Spiritismus (lat. ‚Geist‘), zuweilen im Deutschen wegen falscher Übersetzung des englischen spiritualism als Spiritualismus bezeichnet,Horst E. Miers: Lexikon des Geheimwissens (= Esoterik. Bd. 12179). Original-Ausgabe; sowie 3. aktualisierte Auflage, beide Goldmann, München 1993, ISBN 3-442-12179-5, S. 585.Kathrin Pavic: The Ghost in Man, the Ghost that once was Man. Die Bedeutung des modernen Spiritualismus im Viktorianischen England, Historisches Seminar, Basel 2007/2008 (abgerufen am 31. August 2026) bezeichnet moderne Formen der Beschwörung von Geistern oder spukenden Gespenstern, insbesondere von Geistern Verstorbener (Totenbeschwörung), die sich mit Hilfe eines Mediums sinnlich wahrnehmbar mitteilen sollen. Der Begriff Spiritismus ist außerhalb des deutschen Sprachgebrauchs enger gefasst als Bezeichnung für die Lehre des Spiritisten Allan Kardec gebräuchlich.

Begriffsgeschichte

Durch den deutschen Idealismus wurde die Bezeichnung Geist als Kollektivsingular innerhalb des deutschsprachigen Diskurses bekannt.Diethard Sawicki: Leben mit den Toten: Geisterglauben und die Entstehung des Spiritismus in Deutschland 1770–1900. Schöningh, Paderborn 2001, ISBN 3-506-77590-1, S. 14–16 (). Dieser neu eingeführte Begriff wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts aufgeteilt, sodass auf der einen Seite der Geistbegriff innerhalb der Philosophie unter anderem als Weltgeist, Zeitgeist oder Volksgeist im Diskurs vorkam. Der Singularbegriff geht wirkungsgeschichtlich vor allem auf Johann Gottfried Herder zurück, der für Charles de Secondats, Baron de Montesquieu, Begriff im Deutschen das Wort Geist benutzte. Dieses Wort wurde dann von Georg Wilhelm Friedrich Hegel aufgenommen und schlug sich nieder in den idealistischen Topoi vom Weltgeist und Volksgeist. Auf der anderen Seite wurde der Plural Geister vor allem im Bereich der Esoterik geläufig. Das Wort Geister wurde in dieser Zeit vor allem dadurch bekannt, dass es als Übersetzung verschiedener griechisch-lateinischer Wörter genutzt wurde, ohne einen direkten deutschsprachigen Inhalt zu haben. Die wichtigsten dieser griechischen und lateinischen Wörter sind , und . Als selbständiges deutsches Wort nahm Geister dann vor allem die Bedeutungen an, die auch im griechischen Wort enthalten sind: Ein Zwischenwesen aus der hebräisch-jüdischen Überlieferung, ein feinstoffliches Band zwischen Körper und Seele, eine beschützende Lichtaura um den menschlichen Körper, ein kosmisches Prinzip und eine Verbindung zu Gott, die erlaubt, mystische Erkenntnisse oder übernatürliche Fähigkeiten zu erlangen.Diethard Sawicki: Leben mit den Toten: Geisterglauben und die Entstehung des Spiritismus in Deutschland 1770–1900. Schöningh, Paderborn 2001, ISBN 3-506-77590-1, S. 17

Geschichte Vorläufer des „modernen Spiritismus“ mini|Andrew Jackson Davis Im englischsprachigen Raum waren bereits vor 1848 Medien aktiv, die behaupteten, mit der Welt der Verstorbenen Kontakt aufnehmen zu können. Hierzu zählen William Stainton Moses, der Spiritisten als diejenigen definierte, die für sich selbst festgestellt haben oder es als evident richtig ansehen, dass der Tod nicht den Geist tötet, sondern dass dieser überlebt.Spiritualism. In: Encyclopedia of Occultism and Parapsychology. 5th Edition, S. 1463 Hinzu kamen die Ereignisse rund um Andrew Jackson Davis, der bereits 1847 sein Werk The Principles of Nature herausbrachte und damit ein Gesamtwerk spiritistischer Philosophie vor den Fox-Schwestern publizierte, das allerdings im Unterschied zu den nach 1848 erschienenen Schriften dem Mesmerismus zugerechnet wird.

