezda)) ist eine Novelle des russischen Schriftstellers Nikolai Leskow aus dem Jahr 1865.

Entstehung Nikolaj S. Leskow begann mit ca. dreißig Jahren das Schreiben. In seine frühe Schaffensphase fällt die Novelle Die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk (1864). Im Jahr 1865 wurde sie in der Zeitschrift Epocha veröffentlicht, deren Redakteur F. M. Dostojewski war. Diese „düstere Geschichte“, wie Leskow sie bezeichnete, erschien dort unter dem Titel Ledi Makbet našego uezda (Die Lady Macbeth unseres Landkreises). 1867 gab Leskow der Erzählung für einen Sammelband den heute geläufigen Titel.

Auf seinen Reisen durch Russland kam Leskow in Kontakt mit vielen Menschen und erhielt so Einblick in das Leben in der Provinz mit seinen alltäglichen Problemen. Seine Ledi Makbet beruht auf einem Gerichtsfall, über den sich Leskow in den Kriminalakten der Stadt Orjol (Orël) informiert hatte. Leskows literarische Ausarbeitung sollte der Auftakt einer Serie von Charakterstudien russischer Frauen sein. Er schloss die weiteren Arbeiten jedoch nicht ab. Zum einen hatte er durch die Einstellung der Ėpocha die Publikationsplattform verloren. Außerdem hatte sich Leskow durch einen Artikel den Zorn von Liberalen und engagierten Demokraten zugezogen, die ihn als Reaktionär beschimpften. Ihm fehlte demnach sowohl die Öffentlichkeit als auch die Wertschätzung durch die Literaturkritik.

Zur Bekanntheit der Erzählung beigetragen hat vor allem die Vertonung des Stoffs durch Schostakowitsch in der Oper Lady Macbeth von Mzensk (1934), die die Prawda 1936, zwei Tage, nachdem Stalin sie gesehen hatte, als „Chaos statt Musik“ diskreditierte. 1962 gab es die erste Verfilmung des Stoffs, Blut der Leidenschaft von Andrzej Wajda.

Figuren

„Bei uns trifft man bisweilen Menschen, an die man niemals ohne innere Bewegung denkt, auch wenn schon viele Jahre seit der Begegnung mit ihnen vergangen sind.“Leskow, N.: Die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk, Russisch/Deutsch, Stuttgart: Reclam 1980, S. 5.

Katerina L’vovna Izmajlova: Frau des Kaufmannes Izmajlov, ca. 23 Jahre alt; trotz Kinderwunsch ohne Nachwuchs; langweilt sich in der provinziellen Isolation Zinovij Borisytsch Izmajlov: wohlhabender Kaufmann aus angesehener Familie in Tuskar, Gouvernement Kursk; über 50 Jahre alt, zeugungsunfähig Boris Timofeitsch Izmajlov: Vater von Zinovij, Schwiegervater von Katerina; 80 Jahre alt Sergej Filipytsch (Serjoscha): Lagergehilfe bei Izmajlovs; bekannter Schürzenjäger Aksin’ja: Köchin bei Izmajlovs Fëdor Zacharov Ljamin (Fedja): noch minderjähriger Großneffe von Boris Timofeitsch; hat Anrecht auf Teil des Erbes

Titel Der Titel der Novelle bezieht sich auf Shakespeares Tragödie Macbeth. Allerdings ist nicht eindeutig, ob Leskow seine Protagonistin parallel zur Frau Macbeths entworfen hat oder die russische Mörderin in der Öffentlichkeit so bezeichnet wurde, wie es die Novelle im ersten Kapitel nahelegt: „Zu diesen Menschen gehört die Kaufmannsfrau Katerina Lwowna Ismajlowa, die nach ihrer Verstrickung in ein schreckliches Drama von unseren Adligen kurzerhand die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk genannt wurde“. Möglich ist auch, dass der Schriftsteller in Anlehnung an Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe ein Shakespeare-Drama in die Provinz versetzte, indem er die Rücksichtslosigkeit seiner Protagonistin als hervorstechendste Gemeinsamkeit mit Shakespeares Frauengestalt zum Anlass nahm. Die meisten literaturwissenschaftlichen Vertreter sehen allein im starken Willen der beiden weiblichen Figuren ein übereinstimmendes Charakteristikum. Es lassen sich dagegen weitere Parallelen andeuten:

Beide Frauen treten resolut auf. Sie sind für die Morde verantwortlich, Macbeths Ehefrau durch Anstiftung (Duncan), Leskows Kaufmannsgattin durch eigene Tat (Vergiftung ihres Schwiegervaters). Die ersten Bluttaten bedingen das weitere Töten, zumindest fällt die Hemmung. In diesem Zusammenhang kann man das Motto zu Beginn der Ledi Makbet deuten: „Das erste Lied singt sich nicht leicht“ steht dafür, dass die erste Mordtat Skrupel hervorruft, während die folgenden Verbrechen unbefangener begangen werden.

