Das Iraqw (Selbstbezeichnung káŋw iraqw) ist eine Sprache, die von etwa 500.000 Sprechern in der Region um die Stadt Mbulu (iraqw Imboru) im Norden Tansanias gesprochen wird. Sie ist die größte unter den südkuschitischen und eine der südlichsten aus der Familie der afroasiatischen Sprachen. Die meisten Sprecher beherrschen zusätzlich auch die überregionale Verkehrssprache Swahili, die für Schriftzwecke meist vorgezogen wird.
Lautsystem Konsonanten
Labiale Dentale Laterale Palatale Velare Labiovelare Pharyngale Glottale stimmhafte Plosive b d (j) g gʷ stimmlose Plosive p t (c) k kʷ glottalisierte Plosive ts’ tɬ’ q qʷ ʔ Frikative f s ɬ (ʃ) x xʷ ħ h Nasale m n (ɲ) ŋ ŋʷ Sonoranten und Glides w r l j ʕ
Marginale Phoneme, die vor allem in Fremdwörtern aus dem Swahili auftreten, sind eingeklammert. Bemerkenswert ist die Existenz von Pharyngalen (ʕ, ħ), die auch in anderen kuschitischen und semitischen Sprachen vorkommen (z. B. Somali, Arabisch), sowie von stimmlosen Lateralen (ɬ und tɬ’). ʕ ist phonetisch ein stimmhafter Frikativ, sein Status im System ist diskutabel. Der durch q bezeichnete Laut kann beliebig als ejektives k’, oder aber als nach hinten verlagertes (uvulares) k gesprochen werden (entsprechend auch qʷ).
Vokale Es gibt 5 Vokale i, e, a, o, u, die entweder kurz oder lang (dann doppelt geschrieben) sein können. Gelängte Konsonanten gibt es hingegen nicht außer in seltenen Spezialfällen wie Wortzusammensetzungen.
Ton Wie in vielen Sprachen fällt auch im Iraqw die Satzmelodie vom Anfang zum Ende eines Satzes hin grundsätzlich ab (sogenannter „downdrift“). Bei einem Teil der Wörter des Iraqw wird aber auf der letzten Silbe des Wortes der Ton angehoben und dadurch der downdrift unterbrochen. Diese Silben werden mit einem Akzent (´) markiert. Die letzte Silbe eines Wortes kennt somit einen binären Kontrast, den man mit „Hochton“ bzw. „Tiefton“ bezeichnen kann. Insofern lässt sich das Iraqw als eine Tonsprache ansprechen, wobei allerdings viel weniger Tonverläufe möglich sind als in prototypischen Tonsprachen, in denen alle Silben unabhängig voneinander tonal markiert sind. In seltenen Fällen kann auch eine andere als die letzte Silbe eines Wortes einen Hochton tragen. Ein kontrastiver Wortakzent existiert nicht.
Substantiv Das Iraqw unterscheidet beim Substantiv Geschlecht, Zahl sowie eine Unterscheidung von Grundform versus Status constructus, die man als Kasus auffassen könnte. Es gibt keine Artikel.
Geschlecht und Zahl Das Iraqw kennt zwei grammatische Geschlechter: Maskulinum und Femininum. Das Geschlecht erkennt man an mit dem Substantiv kongruierenden Attributen, Verben oder Pronomina. Bei Bezeichnungen von Personen stimmt im Normalfall (soweit das Substantiv Singularbedeutung hat) das grammatische Geschlecht mit dem natürlichen Geschlecht überein: gitɬ’a „Mann“ ist maskulin ʕameeni „Frau“ ist feminin.
Wie im Deutschen, so ist auch im Iraqw das grammatische Geschlecht von Sachbezeichnungen weder aus der Bedeutung noch aus der Lautform des Substantivs mit einiger Sicherheit vorherzusagen.