Im deutschsprachigen Raum spielte vor allem der Mesmerismus eine große Rolle, dessen Methoden zu ähnlichen Phänomenen wie bei den spiritistischen Seancen führen sollte. Damit einher ging ein Trend, der dazu führte, dass übersinnliche Phänomene stärker als in anderen Ländern naturwissenschaftlichen Untersuchungen unterzogen wurden.Spiritualism. In: Encyclopedia of Occultism and Parapsychology. 5th Edition, S. 1468 ff.

Entstehung mini|Die Fox-Schwestern 1852 Die Entstehung des modernen Spiritismus wird gewöhnlich mit den Schwestern Margaret und Kate Fox und ihren Eltern in Verbindung gebracht, die 1848 behaupteten, in einem unlängst neu bezogenen Haus in Hydesville im US-Staat New York seltsame Klopfgeräusche zu hören, welche sie dem Geist eines ermordeten und im Keller begrabenen Hausierers zuschrieben. Die Familie übernahm die schon lange etablierte Technik der „Kommunikation“ mit derartigen „Klopfgeistern“, bei der jedem Buchstaben im Alphabet eine bestimmte Anzahl von Klopfzeichen zugeordnet wird, und suchte mit großem Erfolg die Öffentlichkeit. Bei der ersten öffentlichen Demonstration der „Fähigkeiten“ der Mädchen in Rochester, New York, im November 1848 waren 400 zahlende Gäste zugegen. Bald traten auch andernorts solche Medien auf, hauptsächlich im evangelikal geprägten Nordosten der USA, und auf dem Höhepunkt dieser Welle um 1855 sollen eine bis mehrere Millionen US-Amerikaner von der Realität der angeblichen Geisterbeschwörungen überzeugt gewesen sein. Dabei verbreiteten sich schnell auch neue Methoden der „Kommunikation“ mit den Geistern wie das „automatische Schreiben“, bei der der Geist die Hand des Mediums führen soll, oder das Aussprechen der Gedanken der Geister durch in Trance versetzte Medien.John Patrick Deveney: Spiritualism, in: Wouter J. Hanegraaff (ed.): Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, Leiden 2005, S. 1075f; Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik? München 2004, S. 201.

Das Neue, das den modernen Spiritismus gegenüber ähnlichen älteren Praktiken auszeichnete, war das große Interesse, welches ihm eine breite Öffentlichkeit entgegenbrachte. Antoine Faivre weist darauf hin, dass der Spiritismus etwa zugleich mit der klassischen fantastischen Literatur und mit der sozialen Utopie des Marxismus auftrat und dass unmittelbar vor dem großen Medienrummel um die Fox-Schwestern das Buch The Principles of Revelation von Andrew Jackson Davis (1847) in den USA erschienen war. Davis verband darin Ideen des Mesmerismus und des frühsozialistischen Fourierismus.Catherine L. Albanese: A Republic of Mind and Spirit: A Cultural History of American Metaphysical Religion. Yale University Press, New Haven/London 2007, S. 171–176, 208–218. Der Mesmerismus versuchte ebenfalls, wenn auch auf etwas andere Art („Magnetisierung“), mit Hilfe von Medien Informationen aus einer übersinnlichen Welt zu erhalten. Weitere wichtige Aspekte der Vorgeschichte waren die mystische Lehre Emanuel Swedenborgs und die im französischen Illuminismus des späten 18. Jahrhunderts verbreiteten „Kommunikationen“ mit höheren geistigen Wesen. Im deutschen Sprachraum hatte Justinus Kerner 1826 beträchtliches Aufsehen erregt, indem er die später so genannte Seherin von Prevorst „magnetisierte“ und so dazu brachte, mit den Geistern Verstorbener zu kommunizieren, „Klopfgeister“-Erscheinungen hervorzurufen und von höheren geistigen Wesen empfangene Lehren zu verkünden. Schon 1794 hatte auch Johann Caspar Lavater von spiritistischen Sitzungen berichtet.Wouter J. Hanegraaff: New Age Religion and Western Culture. Leiden 1996, S. 436f; Antoine Faivre: Esoterik im Überblick. Freiburg 2001, S. 109f; Stuckrad, S. 201f.

