Diese Seite beschreibt den Gottesdienst und die Praxis der Zeugen Jehovas, einer christlichen, chiliastisch ausgerichteten und nichttrinitarischen Religionsgemeinschaft.
Zusammenkünfte Versammlungszusammenkünfte mini|Königreichssaal in Karlsruhe (2011) mini|Zusammenkunft in einem Königreichssaal Die gottesdienstlichen Zusammenkünfte der Versammlungen der Zeugen Jehovas finden gewöhnlich in Königreichssälen statt.
Der Ablauf der Zusammenkünfte und die dort behandelten Themen folgen weltweit einheitlichen Vorgaben,Zoe Knox: Jehovah’s Witnesses and the Secular World. From the 1870s to the Present. Palgrave Macmillan, London 2018, S. 44. die auf der Website der Religionsgemeinschaft abgerufen werden können.Wöchentliches Programm der Versammlungszusammenkünfte, auf der Wachtturm Online-Bibliothek auf jw.org In den Zusammenkünften werden auf dem Bibelverständnis der Zeugen Jehovas basierende Ansprachen gehalten, Situationen aus der Missionstätigkeit („Predigtdienst“) geübt, Interviews geführt und Lehrstoff anhand von Fragen und Antworten gemeinsam besprochen. Die Zusammenkünfte beginnen und enden jeweils mit Lied und Gebet; auch etwa in der Mitte jeder Zusammenkunft wird ein Lied gesungen.
Jede Versammlung hält wöchentlich zwei Zusammenkünfte ab, die jeweils etwa 1¾ Stunden dauern. Neben insgesamt etwa 15 Minuten an Liedern und Gebeten je Zusammenkunft umfassen diese Zusammenkünfte folgende Programmteile: Zusammenkunft unter der Woche („Leben-und-Dienst-Zusammenkunft“): „Schätze aus Gottes Wort“: Vortrag, Kommentare der Anwesenden und Lesung zum „wöchentlichen Bibelleseprogramm“. „Uns im Dienst verbessern“: Schulung für den Predigtdienst und das Sprechen in den Zusammenkünften. „Unser Leben als Christ“: Vorträge und Besprechungen sollen helfen, biblische Grundsätze in die Praxis umzusetzen. Auch das „Versammlungsbibelstudium“, bei dem eine Veröffentlichung von Jehovas Zeugen fortlaufend gemeinsam besprochen wird, ist Teil dieses Programmteils. Zusammenkunft am Wochenende: „Öffentlicher Vortrag“ (30 Minuten): Dieser Vortrag richtet sich besonders an Außenstehende. „Wachtturm-Studium“ (60 Minuten): Ein Artikel aus der Studienausgabe des Wachtturms wird gelesen und in Frage- und Antwort-Form mit Beteiligung der Anwesenden besprochen.George D. Chryssides: Jehovah’s Witnesses. Continuity and Change. Ashgate, Farnham / Burlington 2016, S. 203–207.
Kongresse Die sogenannten „Kongresse“ der Zeugen Jehovas sind gottesdienstliche Tagungen, zu denen sich die Verkündiger mehrerer Versammlungen zusammenfinden. Jede Versammlung nimmt jährlich teil an zwei jeweils eintägigen „Kreiskongressen“, üblicherweise mit mehreren hundert Anwesenden, einem dreitägigen „Regionalkongress“, üblicherweise mit vielen hundert bis zu mehreren tausend Anwesenden. Je nach den Gegebenheiten werden diese Kongresse in im Eigentum der Religionsgemeinschaft stehenden Kongresssälen oder in gemieteten Veranstaltungshallen oder Stadien abgehalten. Im Rahmen der Kongresse finden auch Taufen statt.Zoe Knox: Jehovah’s Witnesses and the Secular World. From the 1870s to the Present. Palgrave Macmillan, London 2018, S. 43–44.George D. Chryssides: Jehovah’s Witnesses. Continuity and Change. Ashgate, Farnham / Burlington 2016, S. 207–210.