Weiter werden die Numeri Singular und Plural unterschieden. Im Plural gibt es keine grammatische Genusunterscheidung. Eine Besonderheit des Iraqw ist, dass viele Substantive singularischer Bedeutung durch einen Plural (d. h.: ein Substantiv, das pluralische Kongruenz auslöst) bezeichnet werden, und dass – noch häufiger – bedeutungsmäßige Pluralformen grammatische Singulare sein können. Beispielsweise werden folgende Substantive grammatisch als Plural behandelt: duuŋgaʔ „Nase“ (vielleicht ursprünglich etwa als „Nasenlöcher“ zu verstehen) xweera „Nacht“ (vielleicht etwa „Nachtstunden“) biħiiʔ „Seite“ maʔay „Wasser“
Der Plural wird auf recht vielfältige Weise gebildet, oft mit Suffixen: ʃuule „Schule“ (feminin) – ʃuuladu „Schulen“ (plural)Ein deutsches Lehnwort aus der Kolonialzeit. baala „Tag“ (feminin) – balu „Tage“ (plural) (mit Vokalkürzung wie auch bei einigen anderen Substantiven) ila „Auge“ (feminin) – ilaʔ „Augen“ (plural)
In folgenden Beispielen dient ein grammatischer Singular als semantische Pluralform. Diese kann man sich wohl eigentlich als Kollektiva vorstellen. Bei bedeutungsmäßigen Pluralen fällt grundsätzlich auch bei Personenbezeichnungen jede Korrelation zwischen Bedeutung und grammatischem Geschlecht fort: saga „Kopf“ (maskulin) – sage „Köpfe“ (feminin) (etwa als „Kopfgruppe“ zu verstehen) ts’irʕi „Vogel“ (feminin) – ts’irʕo „Vogel“ (feminin) dasi „(das) Mädchen“ (feminin) – dasu „(die) Mädchen“ (maskulin, kein Zusammenhang zwischen Genus und Bedeutung bei Kollektiva)
Im Extremfall kann der bedeutungsmäßige Singular durch einen grammatischen Plural und der bedeutungsmäßige Plural durch einen grammatischen Singular bezeichnet werden: duuŋgaʔ „Nase“ (plural) – duŋgawe „Nasen“ (feminin)
Nicht selten trägt schon der einfache Stamm (der dann fast immer als grammatischer Singular behandelt wird) Pluralbedeutung, während der Singular von ihm mit einem Suffix abgeleitet wird: ts’ats’eeʕi „Stern“ (fem.) – ts’ats’eeʕ „Sterne“ (mask.)
Schließlich gibt es Fälle, in denen sowohl der Singular als auch der Plural von einem abstrakten Stamm durch Suffixe abgeleitet werden: ɬaħaŋw „Monat“ (mask.) – ɬaħeeri „Monate“ (pl.) (Stamm *ɬaħ- kommt nicht isoliert vor)
Status constructus Das Iraqw verwendet keine Kasus, die den Kasus europäischer Sprachen entsprechen. Allerdings kennt das Substantiv zwei Formen, die man als Grundform und (mit einem Terminus aus der Semitistik) als Status constructus bezeichnen kann. Der Status constructus steht dann, wenn das Substantiv mit dem folgenden Element eng verbunden ist: Entweder wenn ein Attribut wie beispielsweise ein Adjektiv, Genitiv oder Relativsatz folgt, oder wenn das Substantiv das logische Objekt zu einem folgenden Verb darstellt (Details folgen unten).
Der Status constructus hat grundsätzlich einen Hochton auf der letzten Silbe. Bei maskulinen Substantiven erhält er meist die Endung -ú oder (bei wenigen Substantiven) -kú; viele Formen sind mehr oder weniger unregelmäßig: ts’axwél „Falle“ – ts’axwelú daaŋw „Falle von Elefanten“ = „Elefantenfalle“ afa „Mund“ – afkú doʔ „Mund des Hauses“ = „Tür“ muu „Leute“ (mask.) – múk laħóoʔ „sechs Leute“
Feminina bilden den Status constructus mit der Endung -r, bei manchen Wörtern -tá: dasi „Mädchen“ – dasír níina „kleines Mädchen“ diʕi „Fett“ – diʕitá áwak „weißes Fett“ = „Sahne“
(Grammatische) Plurale bilden den Status constructus mit der Endung -á, welche vorangehende Vokale verdrängt: makay „Tiere“ – maká gadá „Waldtiere“ (makay + -á > maká) maraay „Häuser“ – mará urén „große Häuser“
Wie man sieht, stehen alle Attribute hinter ihrem Bezugswort. In einer Genitivverbindung ist nur das Bezugswort durch den Status constructus markiert; der Genitiv hat keine besondere Form.
Lokalsubstantive Bestimmte Substantive, die für Ortsangaben stehen, tauchen besonders häufig im Status constructus auf und können unseren Präpositionen entsprechen: guraʔ „Bauch“ (mask.) – gurúu (< *guraʔ + ú) „(im) Bauch von ... = in ...“ amoo „Ort“ (fem.) – amór „(am) Ort von ... = an ...“ alu „Hinterseite“ (plural) – alá „(auf) der Hinterseite von ... = hinter ...“
Demonstrativsuffixe Demonstrativa als Attribut werden durch Suffixe am Substantiv bezeichnet, u. a.: -í „dieser (bei mir)“ -síŋ „der (bei dir)“ -qáʔ „der dort“
Auch diese Suffixe werden an den Status constructus gehängt, wobei allerdings dessen Hochton sich auf das folgende Demonstrativum verlagert: muu „Leute“ – Stat. constr. múk – muk-síŋ „diese Leute“ adoo „Art und Weise“ (fem.) – Stat. constr. adóor – adoor-í „(auf) diese Weise“ = „so“
Für selbständige Demonstrativa gibt es besondere Formen, z. B.: kwí / kwisíŋ / kuqáʔ (mask.) „dieser“ (engl. „this one“) tí / tisíŋ / taqáʔ (fem.) kuká / kusíŋ / kuqáʔ (plur.)