Ausbreitung mini|Allan Kardec Die von den Fox-Schwestern ausgelöste Spiritismus-Welle verbreitete sich schnell auch in Europa, wo der Franzose Allan Kardec (1804–1869), der erste bedeutende Theoretiker dieser Bewegung, eine auf dem Spiritismus und auf dem Glauben an die Reinkarnation basierende Religion stiftete.John Patrick Deveney: Spiritualism. In: Wouter J. Hanegraaff (Hg.): Dictionary of Gnosis and Western Esotericism. Leiden 2005, S. 1079–1081; Stuckrad, S. 202; Faivre, S. 109f Diese Ausbreitung des Spiritismus fiel, wie der Historiker James Webb konstatiert, zeitlich zusammen mit einer „Rückkehr des Wunders ins religiöse Leben Europas“, die sich in zahlreichen Berichten etwa von Marienerscheinungen, Wunderheilungen oder Levitationen zeigte.James Webb: Die Flucht vor der Vernunft. Wiesbaden 2009, S. 222–230; Zitat S. 229. Spiritistische Ideen waren dabei oft verflochten mit sozialreformerischen Ideen, vor allem mit denjenigen der französischen Frühsozialisten. Diese Verbindungen waren, wie das Beispiel Davis’ veranschaulicht, bereits in den 1840er Jahren vorbereitet worden. Nach 1848 wurde der Spiritismus maßgeblich von (ehemaligen) Saint-Simonisten und besonders von Fourieristen geprägt.Julian Strube: Socialist Religion and the Emergence of Occultism. A Genealogical Approach to Socialism and Secularization in 19th-Century France. In: Religion. 2016.John Warne Monroe: Laboratories of Faith: Mesmerism, Spiritism, and Occultism in Modern France. Cornell University Press, Ithaca 2008, S. 48–63.

In Deutschland fasste die spiritistische Bewegung relativ langsam Fuß und entwickelte sich nicht zu einer Massenbewegung, stieß andererseits aber stärker als in anderen Ländern auf Interesse in intellektuellen und wissenschaftlichen Kreisen, wobei einflussreiche Wissenschaftler teils vehemente Gegner waren.John Patrick Deveney: Spiritualism. In: Wouter J. Hanegraaff (Hg.): Dictionary of Gnosis and Western Esotericism. Leiden 2005, S. 1080f.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. 2007, S. 929f. In den späten 1850er Jahren wurde der deutsche Botaniker und Naturphilosoph Christian Gottfried Nees von Esenbeck, der sich schon länger mit dem „Animalischen Magnetismus“ beschäftigt hatte, auf die spiritistischen Schriften von Andrew Jackson Davis aufmerksam und veranlasste deren Übersetzung ins Deutsche durch den katholischen Theologen Gregor Konstantin Wittig.Corinna Treitel: A Science for the Soul: Occultism and the Genesis of the German Modern. Johns Hopkins University Press, Baltimore/London 2004, S. 38f.Daniel Cyranka: Religious Revolutionaries and Spiritualism in Germany Around 1848. In: Aries. 16/1, S. 13–48. Daraus ging die Bibliothek des Spiritualismus für Deutschland hervor, die Wittig ab 1868 herausgab und die den Spiritismus einer breiteren deutschsprachigen Leserschaft bekannt machte. 1873 gründete Wittig einen spiritistischen Verein in Leipzig, und ab 1874 gab er zusammen mit dem russischen Spiritisten Alexander Aksakow und dem Verleger Oswald Mutze die Zeitschrift Psychische Studien heraus, die lange Zeit die bedeutendste okkulte Zeitschrift Deutschlands war.

Der Leipziger Astrophysiker Karl Friedrich Zöllner, der sich zuvor in Arbeiten wie Über die Natur der Cometen (1872/1883) mit astrophysikalischen und erkenntnistheoretischen Fragen beschäftigt hatte, veranstaltete 1877 einige Séancen mit dem amerikanischen Medium Henry Slade, an denen auch Gustav Theodor Fechner und einige weitere Wissenschaftler teilnahmen.Corinna Treitel: A Science for the Soul: Occultism and the Genesis of the German Modern. Johns Hopkins University Press, Baltimore/London 2004, S. 3–9. Slade versetzte scheinbar telekinetisch Gegenstände in Bewegung und ließ schriftliche Mitteilungen auf Schiefertafeln erscheinen. Zöllner betrachtete dies als empirische Bestätigungen seiner schon länger gehegten Annahme einer vierten Dimension des Raumes und publizierte 1878/79 ausführliche Berichte über diese Experimente, an welche er die Hypothese anschloss, dass geistige Wesen aus der vierten Dimension die beobachteten Phänomene hervorgerufen hätten. Damit hoffte er, eine „Transzendentale Physik“ zu begründen, und löste, nachdem 1880 auch eine englische Übersetzung seiner diesbezüglichen Publikationen erschienen war, eine internationale Debatte aus.

mini|Wilhelm Wundt 1902