Taufe Jehovas Zeugen praktizieren unter Berufung auf den Taufbefehl Jesu die Gläubigentaufe. Die Taufe gilt den Zeugen Jehovas als Zeichen der Hingabe des Einzelnen an den Schöpfer. Um getauft werden zu können, muss man sein Leben nach dem ausgerichtet haben, was Jehovas Zeugen als Willen Gottes erkennen. Das schließt neben einem Leben nach den von Jehovas Zeugen vertretenen moralischen Maßstäben auch ein, gemäß den persönlichen Möglichkeiten die Gottesdienste zu besuchen und missionarisch aktiv zu sein. Älteste ergründen in ausführlichen Gesprächen mit einem Taufwilligen, ob er die Voraussetzungen zur Taufe erfüllt und ein ausreichendes Verständnis der Lehre hat und ob der Wunsch zur Taufe auf seinem eigenen freien Willen beruht. Die Taufe gilt den Zeugen Jehovas als Voraussetzung zur Rettung, aber sie wird nicht als Sakrament angesehen.
Die Taufe wird nach neutestamentlichem Muster durch Untertauchen im Wasser vollzogen. Das Untertauchen symbolisiert nach Ansicht der Zeugen Jehovas Reue und das Aufgeben des früheren Lebenswandels, das Heraufkommen aus dem Wasser zeigt an, dass man ein neues Leben als Nachfolger Jesu beginnt und dass man auf der Grundlage des Opfers Jesu von früheren Sünden nicht mehr belastet ist. Jehovas Zeugen betrachten die Taufe als öffentliche Glaubensäußerung. Taufen werden daher üblicherweise bei größeren gottesdienstlichen Veranstaltungen, den „Kongressen“, vollzogen. Die Taufe findet statt, nachdem die Taufwilligen folgende zwei Fragen öffentlich bejaht haben: 1. Hast du gestützt auf das Opfer Jesu Christi deine Sünden bereut und dich Jehova hingegeben, um seinen Willen zu tun? 2. Ist dir bewusst, dass deine Hingabe und Taufe dich als Zeugen Jehovas kennzeichnen und du zu der Organisation gehörst, die von Gottes Geist geleitet wird? Da sich Jehovas Zeugen als einzig wahre Religionsgemeinschaft verstehen, erkennen sie außerhalb ihrer Religionsgemeinschaft durchgeführte Taufen nicht als gültig an.
Gebet Jehovas Zeugen betonen die Wichtigkeit privater und öffentlicher Gebete. Sie richten Gebete ausschließlich an Gott (Jehova), und beten dabei durch Jesus (nicht durch Maria oder Heilige). Sie verwenden weder auswendig gelernte Gebete noch Gebetbücher, sondern sprechen ihre Gebete frei. Gebete in den Zusammenkünften werden von einem männlichen Zeugen Jehovas laut gesprochen; wer von den Zuhörern dem Gebet zustimmen will, sagt am Ende des Gebets „Amen“.George D. Chryssides: The A to Z of Jehovah’s Witnesses. The Scarecrow Press, Lanham, 2009. S. 110f.
Feiern Abendmahl Die einzige religiöse Feier sowie wichtigste Zusammenkunft der Zeugen Jehovas ist das Abendmahl des Herrn, das Gedächtnismahl oder Feier zum Gedenken an den Tod Christi genannt wird. Diese Feier wird am 14. Nisan nach Sonnenuntergang begangen. Bei der Berechnung dieses Datums orientieren sich Jehovas Zeugen am jüdischen Mondkalender, wie er ihrer Meinung nach in biblischer Zeit in Verwendung war, so dass der Tag der Abendmahlsfeier im gregorianischen Kalender kein festes Datum hat. 2027 fällt die Feier auf den Abend des 22. März.
Während der Feier wird eine Ansprache gehalten, die Sinn und Nutzen von Jesu Tod erklären soll. Nach Gebeten werden die Symbole für das Blut und den Körper Jesu Christi (Rotwein und ungesäuertes Brot) durch die Reihen, von Anwesendem zu Anwesendem, gereicht. Es ist jedem Anwesenden freigestellt, von den Symbolen zu nehmen. Von dieser Möglichkeit machen weltweit jedoch nur wenige Gebrauch. Sie zeigen durch das Nehmen der Symbole, dass sie sich zu der nach Auslegung der Zeugen Jehovas in der Offenbarung des Johannes () erwähnten Gruppe von 144.000 Menschen zugehörig fühlen, die dazu auserwählt sei, während der Millenniumsherrschaft als Mitregenten Jesu zu wirken.Gerhard Besier, Katarzyna Stoklosa: Jehovas Zeugen in Europa – Geschichte und Gegenwart. Band 1. (= Studien zur Kirchlichen Zeitgeschichte Bd. 5) Berlin, 2013. S. 11. Nach Ansicht der Zeugen Jehovas wurden die Mitglieder dieser Gruppe von 144.000 Menschen, der sogenannten „Klasse der Geistgesalbten“ mit „himmlischer Hoffnung“, von den Ereignissen beim Pfingstfest im Jahr 33 bis heute nach und nach berufen. Da die Mitgliederzahl der 144.000 Auserwählten von Jehovas Zeugen als nahezu vollständig angesehen wird, gibt es heute in vielen Versammlungen keine „Gedächtnismahl-Teilnehmer“ mehr.2020: 20,6 Millionen Anwesende, etwa 24.500 TeilnehmerGeorge D. Chryssides: Jehovah’s Witnesses. Continuity and Change. Ashgate, Farnham / Burlington 2016, S. 217–220.