Possessivsuffixe An das Substantiv können Possessivsuffixe gehängt werden (für deren Form siehe die nächste Sektion). Diese folgen ebenfalls auf den Status constructus, dessen finaler Hochton sich auf das Suffix verlagert:
uma „Name“ (mask.) – Stat. constr. umú – umuwós „sein/ihr Name“ naʕaay „Kind“ (mask) – naʕaywók „dein Kind“ (naʕaay + ú + ok > naʕaywók) fadu „Knochen“ (plur.) – faduʔéeʔ „meine Knochen“ (von dem -á- des Status constructus bleibt hier nur der Hochton übrig)
Personalpronomina und Possessivsuffixe Es gibt selbständige Personalpronomina, von denen die meisten ohne großen Funktionsunterschied in einer längeren und einer verkürzten Form auftreten können. Die folgende Tabelle zeigt diese Formen und gleichzeitig auch die Possessivsuffixe, die an ein Substantiv gehängt werden und den Possessivpronomina des Deutschen entsprechen. Man beachte, dass das Iraqw, wie auch viele andere afroasiatische Sprachen, einen Genusunterschied bei der 2. Person Singular macht („du-Mann“, „du-Frau“), sogar eher als bei der 3. Person Singular („er“, „sie“), wo ein solcher Unterschied nicht im Pronomen, wohl aber bei den „Selektoren“ (siehe unten) und bei den Konjugationsformen des Verbs existiert.
Wie im Deutschen ist mit Geschlecht das grammatische Geschlecht des Bezugswortes gemeint, d. h. ein Pronomen 3.sg.mask. bezieht sich nicht in erster Linie auf männliche Wesen, sondern auf diejenigen Substantive, die als grammatische Maskulina gelten.
selbständiges Pronomen Possessivsuffix 1. sg. „ich“ aníŋ ~ án -ʔéeʔ 2. sg. mask. „du“ kúuŋ ~ kú -ók 2. sg. fem. „du“ kíiŋ ~ kí -ók 3. sg. „er; sie“ inós ~ ís -ós 1. pl. „wir“ atén ~ át -rén 2. pl. „ihr“ kuuŋgáʔ -húŋ 3. pl. „sie“ inoʔín ~ inʔín -ʔín
Man kann noch erahnen, dass die Possessivsuffixe einen gemeinsamen Ursprung mit den selbständigen Pronomina haben.
Adjektiv Attributive Adjektive stehen immer nach ihrem Bezugswort, welches die Form des Status constructus annimmt (siehe Sektion „Substantiv“). Das Adjektiv zeigt Kongruenz nach Genus und Numerus, was hier nicht weiter dargestellt wird.
Selektor Eine Besonderheit des Iraqw und mehrerer anderer kuschitischer Sprachen ist die Wortart der sogenannten Selektoren. Die Selektoren drücken Finitheitsmerkmale des Satzes wie Person und Tempus aus. Es handelt sich um ähnliche Merkmale, wie sie im Iraqw und vielen anderen Sprachen in finiten Verbformen enthalten sind. Im Iraqw existieren solche Markierungen also zweimal pro Satz, nämlich einerseits in Form des Selektors und andererseits im Verb. Sie sind jeweils ziemlich mehrdeutig, so dass nur durch beide Markierungen zusammengenommen die Kategorien hinreichend bezeichnet sind.
Fast jeder Satz muss einen Selektor enthalten. Die folgende Tabelle zeigt nur sieben Formenreihen von wesentlich mehr, die in der Sprache vorkommen:
Präsens Präteritum 1 Präteritum 2 Nebensatz Objekt(bei Subjekt1./2. Person) Objekt(bei Subjekt3. Person) Objekt(bei impersonalemSubjekt) 1. sg. „ich“ a aga ana ni i i ti 2. sg. mask. „du“ a aga ana ta u u tu 2. sg. fem. „du“ a aga ana ta i i ti 3. sg. mask. „er“ i aa ina i u gu ku 3. sg. fem. „sie“ i aa ina i a ga ka 1. pl. „wir“ a aga ana ta ti ti ti 2. pl. „ihr“ a aga ana ta nu nu tundu 3. pl. „sie“ i naa nina i i gi ki impers. „man“ ta ? tana ta - - -
Bemerkungen: Prinzipiell kongruiert der Selektor mit dem Subjekt des Satzes. Jeder Satz muss einen Selektor beinhalten, auch wenn das Subjekt schon anderweitig ausgedrückt ist. Wie man sieht, hat etwa die Präsensreihe nur drei unterschiedliche Formen a, i, ta, die daher für sich genommen die Person nicht eindeutig bezeichnen. Gleichzeitig drückt der Selektor das Tempus aus. Die Tabelle zeigt nur das Präsens und zwei häufige Präteritalformen (deren Funktionsunterschied noch weiter untersucht werden müsste), sowie eine Form, die in Nebensätzen gebraucht wird. Es gibt daneben noch eine Reihe weiterer Tempora und ähnlicher Kategorien.