Sowohl in Shakespeares Macbeth als auch in der Novelle werden jeweils Stammhalter umgebracht: Banquo und Fedja. Gemeinsam ist den beiden Werken, dass die Protagonistin die Morde auch begeht (bzw. dazu anstiftet), um eine Rangerhöhung ihres Mannes bzw. ihres Geliebten zu bewirken.

Allmählich plagt Lady Macbeth Reue nach dem Mord an Duncan. Sie leidet an Alpträumen, hat Wahnvorstellungen, verliert letztlich den Verstand und tötet sich selbst. Ebenso ist Katerina bald nicht mehr Herrin ihrer Sinne, am Ende stürzt sie sich mit ihrer Rivalin in den Tod.

Nicht nur in den Gründen für den Wahnsinn (Reue – Liebeswahn) liegt ein Unterschied der Figuren, sondern auch in den Beweggründen, die sie antreiben: Lady Macbeth handelt aus Machtgier, Katerina aus übertriebener Leidenschaft zu Sergej.

Inhalt Katerina L’vovna wird mit dem viel älteren Zinovij Borisytsch verheiratet. Ihre ärmliche Lage lässt eine freie Einwilligung in die Heirat nicht zu, doch bietet ihr die neue Stellung als Kaufmannsgattin ebenso wenig Freiraum. Bald langweilt sie sich auf dem Anwesen ihres Mannes, der häufig unterwegs ist und seine Geschäfte beaufsichtigt. Ihre Hauptbeschäftigung besteht darin, durch das Haus zu streunen und ihren Gedanken nachzuhängen. Schon auf den ersten Seiten wird deutlich, wie unerfüllt ihr Dasein ist: Immer wieder gähnt sie. Die wenigen Besuche, die sie mit ihrem Mann unternimmt, bringen keine Abwechslung, weil sie meist nach strengem Ritual ablaufen. Obwohl sie lesen kann, rührt sie keine Bücher an, weil sie vom Lesen nichts hält; zudem gibt es nur wenige Bücher im Haus (zumeist Heiligenlegenden).

Das Schicksal versagt ihr auch Kinder, da ihr Gatte unfruchtbar ist, er jedoch ihr die Schuld zuschiebt. Der Schwiegervater erhebt deswegen ebenfalls Vorwürfe gegen sie, weshalb ihr die Ehe eng und die Umstände unerträglich werden. In ihren einfachen Verhältnissen war sie zumindest ihre Freiheit gewöhnt, die im aufgeschlossenen Umgang mit ihren Mitmenschen bestand. Ihre jetzige Stellung verbietet ihr ein sorgloses Miteinander. Die Isolation auf dem ehelichen Gut, verdeutlicht durch hohe Zäune, lässt sie wie ein „Kanarienvogel im Käfig“ (kanarejka v kletke)Leskow, N.: Die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk, Russisch/Deutsch, Stuttgart: Reclam 1980, S. 23. erscheinen, wie es Sergej formuliert.

Der Lagergehilfe Sergej Filipytsch weiß die lange Abwesenheit von Katerinas Mann und ihre bedrückte Situation auszunutzen. Er umschmeichelt sie mit Worten, reizt ihre Weiblichkeit, woraufhin sie sich widerstandslos auf ihn einlässt. Die Warnungen der Köchin Asin’ja, Sergej sei ein Schürzenjäger und vor wenigen Monaten bei den Koptschonovs vom Hof gejagt worden, weil er eine Affäre mit der dortigen Herrin hatte, halten Katerina nicht ab, sich dem Bediensteten leidenschaftlich hinzugeben.

Wenig später entdeckt der Schwiegervater Boris Timofeitsch den Ehebruch, sperrt Sergej Filipytsch in einen Schuppen und schickt nach seinem Sohn Zinovij. Daraufhin vergiftet Katerina Boris und befreit ihren Liebhaber. Das Verbrechen fällt nicht auf, weil durchaus eine Lebensmittelvergiftung durch ein Pilzgericht die Todesursache sein konnte. Im Traum erscheint der Schwiegertochter bald ein Kater, der mit der Stimme Boris Timofeitschs zu ihr spricht. Dennoch lässt sie sich nicht von einer lustvollen Beziehung zu Sergej abschrecken. Sie verbringt mit ihm eine leidenschaftliche Nacht unter einem Apfelbaum im Garten.

Als ihr Gatte zurückkehrt und es zur Konfrontation kommt, bringt sie auch diesen mit Hilfe ihres Geliebten um, und sie verscharren ihn im Keller des Hauses. Ihre folgende Schwangerschaft diskreditiert ihren impotenten Mann nachträglich, weil nun eindeutig ist, dass die Kinderlosigkeit von ihm herrührte.