Sonstige Feiern und Feiertage Außer dem Abendmahl gibt es keine religiösen Feiertage für Jehovas Zeugen. Obwohl sie an Jesus als Sohn Gottes und an den Bibelbericht über seine Geburt, seinen Tod und seine Auferstehung glauben, feiern sie nicht Weihnachten und auch nicht Ostern im herkömmlichen Sinn, da sie die Kommerzialisierung dieser Anlässe ablehnen und annehmen, dass viele Weihnachts- und Osterbräuche im Heidentum wurzeln.George D. Chryssides: The A to Z of Jehovah's Witnesses. The Scarecrow Press, Lanham, 2009. S. 27, 45. Auch feiern Jehovas Zeugen keine Geburtstage, aufgrund des angeblich heidnischen Hintergrunds vieler damit verbundener Bräuche und aufgrund des negativen Konnexes der Erwähnung von Geburtstagen in der Bibel.George D. Chryssides: The A to Z of Jehovah’s Witnesses. The Scarecrow Press, Lanham, 2009. S. 20f.
Für die Gestaltung von Hochzeiten und Begräbnissen gibt es für Zeugen Jehovas keine starren religiösen Vorschriften. Auf Wunsch der beteiligten Personen kann ein Ältester im Königreichssaal oder an einem anderen Ort eine Rede zu einem solchen Anlass halten, wobei gewöhnlich auch Gebete gesprochen und religiöse Lieder gesungen werden.George D. Chryssides: The A to Z of Jehovah’s Witnesses. The Scarecrow Press, Lanham, 2009. S. 58f, 90.
Evangelisation und Mission Verkündigung mini|Zeugen Jehovas bei der typischen Missionierung an Haus- und Wohnungstüren (nachgestellte Szene) Markenzeichen der Jehovas Zeugen ist ihre Evangelisationstätigkeit, von ihnen häufig als „Predigtdienst“ bezeichnet. Sie führen diese Tätigkeit unter Berufung auf Jesu Missionsbefehl () und auf das Vorbild der Urchristen aus, und sie beten zu Gott um die Hilfe des Heiligen Geistes für die Ausführung dieser Tätigkeit.George D. Chryssides: The A to Z of Jehovah’s Witnesses. The Scarecrow Press, Lanham, 2009. S. 74–76.
Jehovas Zeugen sprechen Menschen an Haustüren, auf öffentlichen Plätzen und in Alltagssituationen an, versuchen Interesse an der Bibel zu wecken, hinterlassen bei Interesse kostenfrei Bibeln und bibelerklärende Literatur, laden zu ihren Zusammenkünften ein, und führen mit interessierten Personen Bibelkurse („Bibelstudien“) durch.George D. Chryssides: The A to Z of Jehovah's Witnesses. The Scarecrow Press, Lanham, 2009. S. 19–20, 54–55. In den Versammlungszusammenkünften und in der Literatur der Zeugen Jehovas werden Vorschläge gemacht, wie man solche Gespräche einleiten und Einwände beantworten kann. Die aktive Teilnahme an der Evangelisationstätigkeit wird von jedem Zeugen Jehovas erwartet und ist eine der Voraussetzungen für die Taufe.George D. Chryssides: The A to Z of Jehovah's Witnesses. The Scarecrow Press, Lanham, 2009. S. 54–55, 114. Viele derer, die sich zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Verkündigung von Haus zu Haus beteiligen, versuchen sich zumindest durch das Schreiben von Briefen und durch Gespräche mit Besuchern an der Evangelisationstätigkeit zu beteiligen.Zoe Knox: Jehovah’s Witnesses and the Secular World. From the 1870s to the Present. Palgrave Macmillan, London 2018, S. 112.