Nachdem sich das mörderische Liebespaar wie Eheleute geriert und sich über das Erbe gefreut hat, erfahren sie, dass das Geld nicht allein ihnen zusteht, sondern dass der minderjährige Fëdor (Fedja), ein Großneffe Boris Timofeitschs, ein Anrecht auf den Hauptteil des Erbes hat. Er trifft mit der Großtante auf dem Gut ein. Sergej, angestachelt durch die Aussicht, ein Leben als selbständiger, reicher Kaufmann zu führen, sieht seine Vorstellungen bedroht und wiederholt vor Katerina, Fedja müsse beseitigt werden. Seine Hartnäckigkeit führt schließlich zum dritten Mord: Am Abend vor Mariä Opfer, als die Dorfbewohner zur Abend- und Nachtmesse gehen, ersticken sie mit einem Kissen den erkrankten Jungen in seinem Bett. Ein Maschinist beobachtet sie jedoch dabei, und kurz darauf stehen alle Bewohner des Dorfes vor dem Haus. Die Täter werden verhaftet und verurteilt. Nach der Auspeitschung sollen sie sich auf dem Weg nach Sibirien zur Zwangsarbeit machen. Während Sergej aufrichtig leidet, was den Zuschauern Mitleid entlockt, nimmt Katerina ihr Los gleichmütig hin. Besessen von ihrer Liebe zu Sergej meint sie, ihr Glück überall zu finden, solange er nur bei ihr ist. Er hingegen interessiert sich nicht mehr für sie, verhöhnt und demütigt sie vor den anderen Gefangenen und buhlt um andere weibliche Verurteilte. In einem Wutanfall stürzt sich Katerina auf ihre Konkurrentin und reißt sie mit in den Tod in den kalten Wellen der Wolga.

Aufbau

Die Novelle teilt sich in fünfzehn Kapitel unterschiedlicher Länge, wobei sich die Handlung bis zum dritten Mord steigert (Fedja; 11. Kapitel). Nach diesem Höhepunkt kehrt in die Erzählweise ein wenig Ruhe ein, bis gegen Ende die Geschichte wieder Fahrt aufnimmt und in der Katastrophe beim Übersetzen der Wolga endet. Dass Katerina auf ein schlimmes Ende zusteuert, wird nach den ersten Kapiteln ersichtlich. Das erste Kapitel wirkt wie eine Exposition, in der die Personen vorgestellt werden und bereits erwähnt wird, dass Katerina eine Rolle in einem „schrecklichen Drama“ spielt. Eine klassische Drama-Einteilung kann man der Novelle dennoch nicht zugrunde legen. Nahezu steckbriefhaft stellt Leskow Katerina L. Izmajlova dem Leser vor: Die Angaben zur Person (Alter, Aussehen) und den Heiratsumständen sind lakonisch und enden mit: „Das war alles“.Leskow, N.: Die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk. Deutsch, Stuttgart: Reclam 1980, S. 7. Katerinas Langeweile und ihr häufiges Gähnen beschließen den Einstieg.

Das zweite Kapitel stellt ihr Leben, allen voran ihre Ehe, als monoton und einengend dar. Symbolisch steht dafür Sergejs Händedruck, bei dem Katerina aufschreit: „Au, laß den Ring los, du tust mir weh!“Leskow, N.: Die Lady Macbeth aus dem Landkreis Mzensk. Stuttgart: Reclam 1980, S. 15. Gleichzeitig wird darin schon der Ehebruch ersichtlich, weil der Griff auf den Ehering abzielt.

Bis zum ersten Höhepunkt im elften Kapitel stechen die Kapitel fünf und sechs heraus. Das fünfte Kapitel ist das kürzeste des ganzen Textes und bezeichnenderweise dasjenige, in dem der erste Mord geschildert wird. Der Umfang spiegelt den Inhalt insofern wider, als der Schwiegervater ohne großen Aufwand und ebenso ohne Skrupel beseitigt wird, als handelte es sich um eine lästige Ratte auf dem Speicher. Demnach werden keine Gewissensvorbehalte thematisiert, sondern auf knappste Weise und mit einfacher Wortwahl wird das Ableben Boris Timofeitschs beschrieben. Dabei wird nur in einem Nebensatz erwähnt, dass Katerina für das Rattengift im Haus die Verantwortung trägt; nicht erwähnt wird, ob und wie sie das Gift in das Essen mischte. Dem Leser erschließt sich der Zusammenhang sofort, die Figuren des Textes können über den gewaltsamen Tod hinweggetäuscht werden: An einem Pilzgericht konnte man jederzeit sterben.